Thomas Greiner
Oberwalliser Tambouren- und Pfeiferfest 2009 in Brig-Glis
erschienen in "Maultrommel", Zeitschrift des Vorarlberger Volksliewerks, 2009



6. Juni 2009, 7.00 Uhr, Brig-Glis: dunkle Wolken hängen über dem Hauptort des deutschsprachigen Oberwallis und es regnet leicht. Doch es gibt nicht nur sichtbare Wolken am Himmel, sondern auch eine riesige, unüberhörbare Wolke aus Trommelwirbeln, einzelnen Trommelschlägen und Melodiefetzen der Natwärrischpfeifen, die über der ca. 12.000 Einwohner zählenden Stadt hängt und eine ganz eigene Stimmung verbreitet. Nichteingeweihte könnten dies durchaus als bedrohlich empfinden, doch heute finden die Einzel- und Gruppenwettspiele des OWTPV, des Oberwalliser Tambouren- und Pfeiferverbandes, im Rahmen des Festes „GelbSchwarz 09“ statt. Gelb und Schwarz, das sind die Farben der Stadt Brig-Glis am Fuße des Simplonpasses und am Eingang zum Simploneisenbahntunnel gelegen, nicht allzu weit von Zermatt und dem Matterhorn entfernt - einer Stadt mit großer Verkehrstradition, nicht zuletzt auch durch den mächtigen Stockalperpalast an der alten Simplonstraße manifestiert.

Der TPV Visp in historischer Uniform
Foto: Thomas Greiner


Von Soldaten, Trommeln und Pfeifen

Das Pfeifen und Trommeln hat im Wallis schon eine sehr lange Tradition. Aus verschiedenen Gründen mussten immer wieder junge Walliser in die Fremde gehen und viele leisteten als Söldner im Ausland, vor allem in Frankreich, Militärdienst. Dort gab es eigene Walliserregimente, die zum Marschieren und zur Umrahmung diverser Anlässe eigene Pfeifer und Tambouren hatten. Wenn diese auf Heimaturlaub waren, oder als Veteranen zurückkehrten, brachten sie ihre Musik und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in ihre alte Heimat mit. Dort etablierte sich das Pfeifen und Trommeln schon sehr früh, vergleichbar der Tradition im Salzkammergut und in anderen inneralpinen Regionen. Auch die aus Tirol bekannte Pfeifermusik hängt ja auf das Engste mit dem Schützenwesen zusammen. Aber genauso sind in Vorarlberg diverse Pfeifermärsche dokumentiert, die offenbar auch hier mit dem Schützenwesen in Zusammenhang stehen. Der bekannteste dieser Art dürfte der „Lustenauer Pfeifermarsch“ sein.

Doch zurück ins Wallis: Durch das Aufkommen der Blasmusik im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geriet das Pfeifen und Trommeln in Gefahr, auszusterben. Einige engagierte Walliser gründeten daraufhin Tambouren- und Pfeifervereine, die die alten Traditionen, die sogenannte „Ahnenmusik“, pflegten und sich um Nachwuchs für die Vereine bemühten. Dies führte 1931 zur Gründung des Oberwalliser Tambouren- und Pfeiferverbandes, der heute 26 Sektionen und gut 1000 aktive Mitglieder zählt. Dazu kommen noch ca. 500 Jungtambouren und – pfeifer, die in Ausbildung stehen, wobei der Anteil an Mädchen heute ungefähr die 50%-Marke erreicht.

Natwärrischpfeifen von Karl Wyssen
Foto: Thomas Greiner


Natwärrischpfeife und Trommel

Die sogenannten Natwärrischpfeifen (natwärrisch = walserisch „quer“) sind den bei uns bekannten Schwegelpfeifen eng verwandt, haben ebenfalls 6 Grifflöcher und sind wie die älteren Schwegel engmensuriert, d.h. der Innendurchmesser ist sehr gering. Dadurch klingen sie in der Höhe besser als in der Tiefe. Als übliche Form wurde die DPfeife festgelegt, was der bei uns gängigen A-Schwegel entspricht. Die Notation ist dort allerdings eine andere, weshalb Stücke, die mit Noten festgehalten sind, für unseren Gebrauch um eine Quint nach oben transponiert gehören. Neben dieser DNatwärrischpfeife werden auch C- und Es- Pfeifen in Kombination mit anderen Instrumenten, wie etwa Schwyzerörgeli und Klarinette, gespielt werden. Bei den Trommeln verwendet man die auch in anderen Teilen der Schweiz üblichen Tambourentrommeln mit einer Zargenhöhe von ca. 40 cm und Seilen mit Struppen zum Spannen des Felles. Der Korpus ist entweder aus Blech oder Holz.

„Ahnenmusik! – Vorwärts! – Marsch!“

Beim großen Festumzug am Sonntag, 7. Juni 2009 durch das historische Zentrum von Brig, an dem sich 32 Gruppen, darunter auch Gäste aus dem Unterwallis und der übrigen Schweiz beteiligen, werden die farbenprächtigen, historischen Uniformen, die immer etwas mit der Geschichte des Söldnerwesens zu tun haben, vorgeführt. Fähnriche und Marketenderinnen in der Wallisertracht (die allerdings kaum mehr Ähnlichkeiten mit unseren Walsertrachten erkennen lässt), sowie oftmals Soldaten mit Hellebarden oder alten Gewehren, sind dabei wichtige Bestandteile jeder Gruppe und verweisen auf die geschichtliche Herkunft. Der Tambourmajor (Kapellmeister) mit dem Tambourstab in der Hand gibt mit dem Kommando „Ahnenmusik!- Vorwärts! – Marsch!“ Befehl zum Losmarschieren. Statt der bei uns in der Militärmusik und Blasmusik üblichen Stocksignale (unterschiedliche Bedeutung von Kugel und Spitze des Stabes) werden Signale für Ende oder Neubeginn eines Marsches mit einer Trillerpfeife gegeben. Die Pfeifer marschieren in Zweier- bis Viererreihen vor den Tambouren. Die Tambouren spielen sehr selbständige Stimmen, die oft eher „kontrapunktisch“ zu den zwei- oder dreistimmigen Pfeifermelodien verlaufen, ganz anders als bei den in Tirol und im Salzkammergut üblichen Trommelstimmen, die meist eher die Rhythmen der Melodiestimmen mitspielen, oder zumindest einfache Grundmuster wiederholen. An Literatur werden in erster Linie Märsche gespielt, die teilweise schon lang tradiert sind (z.B. „Staldenrieder Marsch“), aber auch Neukompositionen. Daneben gibt es alle möglichen Arten von Polka über Schottisch und Ländler bis Walzer und andere Kompositionen. Auftritte finden bei diversen weltlichen und kirchlichen Anlässen, wobei die Fronleichnamsprozessionen einen besonderen Stellenwert einzunehmen scheinen, statt.

TPV Guttet-Feschel beim Konzert im Hof des Stockalperpalasts
Foto: Thomas Greiner


Wettspiele

Doch kehren wir nochmals zum Samstag, 6. Juni zurück: um 8.49 Uhr bereitet sich die 11-jährige Lena Bodenmann vom TPV Visp mit ihrer Natwärrischpfeife in einem Raum des „Schulhauses West“ vor einer dreiköpfigen Jury erfahrener Pfeifer auf ihren Auftritt vor. Zuvor hatte sie schon in einem anderen Raum einen von ihr gewählten Marsch einer anderen Jury vorgetragen. Sie spielt nochmals kurz ihr Stück an und sucht den optimalen Ansatz. Dann betritt sie ein am Boden mit Kreppband markiertes Dreieck. Sobald sie dieses markierte Feld betreten hat beginnt die Wertung. Die Juroren haben den von ihr gewählten „Jägerschottisch“ in Klarsichtfolien vor sich und markieren mit wasserlöslichen Filzstiften alle Ungenauigkeiten und Fehler. Diese Markierungen werden nach der Beratung der Jury wieder mit einem feuchten Tuch abgewischt. Lena spielt ihr Stück beherzt und ziemlich fehlerfrei. Als sie fertig ist, gibt es kurz Applaus des Publikums – zumeist sind es Mitglieder des eigenen Vereines – und die Jury diskutiert flüsternd das soeben Gehörte und vergibt schließlich stillschweigend die Punkte. Dabei gibt es für die etwas höhere Schwierigkeit des Stückes zusätzlich 0,1 Punkte als Bonuspunkte – das ist in der Literaturliste so festgelegt. Am Sonntag um ca. 17.30 Uhr wird sie dann bei der Rangverkündung im Festzelt am „Zirkusplatz“ erfahren, dass sie mit ihren beiden Stücken den ausgezeichneten 9. Rang mit 52,1 Punkten (von maximal 62 möglichen) erreicht hat, und dafür noch zusätzlich eine Auszeichnung in Form eines Lorbeerkranzes und einen Zinnteller erhält. Insgesamt sind in ihrer Klasse 73 Pfeifer bewertet worden. Siegerin dieser Klasse ist heuer Elena Pfaffen vom TPV Ausserberg mit 54,2 Punkten. Diese erhält einen Lorbeerkranz, eine Zinnkanne und eine neue Natwärrischpfeife. Zur Förderung der Qualität werden jährlich diese Einzel- und Gruppenwettspiele für Pfeifer und Tambouren abgehalten. Diese umfassen jeweils drei Jugendkategorien in der Einzelwertung und eine Gruppenwertung bei den Pfeifern, sowie drei Gruppenwertungen für Tambouren und eine gemischte Kategorie. Jedes vierte Jahr (2009 war ein solches) spielen auch die „Elite“ und die „Veteranen“ um den Sieg. Diese Wettspiele sind sehr auf die korrekte Wiedergabe von Stücken ausgelegt, die in einer Liste festgehalten sind, die die „Technische Kommission“ des Verbandes regelmäßig überarbeitet. Dabei werden ständig auch neue Stücke hinzugefügt. Einzelne Vereine können können „ihre“ Stücke sperren, d.h. sie dürfen nur von diesem Verein gespielt werden.

Beim Wettspiel – im Hintergrund die Jury
Foto: Thomas Greiner


Mit Alphörnern und Kuhglocken

Das alles hinterlässt vielleicht einen etwas konservativen und nicht gerade innovativen Eindruck. In der Realität wird in vielen Vereinen aber auch sehr zeitgemäße Jugendarbeit geleistet und der Zustrom an jungen Pfeifern und Tambouren in vielen Vereinen bestätigt dies. Komponisten, wie z.B. der Pfeifer Didier Furrer, schaffen immer wieder neue Stücke, die auch neue Stile verwenden, wie z.B. irisch angehauchte Stücke und andere wiederum, wie z.B. Michaela Zeiter oder Manfred Bohnet, arrangieren alles Mögliche für die Pfeifer.
Einen überzeugenden Eindruck legte noch am Freitagabend, dem 5. Juni der Nachwuchs des TPV Unterbäch im Festzelt ab, als die Jugendlichen bei einem Konzert - oder eher einer Performance - u.a. ein Stück spielten, das schon fast eine Persiflage auf Schweizer Klischees war. Zwei Jugendliche spielten auf Alphörnern, die allerdings aus Blechgießkannen und Plastikrohren bestanden, andere mit Kuhglocken und der Rest mit Pfeifen und Trommeln. Anschließend legten die Pfeifer ihre Pfeifen weg und alle spielten gemeinsam ein anspruchsvolles Ensemblestück mit allen möglichen Percussioninstrumenten oder dazu umfunktionierten Gegenständen – und das mit einer Begeisterung, die sich sofort auf das Publikum übertrug. Die Tambouren verschiedenster Vereine spielen in Gruppen zunehmend auch Showstücke mit allen erdenklichen Einlagen und Raffinessen.

Nachwuchs des TPV Unterbäch
Foto: Thomas Greiner


Verein – Musikschule – Militär

Die Ausbildung der jungen Tambouren und Pfeifer erfolgt traditioneller Weise in den Vereinen durch erfahrene Vereinsmitglieder. Seit einigen Jahren bietet nun aber auch die Oberwalliser Musikschule Unterricht im Spiel der Trommeln und Natwärrischpfeifen an. Großen Einfluss auf das Tambourenwesen hat die Schweizer Armee, denn es gibt eigene Ausbildungsplätze bei der Militärmusik und „Instruktoren“ des Militärs sind immer wieder bei Fortbildungen des Verbandes im Einsatz. Dies erklärt den unwahrscheinlich hohen Standard der Tambouren im Wallis und allgemein in der Schweiz. Für die Pfeifer hat sich durch das Angebot an Unterricht über die Oberwalliser Musikschule einiges verbessert, was sich sicherlich bald auch im spielerischen Niveau niederschlagen wird. Zwar wurden die Armeepfeifer schon vor einigen Jahrzehnten abgeschafft, doch soll in naher Zukunft wieder eine neue Pfeiferabteilung in der Militärmusik eingerichtet werden. Der Musikalienhändler, Pfeifenbauer, Komponist und Pfeiferlehrer Karl Wyssen bringt es auf den Punkt: „Es ist gescheiter, Pfeifen zu kaufen, als Panzer!“



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