Auszug aus:

Franz Grieshofer
Das Schützenwesen im Salzkammergut
Oberösterreichischer Landesverlag, Linz, 1977


Kapitel: Musik, Tanz und Lied

S. 177
Die traditionelle Schützenmusik setzt sich im Salzkammergut aus zwei klappenlosen Querflöten (Flauto traverso), den Schwegel pfeifen oder "Seitlpfeifen" und einer hohen Trommel zusammen. Die Schwegel war einst allgemein im deutschen Sprachraum verbreitet. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts zum erstenmal nachweisbar, stellt K. M. Klier ihre Verwendung in der zweiten des 19. Jahrhunderts noch in der Oststeiermark, in Tirol, Oberbayern und in der Schweiz fest. Im Salzkammergut lebt das "Seitlpfeifen" bis zum heutigen Tag. Dies begründet Klier damit daß Schwegelpfeife eines der einfachsten Instrumente darstellt leicht herzustellen sei, nur geringe Kosten verursache und bequem in der Innentasche des Rockes mitgeführt werden könne. Doch gilt dies nicht auch außerhalb des Salzkammergutes? Für das ununterbrochene Weiterleben müssen daher andere Umstände zutreffen, die im Schützenwesen zu suchen sind, mit dem sich die Schwegel kontinuierlich bis in die Gegenwart erhielt.

So untermalen die Musikanten die aufgezeigten Treffer überlieferten Kreismelodien. Beim Dreier ertönt ein Steirer, beim Vierer oder Punkt wird eine bestimmte Schleunigenmelodie, der "Vierer" oder "Punkterer" gespielt. K. Mautner zeichnete 1913 eine Vierermelodie in Altaussee auf. Wie man sie dort gegenwärtig spielt, zeigt das Notenbeispiel im Anhang V (Nr. l).

Schützentänze 1
Schützentänze 2


Die Untermalung des Vierers durch eine bestimmte Schleunigenmelodie dürfte eine Endphase darstellen, denn R. Wolfram konnte in Ebensee auch noch für die ersten drei Kreise entsprechende Melodien aufzeichnen (Nr. 2).

Kreismelodien aus Ebensee

Auch der Nestor der Seitlpfeifer, Oberbergmeister Leopold Khals hat Kreismelodien festgehalten (Nr. 3), die A. Ruttner in sein Pfeiferbüchlein übernahm.

Kreismelodien aus Altaussee 1 Kreismelodien aus Altaussee 2
Gemeinsam mit dem Zieler führen die Musikanten der Schützenzug an, wobei sie den Schützenmarsch spielen. Hievon gibt es wieder lokale Varianten: A. Ruttner veröffentlichte den Schützenmarsch" (im Satz von R. Zoder) in seiner Schwegel-Schule den "Goiserer Schützenmarsch" im 2. Teil seiner "Pfeifermusik aus dem Salzkammergut". R. Wolfram hielt 1930 den "Marsch der Stahelschützen" in Ebensee fest. Zu diesen Beispielen sei noch der rezente Schützenmarsch aus Altaussee gestellt (Nr. 4, 5).

Schützenmarsch aus Ebensee

Für Blasmusik komponierte der Ischler Franz Müllegger (1895 bis 1966 einen Armbrustschützen-Marsch, der 1952 anläßlich des Verbands-Schießens in Ramsau/Goisern uraufgeführt wurde (Nr. 6).

Eine Eigenheit des Salzkammergutes bildet der Schützentanz. Nachdem der Schützenzug den Tanzsaal erreicht hat, begibt man sich nicht sofort zu Tisch, sondern beginnt zunächst zu tanzen. Dieser erste Tanz wird schlechthin als der Schützentanz bezeichnet, da er nur den Kranzlschützen vorbehalten ist. Die Schützenmusik, die anschließend von der Geigenmusik abgelöst wird, spielt dazu einen "Schleunigen".

Die Untersuchungen R. Wolframs über den "Schleunigen" dürfen dazu als richtungsweisend gelten. Obwohl der "Schleunige" das Singen und Paschen mit dem "Steirer" und "Ländler" gemein hat, unterstreicht Wolfram wie R. Zoder seine musikalische Eigenständigkeit und Altertümlichkeit. Im Gegensatz zu Zoder kommt Wolfram aufgrund formaler Analysen zur Ansicht, daß Schleunige weniger eine Vorform des "Landlers" sei (worauf der Rundtanz schließen ließe), sondern daß wahrscheinlich die Elemente des Singens und Paschens, aber auch des Paartanzes nachträglich in den Tanz eingeflochten worden seien. Für ihn wird die Kette zum bestimmenden Element. Mit Ausnahme des Rundtanzes geschieht alles unter Anrührung eines Vortänzers aus Kette heraus: das ,,Schlangengehen", "Schnecke", "Durchlaufen" eines Tores. Dazu kommt, daß die Tänzerin innerhalb des Bewegungsablaufes eine völlig unbedeutende Rolle einnimmt. "Es ist ein ausgesprochener Männertanz", schreibt Wolfram, "der figurenmäßig dem Schwerttanz nahesteht." Diese Feststellung kann in zweifacher Hinsicht gestützt werden, denn einigen Schützengesellschaften wird der erste Schützentanz heute noch ausschließlich von Männern getanzt, und zum andern ist das Salzkammergut als ein Kerngebiet des Schwerttanzes genugsam bekannt. Der Schleunige oder "Pfannhauserische", der, wie Name schon andeutet, ebenso wie der Schwerttanz in enger Beziehung zum Salzwesen gesehen werden muß, scheint eine Weiterwicklung des ursprünglich kultischen Männertanzes zu einem Gesellschaftstanz zu sein, bei dem nach wie vor der Mann dominiert.

Hier soll auch noch kurz auf die besondere Taktierung der Schützentänze (= Schleunige) hingewiesen werden. Während in der Literatur (Zoder/Peter/Mautner) die Tänze im 3/8 bzw. 3/4 Takt geschrieben wurden, zeichnete sie Leopold Khals, der wohl beste Kenner der Pfeifermusik, im 5/8-Takt auf. Der Rhythmus wird nämlich vom Fünferschlag des Trommlers bestimmt, der den eigenen Reiz der Schützenmusik ausmacht.

Während des Mahles spielt die Geigenmusik die sogenannten Suppentänze. Damit wird die gehobene und vornehme Atmosphäre unterstrichen. Die "Suppentänze" darf man als Weiterführung der mittelalterlichen Tafelmusik ansehen, die bei keinem großen Schützenfest fehlte.

Nach dem Mahl beginnt die obligate Tanzunterhaltung. Sie untersteht dem Kommando des Tanzmeisters, das ein erfahrener Tänzer oder der Schützenmeister ausübt. Die Teilnahme am Tanz ist dabei an den Besitz eines Hutes gebunden. Nur wer einen Mahlbuschen auf dem Hut hat, darf zum Tanz auffordern. Damit unterbindet man die unerwünschte Teilnahme von Angehörigen anderer Passen denn das Schützenmahl ist eine geschlossene Veranstaltung. Sollte es trotzdem einem Fremden einfallen "dreinzutanzen", gibt es auch jetzt noch, obwohl das Raufen fast ganz verschwunden ist, blaue Flecken.

Charakteristisch für die Tanzveranstaltungen etwa bis zum zweiten Weltkrieg war das Passentanzen. Um die Tanzfläche nicht überfüllen, teilte der Tanzmeister die einzelnen Passen, entweder die Alten oder die Jungen, zum Tanzen ein ("Ös seits dran. Was woits denn ham?) und "friemte" (bestellte) das gewünschte Stück bei der Musik an.

Beim Schützentanz werden nur Steirische, Landler, Boarische, Polkas, Walzer, die "Pernecker Gadrü" (Quadrille) und nach Mitternacht auch noch der Schleunige getanzt. Und je länger die Unterhaltung dauert, desto besser kommen die Spielleute in Fahrt. Sie müssen ausharren, bis die letzten Schützen den Tanzboden verlassen, die sie dann "åwigeigna" (hinuntergeigen, denn der Tanzboden war früher immer im ersten Stock). Die Tanzmusik wird von zwei kleinen Geigen und einer Baßgeige bestritten. Manchmal wird die "Geigenmusi" noch durch einen "Harmoniespieler" (diatonische Ziehharmonika) verstärkt. Da die Tanzgeiger sehr rar sind, muß der "Harmoniespieler" die Tanzmusik oft alleine bestreiten! Die Vorstellung, daß früher jeder zweite aus dem Volk ein Musikant gewesen sei, ist längst revidiert. Die Spielleute waren zu allen Zeiten bekannte und gesuchte Leute, die weit in der Gegend herkamen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Es sei an die berühmten "Pfeiferlbuam vom Grundlsee" erinnert, die Mathias Ranftl in seinem ebenso berühmten Aquarell festhielt. "Der alte Kranhütter Hans auf'm Gallhof und der Kranhütter Sepp", schreibt K. Mautner, "sind Seitnpfeifer, wenn im Gaiswinkel Scheiben geschossen wird, der Lins Hans schlagt die Trommel." Im Markt Aussee pfiffen der Johann Kurz im Praunfalk und der Hofbauer. Jede Gesellschaft hat ihre Schützenmusik. Gegenwärtig spielen der Max Eckelmaier v. Engl, der Sepp Pucher und der Johann Stöckl v. Kahlsen, der den Fünferschlag auf der Trommel unnachahmlich beherrscht, bei den Schützengesellschaften des Ausseer Landes.

In Goisern spielten vor 1914 die alten Pramesberger vulgo Putzn Hans (+1874) und Putzn Hias (+1877), deren "Zoig" im Heimatmuseum aufbewahrt wird. Sie gaben ihr Können an ihre Söhne weiter. Während Matthias Pramesberger später zur Baßgeige griff, spielt Christian Pramesberger v. Putzn Chris seit über sechzig Jahren zusammen mit dem Unterberger Christ, der 1974 sogar sein 65. Pfeiferjubiläum hatte, und mit dem Krenn Godl (Gottfried), der seit fünfzig Jahren die Trommel schlägt. Sie sind am l. Sonntag im Oktober in St. Agatha, am 2. in Lasern, am 3. in Unterjoch und später noch bei den Goiserer Scheibenschützen engagiert. Im "Dorf" spielen die Himmlern recte Lichtenegger aus Lasern und in Au die Nefen recte Kain. In Obertraun bilden Matthias Binder, Josef Gamsjäger, Tobias Gamsjäger und Josef Kaiser seit 50 Jahren eine Pass, die früher bei den Armbrustschützen und gegenwärtig bei den Zimmergewehrschützen spielt. Hier wächst mit den jungen Eduard Binder, Ewald Höll und Alfred Kaiser (Jahrgang 1954) bereits eine Ablöse heran. In Hallstatt sind die Pfeifer ausgestorben. Bekannt waren Leopold Höll und Josef Zauner aus der Lahn.

In Ischl stellen Alois Blamberger v. Blå Lois, em vom Obergmeister Leopold Khals die Organisation der Pfeifertage als Vermächtnis übergeben wurde, Franz Aster und Alois Putz die Schützenmusik. In Ebensee verschwanden mit den Schützen auch die Pfeifen.[...]
Auswahl der Abbildungen die die Schützenmusik zeigen aus Franz Grieshofer: Das Schützenwesen im Salzkammergut

Die Schützengesellschaft von Altaussee, 1897
Die Schützengesellschaft von Altaussee, 1897


Armbrustschießen in Goisern um 1900
Armbrustschießen in Goisern um 1900


Bis 1938 wurde im Mosergarten/Eselsbach im Freien geschossen
Bis 1938 wurde im Mosergarten/Eselsbach im Freien geschossen



Schützenmusi seitlich der Schußbahn im Goiserer Ortsteil Lasern


Detailaufnahme Schützenmusi in Lasern
Detailaufnahme Schützenmusi in Lasern


Schützenmusi


Leopold Khals
Oberbergmeister Leopold Khals hat viele Schützenmelodien festgehalten.


Schützenstube in Gaiswinkl/Grundlsee
Schützenstube in Gaiswinkl/Grundlsee


Schützenzug
Schützenzug


Schützenzug
Schützenzug


Schützenzug
Schützenzug


Zieler mit Schützenmusi
Zieler mit Schützenmusi


Der erste Tanz wird nur von den Männern getanzt
Der erste Tanz wird nur von den Männern getanzt

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