Charlotte Kain
da pfeifertag
aus: der narrenspiegel, Magazin des Kulturmanagements Ausseerland - Salzkammergut,
1. Jg., Nr.1 Sept. 2002, S. 16 f.

H. C. Artmann tauchte seine Feder ausnahmsweise nicht in "a schwoazze Dintn", sondern in bittere Galle und schrieb: "Was der saure Regen für den Wald, ist der Moik für die Volksmusik!" Musik des Volkes in ihrer ursprünglichsten Form können Sie beim Pfeifertag hören und erleben.

Schulkinder ignorieren den 15. August als Feiertag, weil da ja ohnehin Ferien sind. Für Kirchenkundige ist dieser Tag der Große Frauentag. Im Salzkammergut jedoch macht eine volksmusikalische Institution den 15. August zu einem Feiertag - der Pfeifertag.
Das Instrument, das hier im Mittelpunkt steht, ist die Seitlpfeife oder Schwegel, eine hölzerne, klappenlose Querflöte mit sechst Grifflöchern und einem Mundloch. Mögen auch die Franzosen zum Klang dieses Instruments ins Feld marschiert sein, im Salzkammergut bewährte sich die Seitlpfeife in Friedenszeiten als Begleitung für die Schützen und als handliches Instrument auf der Alm, wo neben Jodlern auch oft mit einem Fotzhobel (Mundharmonika) zum Tanz aufgespielt wurde.

Der "Pfeifervater" Leopold Khals
Der Gründer des Pfeifertages und erste Pfeifervater Leopold Khals, Jahrgang 1883, genannt der "Ischler Khals" hätte sich den Erfolg seiner Initiative wohl kaum träumen lassen, als er sich am 15. August 1925 mit 15 Seitlpfeifern und Musikanten auf der Blaa-Alm einfand - auf eine Bühne oder in ein Wirtshaus, so meinte er, passte so eine Veranstaltung nicht.
Khals organisierte den Pfeifertag, betreute die Musikanten, führte eine Teilnehmerliste und notierte sogar die jeweilige Wetterlage.
Ihm und dem Volksmusikforscher Raimund Zoder ist es zu verdanken, dass das Seitlpfeifen in Aussee und im ganzen übrigen Salzkammergut nicht in Vergessenheit geriet, ja vielmehr zu einer nie da gewesenen Renaissance aufblühte. An dieser Blüte war ganz wesentlich Alois Blamberger, der "Blån Lois" aus Bad Goisern, Pfeifervater von 1965 bis 1988, beteiligt.

Der Pfeifertag gehört den Pfeifern
Doch der Erfolg des Pfeifertages - jährlich pilgern zwei bis dreitausend Menschen zu dieser Veranstaltung auf eine der Almen im Salzkammergut - wurde zur größten Gefahr für ihn. Zu viele Zaungäste und Adabeis, von Radio und TV-Werbung angelockt, aber auch Musikgruppen, die sich in den Vordergrund spielten, drohten, die Pfeifer zu verdrängen und den Pfeifertag zu einem musikalischen Massen-Almwandertag zu verkürzen. Der Pfeifertag muß den Pfeifern und Trommlern gehören! Diesem Motto haben die Brüder Simentschitsch aus Altaussee, seit 1989 die regierenden Pfeiferväter, mit einer neuen Ordnuing Nachdruck verliehen. Der Vormittag bis 12 Uhr Mittag bleibt einzig und allein den Seitlpfeifern vorbehalten. Erst nachdem einer der Pfeiferväter den Ort des nächsten Pfeifertags verkündigt hat, sind alle anderen Instrumente - und natürlich auch die Sänger - zugelassen.

Kraft schöpfen
Der fortschreitende Forststraßenbau hatte dazu geführt, dass immer mehr "Almgeher" zu "Almfahrern" wurden. Auch dem wurde ein Riegel vorgeschoben. Wer unbedingt fahren will oder muss, kann dies mit einem Pendelbus tun, alle anderen mögen zu Fuß gehen. Und sie tun es - vermehrt - und spüren, dass in der Langsamkeit und Ruhe des Gehens eine ganz besondere Kraft steht. Sich den Pfeifertag erwandern, von der Ferne die ersten Töne hören, näher kommen und einen Jodler erkennen, schließlich zu einer fröhlichen Runde zu stoßen und alte Freunde wieder treffen. Die Kinder heranwachsen sehen und staunen, was sie schon alles auf der Seitlpfeife spielen können. Plaudern über die alten Zeiten, über den Hausa Schmidl und den guten Bruder Venerand. Vor einer Almhütte in der Abendsonne sitzen, ein Schnapsl genießen, einen Jodler anstimmen. Ein paar Stunden "heile Welt". Wer den Pfeifertag so ausklingen lässt, kann Kraft schöpfen, wem, und sei er auch nur Zuhörer, dieser Tag so in Erinnerung bleibt, der gehört zur großen "Pfeiferfamilie".

Lit.: Sandra Galatz, Volksmusik im Salzkammergut, Der Pfeifertag, Verlag Denkayr, 1999.
Alfred Komarek, Kulturschätze im Salzkammergut, Ein Reisebegleiter, Verlag Krenmayr & Schieriau, 2000.
Lutz Maurer, Ausse bleibt mir das Schönste, Kompass 1996.

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