Adolf Ruttner - Rudolf Pietsch
Die Seitelpfeife im Salzkammergut
in: Schriften zur Volksmusik, Band 6, 1982, S. 195 -214,  Verlag A. Schendl, Wien

Die klappenlose, mit sechs Grifflöchern und einem Mundloch versehene Querflöte ist Gegenstand bereits einiger wissenschaftlicher Arbeiten (1). Hier wird eine Zusammenschau aus den wichtigsten Aufsätzen und Beiträgen geboten, die das heute beliebte Musikinstrument behandeln. Als Grundlage dient das Referat von Adolf Ruttner über "Die Seitelpfeiferei im Salzkammergut", da im Rahmen des "10. Seminars für Volksmusikforschung - Die musikalische Volkskultur in Oberösterreich" in Schloß Puchberg/Wels 1974 gehalten wurde. Die Ergänzungen, die aufgrund neuer wissenschaftlicher Forschungen und Publikationen notwendig erscheinen, hat Rudolf Pietsch vorgenommen.

Das Instrument

Terminologie. Der Begriff Seitlpfeife und alle Ableitungen davon, wie etwa "Seitenpfeife", u. a., gelten in Österreich für Querflöten, die mit sechs klappenlosen Grifflöchern und einem Anblas-(Mund)loch zu den einfachen Holzblasinstrumenten zu zählen sind.

Mit dem Begriff Seite ist die Spielhaltung angedeutet, und das Wort Pfeife leitet sich vom lateinischen pîpa über althochdeutsch pfîfâ und mittelhochdeutsch pfîfe ab (2). Zwerchpfeife oder Zwergpfeife bedeutet das gleiche wie Querpfeife; dieser Begriff wird im Salzkammergut jedoch kaum verwendet. Häufig hingegen findet man die Bezeichnung Schwegel und alle durch den Dialekt bedingten Abänderungen, wie etwas Schwiagl (Ebensee) oder Schwebbel (3). Dieses Wort ist im Unterschied zu Pfeife oder Flöte germanischer Herkunft und bedeutet aus dem gotischen swiglja übertragen soviel wie Pfeife. Althochdeutsch suegala heißt Schienbeinknochen, im übertragenen Sinn bedeutet es jedoch Rohr, Flöte. Einer der ältesten Belege für das Wort "schwegeln" dürfte in der gotischen Bibelübersetzung des Ulphilas aus dem 4. Jahrhundert sein. Hier heißt es im 11. Kapitel Matthäus, Vers 17: "Wir schwegelten euch, und ihr tanztet nicht." (4) Als "Schwegel" bezeichnete man im Mittelalter die Längsflöte (Kernspaltflöte), die alle europäischen Völker gebrauchten (5) Bei den Musikanten im Salzkammergut gilt der Name "Schwegel" jedoch nur für die sechslöchrige Querflöte.

Dieses Instrument wird in mehreren Stimmungen hergestellt, wobei die größeren Pfeifen im Salzkammergut als Biri(g)pfeifen (in g1 und auch a1) bezeichnet werden, was soviel wie Gebirgspfeifen bedeutet. Die kleinen (in c2 und höher) heißen "Goaßlpfeifen"  Die Begriffe Schweitzerpfeiff und Feldtpfeiff sind in Österreich heute nicht bekannt.

Herstellung. Die ältesten Pfeifen, die u. a. Leopold Khals noch kannte, trugen die Markierung des Herstellers "Walch". Diese Instrumentenbauerfamilie aus Berchtesgaden wirkte über 300 Jahre lang nicht nur als Pfeifendrechsler, sondern sie erzeugten auch alle anderen Holzblasinstrumente wie Schalmeien, Pommern, Oboen und Klarinetten, um nur einige zu nennen. Ihre Schwegelpfeifen finden sich in vielen Bezirks-, Heimat- oder Volkskundemuseen Mitteleuropas. Die von Leopold Khals verwendete Pfeife hat Lorenz Walch der Jüngere erzeugt (6).

Im Salzkammergut selbst wurde vor allem die Familie Ganslmayr als Pfeifenhersteller bekannt. Alois Ganslmayr (1860 - 1934) arbeitete ab 1890 in Haiden/Bad Ischl. Er erzeugte vier Größen mit den Maßen 33cm (c2), 37cm (h1), 39cm (a1) und 43cm (g1) Länge. Die in Klammern gesetzten Bezeichnungen geben den jeweiligen Grundton der Pfeife an. Nach der Art der Längsbohrung unterschied man sie nach zylindrischen und konischen Instrumenten. Der 1904 geborene gleichnamige Enkel von Alois Ganslmayr hat bis in die frühen sechziger Jahre Pfeifen gedrechselt, die nicht sehr rein zu intonieren waren. Vor dem Spiel sollte man sie in Wasser oder Bier tauchen, um sie leichter blasen zu können (7).

Die Begegnung mit der Seitlpfeife am Pfeifertag hat mehrere Teilnehmer angeregt, sich selbst Instrumente zu drechseln. Sei es nun der Wiener Arzt Dr. Franz Fessl, der hervorragende und individuell geformte Instrumente baut, oder der heute in Rom lebende Franziskanerbruder Venerand Maier, der vor allem Holunder als Material verwendet. Seine meist in c2 gestimmten Pfeifen lassen ein einwandfreies Spiel zu, wenn man bedenkt, daß es sich auch hier nicht um einen gelernten Drechsler oder Tischler handelt. In Garching bei München leben die "Garchinger Pfeifer". Ebenfalls angeregt durch die Pfeifermusik des Salzkammergutes bemühen sie sich vor allem, genau berechnete und nach ästhetischen Gesichtspunkten formschöne und klangreine Instrumente zu bauen.

Im Salzkammergut gibt es jedoch noch weitere "Pfeifendraxler", wie der Mundartausdruck lautet, die für den Hausgebrauch Instrumente herstellen. Unter anderem drechselt in Bad Goisern ein gewisser Johann Scheutz auch Pfeifen. In Haiden bei Bad Ischl baut der heute etwa 40jährige Hans Lanner in derselben Art wie Hausa Schmidl. Auch Josef Gamsjäger aus Obertraun hat sich, wenn auch nur in ganz kleinem Ausmaß, mit der Pfeifenherstellung beschäftigt.

Der gegenwärtig wichtigste Pfeifenerzeuger ist Hausa Schmidl (8). Er wurde 1905 in Heiligenblut/Kärnten geboren, kam nach Hallstatt an die Holzfachschule, und hier bekam er vom alten Alois Ganslmayr eine Schwegelpfeife geschenkt. Es war 1928, als Hausa Schmidl die Möglichkeit hatte, in der Holzfachschule eine weitere Pfeife zu drechseln, da die Gamslmayrpfeife "går net tån håt." (9) Über Heiligenblut nach Greifenburg in Kärnten zurückgekehrt - heute lebt Hausa Schmidl in Treffen bei Villach -, besorgte er sich nach und nach Werkzeug, und durch selbstgewonnene langjährige Erfahrung erzielte er in der Herstellung wesentliche Verbesserungen. Bereits 1931 wird Hausa Schmidl als Bezugsquelle für Pfeifenarten "in besonders reiner Ausführung und Stimmung" genannt (10). Schmidl baut heute Schwegeln in jeder Größe, um den Wünschen der vielen aus ganz Österreich, Bayern, aber auch der Schweiz und weiteren zahlreichen Ländern stammenden Musikanten und Sammlern zu entsprechen. Dabei werden zylindrische und konische Pfeifen, sowohl einteilig als auch zweiteilig erzeugt. Es sei angemerkt, daß im allgemeinen nur die zylindrische einteilige Form (Abb. 2, oben) im Salzkammergut von den Musikanten angenommen wird.

Der Erzeugungsvorgang nach der Arbeitsweise von Hausa Schmidl ist, ohne näher ins Detail zu gehen:

  1. Holzarten: Birne, Ahorn, Pfaffenkappel, Dirndl (=Hartriegel), Zwetschke, Holunder, Eibe, Nuß, Flieder.
  2. Holzschlagen: Im Winter bei abnehmenden Mond, sofort auf Pfosten oder Bretter schneiden.
  3. "Kanteln" (Holzleisten 4 x 4cm) schneiden
  4. Trocknen: mindestens drei Jahre.
  5. Auf Rohrlänge der späteren Pfeife schneiden.
  6. Kanteln achteckig schneiden.
  7. Ablängen auf genaues Pfeiferlmaß.
  8. Pfeife der Länge nach auf der Drechselbank bohren: bei zylindrischen Pfeifen ein Arbeitsvorgang, bei konischen Pfeifen wird stufenweise gebohrt (Abb. 3)
  9. Drechseln der Pfeifenform
  10. Schleifen, eventuell Auskitten fehlerhafter Stellen.
  11. Stempeln: Name des Erzeugers, Stimmung der Pfeife.
  12. Lackieren: zweimal innerhalb von 24 Stunden, Trocknen (1 Woche).
  13. Imprägnieren mit Paraffin
  14. Reinigen und Polieren.
  15. Körnen des Mundlochs und der Grifflöcher mittels einer Schraubenleiste (Abb. 4).
  16. Ein mit hartem Lack bestrichener Kork wird bis zu einer bestimmten Entfernung zum Mundloch eingetrieben.
  17. Kontrolle der Stimmung.
  18. Ölen

Die Herstellung der Pfeifen, wie sie Hausa Schmidl zur Zeit ausführt, wurde durch ihn selbst bis ins kleinste Detail schriftlich festgehalten, damit sein Sohn Hellmuth Schmidl die Erzeugung einmal ganz übernehmen kann.

Spielart und Verwendung

Das Instrument wird nach der rechten (selten nach der linken) Seite gehalten, wobei Zeige-, Mittel-, und Ringfinger jeweils die Deckfinger sind, die linke Hand für die oberen, die rechte für die unteren drei Löcher (bei Haltung nach links umgekehrt).

Kleiner Finger und Daumen können als Stützfinger dienen.

Der Ton entsteht , indem der Luftstrom an der scharfen Mundlochkante sich spaltet, wodurch im Inneren der Pfeife eine schwingende Luftsäule entsteht, deren Länge die Tonhöhe bestimmt. Durch Öffnen der Grifflöcher wird die Luftsäule verkürzt, der Ton wird dadurch entsprechend höher. Durch eine Änderung des Ansatzes ist es möglich, daß statt des Grundtones dessen Oktave anspricht. Diesen Spielvorgang nennt man Überblasen, wodurch der Tonumfang der Pfeife um eine Oktave vergrößert wird. Eine Erweiterung dieses Umfanges durch nochmaliges Überblasen auf 2½Oktaven gelingt nur geübten Spielern.

Die Qualität des Tones hängt in erster Linie vom Ansatz des Spielers ab. Wenn zuviel Luft seitlich des Mundloches vorbeistreicht, entsteht mit dem Ton ein Rauschen, das die Pfeifer "wilde Luft" nennen. Die Tonhöhe kann außer durch Öffnen der Grifflöcher geringfügig durch die Stärke des Anblasens, durch Drehen der Pfeife und durch Senken des Pfeifenendes geändert werden. Mit dieser Korrekturmöglichkeit lassen sich Ungenauigkeiten der Stimmung, die auf die Erzeugung zurückzuführen sind, ausgleichen. Weiters ist es möglich, die zum Beispiel bei Ganslmayrpfeifen zu tief gebohrte Terz sowohl als Dur-, als auch als Moll-Terz zu verwenden. Tatsächlich haben die alten Salzkammergut-Pfeifer - wenn man von einer in d2 gestimmten Pfeife ausgeht - den gleichen Griff für fis (in D2-Dur und G2-Dur) und f (in C2-Dur) verwendet. Die von Hausa Schmidl gebauten Pfeifen ermöglichen durch ein vergrößertes zweites Griffloch (von unten) eine reine Dur-Terz ohne Ansatzkorrektur, auch ergibt sich dadurch eine leichtere Intonierung der übrigen Töne. Eine Moll-Terz läßt sich jedoch ohne die in der volkstümlichen Spieltechnik unbekannten schwierigen Gabelgriffe nicht spielen. Hier gehen die Meinungen auseinander, ob es sich bei der Griffkorrektur Schmidls um eine Verbesserung handelt, oder ob die Spielmöglichkeiten dadurch eingeschränkt wurden (11).

Die Möglichkeit der Tonkorrektur hat natürlich zur Folge, daß das mehrstimmige Spiel von Schwegelpfeifen sehr "unsauber" sein kann, nämlich dann, wenn die Pfeifer sich nicht kennen und die Korrekturen nicht aufeinander abstimmen. Daher ist es bei den meisten Spielern des Salzkammergutes üblich, einen "Gspån" (=Gespann; Pfeifer, die ständig zusammen spielen) zu haben. Erst mit diesem ist ein Spiel mit gut intonierten Intervallen und auch übereinstimmender Artikulation möglich. Alle Pfeifer spielen durchwegs auswendig, wenngleich es auch Notierungen gibt.

Die Seitlpfeife wird als transponierendes Instrument gespielt. Als Leopold Khals in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts (gemeint 20. Jhdt.) Pfeiferweisen notierte, nahm er den tiefsten Ton einer Pfeife immer mit d1 an, gleich in welcher Stimmung die Pfeife hergestellt war. Dadurch ergaben sich für die Notierung der Weisen ausschließlich die Tonarten G- und D-Dur. Für die Griffe dieser Tonarten sei eine Tabelle angeführt, die durch einen zweiten Teil ergänzt wird, der weniger gebräuchliche Gabelgriffe (Griff, bei dem zum Beispiel Ring- und Zeigefinger decken, das Griffloch für den Mittelfinger jedoch ungedeckt bleibt) und Hilfsgriffe enthält.

[fehlt online]

Diese Grifftabelle stützt sich im wesentlichen auf die Schwegelschule von A. Ruttner (12). Ab d2 (*) wird überblasen, die Zäsur nach d3 bedeutet, daß die nächst höheren Töne nur von sehr geübten Pfeifern und nur sehr selten verwendet werden, ebenso Tonarten wie C-Dur, F-Dur oder A-Dur. Die Doppelbohrung des ersten und zweiten Grifflochs hat erst Hausa Schmidl bei den sogenannten "Hausmusikschwegeln" eingeführt. Diese Bauart ist der traditionellen Salzkammergutpfeife fremd.

Gespielt wird im Salzkammergut meist auf h1 Pfeifen. Sie sprechen, wie auch die a1 Pfeifen, in der Höhe und Tiefe leicht an. g1 und f1- Schwegeln werden hingegen nur für das Spiel von Liedweisen und "Ludlern" (=Jodler) verwendet. Die c2- und die seltenen cis2- Pfeifen finden in der Schützenmusik und bei Märschen ihre Verwendung. Bei mehrstimmigen Spiel werden traditionell nur gleichgestimmte Pfeifen verwendet.

Repertoire und Überlieferung der Salzkammergutpfeifer


[Notenbeispiel: Marsch vom alten Kößler in der Hallstatt]

Märsche. In der Besetzung zwei Pfeifen und Trommel werden vor allem Schützenmärsche und solche Marschweisen gespielt, die nach einem Anlaß (Hochzeitsmarsch) oder einem Musikanten benannt sind, wie etwa der Kößler-Marsch, der den Namen des Hallstätter Musikanten Ranz Kößler trägt, der dieses Stück überliefert hat (13).

Tanzweisen Steirer und Landler werden zu zweit, manchmal auch von drei Pfeifen ausgeführt. In der Regel hat jeder Pfeifer mit seinem Gspån einen eigenen Leibsteirer, der dann auch nach dem Spieler benannt ist, wie zum Beispiel die "Hanslbauer-Steirischen" (14). Neuerdings werden gerne Polka, Walzer, Boarische und Schottisch auf den Pfeifen gespielt. Alle diese Stücke sind grundsätzlich Vorspielstücke, Darbietungsmusik. Manchmal wird, was Landler und Steirer betrifft, in geselliger Runde als Ergänzung zu den Pfeifen spontan gepascht (15). Ein oder mehrere Steirer werden gerne an Ludler "dran ghenkt", die in der engen Dreistimmigkeit gespielt werden. An den Singstil angeglichen, atmen auch die Pfeifer an unterschiedlichen Stellen. Damit wird ein ungestörtes, durch kein gemeinsames Atmen unterbrochenes Klangbild erreicht. Bei Märschen und raschen Pfeiferstücken wird gemeinsam artikuliert und auch staccato gespielt. Hingegen wird  bei Steirern und Landlerweisen das Legatospiel bevorzugt. Als Sonderform dafür soll der sogenannte Oan-Otn-Steirer folgen (Notenbeispiel 2), der über 8 Takte ohne zu atmen, wie der Name sagt, gespielt werden soll (16).

[Steirer Noten]

Notenbeispiel 2

Außer diesen Tänzen werden noch unter anderem der Neukatholische, der Polsterltanz, der Schwedische und verschiedene Polkaformen ins Repertoire der Pfeifer aufgenommen.

Liedweisen und Jodler. Wie die Jodler reine Darbietungsmusik darstellen, so werden auch die Liedweisen ebenfalls häufig nur zum Zuhören gespielt. Das folgende Beispiel ist sowohl in "Griffschrift", als auch in der herkömmlichen Notenschrift notiert und stammt aus einem Repertoire-Büchlein von Alois Blamberger, zu dem er in einem Brief mitteilt: "Dieses Büchlein stammt aus den fünfziger Jahren, wo ich so meinem Gspån das Pfeifen beigebracht habe. Später habe ich die Ziffern auf die Notenlinien geschrieben. Das hat ganz gut funktioniert. Meinem Gspan Franz Aster muß ich's heute noch so aufschreiben (17)."

Abb. 5 Doppelseite aus dem Repertoire-Büchlein Alois Blambergers (Fotokopie, orig. Größe: 15,8 cm x 12 cm für die Doppelseite) (Von Alois Blamberger freundlicherweise zur Verfügung gestellt.)

0 bedeutet alle Löcher geschlossen (d1), 6 alle geöffnet (cis2 oder c2, ob cis oder c gegriffen werden sollte, das "hån i gsågt"), H über einer Ziffer bedeutet "hoch" (obere Oktave). Den Rhythmus mußte man sich merken, außerdem galt das Büchlein nur für langsame Weisen, bei denen der Rhythmus während des Zusammenspiels sofort übernommen werden konnte. Die Ziffern I und II sind die Bezeichnungen für die 1. Pfeife (Hauptstimme) und 2. Pfeife (in diesem Fall Überschlagstimme). Diese Griffschrift diente lediglich als Gedächtnisstütze für den Meldodieverlauf. In der herkömmlichen Notierung müßte die Liedweise s'Rotkröpferl wie Notenbeispiel 3 geschrieben werden (18).

Notenbeispiel 3 (Rotkröpferl)

Ähnlich wie die der Steirer zeigen die Namen der Jodler oft den "Eigentümer" des Stückes an. Bei Notenbeispiel 4 läßt sich auch die enge Stimmführung erkennen. Diese Aufzeichnung von Leopold Kalhs gehört zu den beliebten "Füreinand-Jodlern", bei denen die Stimmkreuzung ein wesentliches Element der Stimmführung darstellt.

Notenbeispiel 4 (Donis Hiaserer)

Schützenmusik. Eine bedeutende Funktion erhält die Schwegel in der Schützenmusik. Hierin liegt möglicherweise einer der wichtigsten Gründe für die fast ununterbrochene Verwendung der Schwegelpfeife im Salzkammergut. Die Pfeifer und ihre Musik - immer in der Besetzung von 2 Pfeifen und Trommel - werden von den Schützenvereinen bei ihren Festen, insbesonders bei festlichen Abschlußschießen, Jubliläumsschießen und anderen gebraucht: als gehende Musik vor dem Schützenzug zum Schießstand und nach dem Schießen zum Wirtshaus, in dem das Schützenmahl stattfindet (Abb. 6.)

Abb. 6: Schützenzug der Augstbachler Kapselschützen im Fasching 1971 in Altaussee. Der zweite Pfeifer ist durch den Zieler verdeckt. (Aufnahme Gerlinde Haid. Im ÖVLW-Zentralarchiv - Phonotek unter Pos. Nr. 234 archiviert.)

Abb. 7: Pfeifer beim Schießen in Unterjoch (Bad Goisern), am 16. 10. 1977. v.l.n.r.: Alois Blamberger, Christian Pramesberger, Gottlob Kren. (Aufnahme Gerlinde Haid)

Die Musikanten zeigen mit entsprechenden Melodien die Treffer an, die vom Zieler mit tänzerischen Bewegungen bekannt gemacht werden (19). Diese Weisen werden in der höchsten Spiellage der Pfeifen ausgeführt. Die dabei gespielten Melodien werden als Kreistänze bezeichnet, wobei unter Kreis der einzelne Ring der Zielscheibe verstanden wird, und Tanz das Synonym für Melodie ist. Statt Kreis sagt man häufig Schützentanz (Abb 7).

Von Leopold Khals wurden die Weisen im 5/8 Takt notiert, während frühere Aufzeichnungen den 3/4 Takt verwenden (20). Als Beispiel für derartige Kreis- oder Schützentänze folgen die Melodien für den 1. Kreis und die für den 5. Kreis (Punkt) nach einer Aufzeichnung von Leopold Khals (Notenbeispiel 5) (21).

Die musikalische Aufgabe für Seitlpfeifer im Rahmen des Schießens ist mit dem Spiel des Schleunigen beendet. Er wird vor dem "Schützenmahl" nur von den Schützen ausgeführt. Die weitere musikalische Umrahmung beim Essen wird von einer Geigenmusik bestritten. Neuerdings werden auch schon in der Manier der "Oberkrainer" spielende Buam engagiert. Die Schwegelpfeife ist nur an die brauchtümlichen Elemente des Schützenwesens gebunden.
Als Tanzmusikinstrument steht die Schwegel kaum mehr in Verwendung. In dieser Funktion findet sie sich nur noch in Vierzeilern und Bildern aus vergangener Zeit. Auch Berichte von Reisenden oder Adeligen, erzählen von Seitlpfeifern, die die halbe Nacht zum Tanz aufspielten. Graf Hans Wilczek, der ein begeisterter Anhänger der Schwegelpfeife und Freund der berühmten "Pfeiferlbuam vom Grundlsee", den Brüdern Josef (1819 - 1897) und Franz (1823 - 1882) Steinegger, vulgo Wilhalmer, war, schrieb in seinen Erinnerungen:

[Notenbeispiel 5 Schützen und Kreistänze]

"Bei Jagd und Tanz pflegten die Ausseer die Schwegelpfeife zu spielen, für die ich sehr passioniert war. In Wien lernte ich bei dem bekannten Flötenvirtuosen Doppler Pikkolo blasen und übertrug dann meine Fertigkeit auf die Schwegelpfeife, eine Nachfahrin der in der Landsknechtzeit so beliebten Querpfeife. Die zwei Holzknechte und Salzarbeiter Wilhalmer, Seppl und Franzl Steinegger vom Gallhof am Grundlsee waren Meister auf diesem Instrument und lehrten mich (um1850, der Verf.) den richtigen Vortrag. Im Gebirge führte ich die Schwegelpfeife immer bei mir und spielte unverdrossen. Als Seppl, der ältere von den beiden Brüdern, heiratete, war Fest und Tanz im Wirtshaus von Altaussee. Da der Bräutigam nach altem Brauch vortanzen mußte, war nur der Franzl zum Pfeifen da und ich ersetzte den fehlenden Part und pfiff die ganze Nacht zum Tanzen, was mir ein seltenes Vergnügen machte; daß es aber auch den Zuhörern gefiel, konnte ich daran erkennen, daß mir Tänzer und Tänzerinnen Wein und Bier, so viel ich nur trinken konnte, brachten und noch überdies Trinkgelder in kleiner Münze spendeten." (22)
Wenn auch dieser Bericht keine genauen Angaben über die Tanzmusikbesetzung bei dieser Hochzeit enthält, so läßt sich doch die unbedingte Notwendigkeit einer zweiten Pfeife herauslesen, wenn es heißt, daß Graf Wilczek den "fehlenden Part ersetzte". Auch heute findet man die Seitlpfeifer immer in mehrstimmigen Spiel, mindestens paarweise. Leopold Khals, für den bereits in jungen Jahren die Schwegelmusik ein wichtiger Teil seines Lebens war, berichtete in einem Brief dazu:"...dann wurde mein (Gspån, der Verf.) Grieshofer krank und starb. Ich hatte keinen Gspån, um einen anderen schaute man auch nicht, allein freute es mich nicht, und die Pfeifen blieben verwaist in der Tischlade." (23) Nicht nur der Verlust eines Musikantenfreundes hielt Khals davon ab, zu pfeifen, sondern ein wesentlicher Grund für das lange Ruhen der Pfeifen in der Tischlade ist es, daß es "allein nicht freut".
Als Musik für die Schwerttänze sind Pfeifer und Trommler nur mehr historisch nachweisbar, wenngleich auch heute wieder Bemühungen im Gange sind, die Begleitmusik zum Schwerttanz in der Besetzung "2 Pfeifen und Trommel" auszuführen. 1862 teilte J. Gebhart über die Musik bei der Aufführung eines Schwerttanzes im Salzkammergut mit, daß sie in der Besetzung einer oder zwei Pfeifen und einem Tambour erklang (24). Die Melodien zu den Schwerttänzen des Salzkammergutes werden heute noch von Pfeifern gespielt, oft losgelöst vom tänzerischen Geschehen. 1966 wurde aus Anlaß der Feierlichkeiten zum 300-Jahr.Jubliläum der Markterhebung von Bad Ischl durch die "junge Garde" ein Schwerttanz zu der Musik von 2 Pfeifen und Trommel aufgeführt.

In zahlreichen Liedtexten und Vierzeilern wird die Seitlpfeife als Hirteninstrument dargestellt. Vor allem wird die Pfeife des öfteren mit anderen Instrumenten bei der weihnachtlichen Christusverehrung genannt. Einige Beispiele (25):

  1. Schau, los na mei Bua, wias pfeiffnt dazua.
    Mein Hechz hat vor Freidn koan oanzige Hruah.

  2. I will d'Pfeifn a mitnehma, in Dudlsack nimmst Du mit dir.
    Bal das Kind anhebt zun Flehna, pfefn mar eahm a Tanzerl für.
    Aft wirds glei auf uns her lacha und hert mitn Woana auf.

  3. Nimm dein Pfeifn a mit dir, Is ja schon khricht!

  4. Mi zimt halt a, i siah von weiten,
    Engln, thoand von Himmel hreiten.
    Uman Stal thoans umastehn
    und thoand pfeiffn go so schen.

  5. Ja freili, es is ja a Leben,
    thoand singar und pfeifa danebn.

  6. Und du Bruada Steffl, numm an Dudlsack mit dir,
    der Urberl nummt d'Pfeifn und i numm Geign mit mir.

  7. Was thoan ma halt no den kloan Büaberl
    I woas ma vo Freid nid, wo aus,
    Dieweil ar is warn insa Brüaderl,
    Pfeyf ma eahm almerisch auf.
    Geh Hansl, nimm d'Pfeyffa!
    I thua schon drum greiffa.
    Und i laß mein Dudlsack hrehrn.

Aber nicht nur in den Hirtenliedern wird die Seitelpfeife erwähnt, auch in den Gaßlreimen und Wildschützenliedern kommt sie vor; dann wird "das Pfeiffal" häufig als Synonym für das männliche Geschlechtsorgan verwendet:

Und wiar i za mein Diandl iahrn Fensterl kam,
da gib's mar an Antwurscht heraus:
I soll iahr's mit mein Pfeiffal oans pfeiffan,
Wohl über den grünen Wald aus.

Auch im Lied vom Hansl und Gretl, durch Konrad Mautner aus Gößl überliefert, ist die "Pfeifn" im erotischen Sinn aufzufassen (26).

Wohl, mein Hansl, nimm mit d Pfeifn,
Du kanst so schen Danzl greifn.
Geh, pfeif mar auf d Nacht an etla für.
Na, Gretl, i geh heint nid mid dir.

Nebenpfeifen ist ein geläufiger Ausdruck für Ehebruch. Verbreitet ist heute auch noch das Gstanzl:

I hab halt a Freid mitn Seitnpfeifn,
da kann i mit d'Fingan auf d'Loh hingreifen.

Mit dem Rückgang der Almwirtschaft und dem Hüterwesen, bedingt durch die rasche technologische Entwicklung im Bereich der Landwirtschaft, ist auch die Rolle der Schwegel als Hirtenmusik geschwunden. So findet sich die Seitlpfeife in bezug auf die Hirtenkultur neben den Liedtexten der Hirtenlieder noch in Krippenfiguren (27).

Der Pfeifertag

Die Pfeifermusik im Salzkammergut wäre heute mit großer Wahrscheinlichkeit nur mehr historisch zu betrachten, hätte nicht Raimund Zoder, der namhafte Volkstanz- und Volksmusikforscher, im Jahre 1925 den Pfeifertag eingeführt. Zoder selbst gibt für den ersten Pfeifertag das Jahr 1924 an (28). Dabei dürfte es sich nach Angaben von Alois Blamberger und von Frau Elisabeth Zoder, der Witwe von Raimund Zoder, vermutlich um eine vorbereitende Zusammenkunft gehandelt haben, bei der neben Raimund Zoder und Leopold Khals auch Alois Ganslmayr und vielleicht auch noch einige andere benachbarte Pfeifer teilgenommen haben.
Die durch "Pfeiferzünfte" in den Städten abgehaltenen Pfeifertage haben mit denen des Salzkammergutes nichts gemein. Waren die Pfeifer (Stadtpfeifer) wie andere Gewerbetreibende streng zunftmäßig vereint, so sind die Pfeifer (=Musikanten) des Salzkammergutes in keiner Weise als Gruppe oder Verein organisiert. Sie treffen einander lediglich der Unterhaltung und Musik wegen. "Der Pfeifertag", eine heitere Oper von Max Schillings, hat die Meistersinger Richard Wagners zum Vorbild und schildert den Ablauf eines zunftmäßigen Pfeifertages (8.Sepember) (29).
Der Pfeifertag im Salzkammergut wird am "großen Frauentag" (Mariä Himmelfahrt, 15. August) abgehalten. Die Pfeifer treffen einander jedes Jahr an einem anderen Platz des Salzkammergutes. Dieser liegt immer in einem Gemeindegebiet, in welchem das Seitlpfeifenspiel noch Tradition hat. Neuerdings wird der Pfeifertag auch in Gegenden des Salzkammergutes veranstaltet, in denen derzeit keine Seitlpfeifer spielen. Damit soll ein Anstoß zur Wiederbelebung des Seitlpfeifens gegeben werden. So fiel die Entscheidung für den Pfeifertag 1983 für die Hochkogl-Alm bei Ebensee.
Die Kundmachung des Ortes für das jeweils nächste Jahr geht folgendermaßen vor sich: Um die Mittagszeit, wenn die meisten Pfeifer anwesend sind, spielt der Pfeifervater selbst, oder läßt von einigen Pfeifern und einem Trommler einen Tusch spielen. Damit ist für alle das Zeichen der Ruhe gegeben. Der Pfeifervater steigt auf einen Sessel oder Tisch und ruft ein- oder zweimal den Ort für das nächstjährige Treffen aus. Wer es nicht gehört hat, muß es "von Mund zu Mund" erfragen. Eine Statistik, die der Pfeifervater über den Pfeifertag führt, gibt Auskunft über Wetter (der Pfeifertag findet im Freien statt), Ort, Anzahl der Pfeifer und die ungefähre Besucherzahl. Die Veranstaltungsorte seit 1925:

1925 Blaa-Alm, Altausse
1926 Blaa-Alm, Altausse
1927 Fuchswirt, Obertraun
1928 Blaa-Alm, Altausse
1929 Blaa-Alm, Altausse
1930 Hoisnrad-Alm, Bad Ischl
1931 Schwarzensee, St. Wolfgang
1932 Kogl, Bad Goisern
1933 Hütteneck, Bad Goisern
1934 Siriuskogel, Bad Ischl
1935 Blaa-Alm, Altausse
1936 Pötschenhöhe, Bad Aussee
1937 Keferkeller, Bad Goiserm
1938 Grabnerwirt, Lindau, Bad Ischl
1939-1945 Kriegsbedingte Unterbrechung
1946 Hoisnrad, Bad Ischl
1947 Gschwandtner-Hias, Perneck, Bad Ischl
1948 Jochwand, Bad Goisern
1949 Grabnerwirt, Lindau, Bad Ischl
1950 Almwirt, Bad Aussee
1951 Falkensteiner, St. Wolfgang
1952 Lasererwirt, Bad Goisern
1953 Nockentoni, Bad Ischl
1954 Fuchswirt, Obertraun
1955 Fuchsbauer, Altaussee
1956 Mathäusl, Strobl
1957 Kirchenwirt, Gosau
1958 Weißenbachwirt, Anzenau, Bad Goisern
1959 Rastl, Sulzbach, Bad Goisern
1960 Appenbichler, Praunfalk, Bad Aussee
1961 Brandweinhäusl, St. Wolfgang
1962 Herndl, Bad Goisern
1963 Fuchsbauer, Altaussee
1964 Schwarze Katz, Bad Ischl
1965 Kirchenwirt, Gosau
1966 Salzbergkantine, Altaussee
1967 Haller-Alm, Bad Goisern
1968 Grabnerwirt, Bad Ischl
1969 Koppenrast, Obertraun
1970 Laimer-Alm, Strobl
1971 Blaa-Alm, Altausse
1972 Pernkopf, Bad Goisern
1973 Hoisenrad-Alm, Bad Goisern
1974 Koppenrast, Obertraun
1975 Blaa-Alm, Altausse
1976 Laimer-Alm, Strobl
1977 Hinterer Gosausee
1978 Hütteneck-Alm, Bad Goisern
1979 Rettenbach-Alm, Bad Ischl
1980 Blaa-Alm, Altausse
1981 Koppenrast, Obertraun
1982 Laimer-Alm, Strobl
1983 Hochkogl-Alm, Ebensee (in Planung)

Diese 51 Pfeifertage (inkl. 1982) dokumentieren in überwältigender Weise die Kontinuität des Seitlpfeifenspiels im Salzkammergut.
Die Bezeichnung "Pfeifervater" ist eine junge Namensgebung und ist nicht hierarchisch zu verstehen, sondern meint einen erfahrenen Pfeifer als "primus inter pares". Die wichtigste Aufgabe des Pfeifervaters ist neben der Organisation des Pfeifertages die persönliche und fachliche Betreuung der anwesenden Pfeifer, die sich in eine Liste eintragen müssen.

Abb. 8: Leopold Khals beim Pfeifen in der Schützenstube am 5. Febr. 1956. (Aus der Slg. Hausa Schmidl, Treffen, freundlicherweise zur Verfügung gestellt)


Notenbeispiel 6: Schriftprobe Leopold Khals', Steirischer in D, 1. Stimme (Slg. Franz Hofer, Bad Aussee)


Seit der Gründung des Pfeifertages bis 1964 war Leopold Khals Pfeifervater. Er wurde am 23.12.1883 in Bad Ischl geboren und wählte wie sein Vater die Laufbahn eines Salinenbeamten. Von 1910 bis 1955 arbeitete er im Salzberg von Altaussee. Neben seinem Beruf als Bergmeister unterrichtete er in der Musikschule Bad Aussee die Seitlpfeife. Mit seinem Tod am 1. Jänner 1965 verlor das Salzkammergut einen der besten Pfeifer (30). Ihm folgte als Pfeifervater der Oberbergmeister i. R. Alois Blamberger aus Bad Ischl-Perneck. 1912 geboren gilt der "Blå-Lois" nicht nur als ausgezeichneter Seitlpfeifer, sondern ist weit über das Salzkammergut hinaus als Geiger der "Simon-Geigenmusi" bekannt.

Abb. 9: Alois Blamberger am Pfeifertag 1973, Hoisnrad-Alm. (Aufnahme: Rudolf Pietsch)

Der Ablauf eines Pfeifertages hat keine Normen oder Programmpunkte. Schon ab 8 Uhr kommen die ersten Pfeifer und Zuschauer, zwischen 10 und 11 Uhr sind die meisten eingetroffen. Hunderte "Zaungäste" hören Pfeifen, Singen, Jodeln und Paschen der zahlreichen Musikanten zu. Neben der Seitlpfeife wird auch mit Geige, Ziehharmonika, Mundharmonika, Gitarre und Maultrommel musiziert. Das mitunter gleichzeitige Spiel von verschiedenen Stücken auf verhältnismäßig engem Raum, im Freien oder in Almhütten ausgeführt, stellt ein typisches Kennzeichen für den Pfeifertag dar. Ein genaues Ende dieses musikantischen Treibens kann nicht genannt werden; einige brechen nach dem Mittagessen noch zu einer kleinen Wanderung auf, andere halten in fröhlicher Geselligkeit bis zum Morgengrauen aus. Als nach der Unterbrechnung durch den Krieg wieder einige wenige Pfeifer sich 1946 auf der Hoisnrad-Alm trafen, feierten sie ganze drei Tage das Wiedersehen.
Wenn auch heute der Pfeifertag im Salzkammergut bereits als Tradition gilt und vom Festgeschehen im Jahreslauf nicht mehr wegzudenken ist, so darf nicht der Anstrengungen vergessen werden, mit denen dieses Seitlpfeifertreffen eingeführt wurde. Aus dieser Zeit stammt ein Brief Leopold Khals' an alle Pfeiferkameraden (31). Auffallend ist, daß bei schlechter Witterung eine Verschiebung geplant war, hingegen heute der Pfeifertag bei jeder Witterung stattfindet.

"Liebe Pfeiferkameraden!

Der heurige Pfeifertag am 15. August oder bei schlechter Witterung am drauffolgenden Sonntag wurde mit den Ischlern gemeinsam wie folgt beantragt:
Ab 8 Uhr früh Pfeiferlfrühschoppen am Syriuskogl, mittags Abmarsch nach Kräutern (Schennerbauer) zum Volksliedersingen (Radioübertragung).
Die Ausseer fahren 7 Uhr früh mit der Bahn bis Lauffen, dort Zusammentreffen mit den Goiserern, gemeinsam über Sulzbach auf den Syriuskogl.
Helft mit, alten Volksbrauch und Volksmusik erhalten und beteiligt Euch vollzählig.
Bringt bekannte Pfeiferlkameraden mit, deren Adressen wir nicht wissen.


Mit herzlichen Gruß, auf fröhliches
Wiedersehen

Leopold Khals
Oberbergmeister e . h.

Altaussee, am 21. Juni 1934."

Neben Leopold Khals und Raimund Zoder bemühte sich auch Karl Magnus Klier um die Pflege des Seitlpfeifens. Er gab 1923 und in einer 2. Auflage 1931 eine "Anleitung zum Schwegeln" heraus (32). Große Hilfe bei der Wiedereinführung und Verbreitung des Seitlpfeifens leistete die RAVAG (Radio-Verkehrs-A. G., heute ORF), die 1934 zugleich mit dem Pfeifertag ein "Volkslieder-Wettsingen" veranstaltete. Schon 1927 versuchte der volkstümliche Sprecher der RAVAG, Andreas Reischek, eine Übertragung des Pfeifertages, um die Pfeifermusik über das Salzkammergut hinaus bekannt zu machen. Wie erzählt wird, ließen sich die Pfeifer einige Doppelliter Wein bezahlen, waren jedoch in ihrem "Stolz" nicht bereit, sich aufnehmen zu lassen. Erst 1929 gelang die erste Radiosendung als Direktübertragung.
Wurde damals die Mitarbeit des Rundfunks von den Verantwortlichen für den Pfeifertag noch als wertvolle Hilfe bei der Verbreitung des Seitlpfeifens geachtet, so empfand man bei späteren Pfeifertagen (seit den sechziger Jahren) die Anwesenheit des ORF und anderer Rundfunkanstalten als störend. Der entscheidende Faktor für diesen Einstellungswandel einer Radio- oder Fernsehübertragung gegenüber dürfte unter anderem wohl darin liegen, daß durch die Werbewirkung dieser Medien zu viele Zuschauer kommen, die die Pfeifer zu einer verschwindenden Minderheit werden lassen.
Durch die Pfeifertage angeregt, haben zahlreiche Besucher die Liebe zur Seitlpfeife gefunden. Die große pflegerische Wirkung und Ausstrahlung der Pfeifertage zeigen einige Beispiele:
Das Amt der Öberösterreichischen Landesregierung unterstützt seit 1966 in diversen Landesheimen und Jugendherbergen sogenannte "Pfeiferwochen". Bei diesen Schulungswochen lernen Jugendliche von erfahrenen Pfeifern das Schwegeln und besuchen nach Möglichkeit den Pfeifertag. Von diesen oberösterreichischen Pfeiferwochen aus wurde die "Südtiroler Schwegelwoche" initiiert. Beim erstenmal 1969 waren 19 Teilnehmer, im Jahr 1981 aber bereits über 70 Pfeifer versammelt. In der Steiermark, Salzburg und Niederösterreich werden ebenfalls Seitelpfeifen-Kurse gehalten. Von 1966 bis 1981 haben in Oberösterreich ca. 1000 Musikanten an den Pfeiferwochen teilgenommen. Zugleich wurden eine Schwegelschule und in "Pfeiferheften" zahlreiche Spielstücke veröffentlicht (33).
In Bayern betreuen vor allem die Garchinger Pfeifer die Schwegler und haben gleichfalls eine "Garchinger Schwegel-Schule" herausgegeben (34). Auch dieser Personenkreis wurde durch die Pfeifertage angeregt, wobei als besonders wertvoll erachtet werden muß, daß die Garchinger Pfeifer sich mit der regionalen bayrischen Pfeiferliteratur befassen.
Als Nachahmung und in Anlehnung an den Pfeifertag wird seit 1976 in der Steiermark ein Geigentag veranstaltet.
Er findet, wie einstmals der Pfeifertag, auch als bewußte impulssetzende Veranstaltung jährlich am letzten Maiwochenende, in der Nähe von Graz statt und soll das volkstümliche Geigenspiel fördern.
Seit jeher war das Salzkammergut ein starker Anziehungspunkt und ein beliebtes Ziel für Liebhaber und Forscher der Volksmusik - das gilt speziell für den Pfeifertag mit all seinen Musikanten und Zaungästen, der jedes Jahr aufs neue die Beliebtheit und Popularität des Seitlpfeifenspiels dokumentiert.

Anmerkungen

(1) Siehe dazu: Pietsch: Die volkstümliche Querflöte. Hausarbeit aus Musikpädagogik am Institut für Volksmusikforschung, Nr. 192, Wien 1975.
(2) Sachs, Curt: Handbuch der Musikinstrumente. 2. Aufl., Leipzig 1930, S. 312f.
(3) Zur besonderen Verwendung des Wortes Schwegel siehe: Benedikt, Erich: Zur Geschichte der alpenländischen volkstümlichen Querpfeife und anderer Flöten. Der Kärntner Schwegelmacher Hausa Schmidl. In: Tibia. Magazin für Freunde alter und neuer Bläsermusik, 7. Jg. Heft 1, Celle 1982, S. 13 - 21.
(4) Klier, Karl M.: Volkstümliche Musikinstrumente in den Alpen. Kassel und Basel 1956, S. 29 - 36.
(5) Sachs, Curt: S. 312f. - Vergl. auch dazu: Salmen, Walter: Zur Verbreitung von Einhandflöte und Trommel im europäischen Mittelalter. In: JbÖVLW 6/1957, S. 154 - 161
(6) Zimmermann, Joseph: die Pfeifermacherfamilie Walch in Berchtesgaden. In: Zs. f. Instrumentenbau, 57. Jg. Breslau 1936/37, S. 175 - 177 und S. 200 - 202 - Bruckner, Hans: Die Pfeifenmacher Walch in Berchtesgaden. In Sänger- und Musikantenzeitung, 21. Jg. München 1978, S. 55 - 66.
(7) Klier, Karl M.: Die volkstümliche Querpfeife(Schwegel, Seitenpfeife) und ihre Spielweise. In: Zs. das deutsche Volkslied, 25. Jg., Wien 1923, S. 18 - 20 und S. 33 - 37 . - Als Sonderheft: Wien 1923. - Als 2. Aufl.: Neue Anleitung zum Schwegeln (Seitnpfeifen), Wien 1931.
(8) Schmidl, Hausa: Die Schwegel. Gedanken und Erinnerungen eines Querpfeifendrechslers. In: JbÖVLW 18/1969, S. 81 - 90.
(9) Hausa Schmidl in einem Gespräch mit Rudolf Pietsch, Treffen 1982.
(10) Klier, Karl M.: Neue Anleitung, S. 4.
(11) Birsak, Kurt: Die Seitenpfeife oder Schwegel. In: Salzburger Heimatpflege. Berichte, Mittteilungen, Brauchtumskalender, 3. Jg./Heft 3, Salzburg 1979, S. 63 - 72.
(12) Ruttner, Adolf: Schwegel-Schule mit leichten Stücken aus dem Salzkammergut, Wels 1964.
(13) vergl.: Klier, Karl M.: Franz Kößler, ein Volksmusiker aus Hallstatt. In: Volkskunde und Volkskultur. Festschrift für Richard Wolfram. Wien 1968, S. 226 - 235. - Klier, Karl M.: Die volkstümliche Querpfeife, S. 37. Bei diesem Marsch wird eine traditionelle Mehrstimmigkeitsform angewandt (Überschlagszwiestimmigkeit), die dem melodischen Stil dieses Stückes nicht entspricht und deshalb von den Musikanten nur bedingt angenommen wird.
(14) Aufzeichnungen von Leopold Khals, als Nr. 8 in Ruttner, Adolf, Pfeifermusik aus dem Salzkammergut II, Wels o. J., S. 15 und S. 7.
(15) Haager, Max: die instrumentale Volksmusik im Salzkammergut. (Musikethnologische Sammelbände, Band 3), Graz 1979, S. 83ff.
(16) Gespielt von Alois Blamberger und Franz Aster. Von Volker Derschmidt 1966 aufgezeichnet. Als Nr. 13 in Ruttner, Adolf: Pfeifermusik II, S. 18 und S. 10.
(17) Brief (26. 4. 1982) von Alois Blamberger an Rudolf Pietsch.
(18) In einer Aufzeichnung von Alois Blamberger als Nr. 31 in: Blamberger, Alois: Pfeifermusik aus Bad Ischl. Hrsg. von Adolf Ruttner, Vöcklabruck 1974, S. 28 und S. 24.
(19) Grieshofer Franz: Das Schützenwesen im Salzkammergut. Linz 1977, S. 146ff.
(20) vergl.: Haager, Max, S. 68ff.
(21) Als Nr. 6/1 und 5 in Ruttner, Adolf: Pfeifermusik I, S. 13f und S. 39f.
(22) Kinsky-Wilczek, Elisabeth (Hrsg.): Hans Wiczek erzählt seinen Enkeln Erinnerungen aus seinem Leben. Graz 1933, S. 332.
(23) Ruttner, Adolf: Schwegel-Schule, S. 49
(24) Gebhart, J.: Der Schwertanz im Salzkammergute. In: Österreichisches Sagenbuch, Pesth 1862, S. 464
(25) Ruttner, Adolf: Das Seitelpfeifen im Salzkammergut. In: Oberösterreich. 16. Jg/Heft 3/4, Linz 1966/67, S. 34 - Vergl. dazu: Lukaseder, Sr. Maria Friedburger: Oberösterreich in der Poesie seiner alpenländischen Hirtenmusik. Seminararbeit für Volksmusikforschung, Nr. 23, Wien 1966
(26) Mautner, Konrad: Alte Lieder und Weisen aus dem Steyermärkischen Salzkammergut. Wien o. J.; S. 253
(27) Alois Blamberger erwähnte in seinem Gespräch mit Rudolf Pietsch (4. 5. 1982) einige Seitlpfeifer in Ebenseer Krippen. - Vergl. auch dazu: Fanderl, Wastl: Schwanthaler Krippen. Rosenheim 1974 - Schmidt, Leopold: Musikanten in Tiroler Weihnachtskrippen. In: Das Fenster 19. Innsbruck 1976/77, S.1926 - 1933
(28) Zoder, Raimund: Erinnerungen eines Volksliedsammlers. In: Jb Frohes Schaffen, Wien 2/1925, S. 389 - 398.
(29) Barre, Ernst: Die Brüderschaft der Pfeifer im Elsaß. Kolmar 1873.
(30) Ruttner, Adolf: Pfeifermusik I, S. 4.
(31) Aus dem Khals-Nachlaß. Slg. Franz Hofer, Bad Aussee.
(32) Siehe Anm. 7.
(33) Ruttner, Adolf: Schwegel-Schule. - Ders.: Pfeifermusik I und II - Ders. als Hrsg. von Blamberger, Alois: Pfeifermusik aus Bad Ischl. - Derschmidt, Volker: Tanzheft für Pfeifer und andere Melodie-Instrumente. Wels o. J. (1970). - Gamsjäger, Sepp: Pfeifermusik aus Obertraun und Hallstatt. Vöcklabruck o. J.
(34) Pöllitsch, Gerd F.: Garchinger Schwegel-Schule. Erster Teil. Garching 1977 (Eigenverlag Elke Pöllitsch, D-8046 Garching)

 

 


home