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Prof. Willi Sauberer
Getrommelt und gepfiffen: Die Schwegel in Salzburg
in: Salzburger Volkskultur, 31. Jahrgang, Mai 2007

Wenn die Salzburger Bürgergarde aufmarschiert, wird nach guter Tradition getrommelt und gepfiffen - mit Landsknechttrommeln und Schwegeln. Die Seitelpfeife oder Schwegel gehört zur Familie der Flöten und hat daher eine ehrwürdige Geschichte als ältestes Melodieinstrument. In der Salzofenhöhle im Toten Gebirge wurde eine 30.000 Jahre alte Knochenflöte gefunden. Diese "Urflöten" standen vermutlich in kultisch-magischer Verbundenheit mit der Jagd und der Totenwelt.
Der älteste Beleg für das Wort "schwegeln" stammt aus dem 4. Jahrhundert, als Bischof Wulfila das Matthäus-Evangelium ins Gotische übersetzte: Wir schwegelten euch (swiglodedum), und ihr tanztet nicht. Bis in das 18. Jahrhundert wurden verschiedene Formen der Lang- und Querflöte als Schwegel bezeichnet. Heute versteht man darunter eine Querflöte aus einem Holzrohr (Ahorn, Eibe, Zwetschke, Birne oder Dirndl) mit sechs Grifflöchern. Als transponierendes Instrument spielt sie mit der Ausnahme von D-Dur nicht die angegebenen Noten. Trotz ihrer Einfachheit verfügt sie über ein vielfältiges Klangspektrum. Ruhige Weisen werden in der untersten Oktave geblasen, übermütig zwitschernde Ländler und Märsche im obersten Register. Das Spiel auf der Schwegel erfordert ständige Übung.
Eine lange Tradition hat die Pfeifermusik im militärischen Bereich und bei den Landsknechten. Die ältesten Überlieferungen weisen in das 6. und 7. Jahrhundert, also in die Zeit der Völkerwanderung. Ab dem Mittelalter findet man diese Art Flöten mit nur drei bis vier Grifflöchern vorwiegend im Schützenwesen des tirolerischen und schweizerischen Raumes - mit Trommelbegleitung im 5/8-Takt. Die Verwendung in Tanzmusikgruppen stammt aus wesentlich jüngerer Zeit. 1811 bestand eine Hochzeitsmusik in Ritten bei Bozen aus zwei Geigen, einer Bassgeige und einer Schwegel.
Nach 1800 wird die "Schwögel" von einem Reisenden als "nationales Instrument der Steiermärker" beschrieben, das auch im Ennspongau, nämlich in der Gegend von Radstadt, zu hören war. In Tirol gab es sie damals "fast in jeder Alphütte". In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfreuten die Brüder Steinegger, die "Pfeiferlbuam vom Grundlsee", die angereiste vornehme Wiener Gesellschaft, und Graf Wilczek, der Schutzherr der österreichischen Nordpolexpedition der 1870er Jahre, war selbst ein passionierter Schwegler.
Gegen 1900 wurde die Schwegel allmählich verdrängt. Neben dem Schützenwesen in Tirol, wo sie sich seit Andreas Hofers Zeiten ungebrochener Beliebtheit erfreute, war das Salzkammergut eines ihrer Rückzugsgebiete. Um sie dort nach den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges vor dem Aussterben zu retten, schrieb der Volksmusikforscher Karl Magnus Klier 1923 eine Schwegelanleitung, die zur Folge hatte, dass der "Ganslmoar" (Drechslermeister Alois Gansmayr nahe Bad Ischl) in kurzer Zeit 2000 Stück seiner "wilden Pfeifen" absetzte. Das war die Voraussetzung für den "Pfeifertag", den der Bad Ischler Leopold Khals - vielleicht in Kontakt mit den Forschern Raimund Zoder und Karl Magnus Klier - 1925 einführte und der seither am Hohen Frauentag, dem 15. August, durchgeführt wird. Zum ersten Pfeifertag auf der Blaa-Alm kamen 15 Schwegler. Rasch stieg aber das Interesse der Seitlpfeifer und Zuhörer, und 1929 fand sich auch schon der damals noch sehr junge Rundfunk ein. Khals blieb bis 1964 "Pfeifervater". Ihm folgte Alois Blamberger, der unvergessene "Blån-Lois" (1965 bis 1988), ebenfalls aus Bad Ischl. Seit 1989 organisieren die Altausseer Brüder Thomas und Kurt Simentschitsch, die sich bald mit unverwünschten Nebenerscheinungen auseinender setzen mussten, die Pfeifertag.

Reiser - Lidl - Helminger

Den ersten Pfeifertag auf Salzburger Boden gab es 1956 in Strobl. In dieser Nachbargemeinde Bad Ischls trafen sich die Schwegler auch 1970, 1976, 1982 und (leider mit Misstönen) 1988. Es dauerte dann bis 2006, bis der Pfeifertag - bei wolkenlosem Himmel auf der Niedergadenalm mit 3000 Besuchern - wieder in Strobl abgehalten wurde.
Im Land Salzburg war die Schwegeltradition schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgerissen. Und es war einmal mehr Tobi Reiser der Ältere mit seinem Salzburger Adventsingen, der die Rückkehr der Schwegeln nach Salzburg einleitete. Der Stadtsalzburger Hans Lidl konnte schwegeln, und sein Sohn Hartmut wollte als Hiatabua dieses Instrument auf der Bühne spielen. Reiser ließ ein Dutzend Buben von Hans Lidl unterrichten und verkaufte auch Schwegeln des zeitweise einzigen österreichischen Erzeugers "Hausa Schmidl" (Helmut Schmidl aus Treffen bei Villach) im Salzburger Heimatwerk.
Neben den jährlichen Pfeifertagen gab es in den frühen 1970er Jahren im oberösterreichischen Hinterstoder Pfeiferwochen mit Prof. Adolf Ruttner, der Notenhefte für die Schwegel herausgab, und Pfeifervater Lois Blamberger, dem Salzburger viel zu verdanken haben. Der Blån-Lois spielte auswendig und zeigte, wie vor allem die zweite und dritte Stimme nach dem Gehör gestaltet werden müssen. Bald darauf lud auch Hans Lidl zu Schwegelwochen, zunächst auf die Breitenebenalm im Großarltal, später in den Mitterpinzgau, und verbreitete so das Schwegelspiel im Land Salzburg.
Gesundheitliche Probleme zwangen Hans Liedl, der vor allem Anfängerkenntnisse des Schwegelspiels zur vermitteln verstand, zum allmählichen Rückzug. So setzte Markus Helminger, der 1971 zu den schwegelnden Hiatabuam Tobi Reisers gehört hatte, ab 1994 die Salzburger Schwegelwochen in Form von Intensivwochenenden fort Diese Seminare finden jährlich auf der Burg Hohenwerfen statt. Nach dem SN-Wettbewerb für Hoschensackinstrumente werden seit 2005 auf Hohenwerfen auch Mundharmonika, Okarina und Maultrommel unterrichtet, Schwerpunkt bleibt jedoch für Anfänger und Fortgeschrittene die Schwegel. Eine treue Begleiterin Markus Helmingers bei der Durchführung der Seminare ist Veronika Egner, die sich besonders um eine "saubere" Salzburger Spielweise bemüht. Früher wurde nämlich bewusst etwas unsauber gespielt. Aufnahmen für Rundfunk und Tonträger setzen aber eine präzise Intonation voraus. Bei der Auswahl der Referenten wird auf eine Vielfalt der Spielweisen geachtet. Die steirische Musiklehrerin Simone Prein etwa spielt mit ihrer Gruppe, zu der auch Harmonika und Gitarre gehört, vorwiegend flotte Tanzlmusik, wofür sie Noten von geeigneten Tanzweisen umschreibt. Die Oberösterreicher und Steirer verwenden nicht nur bei den Märschen, sondern auch bei den Landlern und Trommeln. Ein großer Teil des früheren Spielgutes verlangte zwei Schwegeln, ein dritter Spieler trommelte und griff nur bei Jodlern zur Schwegel - dreistimmige Jodler sind typisch für das Salzkammergut. Nach heutiger Auffassung klingen auch Landler dreistimmig runder und voller, die Zweistimmigkeit wurde aber nicht verdrängt.
Der große Lehrmeister der Salzburger Schwegler war, wie erwähnt, Oberbergmeister Alois Blamberger, Roswitha Meikl und Gustl Segut, die noch im letzten Adventsingen unter Tobi Reiser d. Ä. 1973 geschwegelt hatten, warem immer wieder mit Markus Helminger beim Blån Lois zur Fortbildung. Nach Roswithas Hochzeit spielten Markus und Gustl zu zweit.

Von den Hallfahrer zu den Gneisern

Hans Lidl, sein Sohn Hartmut und Gerhard Pelzmann nannten sich "Salzburger Schwegler". Von dieser Gruppe existieren noch Aufnahmen des ORF-Landesstudios Salzburg. Um 1985 trat - leider nur kurze Zeit - die "Hallfahrer Schwegelmusi" mit Harmonika, Gitarre, Bass und drei Schwegeln beim Bischofshofener Amselsingen sowie bei mehreren Volkstanzabenden auf. Ein Jahrzehnt später spielten die "Flachgauer Schwegler", die auf der CD "Volksmusik aus dem Salzburger Land" zu hören sind: Markus Helminger, sein Bruder Thomas und Veronika Egner. Die Salzburger Bürgergarde marschiert, wie es der im Brauchtumsbereich vielfach iniative Erwin Markl vorgesehen hatte, stats mit mehreren Trommeln und vier bis acht Schweglern. An der Musikhauptschule Hallein lief Ende der neunziger Jahre ein Schulprojekt zur Schwegelpfeife.
Mit meist vier Schweglern, einer Trommel und einer Landsknechttrommel rückten in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre auch die Stachelschützen Bundschuh im Thomatal (Lungau) aus. Werner Dürnberger, der 1977 die Wiedergründung veranlasst hatte, bat 1994 die in Tirol geborene und in Wien lebende Resi Köck, die oft in Bundschuh war um Bildung einer Schwegelgruppe. Tatsächlich lernten bei ihr zunächst sieben, im Folgejahr neun Thomataler schwegeln. Öffentlich aufgetreten sind aber nur vier bis fünf, manchmal verstärkt durch Thomas oder Markus Helminger. Beim 20-jährigen Bestandsjubiläum waren es nur noch Resi selbst und die Korbuly-Schwestern Gudrun Köhl und Ingrid. In den Jahren bis 1999 ersetzten die Schwegler und Trommler der Stachelschützen die in diesem Ort bis 2006 fehlende Blasmusik bei kirchlichen und weltlichen Festen wie Prangtagen, Erntedank oder an Schutzengelsonntagen. Derzeit ist die Gneiser Schwegelrunde die einzige feste Gruppierung in Salzburg. Die spielt unter der Leitung des Bad Ausseers Christian Amon, der bei der Firma Öllerer in Freilassing als Instrumentenbauer arbeitet und den Altausseer Seitelpfeifern angehört [Anmerkung von Christian Amon: Ich gehöre nicht den Altausseer Seitlpfeifern an]. Neun Schwegler treffen sich regelmäßig bei Dr. Klaus Fally in Salzburg-Gneis. Die Runde bildete sich ursprünglich aus je drei Schweglern des Singkreises des Salzburger Alpenvereines und des Vereins "Salzburger Tanzer".
Außer den Auftritten der Bürgergarde wird auch bei der "Wilden Jagt vom Untersberg" und bei vielen Adventveranstaltungen, nicht nur im Großen Festspielhaus, geschwegelt, vor geraumer Zeit auch als Marschmusik der Bindertanzgruppe.
Als Salzburger Experte der Schwegel gilt der Nachrichtentechniker Ing. Markus Helminger, Dienststellenleiter im Magistrat der Stadt Salzburg und Gemeinderat von Elsbethen. Sein Großvater mütterlicherseits spielte bei der Eisenbahnmusik die Querflöte. Seine Mutter kaufte ihm zu Weihnachten 1970 im Heimatwerk eine Schwegel, Markus spielte ebenfalls Querflöte und - für den Hausgebrauch - Harmonika. Er war lange Zeit Vorstandsmitglied von Jung Alpenland und betreut derzeit die Hirtenkinder des Salzburger Adventsingens, die er nach Möglichkeit auch schwegeln lässt. Seine vier Söhne lernten zwar die Seitelpfeife, bevorzugen heute aber Trompete, Klarinette und Schlagwerk.

Quellen
Sandra Galatz: "Volksmusik im Salzkammergut - Der Pfeifertag", FBA Gmunden 1999.
Christoph Sebald: "Die Bedeutung der Musik im Salzburger Brauchtum", FBA Salzburg 2006.
Andrea Wolfsteiner: "Die Schwegel", Diplomarbeit Graz 2006.
Zaisberger/Hörmann (Hg.), Salzburgs Schützen- und Bürgergarden", Salzburg 1996.
Reclam "Musikinstrumentenführer", Stuttgart 1988.
Weiters Beiträge von Karl Magnus Klier und Alfred Komarek (Internet), ein ausführliches Gespräch mit Markus Helminger am 13. Jänner 2007 sowie Hinweise von Gudrun Köhl und Brigitte Sebald.

 

 


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