Sammler der Volksmusik vor 200 Jahren
Der reiche Fundus an Volksmusik im Salzkammergut regte schon Anfang des
19. Jahrhunderts einen Salinenbeamten an, Musik und Tanz der Einheimischen
aufzuzeichnen. Johann Michael Schmalnauer aus Hallstatt war damit einer
der ersten Erkenner und Aufzeichner von Volkskultur.
Was Konrad Mautner für das steirische
Salzkammergut, ist Johann Michael Schmalnauer für das oberösterreichische.
Seiner Sammlertätigkeit ist es zu verdanken, daß wir über die Sitten und Gebräuche
im Salzkammergut um 1800 gut Bescheid wissen. Er schaute dem Volk genau "Aufs
Maul" und auch auf die Beine. Seine Aufzeichnungen über Tänze und die Begleitmusik
bilden einen wertvollen Grundstock zur Volksmusikforschung.
Schmalnauer wurde 1771 als Sohn eines
Salinenbeamten in Hallstatt geboren. Es war durchaus üblich, daß die Söhne
in die Fußstapfen der Väter traten: Schon mit 16 Jahren begann er seinen Dienst
als Bergzögling beim Hallstätter Salzbergwerk. 1797 kaufte er um 500 Gulden
das Haus Nr. 54 in Hallstatt, mittlerweilen war er "Geometrist" also mit Vermessungsaufgaben
betraut. Nachdem er genug Rückhalt hatte, um eine Familie zu ernähren, trat
er 29jährig im Jahr 1800 mit Franziska Dirnbacher aus Hallstatt in den Ehestand.
Dem Paar wurden acht Kinder geboren, vier davon erreichten das Erwachsenenalter.
Anläßlich seiner Ernennung zum "Pfannhauszuseher"
- eine gehobenen Verwaltungsfunktion - wechselte er wahrscheinlich in das
Amthaus und verkaufte sein Haus an die evangelische Kirchengemeinde Hallstatt.
In jener Zeit begann er auch seine
Aufschreibungen. Sie beleben nicht nur die reiche und fröhliche Feier- und
Festkultur seiner Zeit, sondern verdeutlichen auch daß die "Volksmusik" nichts
Starres ist, es schon damals "Modetänze" gab und Gesang und Tanz einem Wandel
unterlagen. Gerade in Zeiten, wo das Leben schwierig war - die ersten Jahrzehnte
des 19. Jhdts. waren bewegt, es herrschten Krieg und Hunger -, feierten die
Menschen gerne. Auf Hochzeiten und Taufen wurde laut gesungen und lange getanzt.
Überliefert ist beispielsweise ein
besonderer Brauch des Neujahrswünschens, wo "von alten und jungen Leuten am
Neujahrstag von12 Uhr Mitternacht bis 5 Uhr früh, bei allen Häusern auf der
Gasse" ein spezielles Liedlein gesungen wurde. Für die wohlmeinenden Segnungen
wurden die Sänger mit kleinen Geldbeträgen bedacht. "Heut ist gar a heiliger
Tag, wo das lieb' Christkindlein beschnitten ward, also wünsch ich dem wohlersamen
Herrn... samt seiner geliebten Hausfrau und Kindern ein glückselig freudenreiches
Jahr, daß ihm kein Leid nicht widerfahr..." Der Jahresausklang wurde also
auch schon damals bis in die Morgenstunden des Neujahrstages festlich begangen.
Schmalnauer beschreibt auch das
Brauchtum bei Hochzeiten: Nach dem Hochzeitsmahle und darauf erfolgter Danksagung
(welcher der Prokurator im Namen der Brautleute pathetisch deklamiert), wird
eine große Zinnschüssel auf den Brauttisch gesetzt, in welche Schüssel alle
Hochzeitspersonen (nemlich jene so der Mahlzeit beiwohnten, als auch die sogenannten
Schluderer, welche in der Früh das Brautpaar nur in die Kirche begleiteten)
ihr Geschenk an Geld, zur Aussteuer für die Brautleute hinein werfen. Sobald
die Schenkung vorbey ist, welches man das Weisen nennt, so muß die Braut über
den mit Gläsern und Tellern besetzten Tisch springen, wo sie von dem Brautführer
aufgefangen wird, welcher sogleich mit ihr den Ehrentanz beginnt. Bey Abhaltung
dieser Ehrentänze gibt es jedesmal so viele Zuschauer, daß sogar die Tische,
Bänke und Stühle hiemit angepfropft sind."
Überhaupt schreibt er zur "Erklärung
der zu Hallstatt, Goisern und Ischl gewöhnlichen Dänze": "Die Schleinigen
oder sogenannten Pfannhauser-Tänze, nebst den Langsamen - oder sogenannten
Ehrentänzen , waren von (=vor?) 60 Jahren ganz allein im Gebrauch. Erst im
Jahr 1769 wurde eine neuere Art, der sogenannte Ländler - auch Viertwenger
oder Unteriger Tänze, statt den Langsamen eingeführt. Die Schleinigen und
Ländler erhielten sich bis anno 1790, wo auch kleine Versuche von Redout,
oder deutschen Tänzen hinzukamen. Anno 1800 schwangen sich die steyermärkischen
Tänze empor, und behaupteten bis jetzt die Oberhand über die anderen. Daher
gehören derzeit die Steirertänze zur 1ten, die Ländler zur 2ten, die Schleinigen
zur 3ten und die Redouttänze zur letzten Klasse. Die Menuetts sind ganz ausser
Mode."
Schmalnauer zog 1820 nach Ischl,
wo er den Posten eines Amtscheibers antrat, 1840 ging er in Pension und übersiedelte
nach Hallein. Dort starb er verarmt 1845 an einem "Nervenschlag", nachdem
er etliche Wochen mit einem gebrochenen Bein darniederlag, ohne sich einen
Arzt leisten zu können. Sein Verdienst ist es, die Musik des Salzkammergutes
weit über seine Grenzen bekannt gemacht zu haben.
Noch heute werden "seine" Stücke
gerne gespielt. doch haben auch geeichte Musiker Schwierigkeiten, da ein besonderes
Musikgehör zum Intonieren dieser von Notenunkundigen tradierten Werke nötig
ist. Auch ein Wiener Philharmoniker äußerte sich wörtlich: "Bevor ich wieder
Schmalnauer spiele, hänge ich mich lieber auf!"
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