Das Umland Teurnias vom 2. Jahrhundert v. Chr.
bis ins 1. Jahrhundert n. Chr.
Eine Studie zur Siedlungskontinuität von der Latène- zur Römerzeit
im oberen Drautal
 

 

... die gedruckte Version erschien im Arheoloski Vestnik 52, 2001, 305-351.

 

   Search this site
powered by FreeFind

 

 
1 EINLEITUNG
 

Das Lurnfeld ist eine der bedeutendsten historischen Landschaften Oberkärntens. Während Unterkärnten geprägt ist durch das breite Klagenfurter Becken, auf das sich nahezu alle Täler ausrichten, ist die Geomorphologie Oberkärntens durch das enge Flußtal der Drau und ihrer Nebenflüsse, die von Mittel- und Hochgebirgen eingeengt werden, bestimmt. Die wichtigste West-Ost-Verkehrsachse in Oberkärnten bildet das Drautal (Abb. 1-3): nachdem die Drau bei Oberdrauburg das Lienzer Becken verlassen hat, geht sie über in das Oberdrautal, das im Norden durch die Kreuzeckgruppe, im Süden durch die Gailtaler Alpen eingefaßt wird. Knapp vor Möllbrücke, im Raum Sachsenburg verengt sich das Drautal bis auf knapp 600 m, es weitet sich aber bald darauf wieder im Lurnfeld bis zu einer Breite von fast 3 km, eingefaßt im Norden durch die Ausläufer der Reißeckgruppe, im Süden durch das Goldeck (2142 m).


Das Lurnfeld, dessen Sohle auf einer Höhe von 540 bis 565 m über dem Meeresspiegel liegt, umfaßt den Abschnitt des Drautals von Möllbrücke bzw. dem Mündungsgebiet der Möll östlich von Mühldorf und reicht bis an den Lurnbichl unmittelbar westlich von Spittal a. d. Drau. In einer Beschreibung aus dem Jahre 1861 durch M. v. Jabornegg-Altenfels beginnt das Lurnfeld "eine halbe Stunde ober dem Markte Spittal und zieht sich gegen Westen mehr als eine Stunde lang bis zum Einfluße der Möll in die Drau hinauf". [1] Ab Spittal bis vor Villach erstreckt sich dann das Unterdrautal. Dem Mölltal und dem Liesertal folgten in der Antike wie heute die wichtigen Nord-Süd-Verkehrswege nach Salzburg. Zu nennen ist die römische Reichsstraße von Teurnia nach Iuvavum, die durch das Liesertal und den Leisnitzgraben in den Lungau führt, wo noch innerhalb des Territoriums der Stadt Teurnia die römische Siedlung Immurium-Moosham lag. Von hier aus ging die von zahlreichen römischen Meilensteinen begleitete Strecke über den Tauernpaß (1740 m) der Radstädter Tauern weiter Richtung Iuvavum-Salzburg. Das Lurnfeld ist also als Siedlungskammer durch natürliche Barrieren von den angrenzenden Landschaften deutlich abgesetzt, besitzt jedoch gleichzeitig durch seine Lage am Schnittpunkt der Drautal- mit der Tauernroute verkehrsgeographisch eine überregionale Bedeutung. Von diesen Straßenverbindungen etwas abseits liegen die siedlungsgünstigen Landstriche am Nordufer des Millstätter Sees, von Seeboden im Westen bis nach Döbriach am Ostende des Sees, die aber vom Lurnfeld aus über das untere Liesertal relativ einfach zu erreichen sind.


Der historische Rahmen dieser Arbeit setzt im 2. Jahrhundert v. Chr. ein, als erstmals in den antiken Schriftquellen mit dem regnum Noricum eine staatliche Organisation in den inneralpinen Bereichen der Ostalpen faßbar wird. Dieser Stammesbund stand offenbar unter der Führung des Stammes der Norici, die auf den zwischen 11-2 v. Chr. aufgestellten Huldigungsinschriften am Magdalensberg an erster Stelle genannt sind. Die Namen einzelner reguli sind von der im früheren 1. Jahrhundert v. Chr. einsetzenden Münzprägung sowie bei antiken Autoren, wie Livius und Cäsar, überliefert. Während das Siedlungsgebiet der Norici im Kärntner Zentralraum (ager Noricus) angesetzt wird, geht man davon aus, daß um Teurnia und im Unterdrautal der auf den Magdalensberg-Inschriften ebenfalls erwähnte Stamm der Ambidravi siedelte (vgl. Kap. 3.2). Nach der wohl weitgehend kampflos erfolgten Annexion des regnum Noricum durch Rom im Jahre 15 v. Chr. sind erste Anzeichen eines Akkulturationsprozesses zunächst vor allem südlich des Alpenhauptkamms faßbar, wo mit der Einrichtung einer Zivilverwaltung, dem Ausbau der Straßenverbindungen und der Gründung von mehreren Munizipien unter Kaiser Claudius eine erste Urbanisierungsphase im Ostalpenraum eingeleitet wurde. Zu diesen ältesten römischen Städten auf norischem Boden zählten neben Virunum, Celeia, Aguntum und Iuvavum, dem einzigen nördlich der Alpen liegenden claudischen Munizipium, auch die römische Stadt Teurnia, die hinsichtlich ihrer Siedlungsgenese und Topographie eine Reihe von Besonderheiten gegenüber den anderen claudischen Munizipien aufweist.

 
Abbildung 1
Latènezeitliche und frühkaiserzeitliche Fundorte im Umland von Teurnia-St. Peter in Holz und Verlauf der römischen Reichsstraßen:
1 Teurnia
2 Pattendorf
3 Lampersberg
4 Faschendorf
5 Baldramsdorf
6 Seeboden
7 Laubendorf
8 Baldersdorf
9 Oberamlach
   
 
Die Zusammenstellung der latène- bis frühkaiserzeitlichen Funde aus dem Lurnfeld und der Region Millstätter See ist zunächst einmal eine Ergänzung zu den bereits vorgelegten Funden aus Teurnia. Auf letztere soll gleich zu Beginn des nächsten Kapitels näher eingegangen werden, da sie in mehrfacher Hinsicht als außergewöhnlich zu bezeichnen sind. Innerhalb des umrissenen geographischen Rahmens werden auch bereits seit langem bekannte Fundorte herangezogen, wobei in erster Linie unpubliziertes Fundmaterial vorgestellt werden soll. Während bisher bevorzugt Baubefunde, Architekturelemente - hier sind besonders Reste von Grabmonumenten zu erwähnen - und Münzen veröffentlicht wurden, ist im folgenden beabsichtigt, einen möglichst vollständigen Überblick über die Keramik und die Kleinfunde aus diesen drei Jahrhunderten zu vermitteln, ohne andere Fundgattungen völlig zu vernachlässigen.
 
Abbildung 2
Das Stadtgebiet von Teurnia mit den wichtigsten Fundorten, Meilensteinen und dem Verlauf der römischen Straßen
(Entwurf: F. Glaser. - Graphik: W. Daborer/W. Kury. - Ergänzungen: Ch. Gugl).
  Wenn Sie einen genaueren Blick auf Abbildung 2 werfen wollen, so klicken Sie hier:
[te_terri.jpg, 94k]
 
Abbildung 3
Blick von Nordwesten auf das Lurnfeld und den Raum Spittal/Drau Richtung Unterdrautal.
1 Teurnia
5 Baldramsdorf
6 Seeboden
7 Laubendorf
8 Baldersdorf
9 Oberamlach
   
 

Bei den Fundorten handelt es sich um Pattendorf, Lampersberg, Seeboden und Laubendorf (beide am Millstätter See) sowie um Baldersdorf im Unterdrautal. Neue Fundstellen wurden aus Faschendorf, Baldramsdorf und Oberamlach bekannt (Abb. 1; 3). Bei der Erörterung der einzelnen Plätze wird zuerst kurz die Topographie der Fundstellen beschrieben und auch bei den unpublizierten Altfunden eine möglichst exakte Lokalisierung versucht. Die Vorlage des Fundmaterials im Katalog und auf den Tafeln richtet sich nach folgender Reihenfolge:

1. Inschriften und Skulpturen,
2. Münzen,
3. Metallfunde (Eisen, Bronze),
4 Glas u. a. (nichtkeramische) Materialien,
5. Keramik (Terra Sigillata, Feinkeramik, Gebrauchskeramik, Graphittonkeramik).

Ein wesentliches Ziel dieser Arbeit wäre erreicht, wenn mit dieser exemplarischen Zusammenstellung von latène- und frühkaiserzeitlichen Funden aus einer Siedlungskammer eine Ausgangsbasis geschaffen wird für künftige Forschungen zur ländlichen Besiedlung im Umland Teurnias.

 
 

[1] M. F. v. Jabornegg-Altenfels, Antiquarische Mitteilungen über Teurnia. Archiv Vaterländ. Gesch. u. Topographie 6, 1861, 107 ff., bes. 118. - Einen knappen Überblick vermittelt auch: H. Paschinger, Kärnten. Eine geographische Landeskunde 2 (Klagenfurt 1979) 109 ff.; 194 ff.  

© Christian Gugl 2000 - http://members.aon.at/ch.gugl/