2.6.4 Bemerkungen zur Herkunft und zum Verbleib der Funde

Aus den Berichten von F. Jantsch geht schon deutlich hervor, daß ein nicht unerheblicher Teil der bei den Straßen- und Bauarbeiten in Seeboden getätigten Funde verloren gegangen ist (vgl. Kap. 2.6). Die in den 20-er und 30-er Jahren dem Landesmuseum übergebenen Funde wurden unter den Inventarnummern 9507 und 9518 in die Sammlungen übernommen, wobei bei der Inventarnummer 9507 zusätzlich vermerkt ist, daß die Funde 1928 beim Bau des Kaufhauses Joven geborgen wurden. Die Funde Inv.Nr. 9507 [94] sind zwar in einer Sonderliste angeführt, heute jedoch mit Ausnahme des im FMRÖ erfaßten republikanischen Denars [95] nicht mehr auffindbar. Auf dieser Sonderliste sind auch die Funde Inv.Nr. 9518 aufgeschlüsselt, und zwar gleich zweimal: 9518a-m ("Funde von 1930") bzw. 9518a-j ("Funde von 1930/31"). Diese Auflistung entspricht damit in etwa dem ursprünglichen Eintrag im Inventarbuch, wo "22 [durchgestrichen und korrigiert mit 24] verschiedene Gegenstände laut Sonderliste, Seeboden bei Millstatt 1930" verzeichnet sind.

 

 

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Abbildung 7
Lanzenspitze (Seeboden?) und Messer aus Seeboden. - Eisen. - o. M.
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[abb_06.jpg, 41k]

Kurz vor Abschluß des Manuskripts kamen im Landesmuseum noch zwei weitere Eisenfunde zum Vorschein, die auf den bereits fertiggestellten Tafeln nicht mehr berücksichtigt werden konnten. Es handelt sich um ein Griffplattenmesser mit geschweifter Klinge, Inv.Nr. 9518i (Abb. 7,2) und eine 26 cm lange Lanzenspitze mit schwach ausgeprägtem Mittelgrat (Abb. 7,1), die mit dem Eisenmesser zwar zusammengebunden aufbewahrt worden war, aber keine Inventarnummer besitzt. Die Herkunft dieser eisernen Lanzenspitze aus Seeboden ist fragwürdig, da weder im Inventarbuch noch auf der Sonderliste ein entsprechendes Objekt erwähnt wird. Auf der Sonderliste genannt sind jedoch "7 Stücke eines Schildbuckels, Eisen" (Inv.Nr. 9518m), die zur Zeit nicht auffindbar sind. Andererseits muß der Anteil an eisernen Waffen ursprünglich noch bedeutend höher gewesen sein, denn F. Jantsch erwähnt in seinem Carinthia-Bericht von 1934 "... Lanzenspitzen, eine Pfeilspitze, ein Kurzschwert, Teile eines Schildbuckels". [96]

Auch H. Müller-Karpe bezieht sich bei seinem Kommentar zu den abgebildeten Funden aus Seeboden auf die Bestände des Klagenfurter Museums, wenn er auflistet: "... Scheren, Reste eines Schildbuckels, Bronzefibeln, Riegel, Pilum, Lanzenschuh, Eisennägel, norische Dreifußschale, Basis einer Terrakottastatuette usw.". [97] Gerne wüßte man, welche besonderen eisernen Waffen F. Jantsch und H. Müller-Karpe mit den Begriffen "Kurzschwert" und "Pilum" bezeichneten, leider ließ sich weder ein Schwert, noch eine Lanzenspitze und auch kein römisches Pilum mit dem Fundort Seeboden im Klagenfurter Museum ausfindig machen.

Das einst im Landesmuseum befindliche, große eiserne Hiebmesser (Taf. 3,23) war mir ebenfalls nicht im Original zugänglich. Es dürfte - gemeinsam mit weiteren eisernen Ringgriffmessern [98] - heute unzugänglich verstaut im Depot des Volkskundemuseums Spittal/Drau aufbewahrt werden.

 

2.6.5 Keltisch-römische Brandgräber in Seeboden

Obwohl kein Leichenbrand erwähnt wird, sprechen eine Reihe von Beobachtungen an den Funden, die Zusammensetzung des Fundspektrums und die in den Berichten immer wieder genannte Brandschicht dafür, daß bei den geschilderten Bauarbeiten in Seeboden offensichtlich unerkannt latènezeitliche und frührömische Brandgräber angeschnitten wurden. Heute lassen sich jedoch keine geschlossenen Grabinventare mehr zusammenführen. Die meisten Bronzefibeln weisen Hitzedeformierungen auf, aber auch zahlreiche Eisenfunde sind brandverkrustet bzw. waren wie ein Großteil der Keramik großer Hitze ausgesetzt.

Es ist sicher kein Zufall, daß gerade vor dem ehemaligen Kaufhaus Joven ein frühkaiserzeitlicher Grabstein mit dem Porträtmedaillon eines Mannes (Abb. 6) zutage kam. Bei den Straßen- und Bauarbeiten wurden also Teile einer Nekropole zerstört, die wohl schon in LT C2 belegt war, deren Schwerpunkt aber eindeutig in die Stufe D2 und in das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert.

Weniger der Bronze- und Eisenschmuck (Taf. 2,18; 4,33) als vielmehr die vier großen Flügelfibeln (Taf. 1,9; 2,10-11.13), die mit dem Kopf nach unten paarweise an der Schulter getragen ein peplosartiges Gewand verschlossen, lassen sich als sichere Hinweise auf Frauengräber interpretieren. Diese vier Schulterfibeln wurden nicht allein aufgrund von großer Hitzeeinwirkung deformiert, sondern zeigen unverkennbare Spuren intentionellen Unbrauchbarmachens. So wurde bei der Fibel Almgren 238f (Taf. 2,10) der Kopf mit dem vorderen Flügellappen abgehackt und auch der durchbrochen gearbeitete Nadelhalter scheint absichtlich abgebrochen worden zu sein. Auf dieselbe Weise dürfte auch die Fibel Almgren 238m/d, bei der außerdem die beiden Flügellappen eingedrückt sind, behandelt worden sein. Völlig atypische Bruchstellen weist der Fibelfuß (Taf. 2,13) auf, der gerade dort abbrach, wo eine Flügelfibel gewöhnlich sehr massiv ausgeführt ist. Auch zwei der Bügelscheren (Taf. 3,20-21) sind derart verbogen, daß man eine absichtliche Zerstörung annehmen möchte. Diese im Zusammenhang mit der Bestattungssitte zu sehende Vorgangsweise erinnert an intentionell deformierte Waffen in latènezeitlichen Gräbern, wo sich entweder bestimmte religiöse Vorstellungen manifestierten oder die Absicht, derart verunstaltete Beigaben für potentielle Grabräuber unattraktiv zu machen.

Das große eiserne Ringgriffmesser (Taf. 3,23) könnte man sich hingegen gut als Beigabe in einem spätlatènezeitlichen Waffengrab vorstellen (vgl. Kap. 2.6.2.4). Den alten Fundberichten zufolge scheinen tatsächlich weitere Waffenfunde getätigt worden zu sein (vgl. Kap. 2.6). Allerdings liegt keine ausreichende Dokumentation vor, um entscheiden zu können, ob ausschließlich keltische Waffen oder auch römische (Pilum, Gladius?) vertreten waren. Daß man römische Waffen in spätlatènezeitlichen (keltischen) Gräbern mitgegeben hätte, wäre durchaus denkbar. [99]

 
Abbildung 8
Pockhorn, Mölltal: spätlatènezeitliche und frühkaiserzeitliche Funde aus Brandgräbern. 1-2, 4-12 Eisen. - 3 Bronze. - o. M.
   

Ansonsten sind Eisenmesser verschiedenster Form und Funktion gerade in anderen Talschaften Südnoricums eine durchaus gängige Grabbeigabe. Auf Abb. 8,1-12 ist das im Kärntner Landesmuseum verwahrte, noch zuweisbare Fundspektrum aus Pockhorn im Mölltal zusammengestellt. Nachdem bereits im Jahre 1934 eine römische Grabinschrift bei Straßenarbeiten zum Vorschein gekommen war, [100] wurden 1961 in Pockhorn am Fuße der Auffahrt der Glocknerstraße, knapp vor Heiligenblut bei der Schottergewinnung mehrere Brandgräber zerstört, die nach einer kurzen Fundnotiz von H. Dolenz Bronze- und Eisenfibeln, Eisenmesser (Abb. 8,4-12) und Urnen mit Leichenbrand in einer Steinpackung umfaßten. [101]

Der mit Seeboden durchaus vergleichbare chronologische Rahmen von LT D2 bzw. von augusteischer Zeit bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. wird durch eine eiserne Alesia-Fibel mit bandförmigem Bügel (Abb. 8,1), eine eiserne Drahtfibel vom Spätlatèneschema (Abb. 8,2), beide vollständig erhalten, und eine bronzene Flügelfibel Almgren 238m(?) (Abb. 8,3) umrissen, zu denen noch je eine langgestreckte, kräftig profilierte Bronzefibel Almgren 68 und Almgren 70/73a hinzuzufügen sind. [102]

Beim Flügelfibelfragment aus Pockhorn ist ebenfalls offensichtlich, daß der Fuß an einer ansonsten robust wirkenden Stelle völlig überraschend geradlinig abgebrochen ist und darüber hinaus die Spiralkonstruktion teilweise gewaltsam aus ihrer Verankerung herausgerissen wurde. Diese Merkmale können nicht anders als das Ergebnis einer bewußt vorgenommenen Zerstörung interpretiert werden, die entweder vor der Deponierung des Leichnams auf dem Scheiterhaufen oder danach bei der Aussonderung des Leichenbrandes bzw. der eigentlichen Bestattung der Überreste erfolgte. [103]

Zu den Keramikfunden aus Seeboden, die größtenteils schon von F. Wiesinger im Zuge seiner Übersicht in der Carinthia I 1934 inventarisiert wurde, [104] ist anzumerken, daß der schlechte Erhaltungszustand der Gefäße, vor allem auch im Hinblick auf fehlende Ganzformen, sich deutlich von anderen mittel- und spätlatènezeitlichen Grabinventaren in Kärnten unterscheidet. [105]

Keine konkreten Anhaltspunkte liegen für die Lokalisierung der zugehörigen Siedlung vor, die man sich am ehesten etwas hangaufwärts gelegen, nördlich der heutigen Straßenverbindung Seeboden-Millstatt, nicht allzu weit vom Gräberfeld entfernt, vorstellen könnte. Dies würde bedeuten, daß wir es hier mit keiner Höhensiedlung wie am Holzer Berg zu tun haben, sondern mit einer am Nordufer des Millstätter Sees gelegenen, ländlichen Siedlung in Tallage. [106]

 

[94] LMfK, Inv.Nr. 9507 - a) eine Messerklinge, Eisen. - b) ein Knopf. - c) ein Schlüssel, Eisen. - d) Silbermünze vgl. Anm. 95. - e) Provinz-Fibel, Bronze. - f) Gefäßreste, Ton.
[95] FMRÖ II 3, 5/24 (3) Nr. 1. - Diese Münze ist im Fundinventar unter der Inv.Nr. 9507d, im Münzinventar unter der Nummer 2610 erfaßt.
[96] Jantsch/Wiesinger (Anm. 35) 9.
[97] Müller-Karpe 1951, 644 Abb. 11,1-5.
[98] Frdl. Mitt. H. Dolenz (Villach).
[99] Vgl. dazu für den norischen Bereich das mit einer Klingenlänge von 66 cm und einer Breite von 5,2-6,2 cm mit einem römischen Gladius bzw. einer Spatha vergleichbare, zweifach gefaltete Schwert in einem spätlatènezeitlichen Brandgrab von Salzburg-Maxglan (Kleßheimer Allee): M. Hell, Keltisch-norisches Kriegergrab aus Salzburg. Germania 34, 1956, 230 ff. Abb. 1,1. - F. Moosleitner, Kelten im Flachgau. In: Archäologie beiderseits der Salzach. Bodenfunde aus dem Flachgau und Rupertiwinkel. Ausstellungskat. Anthering/Tittmoning 1996/97 (Salzburg 1996) 60 ff., bes. 72 Abb. 61.
[100] F. Jantsch, Archäologischer Fundbericht. Carinthia I 125, 1935, 268 f. - Glaser 1992, 135: Sextus Mo[mmi f(ilius)] / Vitoriae Iuliae [con[iugi)] / defunctae an(norum) L, Mo[.... / ti .... / .... fili[is] vivi[s et sibi f(aciendum c(uravit)] (ergänzt nach R. Egger).
[101] H. Dolenz, FÖ 8, 1961/65 (1974) 77 s.v. Heiligenblut. - Für die Überlassung von Fundzeichnungen möchte ich mich bei Herrn P. Gleirscher herzlichst bedanken.
[102] Gugl 1995, 96 Nr. 167; 170.
[103] Derartige Beobachtungen ließen sich auch auf weitere Flügelfibelfragmente ausdehnen, bei denen allerdings keine näheren Angaben zu den Fundumständen mehr vorliegen: z. B. Gugl 1995, 84 Nr. 80; 98 Nr. 189. - In diesen Fällen wäre es allerdings auch möglich, daß gerade große Flügelfibeln wegen ihres Materialwerts bevorzugt als Altmetall gesammelt und in bronzeverarbeitenden Betrieben zerkleinert wurden, um wieder eingeschmolzen werden zu können: S. Burmeister, Vicus und spätrömische Befestigung von Seebruck-Bedaium. Materialh. Bayer. Vorgesch. R. A 76 (Kallmünz/Opf. 1998) 99 f. - Gugl 2000, 62 Abb. 24,3.
[104] Jantsch/Wiesinger (Anm. 35) 10 ff. - Die mit SE96 gekennzeichneten Stücke wurden erst 1997 erfaßt.
[105] Müller-Karpe 1951, Abb. 4,2-3 (Untergoritschitzen, Grab I); 5,1 (Untergoritschitzen, Grab IV); 5,3-5 (Untergoritschitzen, Grab II); 5,7 (Feistritz-Pulst, Skelettgrab); 6,1-3 (Klagenfurt-Annabichl); 7,4-7 (Feldkirchen); 14,1-4 (Gurlitsch bei Klagenfurt).
[106] Eine gemauerte, runde Grabkammer aus dem späten 3./frühen 4. Jahrhundert n. Chr. mit zahlreichen Beigaben ist, etwa 400 m von der latènezeitlichen bis frühkaiserzeitlichen Nekropole entfernt, am westlichen Ortende von Seeboden 1931 bekannt geworden (Parz. 100/8, KG Seeboden): F. Jantsch, Archäologischer Fundbericht 1931. Carinthia I 122, 1932, 21 f. mit Abb. nach S. 22. - A. Betz, Die griechischen Inschriften aus Österreich. Wiener Studien 79, 1966, 608 ff. Nr. 25.

 

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