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| 3 DAS SIEDLUNGSBILD IM UMLAND TEURNIAS VON DER AUSGEHENDEN LATÈNEZEIT BIS INS 1. JAHRHUNDERT N. CHR. - Versuch einer archäologisch-historischen Auswertung |
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| 3.1 Chronologisch-siedlungsarchäologische Bewertung des Fundstoffs | ||||||
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Die Quellensituation in Teurnia und im unmittelbaren Umfeld des Holzer Bergs ist gekennzeichnet durch einen unausgeglichenen Forschungsstand. Einer langjährigen, mittlerweile fast schon 30 Jahre andauernden Forschungstradition in Teurnia, deren Schwerpunkt auf der spätantiken Stadtgeschichte lag, [123] stehen die Altgrabungen in Baldersdorf, die Notbergungen in Oberamlach, Zufallsfunde in Seeboden, in Baldramsdorf und am Lampersberg und die neueren, noch nicht abgeschlossenen Grabungen in Faschendorf gegenüber. Eine systematische Prospektion zur Fundstellenerfassung, etwa mit Hilfe der Luftbildarchäologie oder in Form von Oberflächenbegehungen, ist bisher in dieser Region noch nicht erfolgt. Eine Kartierung der hier behandelten Fundstellen (Abb. 1) gibt deshalb nur einen unvollständigen, zufälligen Ausschnitt aus dem antiken Siedlungsbild wieder. Es kann also nicht das Ziel dieser Ausführungen sein, eine präzise Siedlungsmusteranalyse vorzulegen, indem man beispielsweise thematische Karten erstellt, um die Lagebeziehungen von Siedlungen anhand von Ortsgrößen, Distanzen und Anordnungen zu charakterisieren. [124] Beim momentanen Forschungsstand erscheint es zweckmäßiger, zunächst eine kritische Zusammenstellung des Ist-Bestandes vorzunehmen. Dies kann nicht nur für weiterführende Forschungen im Umland Teurnias eine gute Ausgangslage und Orientierungshilfe bilden. Die trotz des mangelhaften Forschungsstandes beachtliche Dichte der Fundpunkte mit den vorgelegten, chronologisch teils brisanten Fundspektren (Teurnia, Seeboden) sollte doch auch erlauben, Rückschlüsse zu ziehen auf vergleichbare und unterschiedliche Siedlungsentwicklungen an anderen Plätzen im südlichen Noricum. Der Holzer Berg scheint schon in der jüngeren Eisenzeit ein siedlungstopographisch wichtiger Punkt gewesen zu sein, der am Schnittpunkt zweier Hauptverkehrswege, der Drautal- und der Tauernroute, vor Hochwassergefahr geschützt, eine natürliche Höhenposition ausnutzte. Eine der zentralen siedlungsarchäologischen Probleme der Mittel- und Spätlatènezeit im oberen Drautal betrifft das Verhältnis der LT-Siedlungen auf dem Holzer Berg und der Görz, das mittlerweile schon eingehend thematisiert wurde. [125] Die Görz, eine rund 22 km drauabwärts von Teurnia bei Feistritz/Drau gelegene, mit einem zweiperiodigen Wall befestigte, mindestens 11 ha große Niederterrasse am rechten Drauufer, wurde bereits 1928 von G. Bersu in mehreren Grabungsschnitten untersucht (Abb. 10). [126] G. Bersu war sich der Bedeutung dieses imposanten Geländedenkmals durchaus bewußt, seine Grabungsergebnisse erlauben jedoch keine verläßliche chronologische Einordnung der aufwendigen Wallanlage und eine weiterführende Beurteilung der komplexen Siedlungsabfolge auf der Görz, die aufgrund ihrer siedlungsgünstigen Lage in den verschiedensten historischen Epochen immer wieder aufgesucht wurde. Eine Klärung der Frage, ob sich auf der Görz, im Zwickel zwischen der Drau und dem Weißenbach, ein keltisches Oppidum etablierte, mit dem am ehesten in LT C und eventuell noch in LT D1 zu rechnen wäre (Abb. 11) und das als befestigte Flachlandsiedlung singulär im norischen Kernland wäre, hätte besonders für die Entwicklung von Teurnia und seines Umlandes entscheidende Auswirkungen. |
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Abbildung
10 Görz bei Feistritz/Drau (Unterdrautal): Ausgrabungen G. Bersu 1928 |
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Der Holzer Berg scheint sich im Gegensatz dazu als eine offenbar von der Hallstatt- bis in die Latènezeit hinein kontinuierlich genutzte Höhensiedlung weitaus besser in das eisenzeitliche Siedlungsbild Kärntens und Osttirols einfügen zu lassen. Weder das am Holzer Berg schwer zu beurteilende Problem der Siedlungskontinuität von HA D1/D2 [127] bis in die jüngere Eisenzeit noch das der keltischen Landnahme, die in Kärnten frühestens während LT B2 oder am Übergang von der Früh- zur Mittellatènezeit erfolgte, [128] ist jedoch zentraler Gegenstand dieser Untersuchungen. Konkrete Hinweise auf einen Zuzug keltischer Bevölkerungsgruppen im oberen Drautal bereits während LT B2 liegen bisher jedenfalls noch nicht vor. In Teurnia und seinem Umland verdichtet sich erst mit der Stufe C deutlich der Latène-Fundstoff, wobei auffällt, daß abgesehen vom Holzer Berg und von Seeboden kaum mittellatènezeitliches Fundmaterial in Erscheinung tritt. Selbst der Schwerpunkt der LT-Funde am Holzer Berg, wie die Fibeln (Abb. 5,1-6), Trachtbestandteile der Frau (Abb. 5,7), ein Großteil der keltischen Münzen und die Waffenfunde, datieren nach LT C2 und vor allem nach LT D. In der Spätlatènezeit kommt es mit Schalen vom Typ Morel F 2652-2654 erstmals zu einem nennenswerten Import mediterranen Tafelgeschirrs, eine Entwicklung, die vermutlich mit der Errichtung von italischen Händlerstützpunkten im Inneren des regnum Noricum, darunter dem Emporium auf dem Magdalensberg, in den Jahrzehnten um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu erklären ist. |
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Abbildung
11 Görz bei Feistritz/Drau (Unterdrautal): frühe grautonige Gebrauchskeramik (1-2), feine graue Ware (3) und Graphittonkeramik (4-9) aus den Grabungen von G. Bersu 1928. - o. M. |
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Der einzige gesicherte mittellatènezeitliche Fundplatz abseits von Teurnia ist Seeboden am Millstätter See. Doch auch hier liegen nur zwei Bronzefibeln vom MLT-Schema (Taf. 1,6-8) vor, die darauf hinweisen, daß diese Nekropole schon im 2. Jahrhundert v. Chr. belegt war. Die Masse des Seebodener Fundmaterials läßt sich jedoch zwanglos in der Zeit zwischen den letzten Jahrzehnten v. Chr. und der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts unterbringen und fällt damit frühestens in eine Spätphase von LT D2. Das Fehlen von Funden der Stufe LT D1 und eines frühen LT D2 wird man weniger mit einer tatsächlichen Zäsur in der Nekropole während der Spätlatènezeit als vielmehr mit den Zufälligkeiten in der Fundüberlieferung verbinden dürfen. Eine der siedlungsarchäologischen Schlüsselfragen der ausgehenden Latènezeit und der beginnenden römischen Kaiserzeit im oberen Drautal betrifft folglich eine mögliche Verlagerung des Siedlungsschwerpunkts, die bereits oben angedeutet wurde: wenn wir auf der Görz einen keltischen Zentralort annehmen wollen, wie lange bestand dieser und vor allem wann löste er sich auf? Trat an dessen Stelle der Holzer Berg? Leider ist eine zentralörtliche, das Ober- und
Unterdrautal betreffende Bedeutung der Latènesiedlung auf dem Holzer Berg
auf der Basis des vorliegenden Fundmaterials für den Zeitraum vor der
römischen Okkupation 15 v. Chr. momentan kaum zu erschließen. [129]
Trotz beachtlicher Funde und Fundensembles (vgl. Kap. 2.1)
ist diesbezüglich die Tatsache verwirrend, daß aus Teurnia kein bzw. seit
1972 ein einziges norisches Kleinsilberstück des Magdalensberger Typs
vorliegt. In einem wirtschaftlichen und politischen Zentrum des 1. Jahrhunderts
v. Chr. würde man sich - besonders bei einem derart intensiv erforschten
Platz wie Teurnia - doch mehrere Kleinsilberstücke in einem ausgeglicheneren
Verhältnis zu den Großsilberprägungen erwarten, entsprechend ihrer Bedeutung
im tatsächlichen Zahlungsverkehr. Eine latènezeitliche Befestigung des Hügels, von der man sich erwarten würde, daß sie in etwa dem Verlauf der spätrömischen Stadtmauer gefolgt wäre, ist noch nicht nachgewiesen. Ohne entsprechend modern ergrabene Befunde ist es sicher verfrüht, die möglicherweise vielfältigen funktionalen Facetten der Latènesiedlung zu beschreiben. Gemeinsam mit A. Lippert wird man allenfalls ein vielleicht in der Region dominantes, keltisches Heiligtum auf dem Hügel annehmen können, in dem unter anderen auch mehrere spätlatènezeitliche Schilde geopfert wurden. [132] Daß sich dieses postulierte Heiligtum auf einem nach Südosten hinausragenden Plateau befunden hat, wo F. Glaser für die Römerzeit auf der sogenannten "Tempelterrasse" (Abb. 4,8-9) ein als navalis bezeichneter Kultbau des keltisch-römischen Heilgottes Granus Apollo vermutet, [133] und sich an dieser Stelle somit eine Kultkontinuität herstellen ließe, hat sich allerdings nicht bestätigt. Die zehn LTD1/D2-zeitlichen Schildbuckeln wurden nämlich bei Grabungen 1845 am westlichen Hügelabhang entdeckt (Abb. 4,2). [134] Auf alle Fälle dürfte eine entsprechende Entwicklung mit dem Ergebnis, daß Teurnia in claudischer Zeit eine solche Position innehatte, um in den Rang eines Munizipiums aufsteigen zu können, schon einige Generationen zuvor in Gang gekommen sein. Aus archäologischer Sicht scheinen sich diesbezüglich am Holzer Berg doch siedlungsarchäologisch signifikante Änderungen hinsichtlich der Fundverbreitung und Fundzusammensetzung abzuzeichnen. Augusteische Terra Sigillata und Feinkeramik finden wir nun verstreut an verschiedenen Stellen der Hügelkuppe. In das 3./2. Jahrzehnt v. Chr. zu datierende Frühformen des Service I begegnen aber auch schon auf den Hangwiesen östlich des Holzer Bergs im Bereich der späteren Wohnterrassen, wo man ältere Holz- und/oder Lehmfachwerkbauten wird postulieren müssen, die in die früh- bis mittelaugusteische Zeit zurückreichen. [135] Dieser erste Zuwachs an mediterraner Importkeramik in augusteischer Zeit (Sigillaten, Acobecher) beschränkt sich somit nicht nur auf die alt besiedelten Areale auf dem Hügelplateau, sondern dehnt sich auch auf Bereiche aus, die offenbar östlich des Holzer Bergs in Tallage - und damit auch besser auf das Fernstraßennetz hin ausgerichtet - neu erschlossenen wurden. Ferner erscheint bedeutsam, daß frühe mediterrane Importkeramik nun auch erstmals außerhalb Teurnias in größerer Anzahl in Erscheinung tritt, so in den augusteischen Gräbern von Seeboden. In den Jahrzehnten um die Zeitenwende scheint die Region um Teurnia somit in einem Wandel begriffen zu sein. Es hat den Anschein, daß gerade in diesem Zeitraum im Umland Teurnias neue Siedlungsplätze entstehen bzw. zu einer ersten Blüte gelangen. Die Siedlungen in Faschendorf und Baldersdorf sowie die noch schwieriger einzuschätzenden Plätze Baldramsdorf und Oberamlach reichen nach Ausweis der Fundspektren wohl nicht in die Mittellatènezeit, aber wahrscheinlich auch nicht nach LT D1 zurück. Der Siedlungsbeginn ist hier aufgrund der fehlenden Feinkeramik und der Metallfunde feinchronologisch kaum enger zu fassen ist, doch wird jetzt schon deutlich, daß diese Siedlungsstellen offensichtlich von unterschiedlicher Art und Dauer sind. Während in Faschendorf, wo der Charakter der Siedlungsstelle kaum zu klären ist, [136] die Siedlungstätigkeit spätestens zum Zeitpunkt der Anlage des Grabbezirks in flavisch-/trajanischer Zeit, wahrscheinlich aber schon deutlich davor, wieder endete, dauerte die an der römischen Drautalroute gelegene und insofern verkehrsgeographisch begünstigte Straßensiedlung von Baldersdorf bis in die Spätantike fort. [137] Trotz des zur Zeit noch unbefriedigenden Forschungsstandes zeichnet sich also im ausgehenden 1. Jahrhundert v. Chr. bzw. im beginnenden 1. nachchristlichen Jahrhundert eine Änderung im Siedlungsbild ab, die dadurch gekennzeichnet ist, daß einerseits neue Siedlungsflächen (Teurnia) erschlossen werden und andererseits anscheinend auch neue Siedlungsplätze (Faschendorf, Baldersdorf) entstehen. Aufgrund des Forschungs- und Publikationsstandes - es fehlen vor allem entsprechend großflächig ergrabene und aufgearbeitete Siedlungsbefunde - besitzen wir kaum Einblicke in die Entwicklung Teurnias von augusteischer bis claudischer Zeit, in der sich wesentliche siedlungsgenetische Prozesse abgespielt haben müssen. Ansonsten wäre der zwischen ca. 40/50 und 70/80 n. Chr. erfolgte, groß angelegte Ausbau der Unterstadt östlich des Holzer Bergs auf dem sogenannten Ertlfeld vollkommen unerklärlich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam es zu einer Monumentalisierung des Stadtbildes, die sich am besten in der Unterstadt mit dem Ausbau der städtischen Infrastruktur (Straßen, Kanäle), aufwendigen Terrassierungsmaßnahmen, dem Bau einer ausgedehnten Platzanlage, öffentlichen Thermen und von nach mediterranem Vorbild errichteten, luxuriösen Wohnbauten für die sich bereits etablierte städtische Oberschicht Teurnias nachweisen lassen. [138] |
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M. Doneus/Ch. Gugl, Von der Luftbildauswertung zum digitalen Stadtplan
von Teurnia - St. Peter in Holz (Kärnten). Jahresh. Österr. Arch. Inst.
Beibl. 68, 1999, 173 ff., bes. 178 ff. - Gugl 2000, 25 ff. |
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| © Christian Gugl 2000 - http://members.aon.at/ch.gugl/ | ||||||