FELDKIRCHEN IN KÄRNTEN
Ein Zentrum norischer Eisenverhüttung


1. Einleitung

 

... die gedruckte Version erschien unter dem Titel: Feldkirchen in Kärnten - ein Zentrum norischer Eisenverhüttung. Archäologische Forschungen 9. Denkschr. Österr. Akad. Wiss. Phil.-Hist. Kl. 314 (Wien 2003) (gemeinsam mit Alfred Galik & Gerhard Sperl).

 

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Die Aufarbeitung einer Notgrabung, deren Durchführung nur wenige Tage in Anspruch nahm, kann sich darauf beschränken, eine kurze Fundnotiz in einer archäologischen Fachzeitschrift zu verfassen. Die Notgrabungen im Raunikar-Reßmann-Areal in Feldkirchen brachten keine auf den ersten Blick aufregende römerzeitliche Bausubstanz zutage: ein kleiner Teil eines hypokaustierten Gebäudes, das man mit vergleichbarer Größe und Ausstattung auch an vielen anderen römischen Fundplätzen finden kann. Das Außergewöhnliche bei dieser Grabung war aber die Tatsache, daß man dabei auf ein bemerkenswertes "antikes Industriedenkmal" stieß, nämlich umfangreiche Produktionsabfälle von eisenverhüttenden Betrieben.

Die Berichte von römischen Eisenschlackenfunden und Rennöfen in Feldkirchen reichen bis in die Zeit vor dem 2. Weltkrieg zurück. Aber noch bei Bauarbeiten in den 80-er und 90-er Jahren wurden Verhüttungsanlagen und -abfälle ohne zuvor erfolgte archäologische Untersuchungen zerstört. Daß Feldkirchen im Rahmen der Produktion des Ferrum Noricum eine Rolle spielen könnte, war schon damals nicht zuletzt aufgrund entsprechender Weihe- und Grabinschriften aus der näheren Umgebung bekannt. Die forschungsgeschichtliche Entwicklung und denkmalpflegerische Situation in Feldkirchen ist Anlaß genug, nicht nur die jüngsten Grabungsergebnisse des Jahres 2000 vorzulegen, sondern ein erstes Gesamtresümee zu ziehen, das der Bedeutung dieser Siedlung in der römischen Kaiserzeit gerecht zu werden versucht. Die Identifizierung von Feldkirchen mit dem auf der Tabula Peutingeriana genannten Ort Beliandrum verleiht diesem Bemühen zusätzliche Brisanz.

Zu danken ist an dieser Stelle zunächst einmal den zahlreichen Feldkirchnern, die sich bei den Grabungen hervortaten, indem sie sich persönlich dabei engagierten. Durch das Interesse und Entgegenkommen des Bauherrn G. Dörfler wurde die Durchführung der Grabungen wesentlich erleichtert. Der Stadtgemeinde Feldkirchen, vor allem der Kulturstadträtin M. Billiani, gebührt Dank für die finanzielle und organisatorische Unterstützung. Durch den Einsatz von Herrn G. Sperl (Institut für Metallphysik der Montanuniversität Leoben) war es möglich, einige der Eisenschlacken fachmännisch zu suchen. Bei der Materialaufnahme und Anfertigung des Fundstellenverzeichnisses unterstützten uns tatkräftig A. Golznig, H. Scherr, J. Gsodam, H. Steiner und besonders H. Neuhold, Obmann des Museumsvereines Feldkirchen, sowie K. Karpf (Museum der Stadt Villach). Für wichtige Hinweise bei der Bearbeitung des latènezeitlichen und römischen Fundmaterials möchte ich mich bei H. Dolenz (Villach), Ch. Flügel (München), F. Glaser, P. Gleirscher, J. Jernej (Klagenfurt), U. Klein (Stuttgart) M. Kronberger, M. Mosser (Wien), S. Radbauer (Oberhausen), P. Ramsl (Wien), T. Schmidts (München), H. Sedlmayer (Wien), F. Ucik (Klagenfurt), G. Piccottini (Villach), W. Szaivert (Wien), R. Wedenig (Graz) und B. Ziegaus (München), herzlichst bedanken.

 
2. Das geographische Umfeld
Das Gebiet um Feldkirchen liegt im nordwestlichen Randbereich des Klagenfurter Beckens. Aus der Moränenlandschaft rund um Feldkirchen ragen einzelne, stark bewaldete Hügel, wie der Krahkogel im Westen und die Pollenitzen im Süden der heutigen Bezirksstadt, empor (Abb. 1; 11). Von enormer wirtschaftlicher Bedeutung für Feldkirchen ist der Tiebelfluß, dessen gleichmäßige Wassermengen bis in die jüngste Vergangenheit die Entwicklung von zahlreichen Gewerben, wie Mühlen und eisenverarbeitenden Betrieben, begünstigten. Die Tiebel ist auch der größte Frischwasserzubringer des rund 7 km entfernten Ossiacher Sees. Im Hügelland in der unmittelbaren Umgebung Feldkirchens gibt es zahlreiche Sumpfflächen, die größtenteils trocken gelegt wurden. Das aufwendigste derartige Unternehmen war die Entwässerung des Bleistätter Moores am Ostrand des Ossiacher Sees im Mündungsbereich der Tiebel. Das heutige Landschaftbild mit dem regulierten Flußverlauf und den zahlreichen landwirtschaftlichen Nutzflächen läßt nur mehr sehr vage Rückschlüsse zu auf die Verhältnisse in der Antike und im Mittelalter, wo die Umgebung Feldkirchens wohl stärker von feuchten, überschwemmungsgefährdeten Wiesen mit mäandrierenden Bächen geprägt war [1].
 

Abbildung 1
Blick von Osten Richtung Feldkirchen: im Zentrum der etwas erhöht gelegene Bamberger Amthof. Rechts davon die Michaelikirche, im Hintergrund der Tiffener Burgberg, wo vermutlich ein Iupiter-Heiligtum zu lokalisieren ist.

 
Feldkirchen liegt verkehrgeographisch an entscheidender Stelle (Abb. 11). Aus den inneralpinen Tälern der Obersteiermark kommend gelangt man über den Neumarkter Sattel und das Krappfeld dem oberen Glantal folgend in die Gegend von Feldkirchen. Von hier aus geht es entlang des Ossiacher Sees weiter nach Villach Richtung Italien. Dieser sogenannte "schräge Durchgang" hat zwar mittlerweile an Bedeutung verloren, war aber im Spätmittelalter und in der Neuzeit ein wichtiger Haupthandelsweg (Eisenstraße) [2]. Von dieser Route zweigte im Raum Feldkirchen eine Nord-Süd-Verbindung über die Turracher Höhe und das obere Murtal nach Salzburg ab. Andererseits besteht auch über die Moosburger Senke oder das Glantal eine einfache Anbindung an den Raum Klagenfurt bzw. nach St. Veit.  
 
3. Forschungsgeschichte

So unglaublich es auch klingen mag: Unser Wissen um das keltische und römische Feldkirchen ist beinahe ausschließlich mit den lokalen Bautätigkeiten und den damit verbundenen Zerstörungen der antiken Bausubstanz verknüpft. Neue Erkenntnisse zur Ausdehnung und Struktur der römischen Siedlung in Feldkirchen waren bisher immer eine Folge der unkontrollierten Zerstörung antiker Denkmäler, ohne daß sich bis heute jemals die Möglichkeit einer zielgerichteten, systematischen Erforschung dieses archäologisch brisanten Punktes geboten hätte.

Vor diesem Hintergrund erfolgten die ersten Entdeckungen schon im Jahre 1867 beim Ausbau des Eisenbahnnetzes (Abb. 2). Im Bereich des Bahnhofs (Fundstelle 3) konnten noch mehrere römische Grabsteine des 1. - 3. Jahrhunderts n. Chr., marmorne Grabarchitekturelemente und römische Kleinfunde geborgen werden. So findet man Feldkirchen bereits 1870 unter den von M. v. Jabornegg-Altenfels behandelten römischen Fundorten Kärntens [3]. Während in Virunum [4] und Teurnia [5], den beiden römischen Hauptorten auf Kärntner Boden, bereits in den 70-er und 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts systematische Gesamtdarstellungen und gezielte Grabungen unternommen wurden, blieb Feldkirchen abseits des altertumskundlichen Interesses. Diese Situation blieb bestehen bis in die 30-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Bei 1938 durchgeführten Straßenbauarbeiten am östlichen Ortsrand (Fundstelle 1) stieß man auf ein mittellatènezeitliches Gräberfeld sowie römische Skulptur- und Inschriftreste. Weil keine zeitgerechte Verständigung der mit der Denkmalpflege befaßten Stellen erfolgte, war es H. Dolenz unmöglich, noch ungestörte Grabinventare zu dokumentieren. Trotz der widrigen Fundumstände zählten die Feldkirchner Befunde damit zu den wichtigsten Latène-Gräberfeldern in Kärnten. Kurzfristig richtete sich auch die Aufmerksamkeit der provinzialrömischen Forschung auf Feldkirchen, als während dieser Straßenarbeiten unweit des keltischen Gräberfeldes eine Iupiter Dolichenus-Statue und eine zugehörige Weiheinschrift zum Vorschein kamen. Systematische Ausgrabungen ließen sich jedoch nicht verwirklichen.

Statt dessen setzte sich in Feldkirchen die unheilvolle Zerstörung antiker Kulturgüter fort. Obwohl die latènezeitliche Nekropole bekannt war, wurden in den Jahren 1956 und 1958 wieder Straßenbauarbeiten unmittelbar im Anschluß daran ohne archäologische Betreuung durchgeführt, denen weitere keltische Gräber und ein römischer Brunnen zum Opfer fielen (Fundstelle 2).

In den 70-er Jahren erfaßte der Bauboom auch das rechte Tiebelufer. Entlang der 10. Oktoberstraße wurde eine Reihe von Bauvorhaben durchgeführt, wobei in den folgenden Jahren immer wieder römische Keramik und Kleinfunde, kohlegeschwärzte Erde, Holzkohlenreste, Eisenschlacken, aber nur wenige antike Baureste zum Vorschein kamen (Fundstellen 7-12). Eine der traurigen Höhepunkte war sicherlich 1985 der Bau des Tiebelzentrums (Fundstelle 13), eines zentralen mehrstöckigen Wohn- und Wirtschaftsgebäudes, in Zuge dessen offenbar auch zahlreiche römische Eisenverhüttungsanlagen von den Baumaschinen zerstört wurden.

Leider gelang es auch im Anschluß daran nicht, einen archäologischen Kataster von Feldkirchen aufzubauen, um die noch verbliebenen, archäologisch brisanten Fundbereiche denkmalpflegerisch besser zu schützen. 1993 war es möglich, eine kleinere Notgrabung im Areal Duschlbaur (Fundstelle 14) einzuleiten, die reichlich Holzkohle- und Schlackenschichten mit Bruchstücken von Ofenmänteln sowie erste Erkenntnisse zum frührömischen Feldkirchen zutage brachten.

Neben Santicum, dem heutigen Villach, ist Feldkirchen kärntenweit gesehen somit ein gutes Beispiel für die Probleme, mit denen sich die Stadtarchäologie im Hinblick auf die Erforschung ehemaliger römischer Siedlungen konfrontiert sieht. Die archäologischen Denkmalpflege tut sich in diesem Umfeld sehr schwer, größere, geschlossene Siedlungsbereiche freizulegen, so daß es besonders in verbauten, städtischen Arealen um so notwendiger erscheint, jeden noch so kleinteiligen Befund zu dokumentieren, um diese vereinzelten, mühsam gewonnen Einblicke wie Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild zusammenfügen zu können.

 

 

[1] H. Paschinger, Kärnten. Eine geographische Landeskunde. II: Die Wirtschaftsräume (Klagenfurt 1979) 123 ff.
[2] M. J. Wenninger, Handel und Verkehrsentwicklung in Kärnten unter besonderer Berücksichtigung von Bergbau und Montanindustrie. In: Grubenhunt und Ofensau. Vom Reichtum der Erde. Ausstellungskat. Hüttenberg/Heft, Bd. 2 (Klagenfurt 1995) 409 f.
[3] M. v. Jabornegg-Altenfels, Kärntens römische Altertümer (Klagenfurt 1870) 161 f. Nr. 404-408.
[4] F. Pichler, Virunum (Graz 1888).
[5] F. Pichler, Studien über Teurnia. Mitt. k.k. Central-Comission N.F. 3, 1877, XCV ff. - Ders., Bericht über die von seiner Majestät dem Kaiser dotirten archäologischen Grabungen in den Gebieten von Solva und Teurnia. Sitzungsber. Österr. Akad. Wiss., philos.- histor. Kl. 91, 1878, 613 ff.

 

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