4.3. Die Ausgrabungen des Jahres 2000 im Areal Raunikar/Reßmann

 

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4.3.1. Einleitung

Als im Zuge von Bauarbeiten auf den Parz. .55/2, .55/3, .119/2 und .119/6 (KG Feldkirchen) entlang der 10. Oktoberstraße, einer archäologisch brisanten Zone in Feldkirchen, im Aushubmaterial antike Funde und reichlich Schlacken zum Vorschein kamen, wurden Herr M. Fuchs (Bundesdenkmalamt) und Herr F. Glaser (Landesmuseum für Kärnten) verständigt (Abb. 3). Die einige Jahre zuvor aufgelassene Spirituosenfabrik Raunikar und die ehemalige Reßmann-Mühle waren zum Abbruch freigegeben worden. F. Glaser besichtigte am 26. Mai die Baugrube und stellte fest, daß man die genannten Gebäude bereits abgetragen hatte und daß das Gelände für die weiteren Bauvorhaben schon eingeebnet, teilweise sogar etwas abgetieft worden war. Am Nord- und Südrand des für die Bebauung vorgesehenen Areals konnte er offenbar Kulturschichten in Form von schwarzbrauner Erde, die auch bei benachbarten archäologischen Fundstellen immer wieder aufgetreten war, beobachten. Über das gesamte Gelände verstreut fanden sich Eisenschlacken und römische sowie nachantike Keramikfunde. Aufgrund des einplanierten Bauschutts war es jedoch unmöglich abzuschätzen, in welcher Form und in welchem Ausmaß noch römische Baureste zu erwarten wären.

Daraufhin kontaktierte F. Glaser die "Archäologieland Kärnten GmbH" und bat um Unterstützung für eine kurzfristig anberaumte Notgrabung, um zumindest diese vielversprechenden Fundbereiche vor der endgültigen Zerstörung zu untersuchen. Die "Archäologieland Kärnten GmbH" erklärte sich einverstanden, von den im Amphitheater in Virunum bereits angelaufenen Ausgrabungen kostenneutral Arbeitskräfte, Ausrüstung und Transportmittel bereitzustellen. Dies war allerdings organisatorisch und finanziell nur für einen beschränkten Zeitraum möglich, weil in Virunum die Ausgrabungen erst in einem weniger arbeitsintensiven Anfangsstadium steckten. Mit einem Team, das neben dem Verf. noch Herrn A. Galik und drei Arbeitskräfte, die alle aus Virunum abgezogen wurden, umfaßte, wurde im Zeitraum vom 29. Mai bis 5. Juni eine fünftägige Notgrabung durchgeführt.

 
Abbildung 3
Feldkirchen: archäologische Fundstellen im Umfeld des Raunikar-Areals.
   

Das Geländerelief im Umfeld der Grabung ist durch ein stetiges West-Ost-Gefälle Richtung Tiebelfluß gekennzeichnet, der sich die 10. Oktoberstraße, die Hauptachse des heutigen Feldkirchen, anpaßt (Abb. 3). Jenseits der Oberen Tiebelgasse begrenzte die regulierte Tiebel die Grabungsfläche nach Osten. Bei der Grabung wurden nach Osten abrupt abfallende Schotterstraten angeschnitten, bei denen es sich wahrscheinlich um die Böschungshänge des alten Flußbetts handelte. Von Norden nach Süden war in der Antike die Hangneigung mit durchschnittlich 1,50 m auf der gesamten Länge des Baugeländes deutlich geringer.

Das westliche Drittel der Baufläche erschien archäologisch weniger interessant, weil hier die Keller- und Lagerräume der Raunikar-Fabrik lagen, deren Außenmauern noch zur höher gelegenen Bräuhausgasse größtenteils aufrecht standen. In den Randbereichen der Bauparzellen wurden an vier Stellen - ausgerichtet auf die Beobachtungen von F. Glaser und Frau A. Golznig (Feldkirchen) - mehrere Grabungsschnitte angelegt (Abb. 3). In der Südhälfte der Parz. .55/2 war ebenfalls außergewöhnlich kohlehaltiges Erdmaterial zu sehen. Dank dem Engagement freiwilliger Mitarbeiter aus Feldkirchen konnten mehrere Mauerzüge freigelegt werden, die in Übereinstimmung mit einem Bauplan aus dem Jahre 1949 als Grundmauerreste der alten Raunikar-Fabrik identifiziert werden konnten.

 
4.3.2. Grabungsergebnisse


4.3.2.1. Areal I (Südschnitt)

Am Südrand der Parz. .55/2 wurde der zur heutigen Bahnhofstraße angeböschte Bauschutt händisch beseitigt und auf einer Länge von 6,80 m ein 1m breiter Schnitt angelegt (Abb. 3). Ziel des Schnitts war die Klärung der Stratigraphie unter der heutigen Bahnhofsstraße, wo zu erwarten war, daß die intakten Schichten noch deutlich höher anstehen als in dem bereits gestörten Bereich der Baufläche. Die im Profil Abb. 4 dokumentierten Schichten 1-10 setzten sich unter der heutigen Bahnhofstraße weiter Richtung Süden fort, ohne daß sie in der Fläche erfaßt werden konnten.

Die Sondage wurde unmittelbar an der südlichen Grundstücksgrenze in der Flucht der ehemaligen Südmauer des Raunikar-Gebäudes angelegt. Vom heutigen Straßenniveau (542,95 m ü. NN) wurde bis auf 541,69 m ü. NN abgetieft, ohne den anstehenden Boden zu erreichen.
Die aufgehenden Reste der Südmauer wurden noch westlich des Schnittes zu sehen (Abb. 4). Die untersten Fundamentreste der alten W-O streichenden Mauer konnten noch im Westteil des Schnitts beobachtet werden. Im Profil war deutlich eine Störung in Form einer modernen Künette zu beobachten (Schicht 5), in der ein Abwasserrohr aus Baukeramik verlegt war.
Unter dem heutigen Straßenpflaster erstreckte sich noch ein älterer Asphalt, den man über einer bis zu 34 cm mächtigen Aufschüttung (Schicht 4) aufgetragen hatte. Im Zusammenhang mit dieser Straßenbaumaßnahme war auch das Abwasserrohr verlegt worden.
Es folgten mehrere Kulturschichten unterschiedlicher Konsistenz, die jedoch mangels stratifizierter Funde chronologisch nicht verläßlich einzuordnen sind. Im umgelagerten Material des Fundamentgrabens der Südmauer des Raunikar-Gebäudes kam neben einigen Tierresten und einem bronzener Fingerring unsicherer Zeitstellung (Taf. 8,4) ein frühkaiserzeitlicher Auerbergtopf (Taf. 14,100) zum Vorschein.

 
Abbildung 4
Feldkirchen-Raunikar: Areal I, Südprofil.
   

Ein Niveauausgleich erfolgte durch graubraunen sandigen Lehm (Schicht 13), wobei unklar bleibt, ob dieses Stratum intentionell angeschüttet wurde oder sich im Laufe der Zeit aufgrund von beständiger Materialablagerung ansammelte. Bei der darüber lagernden, teils sehr homogenen, schwarzbraunen lehmigen Erde, die stellenweise mit Holzkohle, etwas Ziegelsplitt und einigen Linsen von verbranntem Lehm und Mörtel durchsetzt war (Schichten 6-6a) handelt es sich ohne Zweifel um eine Kulturschicht. Ihre Entstehungszeit muß offen bleiben.

Im Gegensatz zu den jüngsten nivellierenden Anschüttungen (Schicht 4 und wohl auch Schichten 7, 13-14) fielen die älteren Straten der allgemeinen Geländeneigung entsprechend deutlicher von West nach Ost ab (vor allem Schichten 8-9 und 15). Dies betraf besonders eine hellbraune Lehmschicht (Schicht 9 und 15), die an der Oberfläche eine bis zu 3 cm dicke Brandschicht aufwies. Dabei könnte es sich durchaus um ein Außenniveau gehandelt haben. Diese Interpretation ist auch für die darunterliegende Lehmschicht 15a in Betracht zu ziehen. Die zuunterst angeschnittene Schicht 11, deren Unterkante nicht erreicht wurde, bestand aus graubraunem, etwas sandigem Lehm mit reichlich Steinen und Mörtelgrieß sowie etwas Ziegelsplitt: eventuell umgelagerte Überreste eines Gebäudes. Sie enthielt darüber hinaus eine geringe Anzahl an Eisenschlacken, einige Tierknochen und Wandscherben von römischen Amphoren.

4.3.2.2. Areal II (Südostschnitt)

Hier mußte wie im Südschnitt zuerst der gegen die Grundstücksgrenze anplanierte Bauschutt händisch beiseite geschafft werden. Darunter kamen sehr bald mehrere alternierende Schichtpakete von braunem sandigem Lehm bis graubraunem, schottrigem Lehm zutage, die von 542,01 m ü. NN bis auf eine Tiefe von 541,34 m ü. NN abgetragen wurden. Offensichtlich handelte es sich bei diesen sterilen Straten um den "gewachsenen Boden", der nach Osten zum Tiebelbett hin deutlich absank. Nachdem sich in diesem Areal abzeichnete, daß keine Baustrukturen abzusehen sind, wurden die Grabungen in diesem Bereich eingestellt.

4.3.2.3. Areal III (Nordostschnitt)

Im Nordosten des für die Bebauung vorgesehenen Bereichs konnte eine Fläche von 3,0 x 3,50 m südlich der Mauer M7, die noch zur ehemaligen Reßmann-Mühle gehörte, untersucht werden. Nach dem Abtragen von modernem Bauschutt und lockerer schwarzer Erde, die wenige Fragmente neuzeitlicher Keramik enthielten, stießen wir auf mehrere Mauerzüge.
Die einen rechten Winkel bildenden Mauern M4 und M5 waren noch ein bis vier Steinscharen hoch erhalten. Die aus Roll- und Schieferbruchsteinen gebauten Trockenmauern mit Lehmbindung wird man zwar als gleichzeitig einstufen können. Ein plausibler Datierungsansatz ergab sich jedoch nicht. M4 und die dieselbe Flucht aufnehmende Mauer M3 saßen auf einer kompakten, schwarzen Erd- und Schlackenschicht, die sich südlich der beiden Mauern fortsetzte, jedoch kein datierendes Fundmaterial enthielt. Die Mächtigkeit dieser Schicht konnte hier nicht geklärt werden.

 
Abbildung 5
Feldkirchen-Raunikar: Areal III.
   

Die noch erhalten gebliebenen zwei bis drei Steinscharen von Mauer M3 (Breite: rund 0,70 m) waren mit einem gelblichen Kalkmörtel gebunden, der eine vergleichbare Konsistenz aufwies wie das Bindemittel der römischen Südmauer M2 im Nordschnitt (vgl. unten). Nördlich von M3 fand sich in dieser asche- und schlackenhaltigen Schicht eine römische Münze (As der Lucilla/Crispina? - vgl. Kap. 4.4.2.4 Nr. 8) unter der Fundament-Unterkante, die zumindest einen Terminus post quem für die Entstehung von M3 abgibt. Obwohl kein weiteres stratifiziertes, aussagekräftiges Fundmaterial geborgen werden konnte, möchte man Mauer M3 am ehesten in die römische Kaiserzeit datieren.

Nicht näher interpretiert werden kann Steinlage M6, eine Anhäufung von mehreren, teilweise rot verbrannten Schieferbruchsteinen ohne Mörtelbindung, die in Südwest-Nordost-Richtung, teils schräg gestellt, geschichtet waren und in das Nordprofil hineinzogen (erhaltene Höhe: 541,93 m ü. NN). Auf diesen Befund nahm sowohl westlich als auch östlich von M6 ein fettes, hellbraunes Lehmniveau (541,72 m ü. NN) Bezug, das an der Oberfläche manchmal verziegelt oder mit Asche bedeckt war. Darüber lagerte die bereits genannte schwarze Erde mit Asche und Schlacken.

4.3.2.4. Areal IV (Nordschnitt)

Im Norden der Parzelle mußte ebenfalls zuerst eine große Menge an modernem Bauschutt beiseite geschafft werden, der aber bereits ein Tubulusfragment und eine Wandscherbe einer Amphore enthielt. Beim weiteren Abtiefen kam dann bald auf einer ergrabenen Fläche von knapp 7 x 5 m der Südteil eines hypokaustierten Gebäudes zum Vorschein. Erhalten waren noch die Fundamentreste der Ostmauer M1 und von einem Großteil der Südmauer M2 sowie zwei Reihen à fünf Hypokaustpfeiler P1-P10, während im Bereich der Westmauer nur mehr der Fundamentgraben einer bereits abgerissenen Innenmauer des Raunikar-Gebäudes zu beobachten war, den man im Zuge der laufenden Bauarbeiten vor allem mit modernem Bauschutt zuplaniert hatte. Auch ein Teil des südlich angebauten Präfurniums war diesen Baumaßnahmen schon zum Opfer gefallen.

 
Abbildung 6
Feldkirchen-Raunikar: Areal IV.
   

Die Untersuchungen des Präfurniums und der Südmauer M2 ergaben, daß das Gebäude zumindest als zweiphasig anzusehen ist. Dem ältesten Bauzustand sind die 0,80-1,0 m breite Ostmauer M1 und eine ältere Südmauer zuzuordnen, wobei von letzterer nur Ausschnitte im Bereich des später eingebauten Schürkanals freigelegt werden konnten (Abb. 6-7). Es handelte sich um regelmäßig gesetzte Zweischalenmauern aus mit Kalkmörtel gebundenen Roll- und Schieferbruchsteinen. Bei einem 40 cm breiten Schnitt gegen die Außenflucht von M2, der erst nach dem Einsatz eines Baggers gegen Ende der Notgrabung ermöglicht wurde, konnte die Fundamentunterkante bei 541,82 m ü. NN erreicht werden.

Die Südmauer wurde in der Folge bis in die Fundamente abgetragen und durch die breitere Mauer M2 überbaut, von der sich nur noch eine Steinschar erhalten hatte. Die neu aufgezogene Mauer M2 bestand aus anderem Steinmaterial (größere Rollsteine), war unregelmäßiger gesetzt und besaß zudem mit einer Fundamentstärke von 0,95-1,10 m eine deutlich größere Mauerbreite, so daß sie über die ältere Südmauer hinauskragte. Wohl gleichzeitig war außerhalb des Gebäudes schottriges Material angeschüttet worden, auf dem die vorkragenden Partien der neuen Südmauer auflagen. Die neue Südmauer M2 setzte in Fuge an M1 an.

Anlaß des Umbaus dürfte die Ausstattung des Raumes mit einer Hypokaustheizung gewesen sein, wobei das Präfurnium mit dem Schürkanal in die Südmauer M2 integriert wurde (Abb. 8). Um den Schürkanal einzuziehen, wurde die ältere Südmauer bis auf ein Niveau von 542,33 m ü. NN einfach durchbrochen. Die rot angeglühten Wangen des Schürkanals waren im Bereich dieses Durchbruchs folglich nicht geradlinig abgemauert, ganz im Gegensatz zur jüngeren Überbauung M2, die ebenfalls stellenweise Brandspuren aufwies und mit einem Mauerhaupt abschloß.

 
Abbildung 7
Feldkirchen-Raunikar: Areal IV, hypokaustiertes Gebäude von Nordwesten.
   
Abbildung 8
Feldkirchen-Raunikar: Areal IV, Präfurnium von Süden.
   
Abbildung 9
Feldkirchen-Raunikar: Areal IV, Nordprofil. - 1 kompakter hellgraubrauner Lehm. - 2 Schotter. - 3 Eisenschlacken und Ofenmantelreste. - 4 Westmauer des römischen Gebäudes. - 5 Bausubstanz der Raunikar-Fabrik.
   

Südlich von M2 ließ sich ein Mörtelniveau mit Verputzresten und Steinen nachweisen (542,23 m ü. NN). Es dürfte sich um den Abbruchschutt der älteren Südmauer handeln, denn die westliche der beiden Präfurniumsmauern war auf dieses Stratum gebaut. Die 0,50-0,70 m breiten Präfurniumsmauern waren mit Lehm gebunden und begrenzten ursprünglich die Bedienungsgrube der Heizanlage, deren Südende sich aufgrund einer modernen Störung nicht mehr ermitteln ließ.
Wegen der vorangegangen unkontrollierten Bauarbeiten waren die Chancen gering, im unmittelbaren Anschluß an das hypokaustierte Gebäude ein zugehöriges Außenniveau zu finden. Nur in der Nordwestecke des Nordschnitts erhielt sich noch auf einer Fläche von rund 0,50 x 0,60 m ein hellbraunes verbranntes Lehmniveau, das dementsprechend interpretiert werden könnte.

Im Inneren des Raums waren noch zehn Hypokaustpfeiler vorhanden, die bis zu einer Höhe von 0,54 m über dem Niveau des gemörtelten Unterbodens (542,43 m ü. NN) aufrecht standen. Die unterschiedlich großen, in der Grundfläche bis zu 40 x 40 cm messenden Pfeiler P1-P10 bestanden aus Schieferbruchsteinen mit Kalkmörtelbindung. Im Präfurnium sowie im Schürkanal fanden sich noch Reste von mindestens einem Benutzungshorizont, von dem aus die Anlage beheizt wurde: ein fetter hellbrauner Lehm (542,60 m ü. NN), der an der Oberfläche zumeist verziegelt war und Aschenflecke aufwies. Der Lehm, der die abgebrochene ältere Südmauer überlagerte, setzte sich im Hypokaustum zwischen den Pfeilern P3-P8-P9 fort. Beim Abtragen des Lehms im Rauminneren stellte es sich heraus, daß mehrere Bänder von braunem, teilweise verziegeltem Lehm, Asche und brauner Erde aufgebracht worden waren. Dies war deswegen geschehen, weil zwischen den Hypokaustpfeilern P3-P4-P8-P9 der Unterboden herausgebrochen worden war, so daß man die Rollierung zu sehen bekam, deren Unterkante bei 542,08 m ü. NN lag. Diese mehrmaligen Ausbesserungsarbeiten gehen möglicherweise auf Verschleißerscheinungen in diesem Bereich der Fußbodenheizung zurück, da hier die mit Abstand größte Hitze herrschte. Bei der Ausgrabung wurde davon Abstand genommen, den Unterboden abzutragen, weil bis zum Ende der Untersuchungen noch nicht feststand, ob bzw. in welchem Ausmaß der Befund konserviert wird.

Im Inneren des hypokaustierten Raums konnten zwei Verfüllschichten unterschieden werden, die bereits mit der Aufgabe und dem Verfall des Bauwerks zusammenhängen. Unmittelbar auf dem Unterboden lag eine durchschnittlich 15-20 cm mächtige, schwarze, holzkohlehaltige Erde, die zahlreiche Tierreste, einige Glasgefäß- und Keramikfragmente, mehrere Beinnadeln sowie etwas Schlacke enthielt (Fbl.Nr. FE00/12 + FE00/16). Die obere Verfüllschicht, die bis zur erhaltenen Höhe der Hypokaustpfeiler reichte, bestand aus schwarzbrauner Erde mit reichlich Mörtelgrieß, vereinzelten Tubulifragmenten und Schieferplattenbruchstücken (Fbl.Nr. FE00/15).
Die Schieferplatten, von denen mehrere Fragmente noch in Versturzlage angetroffen wurden, waren sicherlich einst Teile der Suspensur. Im Hinblick auf die Höhe des ursprünglichen Fußbodens sowie der einstigen Innenausstattung ließen sich keine sicheren Hinweise ausmachen. Nur ein kleines rotes Wandmalereibruchstück kam in der Verfüllung des Hypokaustum zum Vorschein. An Ziegeln fanden sich zwar reichlich Tubuli, jedoch keine Imbrices und bloß zwei Tegulae. Trotzdem ist es vorstellbar, daß das Gebäude mit Dachziegeln gedeckt war, die man eventuell nach dem Auflassen des Baus an anderer Stelle wiederverwendete. Unsicher bleibt auch, ob der Hypokaustraum mit Glasfenstern versehen war, denn es kam nur eine bescheidene Menge an Fensterglas zutage (Taf. 9,24).

Nach dem Ende der eigentlichen Grabung stand am 14. Juni kurzfristig ein Bagger zur Verfügung, mit dessen Hilfe die Grabungsfläche geringfügig nach Süden erweitert und abgetieft wurde. Überraschenderweise zeigte sich, daß offenbar das gesamte Gebäude auf eine mächtige Schlackenschicht aufgesetzt worden war, deren Unterkante jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht ergraben werden konnte. Aus der damals bis zu einer Tiefe von etwa 30-50 cm freigelegten schwarzbraunen, schlackenhaltigen Schicht konnten zahlreiche Proben eingesammelt werden.

In der Folge nahm der Verf. mit Herrn G. Sperl (Montanuniversität Leoben) Kontakt auf, um gemeinsam mit ihm am 5. August einen Lokalaugenschein durchzuführen. Dabei wurden weitere Schlackenproben entnommen. Mit dem Fortschreiten der Bauarbeiten wurde das Gelände auch im Nordteil der Parzelle weiter abgetragen und das römische Gebäude weitgehend entfernt. Erhalten blieben nur die nördliche Hypokaustpfeilerreihe und der im Profil steckende Ansatz der Ostmauer. Die weitere, unkontrolliert durchgeführte Materialentnahme hatte wenigstens eine positive Begleiterscheinung. Es entstand dadurch ein West-Ost-Schnitt durch das Gelände einschließlich des hypokaustierten Raums, den der Verf. am 15. August fotografisch dokumentieren konnte (Abb. 9).

Die Aushubarbeiten waren bis auf eine Tiefe von 541,27 m ü. NN fortgeschritten und erlaubten somit einen umfassenderen Überblick über die stratigraphische Situation im Bereich des ehemaligen Nordschnitts. Im Profil waren jetzt auch noch die letzten Fundamentreste der römischen Westmauer zu sehen, die von einer ehemaligen Nord-Süd-Mauer des Raunikar-Gebäudes überbaut worden war. Westlich des Schürkanals befanden sich also nur mehr zwei Hypokaustpfeiler pro Reihe, so daß sich eine Raumbreite von 3,90 m rekonstruieren läßt.
Besonders aufschlußreich war der Schichtverlauf westlich des römischen Gebäudes (Abb. 9). Der anstehende Boden, ein kompakter hellgraubrauner Lehm, wies in diesem kurzem Abschnitt ein West-Ost-Gefälle von rund 0,57 m auf (von 542,34 m bis 541,77 m ü. NN). Darauf lagerte in einer Stärke bis zu 0,60 m recht homogener Schotter, der ebenfalls nach Osten hin abgeböscht war und im Bereich der römischen Westmauer ausdünnte. Diese Situation erinnerte an die geologischen Verhältnisse im Südostschnitt, wo auch mehrere sterile Lehm-Schotter-Schichten nach Osten hin Richtung Tiebelfluß abfielen.
Im Gegensatz aber zum Südostschnitt war am Nordrand des Raunikar-Areals die Senke mit Schlacken aufgefüllt worden. Dabei wurde ein Niveauunterschied von etwa 1,25 m ausgeglichen: von 541,77 m ü. NN im Bereich unter der römischen Westmauer bis ca. auf eine Höhe von 543,02 m ü. NN drei Meter westlich davon. Dieses Niveau korrespondierte mit dem bei der Grabung nordwestlich des Hypokaustraums festgestellten zugehörigem Außenniveau (542,98 m ü. NN). In diese aufgeschüttete Schlackenhalde war das römische Gebäude hineingesetzt worden.

4.3.2.5. Zusammenfassende Auswertung

Bei den zwischen 29. Mai und 5. Juni durchgeführten Notgrabungen auf dem Raunikar-Reßmann-Areal konnten erstmals in Feldkirchen zusammenhängende römische Baubefunde untersucht werden. Am Nordrand der Parz. .55/2 traten die Reste eines römischen Gebäudes mit Fußbodenheizung zutage (Abb. 6-7), von dem noch die Ost-, Süd- und Westmauer sowie im Inneren des 3,90 m breiten Raumes zwei Reihen zu je fünf Hypokaustpfeiler und ein südlich angebautes Präfurnium erhalten waren. Das römische Gebäude, das ursprünglich - soweit ergraben - keine Fußbodenheizung besessen hatte, sondern erst in einer späteren Bauperiode mit einem Hypokaustum ausgestattet worden war, setzte sich nach Norden, unter die heutige 10. Oktoberstraße hinein laufend, fort.

Das Gebäude dürfte noch im 1. Jahrhundert n. Chr. errichtet worden sein, eine genauere Datierung der Entstehungszeit verbietet sich jedoch, da die Fundamente in eine mächtige Eisenschlackenschicht eingetieft worden waren, die abgesehen von wenigen Fragmenten römischer Gebrauchskeramik keine näheren chronologischen Anhaltspunkte bot. Stehen für die Erbauungszeit des römischen Gebäudes somit keine stratifizierten Fundensembles zur Verfügung, so datieren die ältesten Funde aus dem Raunikar-Areal (italische Terra Sigillata im Service II) bereits in die mittel- bis spätaugusteische Epoche, also in einen Zeitraum knapp nach der römischen Okkupation 15 v. Chr. Das Auflassen des römischen Gebäudes kann über die Funde aus den Verfüllschichten des Hypokaustraumes etwa in das fortgeschrittene 3./frühere 4. Jh. n. Chr. gesetzt werden. Allerdings sind in diesen Straten ebenfalls nur wenige feinchronologisch relevante Fundobjekte vertreten.
Der Grundriß und die Innenausstattung des Bauwerks sind leider nicht signifikant genug, um die genauere Funktion des Gebäudes zu präzisieren. Diesbezüglich wäre es auch hilfreich, mehr über das unmittelbare archäologische Umfeld Bescheid zu wissen (Abb. 3) - ein Wunsch, der dazu Anlaß geben sollte, bei zukünftigen Bauvorhaben auch auf den ersten Blick "unwichtig" erscheinende archäologische Relikte wenn nicht zu erhalten, so doch bestmöglich zu dokumentieren.

Die Grabungen im Raunikar-Reßmann-Areal zeigten ferner, daß das römische Gebäude erst errichtet worden war, nachdem man eine große Menge an Eisenschlacken anplaniert hatte. Das Gelände fiel nämlich nach Osten zur Tiebel hin steiler ab und wurde offenbar schon vor der römischen Bebauung zur Entsorgung von bei der Eisenherstellung anfallenden Produktionsabfällen genutzt. Es war dies nicht das erste Mal, daß bei Grabungen in Feldkirchen antike "Schlackenschichten" ans Tageslicht kamen. Die archäologischen Ergebnisse der Raunikar-Grabungen in Verbindung mit den im Anschluß daran erfolgten metallurgischen Untersuchungen ließen es notwendig erscheinen, sämtliche Beobachtungen von Eisenproduktions- und Eisenverarbeitungsrückständen in Feldkirchen zusammenzufassen und in einen entsprechenden archäologischen und epigraphischen Kontext zu stellen (vgl. Kap. 5.2).

 


 

 

© Christian Gugl 2001 - http://members.aon.at/ch.gugl/