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5. Überlegungen zur Struktur, Funktion und Entwicklung der Siedlung |
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Die
Belegung des Gräberfeldes fällt in die Stufen LT C1 und C2. Manche Formen
- vor allem manche Schalen, eventuell auch die Bronzefibel (Taf. 1,1)
- können auch noch in die beginnende Spätlatènezeit hineinreichen, jedoch
sind keine zwingend nach LT D zu datierenden Funde aus dieser Nekropole
bekannt. Die keltische Siedlung dürfte deshalb wohl eher etwas abseits des späteren römischen Ortes gelegen haben. H. Dolenz vermutete sie im Bereich der höher gelegenen Teile der Stadt, also etwa in der Umgebung des Bamberger Amthofes, oder auf den Hängen hinter dem Bahnhof (Abb. 2) [62]. Sucht man in dieser Richtung weiter, käme auch eine keltische Höhensiedlung auf der Pollenitzen in Frage, einem 767 m hohen Hügel, der jedoch schon ca. 1,5 km südlich des Gräberfeldes liegt (Abb. 11). An den Abhängen lassen sich Abbauspuren von ehemaligen Schiefer- und Kalksteinbrüchen feststellen. Auf der südlichen Hochfläche des Pollanitzberges wurden im 19. Jahrhundert Gräber mit Tongefäßen, einem Bronzefigürchen, einem eisernen Helm und zwei Schwertern gefunden [63], über die wir aber keine näheren Angaben besitzen. Auf der Westkuppe der Pollenitzen beobachtete P. S. Leber in den 50-er Jahren eine rund 430 m lange Ringwallanlage ungeklärter Zeitstellung, deren genauer Verlauf bzw. deren tatsächliche Existenz (!) sich heute kaum noch nachvollziehen läßt [64]. Der Krahkogel ist als zugehöriger Siedlungsplatz nicht zuletzt aufgrund der großen Entfernung sicher auszuscheiden (Abb. 11). Am knapp 4 km westlich der Tiebel gelegenen, 790 m hohen Krahkogel sind zwar Hallstattfunde aufgetreten. Ebenso beschreiben E. Simbriger und F. X. Kohla urgeschichtliche Wallanlagen und Zugänge [65], jedoch sind jüngereisenzeitliche Siedlungsreste und Funde bisher unbekannt. Allerdings sollen in Krahberg, an den entfernteren, östlichen Ausläufern des Krahkogels, im Jahre 1911 bei Arbeiten für eine Wasserleitung Keramikbeigaben aus einem keltisch-römischen Brandgrab geborgen worden sein, die eine Schiefwandschale mit Standring mediterraner Formgebung, mehrere flache Teller mit steilem Standfuß, eine Dreifußschüssel und einem schlauchförmigen Topf umfaßten (Abb. 11 Nr. 70) [66]. Dieses Ensemble ist frühestens in eine Endphase von LT D2 zu setzen. |
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11 Archäologische Fundstellen im Umland von Feldkirchen. - Die Nummern beziehen sich auf Piccottini/Wappis 1989. |
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Siedlungsfunde
aus der Mittel- und Spätlatènezeit (LT C1-D2) sind nicht nur im gesamten
Stadtgebiet, sondern auch im restlichen Feldkirchner Talkessel unbekannt.
Nicht zuletzt auch aus diesem Grund ist es derzeit nicht möglich, die
Bedeutung der keltischen Siedlung in Feldkirchen auf regionaler Ebene
besser einzuschätzen. Daß unter den Bestatteten der Feldkirchner Latène-Gräber
durchaus Männer mit gehobenem sozialem Status anzutreffen sind, belegen
die vier intentionell verbogenen Eisenschwerter, in einem Fall mit einer
reich verzierten Schwertscheide, weiters die Gürtelgarnituren und die
Lanzenspitze, die alle aus Kriegergräbern stammen. Nicht mehr zu halten ist die in der älteren Forschung vertretene Ansicht, daß nördlich des Wörthersees und vor allem in der Gegend um Tigring der keltische Stamm der Elveti zu lokalisieren ist, der auf den zwischen 11 und 2 v. Chr. am Magdalensberg aufgestellten, marmornen Ehreninschriften als letzter von insgesamt acht norischen Stämmen genannt wird [68]. Dabei versuchte R. Egger einen Zusammenhang zwischen dem modernen Ortsnamen Tigring (9 km südöstlich von Feldkirchen) und dem bei Cäsar erwähnten pagus Tigurinus der im Schweizer Voralpenland angesiedelten Helvetier zu konstruieren [69], wobei im Zuge der Wanderbewegungen keltischer und germanischer Stämme am Ausgang des 2. Jahrhunderts v. Chr. Teile der Helvetier sich hier in Kärnten niedergelassen hätten. Die in Feldkirchen kurz zuvor aufgedeckte latènezeitliche Nekropole wertete H. Vetters folglich als Begräbnisplatz der am Magdalensberg aufgelisteten Elveti [70]. Dem hat schon G. Alföldy mit guten Argumenten widersprochen [71], der den Feldkirchner Talkessel geschlossen zum Siedlungsgebiet der zentralkärntner Norici rechnete und für die Elveti - als Nachbarn der im Salzburger Pinzgau angesiedelten Ambisontes - entweder das obere Murtal oder das untere Salzachtal mit Vorbehalten in Erwägung zog. Es wäre auch kaum verständlich, daß die Norici den erst später sich hier niederlassenden Stamm der Elveti ausgerechnet die Gebiete um Feldkirchen als Siedlungsplätze zur Verfügung stellten - eine Region, die in der römischen Kaiserzeit eine wichtige Rolle in der Eisengewinnung spielen sollte. |
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| 5.2. Die römische Siedlung Feldkirchen als ein Zentrum norischer Eisenverhüttung | ||||||
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Die acht Grabsteine aus dem Umfeld des Bahnhofs decken eine Zeitspanne vom 1. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. ab. Die Grabinschriften Nr. 2 (Barbia Attica), Nr. 3 (Valerius Secundus und Primula Viva), Nr. 11 (Probina und Iuventinus) und Nr. 12 (Pervinca und Decoratus) sind aufgrund der Formel "Dis Manibus" wohl frühestens in flavisch-trajanische Zeit zu setzen. Die jüngsten Grabinschriften datieren in das ausgehende 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr.: zunächst der Grabstein des Aurelius Tertius und des Legionssoldaten Aurelius Tertianus (Nr. 1) sowie der Familiengrabstein für Aurelia Sura, Aurelius Tricco und Aurelius Ursus mit unbekannter Fundstelle (Nr. 8). Zu den ältesten aus Feldkirchen bekannten Grabmonumenten zählt die Stele des A. Terentius Felix und seiner Frau Fusca (vgl. Kap. 4.4.2.6 Nr. 13), dessen Gliederung, Dekor und Schriftbild mit Grabdenkmälern in Oberitalien und dem Magdalensberg verglichen werden kann und eine Datierung in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. nahelegt [72]. Erstaunlicherweise sind mit Ausnahme der in der Stadtpfarrkirche eingemauerten Greifdarstellung (vgl. Kap. 4.4.2.5 Nr. 3) bisher Grabreliefs, die im Territorium von Virunum ansonsten recht gängig sind und auch in der Umgebung von Feldkirchen auftreten, im eigentlichen Siedlungsbereich nicht zum Vorschein gekommen. Für die Lokalisierung eines Herkulesheiligtums im römischen Feldkirchen ist der in der Stadtpfarrkirche eingemauerte, noch 0,82 m große Marmortorso nicht geeignet, da seine genaue Herkunft nicht feststeht. Gesichert ist hingegen die Verehrung des Iupiter Dolichenus in Feldkirchen. Im Bereich der Latène-Nekropole (Fundstelle 1) wurden nicht weit voneinander entfernt ein marmorner Torso eines Iupiter Dolichenus (vgl. Kap. 4.4.2.5 Nr. 2) und eine wohl für IOM Dolichenus bestimmte Weiheinschrift des C. M(-) Peregrinus, der in einer ala Augusta II Dienst tat, gefunden (vgl. Kap. 4.4.2.6 Nr. 9). Obwohl keine eindeutigen Baubefunde zu beobachten waren, sprechen beide Denkmäler doch dafür, in dieser Geländesenke zwischen dem römischen Gräberfeld und der Tiebel ein Heiligtum für den aus Syrien stammenden Mysterienkult anzunehmen. Iupiter Dolichenus bleibt vorerst allerdings die einzige in Feldkirchen nachweisbar verehrte römische Gottheit. Von einem öffentlichen Gebäude könnte ein Inschriftfragment (vgl. Kap. 4.4.2.6 Nr. 10) stammen, das 1950 als Teil der Eingangschwelle zum Karner der Pfarrkirche gefunden wurde. Ob in der letzten Zeile mit dem Namensrest [P]OMPEIANO tatsächlich der im früheren 3. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesene Konsul gemeint ist, der nach einer Ergänzung von P. Leber dann gemeinsam mit seinem Amtskollegen Avitus die Errichtung eines Gebäudes in Feldkirchen leitete, ist mehr als fraglich. P. Leber dachte deshalb alternativ auch an einen Grabbau, der von einem Pompeianus, einem Mann mit durchaus verbreitetem Namen, hergestellt worden war [73]. Die Inschrift könnte aber auch an einem Heiligtum angebracht gewesen sein, wie wir es beispielsweise vom Mooshamer Mithräum kennen [74]. Das aus Feldkirchen vorliegende epigraphische Material wirft doch ein aufschlußreiches Schlaglicht auf die Sozialstruktur der Bevölkerung. Obilia Attonis (Nr. 5), Mogetius (Nr. 6) und Tricco (Nr. 8) tragen keltische Namen, bei dem einen oder anderen wird es sich sicherlich um eine(n) einheimische(n) Noriker(in) handeln. Vermutlich aus der Gegend stammende Peregrine mit römischen Namen sind beispielsweise mit Pervinca und Decoratus (Nr. 11) sowie Cupitus und Maturus (Nr. 4) belegt. Barbia Attica auf der Grabischrift Nr. 2 dürfte eine Freigelassene der Barbii sein, einer aus Aquileia stammenden Familie, die sich besonders in der frühen Kaiserzeit auf wirtschaftlichem Sektor intensiv in Südnoricum engagierte. Bei Aurelius Tertianus denkt man an einen Soldaten, der offenbar während seines Dienstes bei der legio II Italica in Feldkirchen verstarb und beigesetzt wurde. C. M(-) Peregrinus, Angehöriger einer Reitereinheit, stiftete dem Iupiter Dolichenus eine Weiheinschrift (Nr. 9). Das erstaunlich vielfältige Inschriftenspektrum aus Feldkirchen würde sicher eine ausführlichere Behandlung verdienen, doch selbst bei unserem kurzen Überblick dürfte schon klar werden, wie facettenreichen die soziale Schichtung der Bevölkerung des römischen Feldkirchen einst gewesen ist. Derzeit
erscheint es noch nicht möglich, die Ausdehnung der Siedlung zufriedenstellend
einzugrenzen (Abb. 2).
Zu willkürlich sind beim momentanen Forschungsstand die archäologischen
Aufschlüsse, die letztlich vollkommen von der Konzentration der örtlichen
Bauvorhaben abhängen. Einige Siedlungsschwerpunkte geben sich jedoch schon
ansatzweise zu erkennen, wobei der Nachweis von tatsächlichen Wohnbereichen
ohne entsprechende großflächig ergrabene Gebäudestrukturen ungleich schwerer
zu führen ist als die Identifizierung von gewerblich genutzten Arealen,
die anhand von Produktions- bzw. Verarbeitungsabfällen unproblematischer
erscheint. Wie umfangreich diese Schlackenhalden nun tatsächlich waren, läßt sich wegen fehlender systematischer Untersuchungen (Grabungen, Bohrungen) kaum mehr feststellen. H. Huber stellte beim Bau des Tiebelzentrums Berechnungen über die Gesamtmenge der Eisenschlackenschichten an und kam auf eine Kubatur von etwa 5000 m³. Er ging von einer Fläche von ca. 55 x 30 m aus, wobei äußerst fraglich ist, ob die schlackenhaltigen Schichten tatsächlich eine Stärke von 3 m besaßen [76]. Im Nordteil des Raunikar-Areals konnte zwar nachgewiesen werden, daß mit Schlacken ein Niveauunterschied von rund 1,25 m ausgeglichen worden war. Im Südteil des Geländes fand sich allerdings schon deutlich weniger Schlackenmaterial. Nicht zuletzt konnten bei den Grabungen 1993 im Duschbaur-Areal, nördlich des Tiebelzentrums, Schlackenschichten mit Ofenmäntelresten bis zu einer Stärke von knapp 0,60 m dokumentiert werden (Fundstelle 14) [77]. Demgegenüber treten andere Nachweise gewerblicher Tätigkeit völlig in den Hintergrund. Eine präzisere funktionale Differenzierung des Siedlungsareals als oben skizziert (Gräberfeld, Heiligtum, Eisenverarbeitung bzw. -herstellung) ist auf der Grundlage des freigelegten Baubestandes aus archäologischer Sicht nicht statthaft. Selbst der Straßenverlauf im Ortsbereich ist vollkommen ungeklärt. Das große kaiserzeitliche Gräberfeld (Fundstelle 3) dürfte entlang der Route Feldkirchen-Virunum angelegt worden sein, doch sind keine näheren Anhaltspunkte zum genauen Straßenverlauf bekannt. Unklar bleibt auch, an welcher Stelle sich ein Tiebelübergang befunden hat. Eine Südost-Nordwest verlaufende Achse durch die Siedlung, wäre durchaus denkbar. Allerdings weisen die aufgedeckten Mauerbefunde im Raunikar-Gelände (Fundstelle 15), die sich nach Norden unter die 10. Oktoberstraße hinein fortsetzten (Areal IV), doch darauf hin, daß diese postulierte Hauptstraße nicht unbedingt der Flucht der heutigen Durchzugsstraße entsprach. Leider sind zu wenige römische Mauerzüge mit einer entsprechenden Länge ergraben (Fundstelle 7 und 15), die für die Rekonstruktion von Gebäudefluchten hilfreich wären. Entscheidend wären auch Grabungsaufschlüsse im Bereich der heutigen Bahnhofstraße, um definitiv sagen zu können, ob die flächige Bebauung diese Linie erreichte bzw. weiter nach Südwesten hinauslief. Aufgrund ausgedehnter Eisenschlackenhalden dürfte die eigentliche Lebensgrundlage dieser nichtstädtischen Siedlung wohl die Eisengewinnung und -verarbeitung gebildet haben. Die ersten von G. Sperl (Leoben) durchgeführten metallurgischen Untersuchungen ergaben, daß es sich bei den Feldkirchner Schlacken um Reduktionsschlacken handelt, die von Schmelzöfen - wohl norischer Bauart - herrühren. Beprobt und mikroskopisch untersucht wurde auch eine 13,0 kg schwere Ofensau, die noch etwa 60 % Eisen enthielt und somit für einen kommenden Schmelzprozeß als "Erz" brauchbar gewesen wäre [78]. Das in Feldkirchen erzeugte Eisen wies dabei eine beachtliche Qualität auf, sodaß man für den hochwertigeren Produktionsausstoß wohl die Qualitätsbezeichnung "Ferrum Noricum" wird in Anspruch nehmen können. |
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Abbildung
12 Verbreitung von Inschriften mit Nachweisen von Angehörigen der norischen Bergwerksverwaltung (Nachweis: Piccottini 1995, 142 f.). |
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Die bei den Ausgrabungen auf dem römischen Emporium am Magdalensberg freigelegten Schmiedeöfen, die zur Weiterverarbeitung zugelieferter Lupen dienten, warfen immer wieder die Frage nach dem Ort der Rauheisengewinnung für das Ferrum Noricum auf [79]. Seit 1950 mehrten sich zwar die Hinweise auf römerzeitliche Eisenverhüttung im Gebiet des Lölling-Grabens und des Görtschitztales (Abb. 12). Eine modernen Ansprüchen genügende Dokumentation von Eisenverhüttungsanlagen und Produktionsabfällen gelang aber erst 1987, als im Zuge einer Notgrabung anläßlich von Bauarbeiten zwischen Raffelsdorf und Möselhof (KG Kirchberg) zahlreiche römische Rennöfen und ausgedehnte Eisenschlackenhalden beobachtet werden konnten [80]. Eine systematische Prospektion in Verbindung mit gezielten archäologischen Grabungen ist leider in dieser Region, die damals als die wesentliche "Zone der norischen Eisenindustrie" bezeichnet wurde, bisher noch nicht erfolgt, obwohl vielversprechende Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen den hier reichlich anstehenden Erzlagern und den Verhüttungsplätzen zu erwarten wären. Als Folge davon sind wir noch weit davon entfernt, mit archäologischen Mitteln einen schlüssigen wirtschaftshistorischen Kontext diese antike Bergbauzone betreffend herzustellen, der über die reine Lokalisierung der Verhüttungsplätze und der zugehörigen Siedlungsstellen hinausreicht. Die Datierung der Görtschitztaler - und nebenbei gesagt vor allem der niemals adäquat dokumentierten Feldkirchner - Rennöfen ist mit großen Unsicherheiten verbunden. Insofern ist der Fragenkomplex, wann die Eisenproduktion in Möselhof einsetzte - bereits vor der römischen Okkupation 15 v. Chr.? - und an welche Mengen dabei zu denken ist, zur Zeit als unbeantwortbar auszuklammern. Selbst die Datierung eines Ofens in die Spätantike (5./6. Jahrhundert n. Chr.) beruht nicht auf stratifizierten Funden, sondern wurde aus als Spolien wiederverwendeten kaiserzeitlichen Grabbauelementen erschlossen [81]. Wie in Feldkirchen befinden sich auch im Raum Möselhof-Raffelsdorf die Rennöfen am Talboden unweit eines fließenden Gewässers, wobei davon auszugehen ist, daß die in der Antike abgebauten Erzvorkommen nicht allzu weit entfernt waren. Trotz der lückenhaften Forschungssituation scheint sich schon abzuzeichnen, daß die Siedlungsstrukturen in den beiden Produktionszonen Görtschitztal und Feldkirchen doch wesentliche Unterschiede aufweisen. Möselhof liegt abseits der römischen Hauptrouten. Die einzigen bekannten Siedlungsreste in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Rennöfen sind Mauern eines römischen Gebäudes mit Hypokaustheizung [82]. 2,5 km südlich von Möselhof wurde in Wieting eine Weiheinschrift an Iupiter gefunden, die ein vilicus (Verwalter) eines Pächters der norischen Eisensteuer stiftete (Abb. 12) [83]. Siedlungsreste und Grabfunde liegen darüber hinaus aus Schelmberg, 1 km westlich von Mösel, vor [84]. Ein zentraler Ort wie im Feldkirchner Talkessel, wo im siedlungsgünstigen Umland zudem zahlreiche von der Eisenerzeugung wirtschaftlich völlig unabhängige Siedlungsformen, wie landwirtschaftliche Betriebe, vorauszusetzen sind (Abb. 11), wird im Görtschitztal in einer vergleichbaren Größenordnung wohl nicht bestanden haben. Baldersdorf, 9 km drauabwärts von Teurnia gelegen, ist eine andere ausgedehnte "Straßensiedlung" (vicus), die in der Forschung schon öfters mit der Verhüttung norischen Eisens in Verbindung gebracht wurde (Abb. 12). Allerdings ist sehr zweifelhaft, ob die 1939 untersuchten mehrheitlich rechteckigen Öfen von einer Größe bis zu 2,20 x 1,70 m, in deren Umgebung unter anderem offensichtlich ergiebig eisenreiche Schlacken gefunden wurden [85], tatsächlich als Rennöfen dienten. Das Fehlen von reichen Eisenerzlagerstätten in der Umgebung von Baldersdorf wäre für sich allein genommen noch kein Argument gegen eine lokale Eisenproduktion. Denn auch im Umland von Feldkirchen sind keine geologisch erfaßten Vorkommen zu nennen [86]. Hingegen dürften in der Antike Sumpferze in ausreichender Menge zur Verfügung gestanden haben, eine oberflächennahe Rohstoffquelle, derer man sich vermutlich bedient haben wird. Ein Transport von Eisenerz aus dem Kärntner Erzbergbaugebiet im Görtschitztal nach Feldkirchen ist für die Antike wegen der großen Entfernung auszuschließen. Nicht nur die in Feldkirchen beobachteten Rennöfen, Eisenschlackenhalden und die metallurgischen Untersuchungen belegen hier eine römerzeitliche Eisenproduktion. Ergänzend dazu ist es notwendig, einen Blick auf das Inschriftenmaterial zu werfen, das Zusammenhänge mit der norischen Bergwerksverwaltung - insbesondere den ferrariae Noricae - herstellen läßt. Aufschlußreich ist die Verbreitung sämtlicher mit dem norischen Eisenbergbau zu verbindenden epigraphischen Denkmäler (Abb. 12). Der westlichste Punkt auf der Karte ist Tiffen (Abb. 11 Nr. 461), wo M. Trebius Alfius, conductor ferrariarum Noricarum und praefectus iure dicundo aus Aquileia, dem Iupiter einen Altar setzte. Auf einem Tiffener Grabstein ist auch ein gewisser Pudens genannt, der Sklave des norischen Steuerpächters und des assesor ferrariarum war [87]. Im oberen Glantal unweit von Feldkirchen, im 15 km entfernten Noreia-Heiligtum von Hohenstein stiftete der procurator ferrariarum Q. Septueius Valens der Isis Noreia einen Altar "pro salute Q. Septuei Clementis conductoris ferrariarum Noricarum Pannonicarum Dalmatarum et Tiberii Claudii Heraclae et Cn. Octavii Secundi procuratorum ferrariarum" [88]. Zu den Denkmälern der norischen Eisenerzeugung ist jetzt wohl auch die Phoebianus-Säule aus Feldkirchen (vgl. Kap. 4.4.2.6 Nr. 15) zu zählen. Der Raum Feldkirchen sticht epigraphisch nicht zuletzt auch dadurch hervor, daß uns hier zwei Inschriften mit der Nennung von centuriones frumentarii begegnen. Centuriones frumentarii waren Legionssoldaten mit besonderer Verwendung, deren Hauptaufgabe es war, spezielle Kurierdienste zwischen dem officium des Provinzstatthalters und dem Kaiser in Rom wahrzunehmen. Sie begegnen jedoch auch als Kontrollinstanz von kaiserlichen Bauvorhaben und - im Falle von Feldkirchen besonders interessant - als Aufsicht von Bergwerksbetrieben, beispielsweise in Luna, wo ein centurio frumentarius und ein frumentarius der legio II Italica bei den in kaiserlichen Besitz befindlichen Marmorsteinbrüchen nachgewiesen sind [89]. Ein Iupiter-Altar aus Tiffen nennt nun einen C. Masculinius Masculus, centurio frumentarius aus der legio I Adiutrix, als Stifter [90]. Auf einem Inschriftfragment aus Feldkirchen (vgl. Kap. 4.4.2.6 Nr. 7) - wohl ebenfalls eine Weihung - hat sich noch der Namensrest eines centurio frumentarius der legio II Italica erhalten, der frühestens in die 170-er Jahre zu datieren ist. Der Tiffener Altar ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil Masculus ein Angehöriger einer pannonischen Legion war. Sollte Masculus unter Umständen mit Überwachungsaufgaben bei der Eisenherstellung im Raum Feldkirchen abgestellt worden sein, wäre es durchaus denkbar, daß seine Amtszeit sich mit der des conductor ferrariarum Q. Septueius Clemens (vgl. oben) überschnitten hat, als nämlich die Steuerpacht von drei Provinzen (Noricum, Pannonia, Dalmatia) zusammengelegt worden war. Alternativ dazu die beiden Frumentarier-Inschriften aus der Gegend von Feldkirchen auch auf die Marmorsteinbrüche von Tiffen zu beziehen (Abb. 11), erscheint weniger überzeugend. Soweit es sich jetzt schon beurteilen läßt, ist die wirtschaftliche Bedeutung des Tiffener Marmorsteinbruchs für das römische Feldkirchen eher als gering einzuschätzen, denn nach derzeitigem Forschungsstand dürfte Tiffener Marmor kaum über die Grenzen des Feldkirchner Raumes hinaus verbreitet gewesen sein [91]. Die Verhüttung und Verarbeitung von Eisenerz in Feldkirchen war im Gegensatz dazu von überregionaler Bedeutung. Der Sitz des conductor ferrariarum Noricarum wird für die Zeit vor den Änderungen in der Verwaltung der Bergwerke in der Provinzhauptstadt Virunum angenommen [92]. In den Produktionszonen des Ferrum Noricum, also im Görtschitztal, aber auch in Feldkirchen, wird man aber den Personenkreis vermuten können, der unmittelbar mit dem Abbau der Eisenerze, deren Verhüttung und dem Abtransport des Rauheisens in weiterverarbeitende Schmiedewerkstätten befaßt war. Das wären die coloni und possesores, die die Schürfrechte an den Eisenerzlagerstätten vom kaiserlichen Fiskus erworben hatte, bzw. deren Personal, aber auch Personen, die dem conductor unterstellt waren, wie die epigraphisch nachgewiesenen vilici conductoris und eventuell sogar die procuratores [93]. Entsprechende Wohn- und Wirtschaftsgebäude wird man in Feldkirchen voraussetzen müssen, die die benötigte Infrastruktur sicherstellten. Von Zeit zu Zeit wird auch der conductor ferrariarum Noricarum die Betriebe, für die er den geschätzten Steuerertrag im voraus bezahlt hatte, inspiziert und dabei auch dem Iupiter Optimus Maximus in Tiffen einen Weihealtar gesetzt haben. Umstritten ist nach wie vor, ob das zentralnorische Gebiet direkt von den städtischen Zentren (Munizipien) aus verwaltet wurde oder nicht doch zu einer geschlossenen territorialen Einheit zusammengefaßt worden war, die unmittelbar in kaiserlichen Privatbesitz stand. Dieses Gebiet, das G. Alföldy als Patrimonium Regni Norici bezeichnete, besaß aufgrund der reichen alpinen Eisen-, Salz-, aber auch Goldvorkommen eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. Nach den Vorstellungen von G. Alföldy sollte auch der Feldkirchner Talkessel zum Patrimonium Regni Norici gehört haben. Von der iberischen Halbinsel ist beispielsweise bekannt, daß einzelne kaiserliche Bergwerke über ausgedehnte Territorien verfügten, die Dörfer, Bäder und gewerbliche Betriebe umfaßten [94]. Demnach würde es nicht überraschen, wenn nicht nur die eigentlichen Erzlagerstätten und die Verhüttungsplätze in und um Feldkirchen kaiserliches Eigentum gewesen wären, sondern auch das Umland nicht den munizipalen Behörden in Virunum unterstellt war. Auch der mehrteilige, in Feldkirchen gefundene Gewichtssatz (Fundstelle 18) könnte aufgrund der Aufschriften in diese Richtung deuten (vgl. Kap. 4.4.2.1). Sie nennen nämlich nicht eine Munizipalbehörde, sondern das Eichamt am Kastortempel in Rom. Schon K. Pink vermutete, daß sich derartige Kapselgewichte sehr gut für (kaiserliche) Kontrollbeamte, die sehr häufig auf Inspektionsreisen waren, eignen würden [95]. Die archäologischen Grabungsergebnisse und epigraphischen Neufunde aus Feldkirchen können jedoch zur territorialen Ausdehnung des Patrimonium Regni Norici und vor allem zur geographischen Geschlossenheit dieser Verwaltungseinheit keine weiterführenden Hinweise geben. |
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Müller-Karpe 1951, 632 Abb. 5,6-7. - P. Gleirscher, Die Kelten im Raum
Kärnten aus archäologischer Sicht - Ein Forschungsstand. In: E. Jerem
u.a. (Hrsg.), Die Kelten in den Alpen und an der Donau. Symposium St.
Pölten 1992. Archaeolingua 1 (Budapest/Wien 1996) 263 Taf. 2B,6.12. |
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| © Christian Gugl 2001 - http://members.aon.at/ch.gugl/ | ||||||