Zwei Nemesis-Votivreliefs aus dem Amphitheater von Virunum
 

 

   Search this site
powered by FreeFind

 

 

Die archäologischen Ausgrabungen im römischen Amphitheater von Virunum sind die ersten größeren, systematischen Untersuchungen in einem städtischen Großbau der norischen Provinzhauptstadt. Die 108 x 46,5 m große Anlage liegt am östlichen Stadtrand des claudischen Munizipiums, auf halber Höhe hineingebaut in einen Hang, der das Stadtzentrum nach Osten hin begrenzte (Abb. 1).

Andere bekannte öffentliche Gebäudekomplexe, wie Forum/Kapitol und das einzige in Noricum bekannte Bühnentheater, wurden schon vor Ausbruch des 2. Weltkrieges in ihren Grundzügen erforscht, doch standen dabei die Lokaliserung und die Grundrißaufnahme dieser komplexen Bauten im Vordergrund, während ihre chronologische Einordnung weitgehend von allgemeinen historischen Vorstellungen geprägt war. Die Struktur, baugeschichtliche Entwicklung und Funktion der zentralen städtischen Insulae und eines als "Prokuratorenpalast" gedeuteten ausgedehnten Bauwerks südöstlich des Amphitheaters ist aus denselben Gründen weitgehend unerforscht [1].
Von den 1998 begonnenen Untersuchungen im Amphitheater von Virunum [2] ist zu erwarten, daß sie einen grundlegenden Beitrag zur Virunenser Stadtgeschichte leisten werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Amphitheater als ein öffentlicher Großbau für populäre Massenveranstaltungen einen besonderen Stellenwert im Kulturleben Virunums, aber auch auf religiösen Sektor besessen hat.

  Abbildung 1
Virunum, Amphitheater: Luftbildaufnahme während der Kampagne 2000.
 
Eine der Höhepunkte der Grabungskampagne 1999 war sicherlich die Entdeckung zweier marmorner Votivreliefs an die Göttin Nemesis, die in der Arena schräg vor dem Nemeseum entdeckt wurden.
 
1.Nemesis-Luna-Relief

Von der vorzüglich erhaltenen Reliefplatte fehlt nur die rechte untere Ecke. Die Randleiste ist an den Kanten stellenweise geringfügig abgebrochen. Die Reliefdarstellung weist geringe Beschädigungen auf (die Nase der Gottheit und des Stifters sind abgebrochen, die Gesimszone des Altars ist bestoßen). Die Oberfläche ist kaum verwittert.

Maße: H: 0,46 m. - B: 0,58 m. - D: 0,09 m.     MarmorNr. VA99/79
Material: fein- bis mittelkörniger Tentschacher Marmor (frdl. Mitt. H. Müller, Wien).

Das Relieffeld wird von einer 3,5-5,0 cm breiten, unprofilierten Randleiste eingefaßt. Während an der Ober- und der Unterseite der Platte noch ein 1,5-2,5 cm breiter Streifen geglättet wurde, sind die beiden Seitenflächen und die Rückseite roh belassen.

Das langrechteckige Relief stellt eine Opferszene dar, bei der rechts eine männliche Figur an einem Nemesis-Altar ein Opfer darbringt, während sich die links des Altars stehende Gottheit dem Betrachter zuwendet. In ihrem Haar, das durch schräg in die Stirn gekämmte Strähnen gegliedert ist, trägt sie ein Diadem. Hinter ihrem Haupt sind die Enden einer Mondsichel zu erkennen. Der Kopf mit den großen, mandelförmigen Augen und den groben Gesichtszügen ist im Verhältnis zur gesamten Körpergröße etwas zu groß proportioniert. Nemesis-Luna ist mit einer kurzen Tunica bekleidet, deren Gürtel vom Überfang verdeckt wird. Um größere Bewegungsfreiheit zu erhalten, hat sie ihrem Mantel (palla) kunstvoll um den Oberkörper gewunden: die palla läuft zuerst in einer breiten Stoffbahn gerade um die Brust, wurde dann über den Rücken geführt, sodaß ihre beiden Enden, von den Schultern wieder nach vorne gezogen, unter den horizontalen Teil des Gewands durchgesteckt werden konnten. An beiden Beinen - das rechte ist etwas zur Seite gesetzt - trägt sie bis über die Knöchel reichende Stiefel.

Im nach unten gerichteten, leicht angewinkelten rechten Arm hält die Gottheit eine mehrfach gewundene Peitsche. Der linke Arm ist nicht zu sehen, er greift in einen Schild, der in Seitenansicht dargestellt ist und ihr bis an die Schultern reicht, während der Altar das untere Ende verdeckt. Der Schild, dessen Form man am ehesten als rund oder oval ansprechen möchte, besitzt einen Schildbuckel (umbo), der ebenfalls hinter dem auf dem Altar brennenden Feuer verschwindet. Der massige Opferaltar ist etwas nach links aus dem Zentrum versetzt und gibt so der rechts davon stehenden männlichen Figur breiteren Raum. Der breite Sockel des Altars leitet über in eine profilierte Basis. Darauf sitzt das glatte Schriftfeld, das oben von einer vorkragenden, profilierten Gesimszone abgeschlossen wird. Auf der Altarplatte, an deren Ecken Akrotere angedeutet sind, lodert ein Feuer.

 

Abbildung 2
Virunum, Amphitheater: Nemesis-Luna-Relief (Marmor).

 
Die opfernde, männliche Figur rechts des Altars ist wie Nemesis in Frontalansicht dargestellt, den Kopf wendet er jedoch zur Göttin, sodaß er in Seitenansicht wiedergegeben wird. Der Opfernde ist in derselben Größe wie Nemesis abgebildet, nur durch ihr Diadem ist die Göttin etwas größer. Er ist unbärtig und trägt kurzes Haar, das in dichten, teils sichelförmigen Locken in die Stirn gekämmt ist. Beim sichtbaren linken Auge sind vergleichbar der Darstellung der Nemesis die Augenlider angegeben, eindeutige Bohrspuren finden sich keine. Die opfernde Figur trägt eine Tunica, deren halblange Ärmeln aber deutlich enger geschnitten sind als beim Gewand der Göttin. Darüber hat er einen kleinen Mantel (sagum) geschwungen, der an der rechten Schulter von einer Scheibenfibel verschlossen wird und in unregelmäßigem Faltenwurf bis über die Hüften reicht. Die Ränder des sagum sind von der Scheibenfibel ausgehend am oberen und linken Rand umgeschlagen. Die darunter getragene Tunica dürfte außerdem gegürtet sein, denn links neben dem sagum ist noch der horizontale Verlauf des Überfalls zu beobachten. Der Opfernde streckt seine Rechte Richtung Altar und wirft eine Weihrauchkugel, die man als kleines rundes Objekt zwischen Daumen und Zeigefinger erkennt, in das Feuer. Über seine linke Schulter hat er eine lange Opferserviette (mappa) geworfen, die er mit seiner angewinkelten Linken in Brusthöhe umfaßt. Sowohl das rechte Standbein als auch das linke Spielbein stecken in halbhohen Stiefeln.  

 

 

[1] Zu Virunum allgemein: H. Vetters, RE IX A 1 (Stuttgart 1961) 244 ff. s. v. Virunum. - Ders, Virunum. ANRW II 6 (Berlin/New York 1977) 302 ff. - O. Harl, Der Stadtplan von Virunum nach Luftaufnahmen und Grabungsberichten. Jahrb. RGZM 36, 1989 (1992) 521 ff. - M. Fuchs (Hrsg.), Virunum. Archäologie Alpen Adria 3 (Klagenfurt 1997).
[2] Die Ausgrabungen werden von der Archäologieland Kärnten gem. GmbH (örtliche Grabungsleitung: R. Jernej) unter der Patronanz des Landesmuseums für Kärnten (G. Piccottini) durchgeführt und sollen 2001 zum Abschluss gebracht werden. Die Finanzierung der Grabungen erfolgt über Mitteln des Arbeitsmarktservices Kärnten (AMS), der Kärntner Landesregierung und diverser Kärntner Gemeinden. - Zum aktuellen Stand der Ausgrabungen: R. Jernej, Die Ausgrabungen des Amphitheaters von Virunum 1999. Carinthia I 190, 2000, 83 ff.

 

© Christian Gugl 2001 - http://members.aon.at/ch.gugl/