2. Nemesis-Victoria-Relief

 

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Das bei weitem schlechter erhaltene zweite Relief ist an der Oberfläche lagerungsbedingt unterschiedlich stark abgewittert. Die obere Reliefhälfte ist völlig verwaschen, der untere Teil ist deutlich besser erhalten. Die Platte weist bereits in der linken oberen Ecke und im Oberkörperbereich des venator entlang der Schichtungsgrenzen des Marmors einige Risse auf. Links oben ist die Ecke abgebrochen, die sich jedoch im eingefüllten Schutt im Nemeseum unterhalb des pulpitum wiederfand. Das Eckfragment war offensichtlich besseren Erhaltungsbedingungen ausgesetzt als das Relief, denn seine Oberfläche weist kaum Verwitterungsspuren auf. Im Vergleich zum Eckfragment sind bei der Reliefplatte stellenweise bereits die obersten 1-2 mm der Darstellung abgewittert. Die Randleisten sind stärker beschädigt als beim Nemesis-Luna-Relief. Auch bei der Reliefdarstellung sind einzelne Partien, wie die Knie des venator oder der Kopf des Bären, bereits abgesplittert. An der grob zugehauenen Unterseite sind mehrere 2,0-2,5 cm breite Einkerbungen zu sehen, die entweder schon bei der Anfertigung der Platte oder beim Herausbrechen aus der Mauer entstanden sein könnten.

Maße: H: 0,42m . - B: 0,54 m. - D: 0,09 m. MarmorNr. VA99/78. - VA99/77 (Eckfragment).

Material: fein- bis mittelkörniger Kraigener Marmor. Schichtig eingelagerte Schieferflächen, die sich besonders an der Rückseite plattig ablösen (frdl. Mitt. H. Müller, Wien).

Die Relieffläche ist von einer glatten, 3,5-5,0 cm breiten Randleiste eingefaßt. Alle vier Seitenflächen sind grob nachbearbeitet, die Rückseite ist roh belassen. Der Aufbau des Votivreliefs ist vergleichbar der ersten Platte: Zu beiden Seiten eines Opferaltars stehen links die dem Betrachter zugewendete Nemesis-Victoria, rechts eine Gruppe mit einem opfernden venator und einem Bär. Die in Frontalansicht dargestellte Göttin trägt ein Diadem auf ihrem Haupt. Das Haar und die Gesichtszüge sind derart verwaschen, sodaß nur noch die Konturen, aber keine Details der Binnenzeichnung mehr zu sehen sind. Nemesis-Victoria trägt eine kurze, unter der Brust gegürtete Tunica mit halblangen Ärmeln und Überfall. Den Mantel (palla), von dem ein Ende an ihrer rechten Seite unter die Tunica-Gürtung steckt, hat sie über die rechte Schulter quer über die Brust geschlungen und offenbar unter dem linken Arm hindurch geführt, sodaß das andere Ende von der linken Schulter etwa bis zur Höhe des Überfalls gerade nach unter fällt. Das rechte Standbein und das linke, etwas zur Seite gesetzte Spielbein sind mit Stiefeln bekleidet. Mit dem rechten, vom Körper weg gerichteten Arm schwingt sie, in der Mitte festhaltend, eine lange Peitsche, die in die linke Randleiste hinausragt. Der linke Arm ist hinter einem kleinen, gebogenen Schild - wohl von rechteckiger oder quadratischer Form - verborgen. Ein Schildbuckel ist nicht zu erkennen. Besonders deutlich ist über der rechten Schulter und dem rechten Arm ein Flügel zu sehen, dessen Oberkante vom Halsbereich ausgehend in kräftiger Wölbung hervortritt. Als Binnenzeichnung sind einzelne Federn durch halbrunde, leider stark verwaschene Rillen zu erahnen. Der Ansatz des zweiten Flügels überragt die linke Schulter. Er ist ebenso stark verwittert wie ein weiteres Objekt rechts des Kopfes der Gottheit, das aus einer länglichen Handhabe und einem nach rechts geschwungenem, spitz auslaufendem Fortsatz besteht. Aufgrund ikonographischer Parallelen dürfte es sich um eine Fackel handeln.

  Abbildung 3
Virunum, Amphitheater: Nemesis-Victoria-Relief (Marmor).
 

Der etwas nach links aus der Bildmitte versetzte Opferaltar ruht mit seinem glatten Sockel direkt auf der unteren Randleiste. Wie beim Nemesis-Luna-Relief so ist auch dieser Altar, auf dem ein aus mehreren Zungen bestehendes Feuer brennt, hinsichtlich seines Aufbaus durchaus mit den originalen, im Amphitheater gefundenen Votivaltären vergleichbar. Auf dem Inschriftfeld ist jedoch keine Weiheinschrift zu beobachten.

Die rechte Reliefhälfte wird von der Darstellung eines opfernden Tierkämpfers und eines Bären beherrscht. Der ebenso groß wie die Göttin wiedergegebene venator ist frontal zu sehen. Er hat sein Körpergewicht auf das rechte Bein verlagert, während er das linke, das ab dem Unterschenkel hinter dem Bären verschwindet, entlastet zur Seite stellt. Er wendet den Kopf nach rechts und blickt über den Altar hinweg zur Göttin. Bei den Haaren, den Gesichtszügen und der Bekleidung ist es wegen des Erhaltungszustands schwierig, Details auszumachen. Der venator besaß kurze, lockige Haare und dürfte unbärtig gewesen sein. Der Oberkörper wird von einer Art Tunica bedeckt, die um die Hüfte von einem breiten Gürtel zusammengehalten wird. Der Tierkämpfer trägt die bei venatores üblichen hosenartigen Beinkleider, die offenbar im Hüftbereich befestigt wurden. So erkennt man noch je einen Wulst (Riemen?), der von der Hüfte zum Schritt hinabführt, sowie in der Körpermitte zwei vom Gürtel ausgehende senkrecht nach unten laufende kurze Wülste. Als Schuhwerk dienen Stiefel, deren Ansatz am rechten Unterschenkel in Form einer horizontalen Rille angegeben ist. In der erhobenen, zum Körper hin abgewinkelten Linken hält der venator eine Peitsche. Die Rechte hat er von sich gestreckt und wirft eine Weihrauchkugel - dargestellt als kleiner runder Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger - in das am Altar brennende Feuer.

Zu seinen Füßen bewegt sich ein sehr klein dargestellter Bär nach rechts, der von hinten in Dreiviertelansicht zu sehen ist. Er richtet sich auf seine Hinterpfoten, bäumt sich dabei etwas auf, hebt seine rechte Vorderpranke und wendet seinen Kopf nach links zum venator. Obwohl bedauerlicherweise gerade der Kopf des Tieres stark bestoßen ist, erkennt man das geöffnete Maul mit den Reißzähnen. Der Körper des Bären wird von einem kurzen, zotteligen Fell bedeckt.

 


© Christian Gugl 2001 - http://members.aon.at/ch.gugl/