Der gläserne Schuh

So war Waltraud also eines Tages in den 'Club der einsamen Herzen' gekommen, eigentlich nur aus Spaß und wegen einer Wette, und dann war sie tatsächlich mit in das schäbige Hotelzimmer gegangen, er war Mitte Vierzig, krisengeschüttelt, verheiratet, hatte einen Bauch und eine überbürstete Glatze. Als sie schwanger war, musste sie eben einen Vater erfinden, schon allein, um selbst daran zu glauben.

 

Melanie liebte es, zu Füßen ihrer Großmutter im Beichtstuhl zu kauern, über ihrem Kopf gewisperte Worte im Raum, deren Bedeutung sie nicht verstand. Am Aufregendsten war die fremde Männerstimme, fragend, streng und undeutlich. Aus ihrem Versteck heraus versuchte Melanie jedesmal das Gesicht zu erkennen, doch war ihr das unmöglich. Nur schwarzer Stoff und weiße Haut die sie bis in ihre Träume verfolgten.

 

In der Nacht wurde die Stimme wach und flüsterte vom dem Lampenschirm unverständliche Worte herunter. Aus dem Türrahmen löste sich die dunkle Gestalt, trat bis an das Bett heran, das schwarze Kleid wallte bis zum Boden und umschloss oben, sehr hoch oben, das fahle Gesicht ohne Augen und Nase, nur ein riesiger Mund durchschnitt die Haut und die war weiß wie Papier. Anfangs wollte Melanie nach der Mutter rufen, die nebenan schlief und nichts von dem wusste, was im Kinderzimmer vor sich ging. Doch die fremde Stimme erlaubte ihr ebenfalls nur ein Flüstern und davon wurde Waltraud nicht wach. Mit der Zeit gewöhnte sich das Mädchen an die fremde Stimme, auch lag der Löwe neben ihr und knurrte. Auf den Löwen war Verlass. Er war mächtig und stark und so groß wie Melanies Zimmer. Wenn er sich zu ihr legte, musste sich Melanie in ihrem ganz klein machen, um nicht herauszufallen. Waltraud wusste nichts von dem Löwen, ihr fiel es nicht auf, wenn Melanie ihren Kopf nur auf ein winziges Eck vom Kissen bettete, wenn sie nur ein Zipfelchen ihrer Decke über sich zog. Auch in der Früh, unterwegs zum Kindergarten, drückte sich Melanie eng an die Mutter, ließ viel Raum neben sich frei, wich oft zur Seite. Der Löwe brauchte viel Platz und doch sah ihn Waltraud nicht.

 

Birgit hatte im Grunde nie mit der Ewigkeit gerechnet, als sie im Autobus Richards Arm streifte. Die festen Muskeln seiner Schulter hatten sie einfach verlockt und dann war sie auf einmal ein halbes Liebespaar. Später gab es immer wieder Oberarme, die zur Berührung riefen, doch sie verbot sich, daran zu denken

 

Auch wenn es nie wieder der Teppich wurde oder ein Tisch oder etwa eine Luftmatratze, nicht einmal eine Badewanne, so fügte sie sich tapfer in ihr mit Flanell bezogenes Doppelbett und verbot frechen Träumen den Zutritt, wenn sie wach lag und dem leisen Schnarchen des Hautarztes lauschte.

Kurz und schmerzlos hatte sie sich selbst die Szene beschrieben, die sie mit Richard plante. Ein naives kleines Mädchen war sie, die sich an Worte klammerte, auf dem Weg ihren Noch-Verlobten zu treffen, um diese seine Funktion in die Vergangenheit zu rücken.

Zwar hatte sie die zigarettengelben Finger des Großvaters vor Augen, roch biergerülpste Luft, schmeckte die harte Haut seiner Fingerkuppen, vermischt mit dem Blut ihres Fleisches, als er - kurz und schmerzlos - ihren linken oberen Schneidezahn packte, drehte und aus dem Zahnfleisch riss.

Und wollte es dennoch so absolvieren: kurz und schmerzlos.

Kurz war es immerhin.

Als Richard eine Stunde später auf die Straße taumelte, das grelle Sonnenlicht einen Moment lang seine Augen peitschte, hatte der Schmerz noch nicht einmal begonnen.

 

Ein gläserner Schuh: will man hineinpassen, so gilt es sich selbst zu verstümmeln. Melanie hatte die Entschlossenheit von Aschenputtels Stiefschwester, und Richard, ahnungslos, spielte mit. Es war Lukas, der weder Ferse noch Zehe sein wollte. So passte der Schuh eben nicht. Bis sie zu dieser gar nicht schmerzhaften Entscheidung gelangen sollte, verging eine lange Zeit, während der sich Melanie quetschte und zwickte, um die Häkelchen des Korsetts der Reihe nach schließen zu können, wie es ihr Traum vorschrieb.

Zeit der einfachen Division