Was ist historische Pflegeforschung?

(von Ilsemarie Walter)

Historische Pflegeforschung ist im deutschsprachigen Raum, in dem Pflegewissenschaft noch nicht lange etabliert ist, eine relativ neue Teildisziplin. In angelsächsischen Ländern mit ihrer viel längeren universitären Tradition der Pflege existiert bereits eine Reihe von Institutionen und Fachzeitschriften, die sich ausschließlich diesem Spezialgebiet widmen.

Die Geschichtswissenschaft ist heute allgemein durch eine Pluralität der Ansätze gekennzeichnet. Gerade diese Weite in Zugangsweise und Methodik kann Historischer Pflegeforschung die Mittel in die Hand geben, die komplexe Entwicklungsgeschichte des Pflegeberufs von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten und in differenzierter Weise der Frage nachzugehen, was Pflege in vergangenen Zeiten bedeutete. Damit geht Historische Pflegeforschung über traditionelle Ansätze hinaus, deren Forschungsinteresse fast ausschließlich Personen und Ereignissen galt. Der historische Aspekt hat in den letzten Jahrzehnten auch in vielen anderen Wissenschaften wie der Soziologie, der Psychologie oder der Ethnologie an Bedeutung gewonnen. Für die Pflegegeschichte hat z.B. die Soziologie einen wertvollen Beitrag geleistet, indem sie die Entwicklung des "bürgerlichen" Frauenberufs Krankenpflege in Deutschland zum Thema machte.

Doch auch dies ist nur einer von vielen möglichen Zugängen zur Geschichte der Pflege, und die Berufsgeschichte der Pflege sollten nicht darauf reduziert werden. Es wäre aber ebenfalls eine Verkürzung, wenn unter Historischer Pflegeforschung nur die Aufarbeitung der Berufsgeschichte verstanden würde. Wohl steht derzeit vor allem im deutschsprachigen Raum noch die Suche nach den Wurzeln des Berufes und damit der eigenen Berufsidentität im Vordergrund. Dies ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß die Geschichte des Pflegeberufes lange im Hintergrund stand bzw. von festen Klischees beherrscht wurde. Historische Pflegeforschung richtet sich jedoch auf alle Bereiche der Pflege. So wären z.B. die Bedeutung des Körpers in der Pflege, die Berücksichtigung des sozialen Umfelds der Kranken, das Pflegeverständnis von Pflegenden und Gepflegten oder die Pflege durch Angehörige Themen, die aus historischer Sicht zu betrachten wären.

Der Geschichte der Krankenpflege nachzugehen, ist vor allem im deutschsprachigen Raum eine mühevolle Kleinarbeit, denn infolge des geringen Status der Pflege wurde meist nicht viel darüber niedergeschrieben. In den meisten Quellen zur Geschichte der einzelnen Krankenhäuser wird z.B. viel über Baulichkeiten berichtet und über die Tätigkeit der Ärzte. Die Kranken sind meist nur durch ihre Krankheiten oder durch statistische Angaben über Geschlecht und Ähnliches repräsentiert, eventuell noch durch einzelne Krankengeschichten. Diejenigen, die die Pflege ausführten, ihre Arbeitsweise und ihre Arbeitsbedingungen, finden meist wenig oder keine Erwähnung. Nur über geduldige Quellensuche in den verschiedensten Archiven können wichtige Aspekte der Pflegegeschichte wenigstens in groben Zügen rekonstruiert werden. Dabei werden auch einige Klischees und Mythen zu revidieren sein.

In Österreich hat Historische Pflegeforschung vor kurzem an Bedeutung gewonnen. Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz vom September 1997 führt zu größerer Autonomie und zu wachsendem Selbstbewußtsein der Pflegenden, die zunehmend auch die geschichtlichen Wurzeln ihres Berufes reflektieren. Die LehrerInnen der Gesundheits- und Krankenpflege, die sich auch mit wissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen haben, werden sich immer klarer dessen bewußt, daß die Geschichte der Krankenpflege in Deutschland, die relativ gut erarbeitet ist, nicht unbesehen auf den Raum des heutigen Österreich bzw. der österreichisch-ungarischen Monarchie übertragen werden kann. In den letzten Jahren hat Historische Pflegeforschung nicht nur in Österreich einen Aufschwung genommen. Es wird jedoch noch vieler Arbeit bedürfen, um - mit den Worten von Hilde Steppe, der Pionierin Historischer Pflegeforschung in Deutschland - "aus dem Verständnis für einstige Bedingungen der Pflege Konzepte für heute und morgen entwickeln" zu können.