KEIMLINGE, eine gesunde und wohlfeile Nahrung (von
Viktoras Kulvinskas)
Netze deinen Weizen, auf daß der Engel
des Wassers
in ihn eingehen kann. Setze ihn dann der Luft aus, auf
daß der Engel der Luft ihn umarmen kann. Und laß
ihn
vom Morgen bis zum Abend an der Sonne, auf daß
der
Engel des Sonnenscheins sich auf ihm niederlassen kann.
(ESSÄISCHE Johanneslehre)
Keimlinge sind das Hauptnahrungsmittel der Hunza,
die für ihre unübertreffliche Gesundheit und Langlebigkeit berühmt
sind. Sie liefern ihnen während des kalten Winters im Himalajagebirge
alle wesentlichen Nährstoffe. Allen Asiaten sind Keimlinge bekannt.
Allmählich lernt man nun ihren Wert auch im Westen schätzen.
Der Same ist ein Lagerhaus an Nahrungsenergie, die dem Wachstum und der
Entwicklung einer neuen Pflanze dient. Den trockenen Samen kennzeichnet
eine auffallend niedrige Umsetzungsrate. Wird er befeuchtet, so setzen
sich die stabilen Nährstoffe in Lebenskomponenten um. Die chemischen
Veränderungen des keimenden Samenkorns bringen eine mächtige
Enzymfabrik in Gang, die in einem späteren Wachstumsstadium nie mehr
übertroffen wird. Diese reiche Enzymkonzentration bewirkt beim Stoffwechsel
des Menschen erhöhte Enzymtätigkeit, die das Blut und die Verdauungsorgane
regeneriert.
Es ist erwiesen, daß Gemüse- und Körnerkeime
ein vollständiges Protein enthalten. Sie können also alle Nahrungsmittel
ersetzen, die für gesundes Wachstum und Fortpflanzung erforderlich
sind. Dem Keim geht die schleimbildende Eigenschaft der meisten Gemüse
ab. Keimlinge rufen keine Blähungen hervor. Rohes Protein wird in
wesentliche Aminosäuren umgesetzt, die Stärke größtenteils
in einfachen Zucker verwandelt, wodurch die Keimlinge ein vorverdautes
Nahrungsmittel werden. Der Same mag Stärke enthalten, der Keim enthält
nur Zucker. Daher wird er vom Körper vollständiger assimiliert.
Man ißt weniger. Erleichterte Verdauung bedeutet, daß man die
Körperkräfte für andere Tätigkeiten nutzen kann.
Der Vitamingehalt des Samens erhöht sich beim Keimen
beträchtlich. Je nach Art ist der höchste Vitamingehalt gewöhnlich
50 bis 96 Stunden nach Beginn des Keimens erreicht.
Keimlinge liefern besonders große Mengen an Vitamin
C und B- Vitaminen, erhebliche Mengen auch an Vitamin A und E.
Beim Weizenkorn verdoppelt sich das Gewicht nach dreitägigem
Keimen. Nach vier Tagen ist der Gehalt an Vitamin E um 300 % erhöht,
bei einigen Vitaminen des B-Komplexes um 20 bis 600 %. Viehzüchter
haben festgestellt, daß sterile Kühe wieder fruchtbar werden,
wenn man ihnen neben der üblichen Nahrung Weizen- oder Haferkeimlinge
verfüttert. Bei Bullen hat man die gleiche Beobachtung gemacht.
Vitamin E gilt als Antisterilitäts- und Fertilitätsvitamin;
sein Mangel führt zu Fehl- und Frühgeburten. Es liegt also klar
zutage, warum die Ernährung mit Keimlingen dem normalenGeschlechtsleben
förderlich ist. Die Jugendkraft bleibt auf diese Weise erhalten.
Rutin (Vitamin P) kommt nur in wenigen Nahrungsmitteln
vor (Mangelsymptom: Zunahme der Gefäßdurchlässigkeit, Neigung
zu Blutungen ins Gewebe). Buchweizen hingegen enthält sehr viel. Die
Sojabohne gehört zu den vielseitigsten Nahrungsmitteln und zu den
wenigen Samen, deren Asche alkalisch ist. Soja wird sauer wie Milch. Die
beste Verwendung der Keimlinge ist die Herstellung von Käse und Joghurt.
Die drei Tage alten Keimlinge können vor der Zubereitung im Kühlschrank
aufbewahrt werden.
Die Luzerne hat zwar die kleinsten Samenkörper,
aber in bezug auf Nährgehalt der Keime schießt sie den Vogel
ab. Ihre Wurzeln erstrecken sich nämlich an die 30 m weit und nehmen
dementsprechend Mineralstoffe und andere Nährmittel aus.
Keimlinge unterscheiden sich dadurch von allen anderen
Proteinlieferanten, daß ihr Protein in Form von Aminosäuren,
Enzymen, Chlorophyll und Hormonen vorkommt. So ist das Protein entweder
vorverdaut oder kann vom Körper leicht verwertet werden. Harnsäure
wird von ihnen überhaupt nicht gebildet.
Der Proteingehalt hängt mit der Gewichtszunahme
zusammen. Auch bei der Luzerne zeigt sich das: Die Gewichtszunahme beträgt
beim Keimen das Siebenfache, der Proteingehalt erhöht sichgleichzeitig
um 2 bis 5%.
Bei der Mungo-Bohne hat man folgendes festgestellt. Beim
Keimen wird die Stärke in Zucker umgesetzt. Ihr Kohlenhydratgehalt
entspricht dem der Wintermelone. Der Feuchtigkeitsgehalt des Samens erhöht
sich im Keim von 10,7 auf 88,8%, genau wie bei Früchten. Protein wird
in Aminosäuren umgesetzt, die Konzentration vermindert sich wie bei
einer getrockneten Feige.
Der Kalorienwert ist etwas geringer als bei der Papaya
und etwas höher als bei einer sehr süßen Melone. Eine Tassevoll
(1/4 Pfund) hat 40 Kalorien. Der Vitaminwert: Vitamin A wie Zitrone, Thiamin
wie Avocado, Roboflavin wie gedörrter Apfel, Niacin wie Banane, Ascorbinsäure
wie Ananas.
Jahrelange Versuche mit Keimlingen haben ergeben, daß
die folgenden am empfehlenswerten sind: Mungo-Bohne, Luzerne, Adzuki-Bohne,
Buchweizen, Sonnenblume, Weizen, Bockshornklee.
Andere Keimlinge, die der Gesundheit nicht ganz so zuträglich
sind, können in der Übergangszeit verwendet werden: Kichererbsen
bleiben stärkehaltig und verursachen Blähungen; Linsen, die nicht
drei Tage oder noch länger gekeimt haben, haben harnsäurebildende
Eigenschaften, doch allzu lange Keime sind sehr zäh. Alkalische Reaktion
und hoher Proteingehalt machen die Sojabohne schwerverdaulich und bewirken
oft Blähungen. Aus Sojakeimlingen stellt man der leichteren Verdauung
wegen am besten Käse oder Joghurt her. Reis- und Hirsekeimlinge sind
sogar nach siebentägigem Wachstum noch immer sehr stärkehaltig;
das Gras enthält wenig Flüssigkeit und wächst nur langsam.
Nach Meinung des Biochemikers Ernest T. Krebs wirken
Keimlinge bösartigen Tumoren entgegen. Er erklärt das folgendermaßen:
„Nitriloside sind antineoplastisch. Bei ihrer Spaltung
im Körper werden Cyanid und Benzaldehyd freigesetzt. Normale Körperzellen
können sich vor diesen chemischen Stoffen schützen, Krebszellen
jedoch nicht. Die Krebszellen werden von ihnen vernichtet.“ (Cancer Control
Journal, September 1970)
Die Keimlinge einiger Gräser und Gemüse haben
einen doppelt so großen Nitrilosidgehalt wie die ausgewachsene Pflanze.
Es kommt sogar vor, daß er bei der ausgewachsenen Pflanze vollständig
fehlt.
Praktische Anweisungen Keimlinge sind eine vortreffliche
Zutat zu jeder Diät und sollten bei keiner Mahlzeit fehlen. Salate,
Saucen, Suppen, Eintopfgerichte erhalten durch sie besonderen Nährwert.
Der frischgepreßte Saft ist ein besonders gesundes Getränk.
Das Einweichwasser ist reich an wasserlöslichen
Nährstoffen und Enzymen, die gut für die Verdauung sind. Man
weicht Luzernesamen 4 Stunden ein, Bohnen und Körner 15 Stunden; die
Menge beträgt zwei Teile Wasser auf einen Teil Samen.
Jeder lebende Same ist keimfähig. Selbstverständlich
verwendet man keinerlei Keime von Nachtschattengewächsen (Kartoffeln,
Tomaten usw.), deren Blätter bekanntermaßen giftig sind.
Körner (Weizen, Hafer, Roggen, Gerste) müssen
über drei Tage keimen; sie sind dann zu doppelter Größe
angeschwollen, und der Keimling ist ungefähr 1 1/4 cm lang. 3 bis
5 Tage alte Adzukikeime schmecken wie frische Erbsen. Süß und
zart sind die Keimlinge von Mungo-Bohne, Sojabohne, Linse, Kichererbse
nach 3 bis 4 Tagen; danach können sie, zumal wenn sie dem Licht ausgesetzt
sind, grün und zäh werden.
Salbei-, Sesam- und Leinsamen läßt man nur
24 Stunden keimen.
Besonders Sesamsame entwickelt sonst einen bitteren Geschmack.
Allerdings kann man ältere Sesamkeimlinge statt
scharfer Gewürze für Salatsaucen verwenden.
Luzerne und Bockshornklee sind nach mindestens einwöchigem
Keimen am besten. Maiskeimlinge schmecken süß wie Bonbons.
Die Keimlinge der Sonnenblume, die 2 bis 4 Tage brauchen,
sind noch schmackhafter als ihre Kerne.
Gemüse kann man zwei bis sechs Tage keimen lassen.
Jeder Gartenbesitzer sollte selbst experimentieren, mit Spinat, Mangold,
Sellerie, Knoblauch, Kopfsalat, Kohlrübe, Petersilie, mit allem, was
er anbaut (Nachtschattengewächse natürlich ausgenommen).
Auch „Unkraut“ wie Löwenzahn, Sauerampfer usw. gibt
gesunde Keimlinge her. Doch wer den Samen wilder Pflanzen sammelt, muß
sich in der Botanik auskennen, damit er die giftigen meidet.
Um sich den höchsten Nährwert zu sichern, kaufe
man nur den Samen organisch gedüngter Pflanzen. Man erhält ihn
im Reformhaus und von entsprechenden landwirtschaftlichen Betrieben (Postversand).
Fürs Keimen kann man jedweden Behälter verwenden,
sofern er nicht aus Aluminium, Kupfer oder Eisen besteht. Durchsichtige
Einmachgläser und Konservengläser sind besonders vorteilhaft.
Ein fehlender Deckel kann durch ein Nylon-oder Mulltuch
ersetzt werden, das von einem Gummiband festgehalten wird. Man benutzt
es auch beim Abgießen. Der Same wird gründlich gewaschen und
in destilliertem Wasser eingeweicht. Je kleiner die Samenkörner, desto
kürzer dieEinweichzeit.
Wenn das Wasser abgegossen ist, stellt man den Behälter
an einen dunklen, warmen Ort (17 bis 21º C), um das Keimen zu beschleunigen.
zweimal täglich wird mit lauwarmem Wasser durchgespült, das man
in den Behälter gießt und dann abschüttet.
Samenhülsen schwimmen oder versinken; man entfernt
sie sorgfältig, desgleichen andere Unreinheiten. die Behälter
sind vor Sonne zu schützen, weil allzu starke Wärme den Keimlingen
schadet.
Sojabohnen- und Sonnenblumenkeimlinge sind besonders
zart und brechen leicht. Sie müssen entsprechend vorsichtig behandelt
werden.
Mungo-Bohnen sind insofern eine Ausnahme, als sie mindestens
15 Stunden einweichen, in vollständiger Dunkelheit bei wenigstens
27º C keimen und dreimal täglich gespült werden müssen.
Die süßen, zarten Keime, die hohen Feuchtigkeitsgehalt haben,
brauchen 3 bis 5 Tage. Sie schwimmen an der Oberfläche. Vor Aufbewahrung
oder Verwendung spült man die grünen Hülsen weg.
Keimlinge können im Kühlschrank aufbewahrt
werden, wo sie ganz langsam weiterwachsen. Wenn man den Keimungsprozeß
aus irgendeinem Grund unterbrechen muß – etwa wegen unvorhergesehener
Abreise –, bewahrt man die Keimlinge, in ein feuchtes Tuch eingeschlagen,
im Kühlschrank auf, und setzt den Prozeß dann nach Bedarf fort.
Wenn Keimlinge verderben, ist Austrocknen daran schuld.
aus Viktoras Kulvinskas: Leben und Überleben.
Kursbuch ins 21. Jahrhundert.
Hirthammer Verlag, ISBN 3-921288-57-6