Die heutige Mensch–Tier Beziehung wird von vielen äußerst verschiedenen Einflüssen geprägt: 
  • Das Tier als Nutztier, Mittel zum Zweck, Nahrungsmittel(-Produzent), Versuchsobjekt, Eigentum, etc.
  • Das Tier als Spielgefährte, Heimtier, Bezugsperson, Therapeut, Hilfskraft „Blindenhunde“, etc.
  • Das Tier in Märchen, Sagen, Kinderbüchern, Fabeln, Spielfilmen etc.
  • Das Tier als Wildtier in Fernsehdokumentationen, Büchern, Imax,  etc.
Wie sich erkennen lässt ist die Mensch-Tier-Beziehung ein weites Feld mit vielen unterschiedlichen Facetten. Dieser Vortrag beschränkt sich auf einen Überblick über die Entwicklung der abendländischen wissenschaftlich-philosophischen Perspektiven der Mensch-Tier Beziehung mit anschließender kritischer Betrachtung aus dem Blickwinkel der TierrechtsbefürworterInnen.

 
 
Das aristotelische Weltbild wirft seine Schatten noch bis in unsere Zeit. Es ging davon aus, dass die Welt der Vollkommenheit zustrebt, und sich alle einzelnen Exponenten in verschiedenen Stadien der Entwicklung befinden. Die Welt war in Schichten aufgebaut wobei jeweils die untere Schicht danach strebte die Vollkommenheit der jeweils oberen zu erlangen. Unbelebtes strebte danach pflanzlich zu werden, Pflanzen strebten danach Tiere zu werden, Tiere waren unvollkommene Menschen und Menschen unvollkommene Götter. Aus der Wertung die aus diesem Weltbild hervorging wurde kein Hehl gemacht. Im Gegenteil war es die Aufgabe der jeweils minderen Lebewesen den höherstehenden bis in die letzte Konsequenz zu dienen. So waren es "gute" Kriege in denen die Griechen "Barbaren"(= Nicht-Griechen bzw. eben mindere Lebewesen) unterwarfen und versklavten. Und genauso positiv und selbstverständlich wurde die Unterordnung der griechischen Frau unter den "höherentwickelten" griechischen Mann bewertet.
Dieses Modell wurde seinem Prinzip nach von den Scholastikern (Thomas von Aquin, Augustinus) in die Glaubenslehre des christlich-katholischen Weltbildes übernommen. Vor allem auch über diesen Umweg gewann es an Einfluss und behielt diesen auch bis in unsere Zeit.

 
 
Mit dem Aufkommen der Evolutionstheorie musste das Schichtmodell der Lebewesen-Hierarchie revidiert werden. Aus dem eindimensionalen Modell wurde ein Baum mit vielen Ästen und Verzweigungen. Nichts desto trotz wurde die Position des Menschen als ultimativ höchst entwickeltes Lebewesen weiterhin verteidigt. Zum Beispiel wurde das dadurch erreicht, dass fälschlicherweise rezente Lebewesen wie z.B. Fische als Vorstufen anderer –“höher entwickelter“ - Lebewesen dargestellt wurden. Es strebten nun zwar nicht mehr alle Lebewesen dem Ideal „Mensch“ zu, trotzdem wurde er aber als die vollkommenste, komplexeste Lebensform gesehen.

Aus der Krone der Schöpfung war die Krone der Evolution geworden.


 
 
Dieser Stammbaum ist einer Darstellung aus dem Jahr 2000 nachempfunden. Mithilfe von DNA und RNA-Analysen ist es mittlerweile gelungen, die Grade der Verwandtschaftsbeziehungen der Lebewesen untereinander in einem hohem Masse zu objektivieren (Kladistik). Das Ergebnis dieser Analysen zeigte, dass es im wesentlichen drei unterschiedliche Organismengruppen gibt. Die erdrückende Mehrheit an Vielfalt von Organismen liegt im Bereich der Bakterien. Pilze, Pflanzen und Tiere sind vergleichsweise äußerst nahe miteinander verwandt. Der Mensch selbst taucht in der Darstellung überhaupt nicht mehr auf, aber auch die Gruppe der Tiere (von denen die Menschen eben eine Art bilden) sind nur eine Gruppe unter vielen. 

Die Perspektive der Evolution als ständiges Ausdifferenzieren und Anpassen an verschiedene Eigenschaften der Wirklichkeit wird (im Gegensatz zur zielgerichteten Entwicklung) betont. Ausdruck findet das in der runden gleichberechtigten Darstellungsweise. Kein rezentes Lebewesen wird mehr als Vorstufe anderer Lebewesen gesehen.


 
 
Besonders interessant ist in unserem Zusammenhang natürlich die Entwicklung des Bildes wie der Mensch sich in das Reich der Tiere einfügt. Noch vor zehn Jahren war es üblich anzunehmen, dass sich die Linie der Menschentwicklung sich vor etwa 25 Millionen Jahren von der der großen Menschenaffen getrennt hätte. Es war die Rede von einem unauffindbaren „missing link“ und von einem „Tier-Mensch-Übergangsfeld“. Es wurde zwar die große Ähnlichkeit zwischen Menschen und großen Menschenaffen erkannt, aber auf eine längere „Parallel-Evolution“ zurückgeführt.

 
 
Mit den molekulargenetischen Analysemethoden ließ sich aber Licht ins Dunkel der Menschentwicklung bringen:
Tatsächlich trennten sich die Linien von Schimpansen/Bonobos und Menschen vor erst ungefähr 5 Millionen Jahren. Das bedeutet, dass von Schimpansen/Bonobos aus betrachtet, der Mensch das am nächsten verwandte Tier ist. Der Mensch reiht sich somit zwanglos zwischen Gorillas und Schimpansen in die Reihe der großen Menschenaffen ein.

 
 
Zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass für den Menschen der gesamte Gattungsbegriff reserviert worden war, aber nun nach den einheitlichen, objektiven Klassifizierungsmethoden (Kladistik) die Schimpansen und Bonobos der gleichen Gattung zuzuordnen sind wie die Menschen. Da der Gattungsbegriff „Homo“ also „Mensch“ lautet, müssten eigentlich nun der Schimpanse als „Homo troglodytes“, der Bonobo als „Homo paniscus“ und der Mensch als „Homo sapiens“ angesprochen werden. Unsere haarigen Verwandten sind also im eigentlichen Sinn des Wortes zu Menschen "geworden".

 
 
Nach dem die Erde und anschließend die Sonne aus dem Zentrum der Welt gerückt worden waren, wurde mit Darwins Evolutionstheorie der Mensch unter die Tiere eingereiht. Trotzdem wurde die Einzigartigkeit des Menschen in seinen geistigen Eigenschaften nicht angezweifelt und war eine weitere Bastion zur Verteidigung der eigenen Eitelkeit. Wir befinden uns nun in einer Phase in der wir erkennen müssen, dass Eigenschaften wie Bewusstsein, Kultur, Intelligenz auch bei tierlichen Verwandten anzutreffen sind und sind langsam gezwungen ein weiteres Stück unserer anthropozentrischen Weltsicht aufzugeben.

 
 
Dass der Übergang vom Menschen auf andere Tiere ein fließender ist, lässt sich auch daran erkennen, dass es keine einzelne Eigenschaft gibt die alle Menschen auszeichnen würde und alle nicht-menschlichen Tiere ausschließen. Alle Eigenschaften, die lange Zeit als dem Menschen vorbehalten gegolten haben, wurden mittlerweile auch bei verschiedenen nicht-menschlichen Tieren gefunden. 
  • Kultur: z.B. sind mindestens 35 verschiedene Stoffe die Schimpansen und Bonobos als Medizin benutzen bekannt. Die Stoffe variieren in der Art der Einnahme und sind auch in den einzelnen Schimpansen/Bonobo-Gruppen in denen das Wissen darüber weitergegeben wird unterschiedlich vertreten.
  • Bewusstsein/Selbstbewusstsein: Mindestens nachgewiesen bei Schimpanse und Delphin
  • Intelligenz: Gerade hier werden sehr gern menschliche Maßstäbe angelegt. Aber selbst nach diesen Maßstäben erzielen z.B. Schimpansen im Alter von 6 Jahren gleich gute Ergebnisse wie Menschen im Alter von 4 Jahren. Es lassen sich aber auch verschiedene Tests entwickeln bei denen Menschen schlechter abschneiden als verschiedene nicht-menschliche Tiere, so z.B. beim Memorieren von verschiedenen Plätzen an denen Dinge auf einem Baumstamm versteckt sind.
  • Sprache: Neben den erfolgreichen Versuchen Schimpansen, Bonobos und Gorillas eine menschliche Zeichensprache beizubringen oder auch auf andere Art abstrakt zu kommunizieren, sind die spektakulären Ergebnisse die Irene Pepperberg mit dem Graupapagei „Alex“ erzielte, bekannt. Alex konnte verbal vermitteln dass er eine Vorstellung von Zahlen und Mengen hatte, das er verschiedene Farben unterschied etc. Bei all diesen Versuchen konnte ein „kluger Hans“ Effekt eindeutig ausgeschlossen werden.

 
 
Hier geht es um eine Reihe von Positionen die in Bezug auf den Menschen als schon überwunden oder zumindest nicht mehr salonfähig gelten: 
  • Die sozialdarwinistische Position geht in grober Vereinfachung davon aus, dass es ein biologisches Prinzip wäre, dass sich die Mächtigen (Stärkeren) immer gegen die Schwächeren durchsetzen würden und dass das - da es ja natürlich ist - auch richtig und gut ist, also sozusagen so sein muss. Doch das Ziel einer sozial organisierten Zivilisation ist es gerechte Bedingungen für alle zu schaffen. Dafür ist es völlig irrelevant ob eine Handlungsweise als „natürlich“ anzusprechen ist oder nicht. Es mag z.B. noch so natürlich sein, dass Kinder von Erwachsenen misshandelt werden und trotzdem kann die „Natürlichkeit“ genau so wenig wie die Macht/Gelegenheit das zu tun als Rechtfertigungsgrund herhalten.
  • Die behavioristische Position geht davon aus, dass Handlungen (sowohl von Menschen als auch von Tieren) nur als das gesehen werden dürfen was sie sind (in ihren realen Auswirkungen), nicht aber auf dahinterliegende Beweggründe wie Gefühle, Emotionen, Gedanken, etc. geschlossen werden darf, weil diese nicht direkt zugänglich sind. Viele Handlungen lassen sich aber nur verstehen (und am einfachsten erklären) wenn die dahinterliegenden Gefühle miteinbezogen werden. Aus diesem Grund ist die Verhaltensforschung abseits von anthropomorpher Verniedlichung wieder zu Gefühlsbeschreibungen zurückgekehrt.
  • Die speziesistische Position rechtfertigt die Diskriminierung artfremder Lebewesen ganz analog den Positionen des Rassismus und Sexismus allein aufgrund ihrer Herkunft, und ebenso analog lässt sich zeigen, dass die Herkunft eines Individuums kein ethisch relevantes Merkmal darstellt.
  • Die biologistische Position reduziert die Wirklichkeit alles Seins, also auch des geistigen, auf das organische. Übersehen wird dabei die Kreativität des Individuums, der „freie Wille“. Tiere werden zu Instinktmaschinen reduziert. De facto lassen sich allerdings viele tierliche Verhaltensweisen nicht mit Instinkten erklären. (z.B. Homosexualität)

 
 
Das Tierrechtskonzept schließt nun aus den vorangegangenen Erläuterungen, dass die fundamentalen Interessen von Individuen gegen die willkürliche Ausbeutung zum Vorteil anderer geschützt werden müssen. Es wurden deshalb folgende Grundrechte formuliert, die jedes bewusste leidensfähige Lebewesen betreffen: 
  • Das Recht auf Leben.
  • Das Recht auf Unversehrtheit.
  • Das Recht auf Freiheit.

 
 
Die unmittelbare Konsequenz der Tierrechtsforderung ist die Umstellung auf eine vegane Lebensweise. Das bedeutet, dass keinerlei Produkte tierlicher Herkunft mehr konsumiert werden (Fleisch, Eier, Milch, Wolle, Leder, Daunen, etc.), dass keine Nutzung nicht-menschlicher Tiere zu Tierversuchen erfolgt und auch sonst keine Tätigkeiten/Vergnügungen auf Kosten von Tieren ausgeübt werden (Jagd, Zoobesuch, Tierzirkusbesuch, Kunst, etc.)
                                                                                                                                        Quelle: www.vegan.at
 
 
 
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