Lieber Herr Wandmaker, liebe Leser von "Wandmaker aktuell",

in der Juli/August-Ausgabe wurden im ersten Teil des Artikels "Zuckerrausch" (ab S. 6) neben vielem Richtigen ein paar Dinge behauptet, die nach meinen persönlichen Erfahrungen unbedingt einer Korrektur bedürfen. Sonst besteht die Gefahr von weiteren Gesundheitsschädigungen für Diabetiker, die sich nach den dort gegebenen Ratschlägen richten!

Bevor ich dies genauer erläutere, möchte ich ein paar Worte zu meiner Person sowie (als Betroffener) etwas zu Diabetes allgemein sagen.

Ich, geb. 1953, bin seit 1989 Diabetiker (Typ 1) sowie seit 1996 Rohköstler. Letzteres geschah buchstäblich im letzten Moment, denn die sieben Jahre Diabetes haben mich praktisch an den gesundheitlichen Abgrund gebracht. Die Rettung brachte das Buch "Willst Du gesund sein? Vergiß den Kochtopf!", wofür wir Ihnen, Herr Wandmaker, an dieser Stelle noch einmal herzlich danken möchten! "Wir", das sind meine Mutter, die mit mir gemeinsam den Weg zur Rohkost ging, und ich.

Die Krankheit Diabetes ist durch zeitweise oder dauernd erhöhten Zuckeranteil im Blut gekennzeichnet. Dies kommt, weil die Steuerung mittels des Hormons Insulin, das den Blutzucker senkt, aus unterschiedlichen Gründen versagt. Man unterscheidet zwei Diabetes-Haupttypen.

Beim selteneren Typ 1 werden (meist in jungen Jahren schon) die insulinproduzierenden Zellen (Inselzellen) der Bauchspeicheldrüse innerhalb kurzer Zeit zerstört oder funktionsunfähig. Insulin von außen ist dann zur Lebenserhaltung zwingend notwendig.

Der häufigere Typ-2-Diabetes ("Alterszucker") beginnt meist schleichend. Die Inselzellen sind, wenigstens teilweise, lange Zeit noch aktiv. Erst nach vielen Jahren versiegen diese (bei Normalkost) auch hier durch die ständige Überlastung. Die überwiegende Zahl der Patienten hat ein sog. "Metabolisches Syndrom", mit den Symptomen Übergewicht, erhöhte Blutfette (sprich: vom Körper nicht verwendbare Fettsubstanzen aus der erhitzten Nahrung), erhöhter Blutdruck sowie durch Insulinresistenz bedingter Diabetes. Letzteres bedeutet, daß das Insulin nicht mehr richtig wirkt, was der Körper durch Mehrproduktion auszugleichen versucht.

Meine Kritik bezieht sich auf die hervorgehobene Aufforderung "Mehr Fett essen!" und speziell auf den Satz "Fett IN JEDER FORM erhöht nicht den Insulinspiegel". Daß letzteres eindeutig falsch ist, kann ich wie folgt belegen.

Da mein Körper kein eigenes Insulin herstellt, kann ich den Insulinbedarf wie folgt ermitteln. Ich spritze täglich dreimal verzögert abgegebenes Insulin für den Grundbedarf ("Basalinsulin") und vor jeder Mahlzeit je nach Zahl der geplanten BE (Brot- oder Berechnungseinheiten) schnellwirksames Insulin ("Normalinsulin"). Alle paar Stunden messe ich den Blutzucker. An seinem Verlauf kann ich sehen, ob die Insulinmengen richtig waren.

So habe ich, anders als Gesunde, die Möglichkeit, den Insulinbedarf von Speisen zu ermitteln. Bei diesen Untersuchungen ergab sich u. a. Folgendes:

1. Die "energiereichen" Bestandteile der ERHITZTEN Nahrung brauchen immer viel Insulin, und zwar: Zucker sofort, andere Kohlenhydrate etwas verzögert, bei Fett und Eiweiß verteilt es sich auf viele Stunden (ich muß mehr Basalinsulin spritzen). Die jeweils benötigte Insulingesamtmenge scheint in etwa dem Kaloriengehalt zu entsprechen. Also für Fett mehr als doppelt so viel Insulin wie für Kohlenhydrate oder Eiweiß!

2. Wird Fett zusammen mit erhitzten Kohlenhydraten gegessen, dann verzögert sich die Insulinforderung der Kohlenhydrate (Unterzuckerungsgefahr bei behandeltem Diabetes!), sie kommt aber später nach.

3. Fett aus LEBENDIGER Nahrung (Avocados, Kokosnüsse) belastet den Zucker/Insulinstoffwechsel nicht. Dies gilt wenigstens für mich als Rohköstler.

4. Andere Nüsse, auch roh, fordern dagegen immer viel Insulin. Der Bedarf setzt erst später ein, hält aber lange an. Esse ich z. B. abends Nüsse, dann verdoppelt sich der Basalbedarf für die Nacht. (Das Leben in den rohen Nüssen scheint zu schlafen. Aufweichen verringert den Bedarf geringfügig, bis zum Keimen wird man wohl nicht warten wollen.)

5. Generell beobachtete ich, daß der Insulinbedarf sich ziemlich parallel zum Zustand des Darmes verhält. (Je reiner der Darm, desto weniger Insulin.) So brauche ich jetzt nur 35-40% soviel Insulin wie zu Kochkostzeiten. Dies gilt sowohl für den Grundbedarf als auch für die Menge pro Obst-BE.

Mein Fazit: Fett aus erhitzter Nahrung, isoliertes Fett und Nüsse belasten den Zucker/Insulinhaushalt stark. Der Rat "Mehr Fett essen" ist für Diabetiker unangebracht, die Krankheit könnte sich verschlimmern, zumal die meisten Diabetiker bereits Fettstoffwechselstörungen haben!

Zum "glykämischen Index" ist zu sagen: Dieser wurde mit Kochköstlern ermittelt. Bei diesen enthält der Verdauungstrakt immer einen Mix aus Bestandteilen verschiedenster Nahrung in Gärung und Fäulnis. Die Verdauung ist Schwerstarbeit, daher ist immer ein hoher Basalbedarf an Insulin vorhanden. Die Langzeiteffekte der verschiedenen Nahrung, die ich als Rohköstler maß, konnten daher in die Bestimmung des glykämischen Index gar nicht eingehen: Sobald die Nahrung mit "alten Sachen" zusammentrifft, geht alles im allgemeinen Mansch unter.

Der Rat an die Rohköstler "Mehr Avocados und Kokosnüsse" ist sicher o.k., "Mehr Nüsse" dagegen nicht.

Die angeführten Diäten von Dr. Schwarzbein und Dr. Taller können durchaus wirksam sein. Viele schulmedizinische und alternative Heilmethoden haben ihre Erfolge. Dies gilt ja auch für Medikamente. Die Frage ist immer, was man sich auf lange Sicht damit antut.

Für Diabetiker, die diese schwere (!) Krankheit wirklich loswerden wollen oder wenigstens ihre Folgen aufhalten oder mildern wollen, ist eine reine obstbetonte Rohkost m. E. Pflicht. (Viel Obst auch wegen der ständigen Austrocknungsgefahr des Diabetikers!) Gerade der Diabetes vom Typ "Metabolisches Syndrom" sollte damit komplett heilbar sein, wenigstens solange noch ein Bruchteil der Inselzellen funktioniert. Nach meinen Beobachtungen benötigen frische Blätter und Gemüse, auch fetthaltige (Avocados) praktisch kein Insulin, Obst bei reiner Rohkost nur wenig. Der Gesamtbedarf ist viel geringer als beim Kochköstler.

Wer auf Gekochtes partout nicht ganz verzichten will, sollte eine Trennkost mit einem hohen Anteil an frischem Obst und Gemüse (nach "Fit for Life") durchführen. Diese entlastet die Verdauung und damit den Insulinstoffwechsel schon erheblich. Der Arzt Dr. Walb hat ihre Wirksamkeit, in einigen Fällen bis zur Heilung, in klinischen Studien belegt (s. z. B. "Trennkost aus ärztlicher Sicht" von Dr. Thomas Heintze).

Mehr über meine Erfahrungen mit Diabetes und Rohkost und konkrete Vorschläge für die Therapie findet man in meinem Büchlein "Die Heilkraft der Rohkost am Beispiel Diabetes, Teil 1". Ich denke, eine Werbeanzeige dafür erscheint in diesem Heft.

Ich bin auf der Suche nach Diabetikern, die zur Therapie mit reiner Rohkost bereit sind, und bitte dann um Mitteilung der Erfahrungen. Diese würde ich dann gern in einer Fortsetzung meines Buches anführen (auf Wunsch anonym). So könnte die Heilwirksamkeit der Rohkost bei Diabetes endlich einmal bewiesen und dokumentiert werden.

Zum Schluß, Herr Wandmaker, noch ein Wort zur Politik in "Wandmaker aktuell". Da Sie ja anscheinend davon ausgehen, daß alle, die nicht lautstark protestieren, damit einverstanden sind, hier also mein Protest: Nein, ich bin nicht damit einverstanden!

Da die politischen Ansichten der Rohköstler sicherlich alles andere als einheitlich sind, und da ich "Wandmaker aktuell" immer noch als eine Rohkostzeitschrift ansehe, müßte, wenn schon, dann eine Vielfalt unterschiedlicher Meinungen zur Sprache kommen. Dies würde aber sicher den Rahmen eines natürlich/ganzheitlich orientierten Blattes sprengen.

Ich hoffe, daß meine obigen Ausführungen als positive, konstruktive Kritik verstanden werden. Wir haben ja alle das gemeinsame Ziel, Krankheiten auf natürlichem Wege zu verhindern, zu heilen oder zu mildern.

In diesem Sinne sendet herzliche Grüße

Wolfgang Friedrich
 
 
 
 

- Startseite