Zum Teil 1 von
Die Heilkraft der Rohkost am Beispiel Diabetes
Teil 2 März 2001
Von Wolfgang Friedrich
Übersicht Teil 2
Einleitung
Kapitel 2: Denken in Ganzheiten ermöglicht Harmonie
Ein Lob den rohen Früchten!
Die zwei Hauptgründe für Rohkost
Leonid: Ich bleibe dabei
Lebendige Funktionen
Zustand meiner Gesundheit und Folgen meiner Krankheit bei Rohkost
Eine aufschlußreiche Erfahrung
Wie definiert man eine Unterzuckerung?
Insulinresistenz
Walter: Rohkost heilt Typ-2-Diabetes
Ist Diabetikern ein natürlicher Umgang mit dem Insulin möglich?
Ein paar spezielle Tips für Typ-1-Diabetiker
Ergebnisse bei mir
Die Schulmedizin weiß es inzwischen auch!
Lothar: Rohe Früchte heilen Folgekrankheiten
Ein Beweis für die Höherwertigkeit lebendiger Nahrung
Fette und Eiweiße für Diabetiker
Warum kommen aus natürlichen Fetten und Eiweißen keine Kalorien?
Unterzuckerung bei Nichtdiabetikern
Ganzheit begreifen
Ein paar Ergebnisse aus ganzheitlichem Denken
Mutti: Das Leben fällt wieder leicht
Neuere Forschungen und Entwicklungen zur Diabetestherapie
Kompromisse bei der ErnährungLiteraturverzeichnis
Rohkostbücher
Bücher zur rohkostbetonten Trennkost
Diabetesbücher
Diabeteszeitschriften in Deutschland
Nahrungsmitteltabellen
Einleitung
Liebe(r) Leser(in),
es freut mich, daß Sie nach dem Lesen von Teil 1 dieser Reihe nun auch Interesse an der vorliegenden Fortsetzung haben. Nebenbei: Lassen Sie mich im weiteren wieder die einfache Form "lieber Leser" benutzen, die gewiß geschlechtsneutral gemeint ist.
Die bisherige Resonanz auf Teil 1 war in ihrer Menge und Art nicht ganz wie erhofft, zeigt aber auch erfreuliche Aspekte.
Die Herausgabe in ansprechender kleiner Buchform, die ich der Firma "Wort & Bild" verdanke, war ein positiver Schritt, weil das Äußere natürlich auch eine Rolle spielt.
Meine Versuche, in den Diabeteszeitschriften auf die heilsame Wirkung der Rohkost und meine Reihe (bzw. vorher: Informationen auf Zetteln) hinzuweisen, hatten nur zu einem Teil Erfolg. Leider zeigte sich nur die Redaktion von einem der vier von mir angesprochenen Blätter kooperativ: dem "Insuliner", eine von Diabetikern gemachte Zeitschrift für Diabetiker (hauptsächlich Typ 1, siehe Literaturliste am Ende). Dort konnte ich in vier Ausgaben Rohkostbeiträge unterbringen.
An Reaktionen gab es im Laufe der Zeit ein paar Anforderungen von Teil 1 und auch hier und da Kontakte in Form von Briefwechsel und/oder Telefonaten: in der Anzahl nicht groß, aber dafür wertvoll und zum Teil recht intensiv. Die meisten Interessenten kannten die Rohkost schon vorher, zum Teil praktizierten sie sie auch bereits selbst. Ich habe bis jetzt leider noch von keinem einzigen gehört, der durch meine Informationen auf die Rohkost aufmerksam geworden wäre und daraufhin die Umstellung versucht oder wenigstens ernsthaft in Erwägung gezogen hätte. Immerhin stellte eine Diabetikerin auf eine Fast-Rohkost um und hatte damit auch bestimmte Erfolge (ich berichtete bereits im Teil 1 darüber), leider war sie zu weiteren Schritten nicht bereit.
Ich ließ auch mit Anzeigen für das Buch werben. Bei der größten Diabeteszeitschrift wurde sogar dies abgelehnt. Anzeigen erschienen in folgenden Zeitschriften: "Insuliner", "Wandmaker aktuell" (Rohkost), "Natürlich Leben" (Rohkost), "Schrot & Korn" (Naturkost-Magazin des "Bio"-Handels).
Die meisten und positivsten Reaktionen kamen, wie zu erwarten, von den Beziehern der Rohkost-Zeitschriften. Ich freue mich natürlich sehr über deren Interesse und sehe sie gern als Leser. Aber da sie ja bereits Kenner und meist auch Anhänger der Rohkost sind, gehören sie nicht zu der Haupt-Zielgruppe, die ich mit meinen Anstößen und Informationen primär erreichen will. Die Anzeigen insgesamt brachten zwar eine gewisse Zahl von Buchbestellungen, so daß für den Herausgeber wenigstens kein Minusgeschäft herauskam, aber die Situation an sich, wie zuvor beschrieben, änderte sich noch nicht grundlegend.
Einen Dialog mit Lesern, wie ich ihn mir gewünscht hatte, hat es also nur eingeschränkt gegeben. Hauptsächlich aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, meine Buchreihe mit diesem Teil 2 abzuschließen. Das soll nicht unbedingt heißen, daß es aufgrund des Laufs der Ereignisse und Entwicklungen nicht doch noch einmal eine Fortsetzung geben könnte. Doch habe ich alles, was für diese Reihe bereits vorgesehen war und auf Zetteln in der Form kleiner Notizen und Stichworten vorlag, in das vorliegende Buch eingearbeitet, so daß es deutlich umfangreicher als der erste Teil geriet. Dafür erfolgte die Fertigstellung nun später als ursprünglich geplant.
An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal auf die Frage eingehen, für wen diese Buchreihe hauptsächlich geschrieben ist. Ich nehme an, vor allem mancher Nichtdiabetiker vermißt ein klares Wort dazu.
Nun, in der Einleitung zu Teil 1 schrieb ich bereits, an sich ist jeder angesprochen. Ob jemand von meinen Ausführungen profitieren kann, hängt davon ab, welchen Stellenwert für ihn Gesundheit hat und ob er bereit wäre, dafür auch Gewohnheiten zu ändern und sich auf grundsätzlich Neues insbesondere bei der Ernährung einzulassen.
Vor allem die Abschnitte mit den mehr grundlegenden Dingen, aber nicht nur die, sind für jeden gedacht, egal, ob krank oder (noch) gesund. Gerade auf solche Grundsatzfragen habe ich einen besonderen Akzent gesetzt, weil man dies so sonst wohl nirgends findet. Um wirklich davon etwas zu haben, ist echte Offenheit Voraussetzung, nicht mehr und nicht weniger.
Daneben biete ich aber auch einiges an Erfahrungswerten speziell für Diabetiker an. Da diese Erfahrungen manchmal von dem unter Diabetikern und denen, die sich von Berufs wegen mit Diabetes beschäftigen, vorherrschenden "Allgemeingut" abweichen, ja ihm teilweise sogar widersprechen, halte ich auch dieses für besonders nötig. Gerade im vorliegenden Teil 2 nehmen die diabetesbezogenen Dinge daher einen recht breiten Raum ein.
Es folgt ein Überblick über den Inhalt des zweiten Teils.
Erfreulicherweise bin ich jetzt in der Lage, Ihnen zusätzlich zu meinen eigenen auch Erfahrungen dreier anderer Diabetiker zu präsentieren, die ganz oder wenigstens zeitweise zur Rohkost übergingen. Ich möchte Sie Ihnen schon einmal vorab kurz vorstellen:
Leonid, 17 Jahre jung, war völlig selbständig zur Rohkost gelangt, bevor er mein Buch las. Ähnlich wie bei mir, waren es auch bei ihm massive Kopfprobleme und Befindensstörungen, die ihn zum Suchen nach Lösungen zwangen. Es hat mich erfreut, daß, wie er mir sagte, die grundsätzlichen Ausführungen des Buches ihn beim Dabeibleiben bestärkt haben - gegen eine meist ablehnende Umgebung: Welcher Rohköstler kennt das Problem nicht? Andererseits konnte auch ich aus seinen Erfahrungen lernen und meine Diabetestherapie weiter verbessern.
Walter hat, wie er selbst sagt, einen leichten Diabetes (Typ 2). Phasenweise hat er verschiedene Therapieansätze ausprobiert und durchgeführt, darunter auch reine Rohkost. Sein Ergebnis beweist, daß Typ-2-Diabetes mit Rohkost geheilt werden kann.
Lothar hat seinen Typ-1-Diabetes schon viele Jahre. Einige Folgekrankheiten und Probleme hatten sich bei ihm im Laufe der Zeit eingestellt, bis er vor fünf Jahren zur Früchterohkost überging. Über die Erfolge lesen Sie im folgenden Kapitel 2.
Die besondere Situation, die mit der Kombination aus insulinpflichtig gebliebenem Diabetes und reiner Rohkost vorliegt, macht es möglich, Dinge per Selbsttest in Erfahrung zu bringen, die die ganze Wissenschaft trotz ihrer vielen und aufwendigen Möglichkeiten noch nicht herausgefunden hat. Es ist mir daher ein besonderes Anliegen, gerade auch solche besonderen Erfahrungen mitzuteilen und weiterzugeben (siehe dazu insbesondere den Abschnitt "Ein Beweis für die Höherwertigkeit lebendiger Nahrung"). Ich hoffe dabei auch, daß der eine oder andere Leser, bei dem ebenfalls die genannte Situation vorliegt, sich angespornt fühlt, diese Ergebnisse nachzuprüfen, um sie zu widerlegen oder zu bestätigen. Teilen Sie mir bitte Ihre Ergebnisse mit!
Da der Zuckerstoffwechsel eine recht zentrale Rolle im Organismus spielt, kann sich möglicherweise auch hier und da ein interessierter Nichtdiabetiker manches aus den in Kapitel 2 angeführten diabetischen Erfahrungswerten entnehmen. Aber ein paar Mal wird auch sehr ins Detail gegangen werden, zuweilen werden technische Begriffe der üblichen Diabetestherapie vorausgesetzt, die den meisten Betroffenen bekannt sein dürften. Wer also nicht direkt mit Diabetes zu tun hat, sei es als Betroffener, Therapeut oder Wissenschaftler, der kann diese Teile getrost überlesen.
An der Beschäftigung mit Grundsätzlichem fasziniert mich besonders, daß es mit Hilfe geeigneter Begriffe möglich ist, Dinge herauszufinden, Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen, ohne alle möglichen Einzelfragen endgültig geklärt haben zu müssen. Die richtige Sicht haben, und schon bald tun sich Ergebnisse auf, eindeutig und klar, zu denen die offizielle Wissenschaft (noch längst) keinen, oder höchstens teilweisen Zugang hat. Um einen solchen Begriff handelt es sich nach meiner Auffassung bei dem, was ich eine "Lebendige Funktion" nenne. Sie können sich nichts darunter vorstellen? Lesen Sie dazu mehr in Kapitel 2.
Eine ausführliche Bestandsaufnahme meines Gesundheitszustandes, mit Positivem und Negativem, soll Ihnen als Beispiel dienen. Wenn Sie Diabetiker sind, können Sie so einen ungefähren Eindruck davon bekommen, welche Art Folgen kommen können und welche wahrscheinlich nicht, wenn der Diabetes bleibt.
Weiter werde ich Ihnen über eine Änderung bei meiner Insulintherapie berichten, mit deren Hilfe sich manche Probleme bei mir mildern ließen.
Mehr durch Zufall erfuhr ich kürzlich, daß die Medizin inzwischen so weit ist, die entscheidende Rolle von erhitzter Nahrung bei der Entstehung und Weiterentwicklung wenigstens eines Teils der diabetischen Folgekrankheiten bewiesen zu haben. Da dies wieder einmal so gut wie nicht publik gemacht wurde, und wenn, dann nur mit sehr zaghaft ausgedrückten Ernährungsempfehlungen, werde ich Ihnen darüber berichten.
Aus gegebenem Anlaß gehe ich in einem eigenen Abschnitt auf das Thema Fette und Eiweiße ein. Diese werden nämlich in letzter Zeit wieder einmal von mancher Seite als besonders günstig, insbesondere für Diabetiker, deklariert. Leider wird dabei nicht oder kaum differenziert nach der Art der Fette und Eiweiße. Ich möchte auf die grundlegenden Unterschiede zwischen "lebendigen", "schlafenden" und "toten" Fetten und Eiweißen aufmerksam machen.
Die Unterzuckerung (Hypoglykämie, oft einfach "Hypo" genannt) ist ein wichtiges Thema für Diabetiker. Aber auch so mancher Nichtdiabetiker ist davon betroffen. Meine Vorstellung davon, und die sich daraus ergebende einfachste und effektivste Abhilfe, will ich Ihnen nicht vorenthalten.
Aus einem besonderen Bedürfnis heraus möchte ich Ihnen gern meine Vorstellung von "ganzheitlichem Denken" und, damit zusammenhängend, den Begriff einer "Ganzheit" (oder eines "Individuums"), so wie ich sie verstehe, versuchen zu vermitteln. Denn diese Begriffe sind nach meiner Ansicht entscheidende Schlüssel zu Harmonie und Zufriedenheit.
An neuen Forschungen und Entwicklungen zur Diabetestherapie sollte kein Ratgeber für Zuckerkranke vorbeigehen. Daher gibt es auch in diesem Buch einen Abschnitt über eine Auswahl von ein paar besonders interessanten und möglicherweise doch einmal bahnbrechenden Ankündigungen aus der Forschung, mit dazu jeweils ein paar persönlichen Kommentaren von mir.
Zum Schluß möchte ich noch einmal auf die Einteilung der Textteile in "Rubriken" hinweisen. Bei den meisten Abschnittstiteln finden Sie in Klammern einen Hinweis auf die Rubrik, manchmal sind es auch mehrere.
"Erfahrungen" sind immer persönlich erlebt.
"Erklärungen" sind Denkmodelle, die Tatsachen verständlich machen sollen. Die Modelle selbst müssen nicht hundertprozentig mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
"Vorschläge" sind Beispiele, wie man es machen kann. Sie sollen nicht einfach wörtlich übernommen werden, sondern sollen jedem, der es möchte, dabei helfen, seinen eigenen Weg zu finden.
"Erwartungen" werden nicht garantiert und "Probleme" müssen nicht auftreten.
"Grundsätzliches" soll demjenigen, der offen und dazu bereit ist, helfen, innere Sicherheit für sein Tun zu bekommen.
"Dialog" mit den Lesern wünsche ich mir!
Wolfgang Friedrich März 2001
Kapitel 2 Denken in Ganzheiten ermöglicht Harmonie
Ein Lob den rohen Früchten! (Grundsätzliches, Erfahrung)
Für alle:
1. Früchte sind die gewaltfreieste, ganzheitlichste Nahrung überhaupt. Die Pflanzen geben sie uns von selbst und freiwillig.
2. Früchte werden sehr leicht und schnell verdaut.
3. Früchte geben uns direkt (Lebens-)Energie, ohne sie zu verbrauchen.
4. Früchte sind die beste Gehirnnahrung und wirken damit positiv auf die Psyche.
5. Obstfrüchte beheben Unterzuckerungen bei Diabetikern und Nichtdiabetikern.
Für Diabetiker: Eßt so häufig und so viel Obst, wie der Appetit erlaubt, und wie mit dem eigenen oder zugeführten Insulin noch einigermaßen problemlos abgedeckt werden kann, denn:
6. Obst (plus Insulin) ersetzt schnell und natürlich den nicht ordnungsgemäß verstoffwechselten Blutzucker.
7. Früchte (plus evtl. Insulin) geben natürliche Feuchte, wirken somit der Austrocknung am besten entgegen, z. B. nach Über- und Unterzuckerungen.
8. Gemüsefrüchte (z. B. Avocados, frische Oliven, Gurken, Tomaten) sind eine hervorragende Bereicherung für zwischendurch (ohne Insulin).
Für Diabetiker, andere Kranke und sonst von Mangelerscheinungen Bedrohte:
9. Früchte sind reich an vielerlei lebendig-aktiven Substanzen und Funktionen. Sie können Mängel unterschiedlichster Art vermeiden oder beseitigen helfen. (Siehe auch den Abschnitt über "Lebendige Funktionen".)
Folgende Kriterien bestimmen mit, wie wertvoll eine Frucht ist:
Reifegrad: Unreifes, saures Obst sollte vermieden werden.
Frische: Ausgedörrtes oder bereits monatelang gelagertes Obst ist zweite Wahl.
Anbau: Ökologisch ist besser als konventionell, wild ist noch besser.
Gehalt an Lebensenergie: Von der Sonne verwöhnte, konzentrierte Tropenfrüchte haben am meisten davon und sind besonders verträglich.
An dieser Stelle noch eine Anmerkung, das Trinken betreffend:
Die beste Quelle für natürliches Wasser sind Früchte und andere wasserhaltige frische Rohkost. Trinken ist als zweite Wahl zu betrachten, denn dadurch kommt die Feuchtigkeit stoßweise in den Körper, läuft schnell durch den Magen-Darm-Trakt und stört dabei vielleicht Verdauungsprozesse. Das in der Rohkost gebundene Wasser dagegen kann sich der Körper längere Zeit je nach Bedarf entziehen.
Wenn man aber schon trinkt (bei Diabetes und anderen Krankheiten oft unerläßlich), dann sollte es möglichst naturbelassenes Wasser sein (am idealsten wäre wohl frisches Quellwasser). Es sollte sich von selbst verstehen, daß die "üblichen" Getränke, wie Kaffee, Milch, Tee, alkoholhaltige, nicht in Frage kommen. Frische selbst hergestellte Säfte sind geeignet, Fabriksäfte dagegen weniger.
Die zwei Hauptgründe für Rohkost (Erklärung)
Lieber Leser, lassen Sie uns zu Beginn dieses Kapitels den zwei Aspekten einmal genauer widmen, die nach meiner Auffassung die Hauptgründe für eine Entscheidung zur ausschließlichen Rohkost darstellen.
In der Hoffnung, daß Sie mir folgen mögen, möchte ich dabei einen ersten Schritt dazu gehen, heute fast schon geläufigen Ausdrücken wie "ganzheitliches Denken" näher zu kommen, das heißt, ihnen konkreten Begriffs-Sinn zuzuordnen: Wir sollen die Begriffe im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen" können.
Der erste Grund bezieht sich auf das Positive der naturbelassenen Nahrung (also: Rohkost essen), der zweite beschäftigt sich mit dem Negativen der erhitzten Nahrung (also: nichts anderes als Rohkost essen).
Erster Grund: Rohkost ist lebendig.
Das bedeutet, wenn wir sie verzehren, nimmt unser Organismus nicht nur einfach Stoffe oder sonstige chemische oder physikalische Objekte oder Größen (Beispiele: Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralien; Energie [Brennwert]) auf, sondern auch ganze Lebensfunktionen in ihrem Zusammenhang. Er kann diese übernehmen, anpassen und benutzen, wodurch eigene Reserven geschont werden. Hitzeeinwirkung zerreißt solche lebendigen (ganzen) Zusammenhänge.
Zweiter Grund: Kochkost kostet Kraft und erzeugt Gifte und Müll.
Die durch die Hitze zerrissenen Zusammenhänge verbinden sich beim Erkalten neu, zufällig, zu toten Klumpen verschiedenster Art, ihre Funktionen können verlorengehen oder sich verändern. Da die Klumpen sich auf äußerst vielfältige Weise neu zusammensetzen können (das ist die Kraft des Feuers!), und da jedes Programm beschränkt ist, kann aber auch unser körpereigenes Programm nicht auf jede Variante angemessen reagieren.
Somit kann letztlich nicht verhindert werden, daß ein Teil der unbrauchbaren Klumpen in den Körper gelangt. Sie müssen nun in einer kraftkostenden Abbauaktion als Ganzes entfernt oder zerlegt werden. Wenigstens ein Teil der Abbauprodukte fällt als Müll an. Manche der veränderten Funktionen kann das Körperprogramm nicht gleich abwehren oder überhaupt erst als schädlich erkennen, sie werden integriert und können so bisweilen großen Schaden anrichten. Das Immunsystem hat dann in so einem Fall ein starkes Gift zu bekämpfen.
Diese substanz- und kräftezehrenden Maßnahmen versagen irgendwann, wenn immer weiter Feuernahrung zugeführt wird. Die Folge sind unnatürliche Veränderungen, Müllansammlungen, Entartungen an den unterschiedlichsten Orten im Körper (individuell verschieden), z. B. Blut, Gefäße, Fettpolster, Organe, Gelenke. Gifte können selbstzerstörerische Aktionen auslösen: Autoimmunreaktionen, zu denen wohl auch die Inselzellzerstörung beim Typ-1-Diabetes gehört. Der Darm ist praktisch immer stark geschädigt, auch durch feste Ablagerungen. Früher oder später manifestieren sich allermeistens Krankheiten und sogenannte "Alterserscheinungen".
Vermutlich erscheint es Ihnen ungewöhnlich, daß und wie ich Ausdrücke wie "lebendig", "Funktion" und "Lebensfunktion" bei diesen Begründungen verwende. Ich meine aber, dies ergibt sich fast selbstverständlich aus einer ganzheitlichen Denkweise, so wie ich sie verstehe. Ich erwarte natürlich nicht, daß Sie diese (meine) Sicht so einfach übernehmen, hoffe aber auf Ihre Bereitschaft, darüber nachzudenken und Ihre persönliche Wertung zu finden. Ich werde versuchen, Ihnen nach und nach die Ausgangspunkte dieser Denkart zu erläutern und zu veranschaulichen. Dies soll bis zu glasklaren Begriffsdefinitionen führen, wobei ein zentraler Begriff der sein wird, den ich mit dem Wort "Ganzheit" verbinde.
Vor einer mehr grundsätzlichen Weiterführung dieser Denkrichtung möchte ich Ihnen aber zwei konkrete, bereits untersuchte, mehr oder weniger bekannte Beispiele geben, eines für Lebensfunktionen (erster Grund), eines für die Vielfalt von Substanzveränderungen der Nahrung durch Erhitzen (zweiter Grund).
Beispiel 1: Von Enzymen (Fermenten) haben Sie sicher schon gehört. Das sind bestimmte Eiweißstoffe, die in allen Lebewesen, also auch in der rohen Nahrung vorkommen. Jede Enzymart hat eine spezifische Funktion, nämlich die, einen bestimmten Vorgang im und für den lebendigen Organismus auszulösen (bei Eintritt gewisser Bedingungen). Diese Funktionen betrachte ich somit als Lebensfunktionen (lebendige Funktionen). Eine Gruppe von Enzymen beispielsweise kann bestimmte Nahrungsbestandteile spalten. So ist Pepsin ein eiweißabbauendes Enzym des Magensaftes. Solche Aufspaltungsenzyme (Amylasen für Stärke, Proteasen für Eiweiße, Lipasen für Fette) sind auch in der frischen, rohen Nahrung vorhanden, machen sie leicht verdaulich. Hitze zerstört alle Enzyme. Hiermit haben wir also bereits bekannte, chemisch faßbare Beispiele von lebendigen Funktionen. Wir sollten aber bei weitem nicht annehmen, daß es die einzigen sind.
Beispiel 2: Guy-Claude Burger berichtet in seinem Rohkost-Standardwerk "Die Rohkosttherapie" (siehe Literaturverzeichnis am Ende des Buches), daß der Chemiker Maillard bereits 1916 damit begann, die chemischen Reaktionen beim Erhitzen von Lebensmitteln zu analysieren. Er fand heraus, daß, immer beginnend mit einer ersten Reaktion zwischen Zucker und Eiweiß, neue Substanzen entstanden, die unter anderem für die für Kochkost typischen Geschmacksrichtungen verantwortlich sind. Er verabreichte diese Substanzen Ratten (vermutlich in isolierter Form), ursprünglich in der Absicht, ihre Unschädlichkeit zu beweisen, entdeckte aber, daß sie auf die Tiere tödlich wirkten.
Erst 1982 wurden diese Forschungen von französischen Wissenschaftlern weitergeführt. (Burger zitiert den Artikel "Pyrolyse des aliments et risques de toxicité" [Lebensmittelpyrolyse und Toxizitätsrisiken] von R. Derache in der Fachzeitschrift "Cahiers de nutrition et de diététique", Band 17, März 1982, S. 39.) Dabei entdeckte man, daß allein bei einer Grillkartoffel schon ca. 450 neue Substanzen (Derivate) entstehen, die in naturbelassener Nahrung nicht vorkommen. Die Forscher gaben ihnen den Namen "Neue Chemische Arten" (Abk. NCA).
Man kann nun erahnen, daß bei der Vielfalt der Nahrungsmittel, ihrer Mischungen und der Garungsarten, wie sie allgemein üblich sind, noch viel mehr und komplexere NCA, per Zufallsprinzip, entstehen. Da besteht keine Chance, sie jemals alle zu analysieren!
Die, die analysiert wurden, stellten sich zum Teil u. a. als "peroxydierend, antioxydierend, toxisch", vielleicht auch "mutagen, kanzerogen" heraus. Also eine gefährliche Ladung, die man sich mit jeder Kochmahlzeit einverleibt!
Zu Fortsetzungen dieser Forschungen aus neuester Zeit siehe den Abschnitt "Die Schulmedizin weiß es inzwischen auch!" in diesem Kapitel.
Nachdem der Verzehr und ausschließliche Verzehr roher Nahrung nun sicher mehr als ausreichend begründet wurde (wer das immer noch nicht sieht, den würde ich jetzt auch nicht mehr weiter zu überzeugen versuchen wollen), muß ich aber an dieser Stelle einen für mich ganz wesentlichen Punkt noch erwähnen:
Die Beschränkung auf eine ausschließlich pflanzliche Nahrung ist für mich eine absolute Notwendigkeit, die sich ganz anders begründet. Ich war auch vor der Rohkost schon Vegetarier. Aus meiner Sicht muß jeder wirklich noch etwas empfindende Mensch selbstverständlich absolut gegen Gewalt sein. Das heißt, Körperverletzung, Schmerzzufügung, Tötung eines Menschen oder Tieres sind Dinge, die man doch niemals ertragen kann (weil der betroffene Mensch oder das betroffene Tier es vielleicht nicht kann)! Also kann auch das Essen von Fleisch niemals gutgeheißen oder in irgendwelches Kalkül einbezogen werden.
Dieser Grund ist völlig unabhängig von allen sonstigen Argumenten für oder gegen das Essen von Fleisch. Es wird immer wieder Aussagen, auch wissenschaftliche Begründungen, nicht nur gegen, sondern auch für das Fleischessen geben, sogar unter den Rohessern. Der genannte Autor Burger gehört leider dazu. Ich bin aber dagegen gefeit, weil meine Begründung davon nicht berührt wird. Auch wenn ich meinem Körper damit noch so viel Gutes tun würde (was ich allerdings nicht glaube): Den Rückschritt zum Fleischessen würde ich niemals gehen!
Übrigens bin ich als Diabetiker auch sehr froh darüber, daß es heute Insulin gibt, das nicht aus Bauchspeicheldrüsen von Tieren (Schwein, Rind) gewonnen wurde, wenn auch dafür die nicht immer segensreiche Gentechnik benutzt wird.
Weitere Gedanken zur Gewaltlosigkeit gegenüber anderen Lebewesen finden Sie, lieber Leser, noch unter "Ganzheit begreifen" in diesem Kapitel.
Leonid: Ich bleibe dabei (Dialog, Erfahrung)
Leonid Kharitonov erkrankte 1990 an Diabetes Mellitus Typ 1 und ist jetzt 17 Jahre alt. In den letzten Jahren litt er stark unter großer Nervenanspannung, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Aber auch mehr körperliche Symptome machten ihm zu schaffen: Verdauungsstörungen, Sodbrennen, Magenprobleme, Gallensteine, Gliederschmerzen, Nieren- und Herzattacken. Ärzte konnten ihm nicht helfen. So gelangte er, ständig auf der Suche nach möglichen Lösungen, lesend, nachdenkend, schließlich im Juli 2000 zur Rohkost.
Die entscheidenden Anregungen brachte ihm das Buch "Fit für's Leben" von Harvey und Marilyn Diamond. Das behandelt die "Natürliche Gesundheitslehre", betont den Wert roher Nahrung, empfiehlt aber keine alleinige Rohkost. So kam Leonid ganz allein darauf, alles Erhitzte und alle künstlichen Essenszusätze wegzulassen.
Zunächst verbesserte sich sein Zustand, aber nur für kurze Zeit. Die dadurch bewirkte Verunsicherung veranlaßte ihn, einer Empfehlung zu folgen, wonach Obst für Diabetiker wegen seiner starken Wirkung auf den Blutzucker weniger geeignet sei. So aß er fast nur Gemüse und sehr wenig Obst, ergänzt durch Keimlinge und Bierhefe. In der Folge wurden Gesundheitszustand und Befinden jedoch immer schlechter.
Im Herbst schließlich kehrte Leonid eine Woche lang zur Kochkost zurück mit dem Ergebnis, daß sein Zustand sich zunächst scheinbar verbesserte, bis es zu unerträglichen Anfällen kam, was ihn verzweifeln ließ.
Direkt danach nahm er Kontakt mit der rohköstlichen "Helmut-Wandmaker-Stiftung" auf und las das Buch "Willst Du gesund sein, vergiß den Kochtopf" von Helmut Wandmaker. Über Werbeanzeigen für meine Buchreihe "Die Heilkraft der Rohkost am Beispiel Diabetes" in der Zeitschrift "Wandmaker aktuell" kam es dann zur Kontaktaufnahme mit mir.
Bedingt durch die Ähnlichkeit unserer beiden Vorgeschichten und Situationen kam es seitdem zu einem lebhaften Erfahrungsaustausch zwischen uns beiden, den wir bis heute beibehielten.
Beide hatten wir das Gefühl gehabt, daß unsere Hauptprobleme mit einem Energiemangel, der sich vor allem auch im Gehirn auswirkt, zusammenhängen. Dies Gefühl wurde nun zur Sicherheit, wir diskutierten mögliche Lösungen. Woher bekommt unser Körper am effektivsten neue Energie? Natürlich aus Früchten. Anfangs dachten wir bei "Energie" nur an Brennstoff in Form von Zucker, woran es dem Diabetiker wegen des fehlerhaften Insulinstoffwechsels zunächst am meisten mangelt.
Leonid ernährt sich seitdem hauptsächlich (zeitweise auch ausschließlich) von Früchten. Anfänglich gab es noch einen Versuch mit Fasten (ohne Erfolg) sowie einen erneuten kurzzeitigen Rückfall zur Kochkost. Dieser verunsicherte ihn, seine Erkenntnis ist: Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit der Rohkost weiterzumachen, das Zivilisationsessen stößt ihn ab.
Die Ergebnisse sind (zunächst) nicht eindeutig. Einerseits erlebt Leonid fortschreitend Verbesserungen, andererseits gibt es nach wie vor erhebliche Probleme.
Er fühlt sich unter der Rohkost frischer und munterer als früher. Die Leistungsfähigkeit, z. B. beim Sport, ist besser geworden. Die rein körperlichen Probleme haben deutlich nachgelassen, so ist z. B. das Sodbrennen ganz verschwunden.
Jedoch ist der ständige Spannungszustand der Nerven immer noch da. Die Probleme mit dem Durchsetzen der Rohkost bei einer ablehnenden Umgebung und mit dem Diabetes überhaupt kommen noch hinzu und machen die Situation nicht gerade leichter.
Leonid ist aber optimistisch und ich bestärke ihn darin aufgrund meiner Erfahrungen: Je länger man sich ausschließlich rohköstlich ernährt, desto mehr werden sich die Körperfunktionen, eingeschlossen die von Nerven und Gehirn, normalisieren. Wir vertrauen der Natur und müssen ihr Zeit lassen.
Gemeinsam kamen wir aufgrund unserer Beobachtungen auch zu dem Schluß, daß die ständige Gefahr eines Mangels an Lebensenergie bei uns Diabetikern sich nicht allein durch die Zufuhr von lebendigem Zucker (aus Obst) plus Insulin beheben läßt. Auch von anderen Dingen brauchen wir mehr als Gesunde. Den Flüssigkeitsbedarf decken wir am besten aus Früchten (insulinunabhängig gehen Tomaten und Gurken), in zweiter Wahl durch Trinken. Andere Stoffe bekommen wir aus Blättern und Gemüse (Avocados sind besonders intensiv und sättigend).
Bei Leonids Diabetesführung ergaben sich folgende Änderungen: Der Insulinbedarf verringerte sich von täglich durchschnittlich etwa 70 Einheiten auf jetzt etwa 45 Einheiten. Dabei werden am Tag 30 oder mehr BE verzehrt. Der Blutzuckerverlauf ist ziemlichen Schwankungen unterworfen und läßt sich nicht mit dem eines Gesunden vergleichen. Das ist aber, auch nach meiner Erfahrung, mit den heutigen Insulintherapien unvermeidbar.
Leonid Kharitonov
Bismarckstr. 91
D-40210 Düsseldorf
Tel. (0049)(0)211-357327
Lebendige Funktionen (Grundsätzliches)
Bekanntlich verändert sich in der realen Welt alles, früher oder später, langsamer oder schneller. Wir können dies mit unserem geistigen Auge aber nicht richtig erfassen. Wenn wir uns etwas vorstellen, ist fast alles starr bis auf ein oder allenfalls zwei sich bewegende Dinge oder Personen (Akteure). Typischerweise sind wir selbst der Akteur, und alle anderen halten, alles andere hält solange still, bis wir sie/es eine Rolle spielen lassen, oder bis wir unsere Aktion ausgeführt, unseren Plan zu Ende gebracht haben. Sie glauben das nicht? Versuchen Sie doch mal eine Analyse Ihres eigenen Denkens!
Wir dürften uns eigentlich nicht darüber wundern, daß das wirkliche Geschehen immer wieder von dem abweicht, was wir uns vorstellen, erhoffen oder erwarten. Denn in der Realität gibt es gleichzeitig mit uns andere Akteure mit eigenen Plänen, die wir oft nicht begreifen, sowie Abläufe, die wir niemals komplett analysieren werden. Und das alles in einer unglaublichen Vielzahl und Vielfalt. So kommt es beispielsweise, daß, ehe wir einen Plan zu Ende ausführen können, sich die Welt schon wieder so sehr geändert hat, daß Voraussetzungen, auf denen der Plan basierte, längst nicht mehr gelten.
Hat unsere einfache Denklogik aber dann überhaupt eine Chance, zu verstehen, wieso im Bereich des Natürlichen und Lebendigen so vieles so gut funktioniert?
Meine Antwort darauf ist: Obwohl unser Denken von seiner Struktur her starr ist, können wir, wenn wir es wollen, mittels geeigneter Grundbegriffe einen Zugang zum Lebendigen bekommen, der wesentlich aufschlußreicher und effektiver ist als das übliche wissenschaftlich-analytische Herangehen. Nehmen wir diese Art zu denken an, dann kann auch unser Tun und unser Verhalten konstruktiver, geordneter, friedlicher - eben "natürlicher" oder "lebendiger" werden!
Als einen ersten Schlüssel dazu möchte Ihnen anbieten: die Erkenntnis unserer eigenen Schwäche.
Das soll heißen, ich bin mir darüber bewußt, daß ich grundsätzlich die Entwicklung der Dinge allein nicht unter Kontrolle halten kann. Das gilt auch dann, wenn es ausschließlich um mich betreffende Dinge geht. Denn ich habe nicht die Macht, mich (oder meine Familie, oder ...) von äußeren Einflüssen ganz abzuschirmen. Was ich auch tue: Zufall, Naturgewalten, böswillige oder unachtsame Menschen können mir immer einen Strich durch die Rechnung machen. Noch so viele "Schutzmaßnahmen" können dies nie absolut verhindern.
Ich bin also auf viele Dinge und Lebewesen und auf deren akzeptables Funktionieren angewiesen: auf den guten Willen meiner Mitmenschen ebenso wie auf Nahrung, Wärme, Licht und Luft und darauf, daß ich nicht zu stark Giften, Streß, Gewalt und Zufallskräften ausgeliefert bin, und schließlich und vor allem auch auf meinen Körper und seine Gesundheit.
Dieses "akzeptable Funktionieren" brauche ich, auch wenn ich nicht (oder nur sehr bruchstückhaft) weiß, wie, warum es funktioniert und wie lange dies noch der Fall sein wird.
Geht es um die lieben Mitmenschen, dann wissen wir doch eigentlich alle, wie kompliziert das Zusammenleben geworden ist, wie schnell sich die Anforderungen, die wir uns gegenseitig stellen, ändern, wie "flexibel und belastbar" man sein muß, um heute zu bestehen. Für diesen Problemkreis habe ich natürlich auch keine Pauschallösung. Aber es ist sicher gut, auf lange Sicht einen Zustand anzustreben, in dem man möglichst unabhängig von anderen Menschen ist (nicht nur materiell), in dem man in der Lage ist, sich bei Bedarf zurückzuziehen und fernzuhalten. Das ist leider nötig, da das Verhalten der allermeisten Menschen, wie ich es sehe, sehr "unnatürlich", sogar "unlebendig" ist.
Gerade auch Zusammenrottungen nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stark" oder auch "Wir ziehen alle an einem Strang" sind besonders gefährlich, weil diese, wie fast täglich und überall immer wieder gezeigt wird, schnell eine gewaltige Eigendynamik bekommen, wo kein Bewußtsein mehr die Macht zum Kontrollieren oder Steuern hat.
Ich meine also, Schwäche ist eine ganz grundsätzliche Erkenntnis. Wem dieser Begriff von Schwäche zu ungewöhnlich erscheint, um ihn sich anzueignen ("Stärke" gilt ja allgemein als gut und erstrebenswert, "Schwäche" als negativ besetzt), der denke an "Empfindlichkeit". Ich betrachte "Schwäche" und "Empfindlichkeit" als im Grunde identische Begriffe. Wer empfindlich ist, der ist auch schwach, weil er schlechte Bedingungen (Gewalt) nicht ertragen kann, weil er somit die Abhängigkeit von einem günstigen Umfeld unmittelbar spürt, sie nicht wirklich leugnen kann.
Wie kommen wir jetzt aber von der erkannten Schwäche zu den lebendigen Funktionen? Nun, der Weg ist eigentlich nicht mehr so weit. Leben hat - im Gegensatz zu toten Dingen, deren Bewegungen, Abläufe, (Re-)Aktionen ein bewußtloses Kräftespiel sind - mit Bewußtsein (Willen) zu tun. Ich denke, Bewußtsein (wie man es auch nennen will: z. B. Gott oder Natur) hat Leben erzeugt, Bewußtsein will Leben genießen, Bewußtsein liebt Schönheit und Ordnung, Bewußtsein leidet, wenn Lebendigem Gewalt angetan wird. Bewußtsein weiß darüber hinaus von seiner Schwäche, hat sie verinnerlicht.
Bewußtsein nimmt auch Gestalt an, ist mit den verschiedenen Formen des Lebens (Lebewesen) mehr oder weniger eng verbunden, ist von ihnen abhängig, gestaltet sie, liebt sie. Aus dem Bewußtsein der Schwäche heraus wird besonders gut gestaltet: Die Formen werden so konzipiert, daß sie mit vielen Eventualitäten zurechtkommen können (die später, wie sich im Nachhinein meist herausstellt, bei weitem nicht alle eintreffen), weil ja im Voraus nicht alles bekannt ist. Lebensformen sollen somit stabil sein. Darauf aufbauend kann eine Form andere Formen benutzen, weil deren Funktionieren verläßlich erscheint. Nur dieses Aufeinander-Aufbauen ermöglicht kompliziertere, höher-organisierte Lebenseinheiten. Keine Einheit kann sich um alles kümmern. Ohne Vertrauen in das genehme Funktionieren anderer Einheiten geht es nicht.
Nun haben wir sie also: Diese funktionierenden Einheiten, jede für sich recht stabil, sind die (Träger der) lebendigen Funktionen oder Lebensfunktionen. (Ich denke, zwischen diesen Funktionen und ihren Trägern brauchen wir nicht zu unterscheiden, solange wir ganzheitlich denken. Denn wir wollen Lebendiges nicht zerstören, nicht auseinandernehmen, nur benutzen.)
Ein lebendiger Organismus - wir können ihn ruhig auch eine Ganzheit nennen - baut sich auf Lebensfunktionen auf, benutzt sie, verwaltet sie. Ist er, wie z. B. der menschliche, hoch-organisiert, so beinhaltet er eine unüberschaubare Vielzahl und Vielfalt von Lebensfunktionen, die untereinander in ebenso vielfältiger Weise in Beziehung und Abhängigkeit stehen.
So wie der Organismus sich auf ihm "untergeordnete" lebendige Funktionen aufbaut, so bauen sich die einzelnen dieser Funktionen ihrerseits eventuell wieder auf ihnen "untergeordnete" Lebensfunktionen auf, und so weiter. Der Unterschied zwischen einer "Ganzheit" und einer "Lebensfunktion" ist also im wesentlichen eine Frage des Blickwinkels: Nenne ich eine Lebenseinheit eine Ganzheit, dann sehe ich sie als etwas Übergeordnetes, Selbständiges an im Vergleich zu den von ihr benutzten und verwalteten Einheiten. Nenne ich sie eine Lebensfunktion, dann weise ich auf ihre Nutzbarkeit für einen größeren Zusammenhang hin, sehe sie als untergeordnet. Bakterien zum Beispiel können in unserem Körper, etwa im Darm, nützliche Aufgaben, somit lebendige Funktionen erfüllen. Andererseits können wir ein Bakterium auch als eine Ganzheit betrachten.
Natürlich sind Über- und Unterordnung nur zwei bestimmte, leicht erfaßbare, Beispiele von Beziehungen zwischen solchen Lebenseinheiten. Andere Beispiele sind: Wechselseitiges Hand-in-Hand-Arbeiten von Lebensfunktionen, Symbiosen zwischen verschiedenartigen Ganzheiten, und natürlich auch die verschiedensten Beziehungen zwischen äußerlich ähnlichen Ganzheiten (ich meine damit Lebewesen gleicher Art).
Oft wird, auch von Rohköstlern, der Standpunkt vertreten, die unglaublich komplexen Vorgänge im Körper eines Menschen oder Tieres seien von einem supergenialen Schöpfer bis in alle Einzelheiten ausgeklügelt worden, alles nur mit dem einen Ziel, nämlich diesem bestimmten Lebewesen zu dienen. Alles sei hundertprozentig aufeinander abgestimmt, perfekt, funktioniere nur auf eine bestimmte Art. Jedes Teil, das eine bestimmte Aufgabe im Organismus erfüllt, sei genau für diese Aufgabe erdacht worden und für nichts anderes.
Ich denke aber, so kann es gar nicht sein. Solch ein Supergenie müßte ja auch erschaffen worden sein, von einem noch genialeren Geist, der seinerseits auch wieder erdacht worden sein müßte usw. usw. ??
Nein, ich meine, nur ein offenes System kann sich von niedrigeren zu höheren Stufen entwickeln, kann solche Lebensformen hervorbringen, wie wir sie kennen.
Ich stelle mir das so vor: Viele Lebensfunktionen sind Bausteine in einem offenen Bausteinsystem. (Wer will, mag zum Vergleich an ein elektronisches Gerät und seine Teile, z. B. Computerchips, denken.) Sie sind nicht speziell für eine bestimmte Ganzheit (z. B. einen menschlichen Organismus) konzipiert worden, sondern offen: von jedem nutzbar, der sie, so wie sie funktionieren, gebrauchen kann. Bei ihrer Erschaffung brauchte niemand genau zu wissen, welche höher entwickelte Ganzheiten einmal diese Funktionen verwenden werden, und zu welchem speziellen Zweck.
Gerade auch die dem Körper immer wieder über die Nahrung zugeführten Lebensfunktionen sind von dieser Art. Andererseits besitzt der Organismus selbstverständlich auch eine Vielfalt an spezielleren lebendigen Funktionen, die unter seiner Verwaltung und Kontrolle stehen. Die Organe enthalten neben anderen eben auch stark spezialisierte Zellen mit bestimmten, nur dort gebrauchten Aufgaben. Diabetiker haben dafür sofort ihr Beispiel parat: die Inselzellen (Betazellen) der Bauchspeicheldrüse (= des Pankreas).
Da alle Teile des Organismus mehr oder weniger stark von Verschleiß betroffen sind, unterliegt, wie wir wissen, alles Material im Körper einem ständigen Erneuerungsprozeß. Trotz hochintelligenter Einrichtungen, wie dem Zellteilungsmechanismus mit Verdoppelung der DNA (dies nur für die wissenschaftlich Interessierten unter den Lesern), muß altes Material abgebaut und ausgeschieden werden, und müssen dafür neue Einheiten aufgebaut werden.
Dieser Neuaufbau muß das Basismaterial benutzen, das vorhanden ist, also das, was ständig von außen, insbesondere über die Nahrung, aufgenommen, verdaut (also mehr oder weniger verändert) und mittels des Blutes überall hin transportiert wird. Der Organismus ist nun weder ein solch supergenialer Computer noch ein so superpotenter Roboter, daß er alle seine Teile inklusive deren lebendigen Funktionen komplett aus ganz einfachen Bausteinen wieder aufbauen könnte.
Unter "einfachen" Bausteinen verstehe ich solche, die von den Nahrungsbestandteilen herrühren, welche die Wissenschaft analysiert hat und uns immer als so wichtig präsentieren will: z. B. Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße, Vitamine, Spurenelemente.
Nein, ich meine, für die Regeneration organischer Funktionen muß der Körper auch auf aus der Nahrung stammende lebendige Funktionen zurückgreifen. Da Hitze diese Funktionen zerstört, sind wir also auf rohe Nahrung angewiesen. Je mehr wir diese dem Körper vorenthalten, desto mehr zehrt dieser von den Reserven, gehen im Laufe der Zeit spezialisierte Zellen, oder allgemeiner ausgedrückt, spezielle Lebensfunktionen, verloren, oder werden durch falsche, funktionslose oder entartete ersetzt. (Der Rohkostpionier Aterhov unterscheidet daher zwischen dem "wahren" und dem "falschen" Menschen.) Ein großer Teil des breiten Spektrums der Zivilisationskrankheiten läßt sich damit ohne weiteres erklären.
Obwohl es naheliegt, möchte ich jedoch nicht behaupten, daß der Funktionsverlust oder die Zerstörung der Inselzellen beim Typ-1-Diabetes generell auf die soeben beschriebene Art erfolgte. Dort kann auch ein anderer, spezieller Mechanismus im Spiel sein, wenn man der gängigen Ansicht und den dabei zugrundeliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen wenigstens etwas traut. Wie auch immer, ich halte nach wie vor Kochnahrung für die entscheidende Ursache auch des Typ-1-Diabetes.
Zustand meiner Gesundheit und Folgen meiner Krankheit bei Rohkost (Erfahrung, Erklärung)
Im ersten Kapitel habe ich bereits von einigen Verbesserungen, die bei mir seit der Rohkost auftraten, berichtet.
Gestatten Sie mir jetzt eine etwas vollständigere Bestandsaufnahme meines Gesundheitszustandes und Befindens nach nunmehr 11½ Jahren Diabetes und 4¾ Jahren Rohkost. Da jeder Mensch anders ist und jeder Körper anders gegen unnatürliche Bedingungen kämpft, sind solche Wirkungen natürlich nicht direkt übertragbar. Trotzdem kann so ein Erfahrungsbericht sicherlich dem einen oder anderen abzuschätzen helfen, welche Art von Folgen aus Krankheit (hier: Diabetes) unter Rohkost eventuell noch zu erwarten sind und welche nicht.
Besonders interessant ist nach meiner Einschätzung die Fragestellung: Was bleibt von den gängigen diabetischen Folgekrankheiten unter Rohkost übrig, bzw. gibt es sogar bestimmte Diabetesfolgen, die nur bei Rohkost auftreten?
Denn eine Illusion muß ich an dieser Stelle leider rauben: Wenn ein Diabetiker, wie ich, auch unter Rohkost weiter unnatürlich (sprich: mit Insulin) therapiert werden muß, bleibt er weiterhin krank. Wenn auch vieles besser und leichter wird, können doch spezielle Probleme bleiben oder sogar im Laufe der Zeit erst neu auftreten, wenn diese in ihrer Schwere und Schädlichkeit (auf lange Sicht) auch längst nicht an die bekannten Folgeschäden des Diabetes herankommen. Solchen Problemen kann glücklicherweise nach meinen bisherigen Erfahrungen durch geeignete Maßnahmen durchaus ihre Schärfe genommen werden. Natürliches Denken kann helfen, Lösungen zu finden. Konkrete Beispiele folgen.
Das Problem, das bei mir seit Krankheitsbeginn an erster Stelle stand und immer noch steht, möchte ich als erstes nennen, obwohl es nicht direkt körperlich ist: Insulinpflichtiger Diabetes ist ein großer Zeiträuber. Damit meine ich einmal den vielen, in kurzen Abständen wiederkehrenden, Aufwand, der betrieben werden muß, um das Leben und eine relative Gesundheit aufrechtzuerhalten. Und zum anderen sind es die ebenfalls immer wieder, aber unregelmäßig, auftretenden Phasen des schlechten Befindens und fehlender Kraft bei Entgleisungen des Zuckerstoffwechsels, welche sich bei behandeltem Diabetes nie ganz vermeiden lassen. Insgesamt wird die frei verfügbare Zeit somit sehr zerstückelt und auch in der Summe bleibt deutlich weniger übrig als ein sonst vergleichbarer Gesunder hätte.
Zum Glück haben sich wenigstens das schlechte Befinden und der Energiemangel seit der Ernährungsumstellung deutlich relativiert.
Daß ich das Zeitproblem als erstes nenne, beruht auf Eigenheiten von mir. Von Natur aus bin ich jemand, der sich gern intensiv mit Dingen beschäftigt, viele Ideen hat, alles hinterfragt und auch zweifelt. Wenn ich etwas tue, möchte ich dahinterstehen, Zwang läßt mich leiden. Ich bin somit kein Macher, ein schlechter Arbeiter und passe natürlich überhaupt nicht in die heutige Hektikgesellschaft. Um mich wenigstens ein wenig "entfalten" zu können, brauche ich viel Zeit und Ruhe. Zu meinem großen Glück brauche ich heute nicht mehr das zu tun, was man Arbeiten (Geld verdienen) nennt. Ich wäre mit meinem Diabetes jetzt auch absolut nicht mehr dazu in der Lage. Die Entscheidung dazu habe ich allerdings viel zu spät getroffen.
Aber, falls Sie, lieber Leser, auch Diabetiker sind: Ich bin überzeugt davon, daß viele von Ihnen sich, abhängig von Ihrer Persönlichkeitsstruktur, wegen des Zeitproblems nicht so große Sorgen machen müssen. Wenn Ihnen z. B. Zeitprobleme bisher bzw. in gesunden Zeiten nicht oder kaum zu schaffen machten, so haben Sie in dieser Hinsicht vermutlich wenig zu befürchten (Sie Glücklicher!). Mich hat der schnelle Ablauf der Zeit nämlich immer schon belastet, auch als ich noch gesund war.
Übrigens hat auch der Körper bei Diabetes ein großes Zeitproblem: Die durch die unvermeidbaren Unter- und Überzuckerungen häufig vorkommenden Zeiten der Mangelversorgung der Zellen zwingen ihn dazu, Maßnahmen aufzuschieben. Diese werden dann in Phasen besserer Versorgung nachgeholt. So hat der Organismus immer etwas nachzuarbeiten, anderes muß dann eventuell auf der Strecke bleiben. Er funktioniert somit insgesamt recht "holprig". Rohkost (mit viel Obst), viel Ruhe, Licht und Sonne usw. sind daher für Diabetiker alles andere als Luxus. Dies alles beruht auf meinen konkreten Beobachtungen, beispielsweise: verzögerte Verdauung, Müdigkeit, unterbrochene Heilungsvorgänge, Schmerzen in Muskeln und Gliedern. Als Grund dafür sehe ich an, daß der Körper infolge der Überlastung durch Unterversorgung nacharbeiten muß.
Ein nahe verwandtes, ebenfalls von der Rohkost kaum beeinflußtes Problem ist die Unfreiheit, die vielleicht die meisten insulinpflichtigen Diabetiker unter Ihnen mehr oder weniger scharf spüren: Man kann, insbesondere beim Essen, bei körperlicher Betätigung und beim Schlaf (Ausschlafen?), nicht wirklich spontan sein. Planung sowie ggf. vorbereitende Aktionen sind immer nötig, da hilft auch eine noch so intensivierte Insulintherapie (nach dem heutigem Stand der Möglichkeiten) nicht. Dazu immer im Hintergrund die manchmal beängstigende Frage: Was macht mein Blutzucker? Bin ich unterzuckert, muß ich BE's essen?
Aber es geht auch anders, was ich oft mit Bewunderung sehe: Einige Diabetiker nehmen diese Dinge offensichtlich mehr als Ansporn denn als Belastung auf. Sie wollen zeigen, daß sie leistungsfähig sind und "voll im Leben" stehen. So hat eben jeder seine Art der Krankheitsbewältigung.
Das bisher Gesagte kurz zusammenfassend möchte ich aus meiner persönlichen Sicht wie folgt zu Typ-1-Diabetes Stellung nehmen (gilt auch unter Rohkost, falls die Insulinpflichtigkeit bleibt): Ein Leben mit dieser Krankheit ist eigentlich kein "richtiges", freies Leben, wie ich es mir vorstelle. Von einem solchen erwarte ich, daß der Körper weitgehend alleine, ohne Eingriffe, funktioniert. Meine Aufgabe wäre es dann nur, für richtige (natürliche) Betriebsbedingungen zu sorgen. Ansonsten könnte ich mich eigenen Interessen und selbstgewählten Aufgaben widmen, soweit das nicht durch äußere Zwänge verhindert oder eingeschränkt wird.
Nun aber zurück zu meinen Erfahrungen als Diabetiker unter Rohkost.
Unter- und Überzuckerungen haben bei mir immer wieder Kopfprobleme zur Folge: Unwohlsein, verminderte Konzentration und Denkfähigkeit, fehlender Elan, Müdigkeit. Das Maß dieser Schwierigkeiten ist jetzt aber im großen und ganzen erträglich und bei weitem nicht zu vergleichen mit den Schmerzen und migräneartigen Erscheinungen, die ich zuletzt vor der Rohkost hatte.
Frisches Obst (das ich leider nicht spontan essen kann) und Gemüse, Ruhe, Schlaf, frische Luft, Licht, Sonne, Bewegung (leider auch nur geplant wegen Einfluß auf den Zuckerstoffwechsel): diese Elixiere des Lebens mildern und helfen auch hier. Sie ersetzen aber nicht meine Pflicht, jedesmal eine möglichst schnelle Normalisierung des Zuckerstoffwechsels anzustreben. Im Gegenteil, sie erleichtern es mir, die in ständiger Wiederholung erforderlichen Schritte zu tun.
Mein nun fast zwölfjähriges Diabetikerleben ist trotz Rohkost auch nicht ganz schmerzfrei. Der fehlerhafte, unnatürliche Stoffwechsel macht manchmal, gehäuft im Winter, selten im Sommer, Schmerzen. Ich kann sie teilweise sicher, teilweise nur unsicher lokalisieren: Wunden, Zähne, Glieder, Muskeln?, Nerven?, Gelenke?.
Diabetes kostet so viel Kraft. Kann man es als Diabetiker sich wirklich leisten, auf die frische Lebensenergie aus der Rohkost zu verzichten? Das frage ich mich immer wieder und wundere mich erneut über die sogar unter Kranken und Schwerkranken verbreitete Ignoranz.
Ich jedenfalls, der mit seinen Kräften schon einmal nahezu am Ende war, habe das Gefühl, "von der Hand in den Mund" zu leben. Das soll heißen, ich tanke jedesmal aus der frischen naturbelassenen Nahrung wieder auf und brauche dies auch unbedingt.
Die bei oder nach Unter- bzw. Überzuckerungen auftretenden Symptome unterscheiden sich bei mir entgegen dem, was z. B. in Diabetikerschulungen gesagt wird, kaum voneinander. Allerdings erkenne ich eine Tendenz zu größerer Heftigkeit der Reaktionen im Fall der UNTERzuckerung. Neben den bereits genannten Kopfsymptomen habe ich es bei beiden Gelegenheiten vor allem zu tun mit Verdauungsproblemen, Zeichen der Austrocknung, manchmal Schwitzen.
Darüber hinaus gibt es wegen des "falschen" Zucker/Insulinstoffwechsels fast immer viel zu entgiften, besonders nach einer solchen Stoffwechselentgleisung (siehe auch "Umstellungsprobleme und Reinigungskrisen" in Kapitel 1). Das überschüssige (unbenutzte) Insulin muß offenbar ebenso wie der überschüssige Zucker abgebaut werden, was zu giftigen Stoffwechselprodukten führt. Bei mir treten zeitweise folgende Probleme auf:
a) Wunden, auch alte, können schmerzen (z. B. Zahnwunden), wieder aufgehen und eventuell bluten (vor allem Risse an den Händen und Füßen). Das Blut ist offensichtlich verändert und schießt mit enormem Druck aus den Wunden (trotz niedrigen Blutdrucks). Die nach langjährigem Diabetes sattsam bekannte "schlechte Wundheilung", insbesondere auch der "diabetische Fuß", haben offenbar Komponenten, die nichts mit Gefäß-, Nervenschäden oder Durchblutungsstörungen zu tun haben. (Letztere drei braucht ein Rohköstler nach meiner Überzeugung nicht zu befürchten, weil ja der Kochkostmüll fehlt. Siehe dazu auch den Abschnitt "Die Schulmedizin weiß es inzwischen auch!")
b) Ein unangenehm riechender Urin tritt auf, was unter Rohkost sonst nicht der Fall ist. Dieser ruft öfters Entzündungen der Haut hervor (Heilerde schafft Abhilfe). Dazu kann ein gesteigerter Harndrang kommen. Am Geruch hätte man vielleicht eine der wenigen Möglichkeiten, eindeutig zwischen den Typen der die Entgiftung verursachenden Stoffwechselabweichungen zu unterscheiden, wenn auch die Situation inzwischen schon wieder ganz anders sein kann. Ich habe dies nicht vertieft, aber vermutlich gibt es im wesentlichen drei Geruchsrichtungen: Unterzuckerung (giftig), Überzuckerung (süßlich), Azeton (nach länger andauernder Entgleisung beider Arten möglich).
(Erläuterung: Das giftige Stoffwechselprodukt Azeton entsteht, wenn der Körper aus Energiemangel die Fettreserven oder sogar Körpereiweiß angreifen muß, diese aber z. B. wegen Insulinmangels nicht richtig umgesetzt werden können. Koma droht!)
Mein Problem mit den Wunden ist ziemlich schwerwiegend. Das gilt insbesondere für die Risse an den Händen und Füßen, welche an besonders belasteten Stellen sitzen (Fingerspitzen, Fersen). Wie bei meinen meisten Gesundheitsproblemen erlebe ich jahreszeitliche Schwankungen, doch in diesem Fall besonders deutlich: Im Sommerhalbjahr gibt es eine Regenerationsphase, bis zum Herbst ist (unterstützt durch regelmäßige Pflegemaßnahmen, speziell Hornhautentfernung) von den Rissen fast nichts mehr zu sehen. Im Winter ist es dann umgekehrt, bis zum einsetzenden Frühling verschlimmert sich die Situation allmählich. Das ging in der Vergangenheit so weit, daß ich mit den Händen kaum noch ohne Schmerzen eine Arbeit verrichten konnte, gleiches galt für längeres Laufen.
Zu meinem großen Glück glaube ich nun, auch dafür eine Lösung gefunden haben. Eigentlich bin ich mir schon ziemlich sicher, nachdem ich nun, Ende März, einen ganzen Winter damit Erfahrungen gesammelt habe. Die Lösung besteht aus einer Änderung in der Insulinstrategie, die weiter unten in den Abschnitten "Eine aufschlußreiche Erfahrung", "Ist Diabetikern ein natürlicher Umgang mit dem Insulin möglich?" und "Ergebnisse bei mir" beschrieben wird. Solch eine Lösung sagt einem wieder einmal kein Diabetesexperte, kein Arzt, kein Schulungsdozent, leider!
Nach meinen Beobachtungen sagt man nicht zuviel, wenn man Insulin als ein starkes Gift bezeichnet. Jedenfalls gilt das für jedes Mehr an diesem Hormon, welches seine Funktion im Zuckerstoffwechsel nicht mehr erfüllen kann. Sicherlich stehe ich mit dieser Aussage im Gegensatz zu vielen der sogenannten Diabetesexperten. So hat auch hier wieder einmal jeder die Wahl: Glaube ich mehr dem angelernten Wissen der zumeist nicht selbst betroffenen anerkannten Größen, oder den konkreten Erfahrungen eines ganzheitlich denkenden Betroffenen?
So wie ich selbst ein sehr empfindlicher Mensch bin, der gute Umgebungsbedingungen braucht, um nicht zu leiden, so reagiert auch mein Körper ungewöhnlich empfindlich auf schlechte Einflüsse. Obwohl ich darüber natürlich wenig erbaut bin, führt dies alles doch dazu, daß ich Beobachtungen und Erfahrungen mache, die andere kaum machen bzw. nicht beachten. Ich möchte gern vieles davon weitergeben, damit andere die richtigen Entscheidungen treffen können, und nicht erst im letzten Moment. Ich denke, viele Gesundheitswillige könnten von mir lernen: Diabetiker, aber auch andere Kranke und Gesunde; (potentielle) Rohköstler, aber auch Menschen, die zu einer hundertprozentigen Aufgabe von erhitzter Nahrung nicht bereit sind - und vielleicht sogar eingefleischte Kochköstler.
Menschen mit einem toleranteren Körper sind zwar im allgemeinen mehr den üblichen Zivilisationskrankheiten ausgeliefert, sind aber, wie ich meine, eigentlich in einer besseren Lage als Empfindliche: Die meisten könnten, davon bin ich überzeugt, mit Rohkost komplett gesunden und/oder auf Dauer gesund bleiben. Übergewicht beispielsweise deutet nach meiner Meinung auf körperliche Toleranz hin. Natürlich denke ich dabei auch besonders an die vielen übergewichtigen Diabetiker ("Metabolisches Syndrom"). Solange die Inselzellen wenigstens noch zum Teil aktiv sind, könnten gerade auch sie mit Rohkost ganz gesund werden, daran habe ich keinen Zweifel.
Wenn sie doch nur dazulernen wollten!
Wieder zurück zum Thema: An weiteren allgemeinen Entgiftungszeichen, die nicht immer in unmittelbarem Zusammenhang mit einer konkreten Zuckerentgleisung stehen, oder vielleicht auch zum Teil diabetesunabhängig sind, beobachtete ich:
c) Häufigen Harndrang gab es vor allem in den ersten 2-3 Jahren der Rohkost. Tagsüber habe ich zum Glück jetzt keine Probleme mehr damit, außer, wie gesagt, manchmal bei Über- und Unterzuckerungen.
d) Entgiftung über kleine Hautunreinheiten, manchmal mit Juckreiz.
e) Gelegentlich geschwollener rechter Fuß (Flüssigkeitseinlagerung). Abhilfe bringt Heilerde, wenn ich sie in genügender Menge und Häufigkeit zu mir nehme.
f) An den Füßen viel Hornhautbildung.
Heilerde, innerlich angewandt, kann die meisten dieser Probleme, mehr oder weniger, mildern, weil sie Gifte aufnimmt und bindet.
Regelrechte Reinigungs- oder Entgiftungskrisen mit z. B. starken Verdauungsbeschwerden, Erkältungssymptomen, Fieber, Gewichtsverlust, hatte ich in den ersten Jahren der Rohkost häufiger. Sie wurden allmählich seltener, jetzt scheint diese Phase vorbei zu sein (die letzte dieser größeren Krisen war Anfang 2000). Das sehe ich als ein Zeichen dafür an, daß der Kochkostmüll inzwischen weitgehend abgebaut ist.
Als eine weitere Folge der Rohkost erlebte ich, der schon immer eher untergewichtig war, eine Gewichtsabnahme, erst schnell, dann immer langsamer und nur noch anläßlich von Reinigungskrisen. Nach einem Minimum von 46 kg geht es jetzt aber wieder deutlich aufwärts, jetzt sind es wieder 55 kg bei einer Größe von 1,72 m. Diese Zunahme scheint, auf der Basis der Beendigung der Altlasten-Reinigungsphase, auch mit meinem geänderten Vorgehen bei der Insulinbehandlung zusammenzuhängen, von der ich noch berichten werde. Nach üblicher Einschätzung bin ich zwar ziemlich untergewichtig, aber ich fühle mich wohl dabei und messe dem daher auch wenig Bedeutung bei. Mein normales Gewicht in der Jugend lag übrigens zwischen 60 und 65 kg, mein größtes jemals erreichtes Gewicht betrug 68 kg, als es mir besonders schlecht ging, kurz vor der Rohkostphase.
Beschließen möchte ich diesen Abschnitt mit ein paar der vielen eindeutig positiven Ergebnisse der Rohkost, die ich trotz Diabetes erreicht habe. Die meisten gelten "im großen und ganzen", das heißt mit gewissen Einschränkungen während oder nach Problemen mit dem Zuckerstoffwechsel:
Meine früher extrem trockene Haut ist feuchter und geschmeidiger geworden, was bei dem zeitweise stark austrocknend wirkenden Diabetes sehr wichtig ist.
Die gewonnene körperliche und geistige Beweglichkeit und Leichtigkeit erleichtern das Leben erheblich, machen den Diabetes halbwegs erträglich.
Ich bin (relativ) weniger müde und komme mit weniger Schlaf aus, was ebenfalls bei der aufwendigen Krankheitsbewältigung von großer Bedeutung ist.
Dinge wie Freude, Spaß, Genuß, Schwung kommen in meinem Leben wieder vor, Verstandesarbeit und Nachdenken fällt wieder leicht, sogar das Aushalten von Streß gelingt mir jetzt deutlich besser, wenn ich auch immer noch alles andere als "dickhäutig" bin.
Ich bin erheblich unempfindlicher gegen grelles Licht, Sonne und Hitze geworden: Dinge, die ich früher absolut nicht ertragen konnte. Ich genieße jetzt die Sonne und Wärme (wenn sie mal da sind), werde im Gegensatz zu früher sogar braun.
In den ganzen Rohkostjahren hatte ich noch keinerlei Infektionskrankheit abgesehen von einer einzigen leichten Erkältung im ersten Jahr.
Hämorrhoiden sind effektiv verschwunden (haben sich zurückgezogen).
Früher nicht seltene Schmerzen verschiedener Art sind verschwunden oder doch wenigstens auf ein erträgliches Maß reduziert.
Entgleisungen beim Zucker, besonders die Unterzuckerungen, die mich in der letzten Zeit vor der Rohkost erheblich leiden ließen, ertrage ich nun deutlich besser.
Ein Ergebnis etwas anderer Art aus der Beschäftigung mit Rohkost und ganzheitlichem Denken ist, daß ich eine gewisse (naive?) Hoffnung, daß mein Körper einmal wieder Insulin produzieren könnte, immer noch habe, heute mehr denn je. (Siehe auch "Neuere Forschungen und Entwicklungen zur Diabetestherapie", darin die Unterabschnitte "Den Körper zur Bildung neuer Inselzellen veranlassen" und "Inselzell-Antikörper bedeuten nicht notwendig Diabetes").
Weitere Verbesserungen hatte ich schon in Kapitel 1 erwähnt.
Eine aufschlußreiche Erfahrung (Erfahrung)
Fast alle heute gängigen Therapieempfehlungen bei Diabetes visieren das Erreichen annähernd normaler (nicht-diabetischer) Blutzuckerdurchschnittswerte als ein, wenn nicht das Hauptziel an. Daher wird der HbA1(c)-Wert geradezu als ein Maßstab für die Diabeteseinstellung angesehen: je niedriger, desto besser. Damit soll das Risiko für Folgekrankheiten gesenkt werden. Als Beweise für diesen Zusammenhang werden meist entsprechende wissenschaftliche Studien angeführt.
Ich dagegen hatte schon seit längerer Zeit mehr oder weniger das Gefühl, daß dies bei mit Insulin behandeltem Diabetes so ganz vielleicht nicht stimmt. Im Frühjahr 2000 habe ich dann, ausgelöst durch ein heftiges Problem, einmal die Probe aufs Exempel gemacht.
Wie bereits erwähnt, machten mir in der Vergangenheit immer wieder aufgehende Wunden und Risse an besonders belasteten Stellen der Extremitäten zu schaffen. Im Spätwinter Anfang 2000 verletzte ich mich am linken Zeigefinger, wodurch ein Querriß genau an der Außenseite des mittleren Gelenks entstand. Diese Stelle ist natürlich extrem ungünstig: Jede Beugung des Fingers übte auseinanderziehende Kräfte auf den Riß aus. Hornhaut, die sich bei Heilungsansätzen bildete, führte zur Verstärkung dieser Kräfte. Das bekannte Problem setzte ein: Immer wieder riß die Wunde erneut auf, manchmal blutete sie dann. Dies ging mehrere Wochen so. Ich fing schon an, zu verzweifeln.
Doch beobachtete ich auch, daß der Riß vor allem zu Unterzuckerungszeiten wieder aufging. Das brachte mich dazu, den von mir schon eine Weile gehegten Gedanken, einmal meine Spritzstrategie in bestimmter Weise zu ändern, in die Tat umzusetzen.
Die Änderung bestand, vereinfacht gesagt, darin, der konsequenten Vermeidung von Unterzuckerungen den Vorzug vor dem Anzielen (nahezu) nicht-diabetischer Blutzuckerwerte zu geben.
Der Erfolg stellte sich unerwartet rasch und nachhaltig ein: Schon nach einem Tag war der Heilungsfortschritt so deutlich, daß ein Wiederaufgehen der Wunde nicht mehr zu befürchten war. Es dauerte nur wenige Tage, bis von dem ehemaligen Riß praktisch nichts mehr zu erkennen war!
Falls Sie, lieber Leser, Typ-1-Diabetiker sind, wissen Sie natürlich aus eigener, vielleicht bitterer Erfahrung, daß "konsequente Vermeidung von Unterzuckerungen" sich zwar einfach anhört, aber schwer zu verwirklichen ist, jedenfalls wenn man das nicht mit fast dauernd zu hohen Zuckerwerten erkaufen will, welche sicherlich schwächend wirken, das Wohlbefinden beeinträchtigen und auf die Dauer schaden würden. Schon das Erkennen von Unterzuckerungen stellt ein gewichtiges Problem dar.
Daher möchte ich, bevor ich meine geänderte Vorgehensweise bei der Insulindosierung nebst den dahinterstehenden Ideen erläutere, eine Annäherung an einen möglichst natürlichen Begriff von Unterzuckerung versuchen.
Wie definiert man eine Unterzuckerung? (Erklärung)
Da es sich um einen im folgenden dauernd vorkommenden Begriff handelt, benutze ich ab jetzt die Abkürzung:
BZ = Blutzucker (Blutglucose, Blutzuckerspiegel, Glucosekonzentration im Blut)
Von Ärzten (Diabetologen), in Publikationen (Diabeteszeitschriften) und bei Schulungen wird der Begriff "Unterzuckerung" üblicherweise definiert als der Zustand bei Unterschreiten bestimmter Werte des BZ. Eine gängige Definition z. B. ist: "Wenn der BZ eine Konzentration von 50 mg/dl ohne Symptome oder 60 mg/dl mit Symptomen unterschreitet, liegt eine Unterzuckerung vor."
Solche, etwas beliebig anmutenden Definitionen, erscheinen mir angesichts der stark negativen Bedeutung von Unterzuckerungen im Leben einiger Betroffener, nicht ganz angemessen. Betroffene, das sind vor allem, aber nicht nur, medikamentös behandelte Diabetiker, vor allem Typ-1-er.
Zumindest nach meiner Erfahrung sind Unterzuckerungen meistens mit Leid verbunden, in der Symptomatik sehr unterschiedlich (jede Unterzuckerung ist anders) und überhaupt nicht mit festen Schwellenwerten verknüpft. So habe ich in Einzelfällen schon erlebt, daß ich einen Wert bis zu 35 mg/dl (selten) herunter gemessen habe, ohne zuvor ein Symptom gespürt zu haben. In solchen Fällen fangen die Symptome meistens nach dem notwendigen Einleiten der Gegenmaßnahmen (Essen) an. Andererseits habe ich sehr oft (täglich) Unterzuckerungssymptome. Darauf esse ich oder messe erst den BZ. Im zweiten Fall liegt der Wert nicht selten bei 80 oder 100 mg/dl oder noch höher, für mich ist es aber dennoch eine Unterzuckerung, ich muß Kohlenhydrate (Obst) aufnehmen, sonst stellt sich kein normales Befinden ein. Messe ich dagegen z. B. 200 mg/dl, dann schließe ich, daß die Symptome von einer Überzuckerung herrühren, Insulin ist nötig.
Außer dem BZ-Wert ist wenigstens noch die Insulinkonzentration ein stark mitentscheidender Parameter dafür, ob eine bedeutsame Unterzuckerung vorliegt. Bedeutsam, das soll heißen, belastend und vielleicht zu Leid führend.
Um nun zu einer angemesseneren Definition einer Unterzuckerung zu kommen, benutze ich folgende Modellvorstellung des Zuckerstoffwechsels als Grundlage. Ich gelangte zu ihr, in dem ich versuchte, mir ein Bild zu machen, in das das heute gängige "Schulwissen" darüber möglichst gut hineinpaßt.
Ich stelle mir den Zucker im Blut als einzelne Teilchen vor. Diese Zuckerteilchen können direkt aus der Nahrung kommen (über Mund/Magen/Darm usw.) oder aus Glycogenreserven (in der Leber) stammen. (Glycogen ist eine Stärkeart, ein Kohlenhydrat.) Sie schwimmen nun in dem ständig fließenden Blut nicht deswegen herum, um dort immer in einer bestimmten Konzentration vorhanden zu sein, sondern sie haben eine bestimmte Aufgabe.
Daß die BZ-Konzentration beim Gesunden in recht engen Grenzen bleibt, ist nach meiner Vorstellung mehr eine automatische Folge aus den körpereigenen Steuermechanismen als ein direktes Ziel.
Zucker ist der vom Körper hauptsächlich benutzte Energieträger. (Ich meine jetzt Energie im chemisch-physikalischen Sinn als Brennwert.) So kann der Organismus z. B. aus energiereichen Fettsubstanzen Zucker gewinnen und umgekehrt auch den Zucker wieder zur Herstellung von Fett benutzen, wenn es gebraucht wird. Die Zuckerteilchen können über das universelle Transportmittel Blut überallhin, das heißt in die Zellen, gebracht werden. Dort können sie mit Sauerstoff "verbrannt" werden, wodurch Energie frei wird.
Das Hineinschleusen der Zuckerteilchen in die Zellen (zum Verbrauch oder auch, bei Leber und Muskeln, zur Aufbewahrung) ist zum Teil abhängig von bestimmten "Schlüsseln", eben dem Insulin, die in entsprechende "Schlösser" (Insulinrezeptoren) an den Zellen passen. Damit ein Zuckerteilchen in eine Zelle kommen kann, muß die Zelle zuvor mit einem solchen Schlüssel geöffnet worden sein. (Oder tun sich Zuckerteilchen und Insulinschlüssel zuerst zusammen, bevor der Schlüssel benutzt wird?) Übrigens handelt es sich beim Insulin offenbar um "Einmal-Schlüssel": Nach einmaliger Benutzung sind sie verbraucht. Es verschwinden also jeweils ein Zuckerteilchen und ein Insulinschlüssel aus dem Blutkreislauf.
Anmerkung: Das Hormon Insulin hat sicherlich im Organismus noch mehr Aufgaben als nur das Öffnen der "Zuckertüren". So hemmt es seine "Gegenspieler", die Hormone Adrenalin und Glucagon, welche insbesondere die Ausschüttung von Zucker (notfalls auch Fett) aus den Reserven anregen. Gelegentlich liest man ferner, daß auch andere Moleküle als Glucose durch Insulin in die Zellen befördert werden, vielleicht Fructose oder auch Aminosäuren, die Eiweißbausteine.
Auf der Suche nach einem allgemeinen Prinzip bei den verschiedenen Funktionen des Insulins drängt sich mir folgende Vorstellung auf: Das Hormon regelt gewissermaßen die Richtung, in der Zucker- und evtl. andere Teilchen vorwiegend transportiert werden können: Insulin sorgt dafür, daß die Teilchen in die Zellen eintreten (zur Energiegewinnung oder Speicherung); Adrenalin und Glucagon ermöglichen den Austritt von Teilchen (Zucker, evtl. Fett) aus den Speicherzellen der Leber.
Die Freisetzung des Nebennierenhormons Adrenalin und des Bauchspeicheldrüsenhormons Glucagon wird zentral gesteuert, die des Insulins anscheinend nicht (?). Die gesunden Betazellen reagieren demnach selbständig auf den BZ mit Mehr- oder Minderfreisetzung dieses Hormons, je nach BZ-Spiegel. (Ich denke, diese relative Unabhängigkeit der Inselzellfunktion ist eine Voraussetzung dafür, daß eine künstliche Insulintherapie überhaupt auf lange Sicht funktionieren kann und eine, wenn auch eingeschränkte, aber noch erträgliche Lebensqualität ermöglicht.)
Funktioniert das Hineinbringen des Zuckers in die Zellen nicht richtig, aus welchem Grund auch immer, ist Energiemangel unweigerlich die Folge, so daß einige Vorgänge im Körper nicht richtig ablaufen können, zumindest laufen sie auf "Sparflamme".
Wenn der Zucker zu einem Zeitpunkt in einer bestimmten Konzentration im Blut mitschwimmt, dann wird das Hineinschleusen am effektivsten funktionieren, wenn das Insulin in (proportional) entsprechender Konzentration vorliegt, das heißt im Modell, gleich viele Schlüssel wie Zuckerteilchen vorhanden sind.
Ist mehr Zucker als Insulin vorhanden, dann passiert ein bestimmtes Zuckerteilchen viele Zelltüren vergebens, weil sie verschlossen sind. Es fließt also im Schnitt lange im Blut mit, ohne seine Funktion zu erfüllen. In der Folge, wenn aus der Nahrung und/oder aus den Glycogenreserven der Leber weiterer Zucker ausgeschüttet wird, steigt der BZ an (Überzuckerung), er wird zum Ballast und muß teilweise wieder abgebaut werden, ohne genützt zu haben. Das bedeutet Extra-Aufwand für den Organismus. Außerdem leiden die Zellen natürlich unter Energiemangel.
Überwiegen umgekehrt die Insulinschlüssel, dann können die BZ-Teilchen zwar schnell in die Zellen gelangen, aber durch den Insulinüberschuß werden die Gegenspielerhormone in ihrer Wirkung gebremst, viele Vorgänge im Körper werden auf "Sparflamme" geschaltet. Vermutlich gibt es auch Folgeprobleme mit den längere Zeit geöffneten aber nicht genutzten Zelltüren. Außerdem fällt der BZ-Spiegel schnell weiter ab, erst recht, wenn gespritztes Insulin zwangsweise weiter freigesetzt wird. All dies führt zu Energiemangel, der hoffentlich bald mit schnellen Kohlenhydraten beendet wird. Das überschüssige Insulin ist wiederum Ballast, der, ähnlich wie der überschüssige BZ im zuvor betrachteten Fall, abgebaut werden muß. Ich vermute, daß es, entsprechend der unter Diabetikern bekannten "Nierenschwelle" für den BZ, eine ebensolche Schwelle für das Insulin oder seine Abbauprodukte gibt. Denn eine gesteigerte Entgiftungsaktivität habe ich bei mir in beiden Fällen beobachtet (typische Uringerüche, Harndrang, Austrocknungsgefühl).
Natürlich spielen auch die absoluten Spiegel von Zucker und Insulin im Blut eine Rolle: Ist von beidem nur wenig da, kann natürlich auch nur wenig Energie in die Zellen gelangen. Der Körper wird diesen Zustand nicht lange anhalten lassen, er kann mit verstärkter Freisetzung von Zucker aus der Leber reagieren, auch beim Diabetiker. Als Kranke sollten wir bald dafür sorgen, daß die Reserven wieder aufgebaut werden (mit Obst und Insulin)! Ist umgekehrt sowohl viel BZ als auch viel Insulin vorhanden, dann kommen schnell viele Energieteilchen in die Zellen.
Haben Sie sich, besonders wenn Sie Typ-1-Diabetiker sind, eigentlich schon mal die Frage gestellt, welchen Zweck dieser Schlüsselmechanismus haben könnte, also warum Insulin überhaupt in dieser Funktion vom Organismus benutzt wird? Ich habe jedenfalls noch von keiner Erörterung dieser Frage gehört oder gelesen.
Man könnte sich doch, zunächst mal, gut vorstellen, daß die Zuckerteilchen überall dort, wo sie gebraucht werden können, offene Türen vorfinden, also einfach in die Zellen hineingelangen.
Etwas Nachdenken zeigt aber schon, daß es dann ein Problem gäbe: Damit alle Zellen gleich gut versorgt werden können, muß der Zucker erst mal im Blutkreislauf etwa gleich verteilt sein. Denn sonst würden die Zellen in der Nähe der Zuckerquellen stark bevorzugt und die weiter entfernten bekämen fast nichts mehr ab. Daher, so stelle ich es mir vor, verschließen sich die Zellen und können von außen nur mittels des Insulins (oder auch einem passenden künstlichen Schlüssel [Insulin-Analogon]) für Zucker durchlässig gemacht werden. Ich vermute, daß der Zeitpunkt, zu dem ein Schwall aus einer BZ-Quelle (Leber, Eintrittsstellen von Nahrungszucker) von den Inselzellen (die im Gewebe der Bauchspeicheldrüse liegen) registriert werden kann, so spät liegt, daß der BZ-Schwall sich bis dahin schon gut verteilt hat. Da ich aber kein Biologe/Anatom und erst recht kein Blutkreislaufexperte bin, hoffe ich gern auf Belehrung in diesem Punkt. Wenn ein Leser also hierüber genauer Bescheid weiß, dann wäre ich ihm dankbar für eine Aufklärung.
In meinem Modell sorgt also die Statistik dafür, daß die Energie aus dem BZ gleichmäßig verteilt wird.
Wäre das nicht eine mögliche Erklärung für die Existenz des Insulinmechanismus?
Bleiben wir noch einen Moment bei dieser Theorie. Bei diesem Verfahren werden alle Zellen etwa gleich gut bedient. Für den Fall speziellen Bedarfs an bestimmten Orten (z. B. für starke Muskelbewegung) muß es aber noch eine andere Möglichkeit geben, zumal auch die Schlüsselmethode Zeit kostet, also nicht spontan mehr Energie zu bestimmten Zellen bringen kann. Ich stelle mir vor, daß bestimmte, vielleicht auch alle Zellen, die Möglichkeit haben, ihre Zuckertüren bei Bedarf von innen zu öffnen. Dies ist der Grund dafür, daß ich oben schrieb, das Hineinschleusen der Zuckerteilchen in die Zellen sei nur zum Teil abhängig vom Insulin. Das erklärt auch sofort die Unterzuckerungen, die behandelte Diabetiker bei oder nach körperlicher Bewegung bekommen, wenn zu Beginn der Zuckerstoffwechsel einigermaßen ausgeglichen war: Einige Zuckerteilchen verschwinden insulinunabhängig aus dem Blut, die Insulinproduktion muß gedrosselt werden, was beim Gesunden automatisch geschieht. Vorher gespritztes Insulin wird dagegen weiter unvermindert freigesetzt, insulinstimulierende Tabletten wirken weiter, die Folge ist ein Überschuß an Schlüsseln.
Sicher bin ich mir bei diesem Modell (mögliche selbständige Öffnung der Zellen für Zucker) allerdings nicht, zumal die Muskeln ihren eigenen Zuckerspeicher haben.
Nun aber zurück zur Begriffsbildung der Unterzuckerung. Zwei Ansätze zu einer angemesseneren Definition fallen mir zunächst ein:
Der erste ist ein "symptomatischer": Unterzuckerung liege dann vor, wenn entsprechende Symptome auftauchen. Das können Zeichen der Unterversorgung und/oder der Entgiftung sein.
Der zweite ist ein "ursächlicher", bezogen auf das Modell: Unterzuckerung bedeute, daß das Blut einen Überschuß an Insulin gegenüber dem Zucker enthält, also: weniger Zuckerteilchen als Insulinschlüssel. Dies aber nur unter der Bedingung, daß dieser Zustand anhält, d. h. körpereigene Mechanismen (Drosselung der Insulinproduktion, Zuckernachschub aus den Reserven) nicht unmittelbar zu einer Normalisierung führen. (Genau genommen müßte man auch noch beachten, daß bei einer schon länger andauernden Unterzuckerung diese nicht sofort beendet ist, sobald ein Zuckerüberschuß im Blut vorliegt. Die Mangelsituation muß erst beendet sein, und das dauert seine Zeit.)
Gegenüber den gängigen Definitionen haben beide Ansätze den Nachteil, im allgemeinen nicht direkt meßbar zu sein, wenigstens nicht mit den Mitteln, die einem Kranken normalerweise zur Verfügung stehen. Nach dem ersten Ansatz wäre die Frage nach der Unterzuckerung nur dann immer entscheidbar, wenn nach den Anzeichen der Unterzucker immer eindeutig von anderen Ursachen, insbesondere auch Überzucker, unterschieden werden könnte. Da manche Diabetiker behaupten, Unterzuckerungen eindeutig erkennen zu können, mag für diese der erste Definitionsansatz entscheidbar sein. Aber für die meisten ist er es wohl eher nicht.
Die zweite Definition hat gegenüber der ersten den Vorteil, nahe am Kern des Problems zu sein, vor allem auch zeitlich nah. Daher gebe ich ihr den Vorzug.
Falls also irgendwo in meinen Ausführungen einmal Unklarheit darüber entstehen sollte, was dort genau mit Unterzuckerung gemeint ist, soll die zweite Definition gelten (wenigstens bis zum Auftauchen einer besseren Begriffsbestimmung).
Wenn ich somit einen BZ von 120 mg/dl messe, und aufgrund der Spritzbedingungen (wann habe ich zuletzt wieviel Insulin von welcher/n Sorte(n) gespritzt, welche Insulinspiegelhöhe erwarte ich daher zur Zeit?) schließe, daß relativ dazu eher wenig Insulin im Blut ist, dann liegt keine Unterzuckerung vor. Lassen dagegen bei gleichem gemessenen Wert die Spritzbedingungen (z. B.: vor 1½ Stunden recht viel Normalinsulin gespritzt) erwarten, daß im Vergleich zu diesen 120 mg/dl viel Insulin im Umlauf ist (mehr Schlüssel als Zuckerteilchen), so schließe ich auf eine Unterzuckerung, trotz des eher am oberen Ende der Norm stehenden BZ-Wertes!
Wenn, in Relation zum gemessenen Wert, die Spritzbedingungen zwar keine momentane Unterzuckerung anzeigen, aber doch in nächster Zeit, auch abhängig von der zu erwartenden Insulinempfindlichkeit, mit einem zu starken Wirkungsverlauf der Insulinfreisetzung zu rechnen ist, so besteht die Erwartung einer Unterzuckerung. Das werte ich dann effektiv wie eine Unterzuckerung und reagiere entsprechend.
Für die Überzuckerung nehme ich natürlich die entsprechend umgekehrte Definition: Damit meine ich, daß zuviel Zucker im Vergleich zum Insulin im Blut fließt, im Modell also: mehr Zuckerteilchen als Insulinschlüssel. Dies gilt nur dann, wenn der Körper nicht in der Lage ist, das Problem durch Insulin-Mehrproduktion kurzfristig zu beheben.
Konkrete Beispiele bei mir: Messe ich um 2.30 Uhr nachts den BZ, dann werte ich aufgrund des Wirkungsverlaufs des nächtlichen Basalinsulins jeden Wert über etwa 80 mg/dl bereits als Überzucker. Messe ich dagegen am Tage, habe aber erst vor 2½ Stunden 2 Einheiten Normalinsulin gespritzt, dann zähle ich jeden Wert unter 140 mg/dl als Unterzucker.
Insulinresistenz (Erklärung, Erfahrung)
In Kapitel 1 hatten wir das Phänomen der Insulinresistenz (Insulinunempfindlichkeit) als ein Hauptproblem beim "Metabolischen Syndrom" bzw. der häufigsten Form des Typ-2-Diabetes kennengelernt.
Bei solch einer ausgeprägten Insulinresistenz ist meine (zweite) Definition einer Unterzuckerung kaum anwendbar. Denn dann wirken die Insulinschlüssel nicht effektiv genug, die durch hohen BZ permanent angetriebenen Inselzellen produzieren einen Insulinüberschuß, ohne daß dadurch der BZ spontan sinken würde. Hier wäre es wohl nicht angemessen, von einer Unterzuckerung zu reden.
Neuerdings will die Wissenschaft sogar ein Hormon "Resistin" entdeckt haben, welches die Unempfindlichkeit der Zellen gegenüber dem Insulin bewirkt (Diabetes-Journal 3/2001, S. 15). Es soll von weißem Fettgewebe gebildet werden.
Wie dem auch sei, das Phänomen der wechselnden Insulinempfindlichkeit, ob hormonell gesteuert oder nicht, scheint mir schwer durchschaubar zu sein. Sicherlich ist es ein Teil komplizierter Zusammenhänge und Wechselspiele beim Zucker/Insulinstoffwechsel.
Meine eigenen Erfahrungen damit möchte ich wie folgt zusammenfassen:
Auslöser von Phasen relativer Insulinresistenz, die bei mir in Abwechslung mit Phasen relativer Insulinempfindlichkeit auftreten, scheinen unter anderem zu sein: Insulinmangelsituation, reichliche Versorgung mit Nahrung, Tages- und sonstige körpereigene Rhythmik, fehlendes Frühstück. Wurde eine Resistenzphase nicht vorhergesehen (besser: vorhervermutet), dann ergibt sich seinerseits ein Insulinmangel oder ein bereits bestehender setzt sich fort. Schnell ist daraus eine anhaltende Resistenz geworden, die allermeistens nur durch eine deutliche Erhöhung der folgenden Insulindosen wieder beendet werden kann.
Der Vollständigkeit halber bleibt noch zu erwähnen, daß körperliche Bewegung im allgemeinen eine Phase besonders hoher Insulinempfindlichkeit auslöst. Je stärker oder andauernder die Bewegung, desto ausgeprägter die Insulinempfindlichkeit. Voraussetzung ist aber, daß zu Beginn kein Insulinmangel vorlag. Also gibt es auch hier wieder keine Berechenbarkeit im Voraus: Das Leben eines Diabetikers ist schon schwer.
Walter: Rohkost heilt Typ-2-Diabetes (Dialog, Erfahrung)
Walter Axen, Typ-2-Diabetiker, hat seine Selbstverantwortung für Leben und Gesundheit rechtzeitig erkannt und ist seitdem auf der Suche nach unterschiedlichen, effektiven Methoden, um gesünder zu werden.
Rohkost hat er als eine solche Möglichkeit erkannt und eine zeitlang praktiziert. In dieser Zeit (ohne Medikamente) war sein Diabetes verschwunden: Die Blutzuckerwerte lagen nie über 110 mg/dl, waren also im Normalbereich.
Diese Tatsache ist mehr als bemerkenswert, beweist sie doch, daß Diabetes, wenigstens vom Typ 2, grundsätzlich mittels Rohkost geheilt werden kann. Das heißt zwar nicht, daß jeder Betroffene mit einer Heilung rechnen kann, denn eine Rolle wird insbesondere auch spielen, wie weit die Krankheit schon fortgeschritten ist und wie weit die Inselzellen noch arbeiten. Aber einen Versuch ist es immer wert! (Siehe auch Kapitel 1.)
Walter kam aber wieder von der reinen Rohkost ab und fand auch andere Möglichkeiten, seinen Diabetes in Schach zu halten. (Meine Interpretation: Er hat noch genügend Lebenskraft und ist daher nicht auf ausschließlich lebendige Nahrung angewiesen - im Gegensatz zu beispielsweise Leonid und mir.)
Weitere Methoden, mit denen er Erfolg hatte, sind:
- Transzendentale Meditation
- Ajur Veda
- Klangtechnik (Sanskritwörter)
- Yoga-Übungen
- Fasten (10 Tage nur getrunken führten zum Idealgewicht)Besonders interessant und richtig fand ich folgende Erkenntnis von Walter: Die Bauchspeicheldrüse (Inselzellen) hat eine ausgleichende Funktion. Daher ist ein gleichmäßiges Leben bei Diabetes hilfreich und wichtig.
Walter Axen
Bremer Feld 21
D-27749 Delmenhorst
Tel.+Fax: (0049)(0)4221-120508
Ist Diabetikern ein natürlicher Umgang mit dem Insulin möglich? (Erklärung, Vorschlag)
Absolut genommen, müssen wir insulinpflichtigen Kranken diese Frage zur Zeit sicherlich verneinen. Denn solange eine automatisch arbeitende Kombination aus ständig messendem BZ-Sensor und ebenso permanent darauf reagierender Insulinpumpe oder noch bessere Lösungen oder gar Heilung unerreichbar sind, können wir dem Organismus wirklich (annähernd) natürliche Bedingungen bei der Insulinzufuhr nicht bieten. Unter- und Überzuckerungen und die damit zusammenhängenden Mangelsituationen müssen in einem gewissen Maß in Kauf genommen werden.
Auch mit einer automatischen Sensor/Pumpe-Kombination bliebe noch unnatürlich und eventuell problematisch, daß immer noch auf Dauer ein künstliches Stoffgemisch, unter Umgehung aller Schutzmaßnahmen des Organismus, direkt ins Blut befördert würde. Sogar wenn das benutzte Insulin chemisch identisch mit dem körpereigenen ist, muß es nicht komplett identisch sein. Dazu kommen Lösungsmittel, weitere Zusätze usw., die sicherlich auch belasten. Dennoch wäre dieses Gerät, und da werden mir vermutlich viele Diabetiker zustimmen, ein großer Meilenstein in der Diabetestherapie, würde es uns doch von vielen Problemen erlösen!
Andererseits, das muß ich auch einmal deutlich sagen, müssen wir froh darüber und dankbar dafür sein, daß es die Möglichkeit, den BZ mit von außen zugeführtem Insulin zu senken, überhaupt gibt. Insbesondere wir Typ-1-er könnten sonst nicht überleben.
Zwei Hauptprobleme gibt es bei den heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der BZ-Messung und Insulinzuführung:
Zum einen können wir nur in größeren Zeitabständen messen, und zwar nicht nur wegen des jedesmal erforderlichen "Pieks", sondern es wäre auch unerträglich, in deutlich kürzeren Abständen, sagen wir viertelstündlich, messen zu müssen: Was wäre das für ein Leben? Wir würden effektiv nur noch für den Diabetes da sein, hätten keine Zeit und Ruhe mehr für anderes. Allerdings gibt es für dieses Problem vielleicht in absehbarer Zeit eine Aussicht auf Besserung: Prototypen von Glucosesensoren, die alle paar Minuten messen und die Ergebnisse dokumentieren, werden bereits klinisch getestet.
Zum anderen bedeutet jede Zuführung von einer Portion nicht-körpereigenen Insulins ein nun starr für ein paar Stunden festgelegtes Wirkungsprofil. Das heißt, auf die in jedem Zeitintervall der nächsten Stunden ins Blut freigesetzte und wirksam werdende Insulinmenge haben wir keinen Einfluß mehr und können diese Wirkkurve auch nur ungefähr abschätzen aufgrund von Erfahrung oder mittels der durch die Insulinhersteller angegebenen Wirkungsprofile. Eine permanent schnelle Reaktion auf Mehr- oder Minderbedarf des Körpers, so wie es beim Gesunden automatisch geschieht, ist also nicht möglich.
Das zweite Problem kann durch die Benutzung einer Insulinpumpe und/oder sogenannter "Insulin-Analoga" (gentechnisch erzeugte Stoffe, die dem menschlichen Insulin chemisch nur ähnlich, aber nicht gleich sind, jedoch die "Schlüssel-"Funktion des Insulins übernehmen können) etwas gemildert werden. Hauptsächlich entfällt dann wohl die "Vorlaufzeit", also die ersten ca. 25 Minuten, in denen in die Haut gespritztes Insulin praktisch noch keine Wirkung zeigt. Grundsätzlich bleibt das Problem aber auch dann bestehen.
"Natürlich" mit dem Insulin umgehen kann ich somit nur relativ zu den gegebenen Möglichkeiten. Vielleicht erkläre ich aber zuerst, was ich an meinem bisherigen Vorgehen, bei dem ich oft noch zu wörtlich Anweisungen aus Schulung und Diabetespublikationen übernahm, unnatürlich finde:
Überbewertung des BZ und seiner "Normalwerte": Orientierung an den BZ-Verhältnissen beim Gesunden. Obwohl klar ist, daß mit den heutigen Möglichkeiten die Funktion der Inselzellen nur, gelinde gesagt, sehr grob nachgeahmt werden kann, wird heute allgemein empfohlen, normnahe BZ- bzw. HbA1(c)-Werte anzustreben. Obgleich das Blut für den Zucker nur ein Transportsystem darstellt, wird die Zuckerkonzentration darin sehr wichtig genommen, dagegen findet nur wenig Beachtung, in welchem Maße die Zellen versorgt werden. Obwohl mir dessen bewußt, bekam ich häufig ein "schlechtes Gewissen" bei deutlich über der Norm liegenden BZ-Werten und freute mich dann insgeheim sogar über den "Ausgleich" durch Unterzuckerungen, trotz der Probleme, die mir letztere bereiteten.
Unterzuckerungen: Schlechtes Befinden nahm ich nicht immer als mögliche Unterzuckerung wahr. Wenn doch, dosierte ich oft zu zaghaft bei den daraufhin aufgenommenen Obst-BE's. Bei länger andauernder Unterzucker-Situation (Insulinüberschuß, hohe Insulinempfindlichkeit) paßte ich meine Regeln für die Insulindosierung zu zögernd an.
Überzuckerungen: Auch bei anhaltender Überzucker-Situation (Insulinmangel, relative Insulinresistenz) zögerte ich zu sehr mit der nötigen deutlichen Erhöhung der Insulindosen, so daß auch diese Phasen häufig zu lange dauerten.
Ausgangspunkt für meinen neuen und, wie ich denke, natürlicheren, ganzheitlicheren Umgang mit dem Insulin ist wieder einmal die Erkenntnis meiner eigenen Schwäche. Vgl. dazu den Abschnitt über die lebendigen Funktionen am Anfang dieses Kapitels.
Wie oben gesagt, sind ausgeprägte Schwankungen im Zuckerstoffwechsel, die es bei Gesunden nicht gibt, bei Insulinabhängigkeit zur Zeit nicht vermeidbar. Ich kann es nicht leugnen, wenigstens nicht mir selbst gegenüber: Ich bin schwer krank, chronisch krank. Auch mit der besten, natürlichsten heute möglichen Insulintherapie bleibt der Organismus deutlich stärker belastet, als es unter sonst gleichen Bedingungen (auch Ernährung!) ohne diese Krankheit der Fall wäre.
Auch wenn die gemessenen Werte noch so "gut" (wie das auch immer gemeint sein mag) sind, gibt es doch immer wieder Zeiten, wo die BZ-Verwertung gestört ist und von der eines Gesunden abweicht. Als eine Folge gibt es immer wieder viel zu entgiften (eigene Erfahrung), was zusätzlich Kraft kostet.
Nachdem dies erkannt ist, will ich auch dem Körper nicht vorgaukeln, ich sei gesund, d. h. es gäbe keinen Insulinmangel. Daraus, daß Menschen mit einem nur relativen Insulinmangel unbehandelt recht lange überleben können, schließe ich, daß die Natur gelernt hat, mit dieser Situation einigermaßen zurechtzukommen. Insulinmangelsituationen mögen in unserer Vorgeschichte schon immer mal vorgekommen sein, vielleicht gibt es sie sogar bei wildlebenden Tieren. Einen Insulinüberschuß dagegen wird es, abgesehen von den letzten paar Mensch-Generationen, vermutlich noch nie gegeben haben.
Ein weiteres für mich, aber sicherlich auch für andere Diabetiker, entscheidendes Argument dafür, lieber Über- als Unterzuckerungen in Kauf zu nehmen, ist das Problem mit den Blutungen. Ich erlebe dies bei Hautwunden, aber einige Diabetiker kennen es in der schlimmen Form, die besonders bei bereits bestehender diabetischer Folgekrankheit am Auge auftritt: Glaskörpereinblutungen! Diese werden, wie auch Fachleute zugeben, fast immer von Unterzuckerungen ausgelöst.
Ganzheitliches Denken führte mich fast zwangsläufig dazu, anzunehmen, daß, wenn schon Schwankungen in Kauf genommen werden müssen, Ausschläge möglichst nur in eine Richtung viel verträglicher und weit weniger belastend sein würden als dauernde Wechselbäder. Die Richtung, die in Frage kommt, ist nach dem vorher Gesagten, auch klar: Sie heißt "Im Zweifel über der Norm".
Es ist nur logisch, daß der BZ bei einer Vorgehensweise, die dies verwirklicht, im Durchschnitt höher sein wird als bei einem Gesunden. Ein normnaher HbA1(c) ist damit also nicht zu erreichen. Dessen ungeachtet könnte für viele dennoch eine Verminderung gegenüber den bisherigen Durchschnittswerten herauskommen, weil einfach alles glatter verlaufen könnte. Eine entsprechende Sorgfalt ist natürlich Voraussetzung, "Schlampen" mit den Werten ist nicht gemeint!
Hand aufs Herz, lieber Typ-1-er, wenn wir ganz ehrlich und realistisch sind: Ist nicht der normnahe HbA1(c) sowieso nur eine Illusion für die meisten von uns? Ein Ziel, dem wir ständig nachjagen, das wir aber nie erreichen, und das uns deshalb unzufrieden macht? Muß es nicht derjenige, der es vielleicht trotzdem schafft, mit häufigen Unterzuckerungen, Energiemangel und Wohlbefindensstörungen erkaufen?
Das ist auch ein ganzheitliches Prinzip: Wenn ich erkennen kann, daß ich ein Ziel, realistisch betrachtet, nicht erreichen kann, dann sollte ich diese Erkenntnis annehmen und das Ziel relativieren. Schon allein das Glücksgefühl, wenn ich dieses angepaßte Ziel dann tatsächlich erreiche, ist ein Gewinn!
Um den Organismus möglichst wenig zu irritieren, räume ich somit der Vermeidung von Unterzuckerungen (Insulinüberschuß) die höchste Priorität ein.
Gleich danach, und auch damit zusammenhängend, steht das Ziel, den Körperzellen, soweit irgend möglich, immer genügend Energie in Form von natürlichem Zucker (Obst), gepaart mit dem dazu nötigen Insulin, anzubieten. Wir Diabetiker brauchen deutlich mehr davon! Wie richtig und wichtig dies ist, habe ich durch Leonid's und meine eigenen leidvollen Erfahrungen gelernt. Beide spürten und spüren wir Unterzuckerungen und andere Probleme beim Zucker/Insulinstoffwechsel besonders in der Form starker Mißempfindungen im Kopf mit entsprechender Negativeinwirkung auf die Psyche, wahrscheinlich ausgelöst durch Energiemangel der Gehirnzellen.
Dies sind zunächst mal Kopf-Erkenntnisse, die verinnerlicht werden müssen, damit sie im täglichen Diabetikerleben spontan, bei Bedarf, Einfluß nehmen können. Mit welchen konkreten Maßnahmen ich ihre Umsetzung versuche, davon wird im folgenden die Rede sein.
Zuvor noch ein Wort, oder besser zwei Worte, an diejenigen Insulinpflichtigen, die mein Konzept an ihre Situation anpassen und übernehmen möchten:
Erstens: Meine Erfahrungen bauen auf der Basis einer reinen Rohkost auf. Ich kann also nichts darüber sagen, welche Auswirkungen eine Übernahme meiner Vorgehensweise bei Koch- oder Mischkost hätte. Ich weiß insbesondere nicht, ob diabetische Folgekrankheiten eher gebremst oder gefördert würden. Ich kann also nur empfehlen: Gehen Sie zuerst zu reiner Rohkost über, bevor Sie mit solchen Therapieänderungen beginnen!
Zweitens: Ich benutze manche Begriffe von der "intensivierten" Insulin-Therapie (abgekürzt ICT, NIS oder FIT), die ich auch selbst durchführe. Falls Sie diese (noch) nicht praktizieren, schlage ich Ihnen zwecks besseren Verständnisses vor, sich zuerst mit dieser zu befassen und am besten auch umzusetzen, sei es durch eine Schulung und/oder Studium entsprechender Literatur. Ich empfehle dazu das Buch "Insulinabhängig?..." von Kinga Howorka (siehe Literaturliste).
Zuerst möchte ich auf die "Regeln" für die spontanen, unvorhersehbaren Ereignisse bei meiner geänderten Anti-Diabetes-Strategie eingehen. Hier geht es vor allem um das Erkennen, das Vermuten von Unterzuckerungen.
Jedes schlechte Befinden überhaupt sehe ich immer als einen Hinweis auf eine mögliche Unterzuckerung an. Aus Erfahrung weiß ich, daß Unterzuckerungen Unwohlgefühle unterschiedlichster Art bereiten können. Ich will erst gar nicht versuchen, diese zu beschreiben. Aber auch die bekannteren Symptome, wie Schwitzen und Zitterigkeit, wenn diese mal vor Befindensstörungen auftreten sollten, sind zu beachten. Da hier sowieso jeder seine persönlichen Erfahrungen zugrundelegen muß, möchte ich nicht auf weitere Einzelheiten eingehen.
Wichtig ist nur, daß immer, wenn eine Unterzuckerung nicht ganz auszuschließen ist, reagiert wird. Also esse ich BE's in der Form von Obst, in nicht zu niedriger BE-Menge. Nur in folgenden Fällen messe ich als erstes den BZ:
a) Große Unsicherheit. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn ich schon mehrmals Obst gegessen habe, aber noch keine Befindensverbesserung eingetreten ist. Die Wahrscheinlichkeit ist dann hoch, daß inzwischen eine Überzuckerung vorliegt: Hunger der Zellen durch Zuckermangel ging über nach Hunger durch Insulinmangel ohne merkliche Erholungsphase dazwischen.
b) Das Messen ist jetzt oder in Kürze sowieso fällig, etwa wegen beabsichtigter Mahlzeit.
Die Reaktion in Abhängigkeit vom gemessenen Wert ist dann, wie unten bei den geplanten Regeln beschrieben. Jedoch vermeide ich eine Insulinzufuhr, wenn die letzte Gabe von schnellem Insulin noch nicht lange genug (mindestens etwa 2½ Stunden) zurückliegt, weil deren Nachwirkung kaum abgeschätzt werden kann.
Ich esse also im Zweifel immer Obst, auch wenn meine Symptome andere Ursachen haben können, etwa eine Überzuckerung. Eine zeitweilige Insulinmangelsituation, bis nach dem nächsten Messen, wird somit in Kauf genommen (Eingeständnis der Krankheit).
Eines dagegen würde ich nie tun und befinde mich dabei sogar im Einklang mit den Diabetesexperten: bei Überzuckerverdacht ohne vorherige BZ-Messung Insulin spritzen - sei das Gefühl der Überzuckerung auch noch so sicher! Die Experten gestehen indirekt also zu, daß eine Unterzuckerung viel gefährlicher ist als eine Überzuckerung.
Nun zu den Regeln für das Geplante. Also geht es um das Messen und eine eventuelle Insulinzufuhr vor Mahlzeiten, vor Basalinsulingaben (insbesondere spätabends) und zur Kontrolle. Voraussetzung ist immer, jedenfalls wenn Insulin dosiert werden soll, daß das zuletzt zugeführte schnelle Insulin nur noch wenig nachwirkt, weil sonst eine Vorausplanung zu unsicher würde.
Regel 1: Statt eines starren Zielwertes für den BZ (z. B. "100 mg/dl nüchtern, 160 mg/dl nach dem Essen") rechne ich mit einem sehr variablen anzupeilenden Wert, in Abhängigkeit von folgenden Parametern:
1. der auf Grund der vorausgegangenen Gaben von langsamem (Basal-) und schnellem (Normal-)Insulin noch zu erwartenden Insulinfreisetzung für jetzt und die nächste Zeit, und zwar im Vergleich zum erwarteten tatsächlichen Basalbedarf für diesen Zeitraum;
2. der momentanen bzw. zu erwartenden Insulinempfindlichkeit, erfahrungsgemäß, abhängig insbesondere von der Tageszeit und von dem Maß vergangener und evtl. noch geplanter körperlicher Aktivitäten.
Regel 2: Jede festgestellte Insulinmangelsituation (BZ liegt deutlich über dem Zielwert) ist durch Korrekturinsulin zu beheben. Die Dosierung erfordert wieder viel Fingerspitzengefühl, befinde ich mich doch auf dem schmalen Grat zwischen zwei Prinzipien:
a) möglichst immer über der Unterzuckerung zu bleiben;
und
b) dem hohen BZ eine entsprechende Menge Insulin entgegenzusetzen, so daß so wenig BZ-Verlust (Harnzucker) wie möglich auftritt.
Um dem Körper möglichst schnell wieder Energie zuzuführen und BZ-Verluste auszugleichen, ist es am besten, eine Mahlzeit mit einzuplanen und das entsprechende, nicht zu niedrig zu dosierende Bolusinsulin gleich hinzuzufügen.
Durchführung der Regeln: Der aktuelle BZ-Wert wird mit dem nach Regel 1 ermittelten Zielwert verglichen und dementsprechend nach den Anweisungen der ICT reagiert. Übrigens liefern mir dieser und vorangegangene Zuckerwerte auch weitere Anhaltspunkte für den aktuellen Stand meiner Insulinempfindlichkeit (Punkt 2 von Regel 1), denn diese unterliegt bei mir unter anderem auch körpereigenen, nicht vorhersehbaren, unregelmäßigen Rhythmen.
Reagieren nach den Anweisungen der ICT bedeutet, kurz zusammengefaßt: Ist der aktuelle BZ-Wert niedriger als der Zielwert, gleich entsprechend Obst essen. Stimmen die beiden Werte etwa überein, so ist nur im Fall beabsichtigter Mahlzeit etwas zu tun: Spritzen, etwa 25 Minuten warten, dann essen. Wird ein Wert deutlich über dem Zielwert gemessen, Korrekturinsulin spritzen, evtl. zusammen mit Mahlzeiteninsulin. Dann aber vor dem Essen dem Körper Gelegenheit zur Erholung geben, das heißt, einen genügend langen Spritz-Eß-Abstand einhalten!
Das hört sich alles sehr kompliziert an. In Wirklichkeit gehört einfach viel Fingerspitzengefühl dazu: aus Erfahrungen immer wieder lernen, die Algorithmen anpassen, und so weiter. Wollte ich alle meine Regeln exakt aufschreiben, so würde das wohl Bände füllen. Aber helfen würde es nicht viel: Jeder muß sowieso seine eigenen Erfahrungen machen, seine eigenen Regeln aufstellen, sei es mehr rechnerisch oder mehr mit dem Gefühl.
Statt eines endlosen Systems von Anweisungen, Tabellen und Formeln möchte ich nur mit zwei Beispielen aus meiner Praxis die Regel 1 illustrieren:
Habe ich vor 2½ Stunden 2 Einheiten Normalinsulin gespritzt, dann ist mein BZ-Zielwert 140 mg/dl, vorausgesetzt, Insulinempfindlichkeit und Basalversorgung sind normal.
Sind dagegen seit der letzten Zufuhr schnellen Insulins 4 Stunden vergangen, und ist die Basalversorgung im Vergleich zur Insulinempfindlichkeit eher gering, dann ist 100 mg/dl mein Richtwert.
Manchmal merke ich an einem aufkommenden Wohlbefinden, daß Ziel b) von Regel 2 erreicht wurde (der BZ kann in diesem Moment noch recht hoch sein, aber die Balance zwischen BZ und Insulin ist jetzt besser). Aber ich weiß dann auch, daß in Kürze Unterzuckerungsgefahr drohen kann.
Wie sich bei mir herausstellte, lassen sich Unterzuckerungen nicht absolut vermeiden, wenn ich das Prinzip b) beibehalten will. Letzteres kann ich nicht aufgeben, denn dann wäre ein dauerhafter Leistungsmangel die Folge. Ich sage es noch mal in aller Deutlichkeit: Ein "Schlampen" bei den Werten, für diese Art der Vermeidung von Unterzuckerungen bin ich nicht, das ist nicht gemeint!
Das "möglichst" in Prinzip a) hat also seinen Sinn. Kurze Unterzuckerungsphasen nehme ich somit in Kauf. Die oben beschriebenen Regeln für das "Spontane" helfen dabei, sie nicht zu lang werden zu lassen.
Ein anderer, größerer Schritt in Richtung mehr Natürlichkeit beim Umgang mit dem Insulin würde es bedeuten, den BZ-Zustand irgendwie zuverlässig empfinden zu können, und zwar so, daß Irrtümer ausgeschlossen sind. Ich muß zugeben, daß ich es trotz meiner großen Empfindlichkeiten nicht kann. Wer kann es? Ich würde gern davon hören.
Ein paar spezielle Tips für Typ-1-Diabetiker (Vorschlag)
Zusätzlich zu den soeben beim "natürlichen Umgang" beschriebenen Vorgehensweisen habe ich mir in der letzten Zeit noch ein paar Dinge in Zusammenhang mit meiner Diabetesbehandlung angewöhnt, die vielleicht auch für andere Typ-1-Diabetiker interessant sein könnten, eingeschlossen auch Teil- und Nichtrohköstler. Deshalb möchte ich sie hier als Tips anführen.
Die ersten beiden Tips betreffen das sogenannte morgendliche Dämmerungsphänomen (englisch: dawn phenomenon), auch Morgenröte genannt. Man versteht darunter ausgeprägte Blutzuckerfreisetzung aus der Leber und/oder Insulinresistenz in den Morgenstunden, woraus ein höherer Insulinbedarf resultiert. Mit diesem Phänomen haben es wohl die meisten Insulinpflichtigen mehr oder weniger zu tun.
Nach meiner Erfahrung ist die Morgenröte besonders ausgeprägt bei fehlendem (Obst-)Frühstück. Dies läßt sich leicht erklären: Nach der Nachtruhe kommt der Stoffwechsel auf Touren, Hormone werden verstärkt ausgeschüttet, der Energiebedarf wird aus den Reserven gedeckt. Um die Zuckerreserven zu schonen, empfehle ich, unbedingt zu frühstücken, und zwar BE-reich (viel Obst). Die Insulindosis dafür soll natürlich dem erfahrungsgemäß zu dieser Tageszeit nötigen Bedarf entsprechen. Soweit der erste Tip.
Tip 2 basiert auf der Beobachtung, daß trotz ausreichender Insulinmenge für das Frühstück der BZ am Vormittag oft sehr stark ansteigt, bevor er dann - günstigenfalls - wieder auf einen relativ normalen Wert abfällt. Diesen Effekt kann man abmildern, wenn man vor dem Frühstück einen deutlich längeren Spritz-Eß-Abstand einhält als man es unter sonst ähnlichen Bedingungen zu anderen Tageszeiten tun würde. Fünf oder zehn Minuten mehr sind nach meiner Erfahrung problemlos möglich.
Mein nächster Tip wird bei einigen auf nicht so viel Gegenliebe stoßen, das ist mir klar. Aber es ist ja auch nur ein Vorschlag. Ich beobachte eine allgemein verbreitete Tendenz zur Ungenauigkeit, sowohl bei den Insulinpflichtigen als auch bei ihren Ratgebern. Das Abschätzen der BE-Menge einer Mahlzeit wird allgemein dem Abwiegen vorgezogen. Dann werden neuerdings "BE"'s (1 BE = 12 g Kohlenhydrate) und "KHE"'s (Kohlenhydrateinheiten: 1 KHE = 10 g Kohlenhydrate) praktisch gleichgesetzt. Man bedenke: Eine Abweichung von 20 % wird einfach stillschweigend und überflüssigerweise in Kauf genommen! Wenn ich mir das überlege: Ich spritze für 5 BE (= 6 KHE) und esse dann 6 BE oder umgekehrt: Die Auswirkungen auf den Zucker sind erheblich, jedenfalls bei mir!
Sicher, es sind viele Faktoren vorhanden, die letztlich das Ergebnis von gespritztem Insulin und Mahlzeit beeinflussen und eine genaue Vorhersage (wie alle Blicke in die Zukunft) unmöglich machen. Aber das ist es ja: Wenn schon so viele Unwägbarkeiten bestehen, andererseits eine möglichst genaue Vorhereinschätzung aber so wichtig ist (schlechte Ergebnisse führen zu Problemen und Leid), sollte man dann nicht jede zusätzliche Ungenauigkeit erst recht vermeiden? Ich meine, ja.
Daher wiege ich das Obst meiner Mahlzeiten praktisch immer ab (pro Art nach dem Schälen usw.), berechne die BE-Menge je Obstart und summiere sie, bis ich auf meine "gespritzte Menge" komme. Für die Berechnung der Früchte habe ich mir eine eigene BE-Tabelle erstellt, worin Angaben aus verschiedenen Quellen (die etwas variieren) und eigene Erfahrungen eingegangen sind. Ein paar geeignete Nahrungsmitteltabellen finden Sie im Literaturverzeichnis.
Der nächste Vorschlag betrifft die Therapie für die Nacht. Ich halte es für besonders wichtig, den nächtlichen Zuckerstoffwechsel in Ordnung zu halten, denn:
1. Da in der Nacht kein Mahlzeiteninsulin mit den zugehörigen Nachwirkungen und Unsicherheiten gespritzt wird, besteht eine gute Chance, dem Körper eine echte Erholungsphase zu ermöglichen.
2. Diese Erholung ist auch meist sehr nötig und wertvoll. Der Organismus braucht die Nachtruhe für Reinigung, Regeneration und andere Dinge. Für Diabetiker gilt das ganz besonders, da die "Ausrutscher" des Tages an den Kräften zehren, Abbauprodukte produzieren und ihn evtl. zum Aufschub von Aktivitäten zwingen.
3. Der nächtliche Basalinsulinbedarf ist für Rohköstler nach meiner Erfahrung relativ konstant bzw. berechenbar. (Z. B. erhöht er sich, wenn abends Nüsse gegessen wurden.)
Welchen Ziel-BZ man vor der Nachtruhe anstrebt, ist eine Erfahrungsangelegenheit. Aus dem dann morgens gemessenen BZ kann man nur unsicher abschätzen, ob die Nacht gut verlaufen ist und die Basalrate vielleicht geändert werden muß.
Aufgrund dieses Problems mache ich mir jetzt wieder die guten alten Harnzucker-Teststreifen zunutze. Die meisten Diabetiker wachen sowieso ein- oder mehrmals in der Nacht wegen Harndrangs auf. Wenn dies etwa in der Nachtmitte, so etwa zwischen 2 und 4 Uhr, passiert, messe ich gleich den Harnzucker mit. Meine Reaktion ist dann wie folgt: Ist Harnzucker vorhanden, egal wieviel, dann mache ich auch noch eine BZ-Messung und reagiere entsprechend, so daß dann wenigstens die zweite Nachthälfte mit hoher Wahrscheinlichkeit relativ gut verläuft. Ist kein Harnzucker feststellbar, dann liegt zumindest kein extremer BZ-Ausrutscher nach oben vor und ich unternehme nichts. Wenn kein Harndrang in dieser Zeit auftritt, dann ist dies sowieso ein gutes Zeichen, wenigstens beim Rohköstler.
Da ab der Nachtmitte meist ein BZ-Anstieg beginnt, wäre es natürlich noch besser, unabhängig vom Harnzucker immer den BZ zu messen. Das für die, die sich nächtens dazu aufraffen können.
Der Körper ist sehr dankbar für eine solche, mit genügend Insulin versehene Nacht. Ich merke es beispielsweise an einer guten, nicht verzögerten Verdauung.
Sicher, Unterzuckerungen können mit der Harnzuckermethode nicht aufgespürt werden. Bei diesem Problem ist halt jeder auf sich selbst gestellt. Bei mir ist es so, daß, wenn eine Unterzuckerung auch nur "in der Nähe" ist, ich so unruhig bin, daß sich kein Schlaf einstellt.
Es folgt ein Tip zur guten Behandlung der Füße, die ja unzweifelhaft besonders wichtig ist. Probleme mit diesen unseren tragenden Gliedmaßen sind bekanntlich heute weit verbreitet. Dazu trägt sicher maßgeblich bei, daß sie einen großen Teil der Zeit in Schuhe eingezwängt sind, die dazu noch oft (zwar modisch aber) unpraktisch und zu eng sind. Das Stehen ist besonders belastend, aber auch das Laufen in Schuhen ist nicht optimal. Daher nun mein Fußtip, natürlich wieder aus eigener Erfahrung:
Wann immer es nur geht, die Schuhe ausziehen. In der Wohnung laufe ich, je nach Temperatur usw., barfuß, in Socken, oder wenigstens in ganz bequemen, weiten Hausschlappen. Besonders wohltuend und auch mit Auftankeffekt ist das Barfußlaufen im Freien, wenn immer Zeit und Wetter es zulassen. Dabei kann man sich gleich wieder seine Portionen frische Luft, Sonne und Bewegung mit abholen. Dies alles ermöglicht es dem Körper, sich zu regenerieren, was bei chronischer Krankheit besonders not tut.
Einige Experten verbieten Diabetikern geradezu das Barfußlaufen. Begründet wird das mit einer evtl. vorliegenden Nervenstörung an den Füßen, die dazu führen kann, daß Verletzungen und Wunden nicht erkannt werden.
Meine Meinung dazu ist: Reine Rohköstler werden eine Verletzung sicherlich spüren. Ansonsten ist zu raten, die Füße nach jedem Barfußlaufen sorgsam zu inspizieren (oder inspizieren zu lassen). Sorgfältige regelmäßige Fußbeobachtung und -pflege sind sowieso für Diabetiker unabdingbar.
Mein abschließender Vorschlag beruht unter anderem auch auf einem grundsätzlichen Aspekt, nämlich dem Prinzip, daß Extreme nie gut sind und man sie deshalb vermeiden sollte.
Viele Diabetiker, spritzend oder nichtspritzend, haben es mit einem hohen Insulinverbrauch zu tun. Dieser tritt dann meist zusammen mit schlechter Wirksamkeit des Insulins, oft hohem BZ-Spiegel, unvollständiger Fettverbrennung mit Azetonbildung auf. Alle diese Dinge fördern sicherlich Folgekrankheiten. Hier handelt es sich somit um ein Extrem, gegen das unbedingt anzugehen ist.
Aber das gegenteilige Extrem, nämlich ein sehr niedriger Insulinverbrauch (insgesamt oder pro BE), ist auch nicht gut, was ich jetzt aus eigener Erfahrung weiß. Das zu starke Streben nach normnahen BZ-Werten führt oft dahin. An dem Gefühl, daß der Körper gewissermaßen auf Sparflamme läuft, kann man es merken, daß hier zu extrem gestrebt wird, so war es jedenfalls bei mir.
Wichtiger ist nach meiner Erfahrung, daß dem Organismus immer genügend Energie für alle seine Aufgaben zur Verfügung gestellt wird. Wir chronisch Kranken brauchen mehr Energie als Gesunde, und diese sollten wir aus der rohen Nahrung beziehen. Das beinhaltet für den Insulinpflichtigen: Genug Obst essen und genug Insulin dafür geben. Dann bekommen die Zellen ihren Brennstoff und die Speicher können sich auffüllen.