Hausarbeit

Massenmedien und Gewalt

Proseminar 1: Theorien und Modelle der Massenkommunikation
Kursleitung: Barbara Franz, M.A.

Verfasser:
Patrick Hammer

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1

2. Definition von Gewalt 1

3. Modelle zur Wirkung der Massenmedien 2
3.1 Die Katharsisthese 2
3.2 Die Inhibitionsthese 2
3.3 Die Stimulationsthese 3
3.4 Die Lerntheorie 3
3.5 Die Suggestionsthese 4
3.6 Die These der allgemeinen Erregung 4
3.7 Die Habitualisierungsthese 4
3.8 Die Hypothese der Rechtfertigung von Verbrechen 5
3.9 Die These der Wirkungslosigkeit 5

4. Massenmediale Auswirkungen auf die Gesellschaft 6
4.1 Die Kontroll- und Reflexionsthese 6
4.2 Die Eskapismustheorie 6
4.3 Strukturelle Gewalt (indirekte Gewalt) 7

5. Sexuelle Gewalt 7

6. Kommerzialisierung des Fernsehens 8

7. Reality TV 8

8. Methoden der Wirkungsforschung 9
8.1 Felduntersuchungen versus Laborstudien 9
8.2 Die Vielseherforschung 9
8.3 Die Inhaltsanalyse 9
8.4 Expertenbefragung/Problemgruppenanalyse 10
8.4.1 Psychiater und Psychologen 10
8.4.2 Richter und Staatsanwälte 11

9. Nachrichten und Gewalt 12

10. Schlußanmerkungen 12
Literaturverzeichnis:

· Kunczik, Michael: Gewalt und Medien; Köln 1996

· Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried/Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien; Opladen 1994

· Meyn, Hermann: Massenmedien in der Bundesrepublik Deutschland; Berlin 1994

· Moser, Heinz: Einführung in die Medienpädagogik; Opladen 1995

· Rathmayr, Bernhard: Die Rückkehr der Gewalt; Wiesbaden 1996

· Spiegel Special 8/1995: Fernsehen; "Ey, boah, Rambo" (S.130-132)

1. Einleitung

Die Diskussion um die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Massenmedien ist ein in der Öffentlichkeit immer wieder auftauchendes Thema: Von den einen wird das Fernsehen als Ausgeburt des Teufels betrachtet, die unsere Kultur zerstört und eine Bedrohung für die Menschheit darstellt, während die anderen all diese Vorwürfe abstreiten und keine gefährlichen Auswirkungen befürchten. Vor kurzem ist durch einen vierzehnjährigen Jungen, der mit einer Axt auf seine Cousine und eine Nachbarin einhackte nach dem er sich den Film ,,Freitag de 13." ansah. In dieser Arbeit wird vor allem auf das Fernsehen eingegangen, da es wohl das wichtigste Medium hinsichtlich Gewaltdarstellungen und deren Effekte verkörpert, aber auch andere Medien, wie beispielsweise Comics, Computerspiele oder Bücher, können hier eine Rolle spielen (z.B. wurde in Norwegen ein Kriminaldelikt der Panzerknackerbande eines Micky-Maus-Hefts imitiert1). Die Diskussion über die Wirkungen von Gewaltdarstellungen ist schon sehr lange existent: z.B. wurde schon im antiken Griechenland diskutiert, ob Märchenerzählern den Kindern durch Geschichten über Greueltaten falsche Gedanken zuführen, die sie eigentlich nicht haben sollten.
Um die Wirkung von Gewaltdarstellungen zu analysieren, ist es vor allem wichtig, zu betrachten, welche Inhalte unter welchen Umständen auf welche Individuen wie wirken, eine Verallgemeinerung der Auswirkungen auf die breite Masse ist nahezu unmöglich.
Zum Thema ,,Massenmedien und Gewalt" sind unzählige Studien durchgeführt worden und es gibt eine Unmenge von Theorien und Modellen, jedoch ist die Interpretation der Untersuchungsergebnisse sehr problematisch, da beinahe jeder Wissenschaftler seine Studien auf irgendeine Weise so auslegen kann, daß seine eigene Meinung bestätigt wird. Auch sind viele Studien von vornherein schon so ausgelegt, daß sie eine bestimmte Theorie untermauern. Hier soll vor allem auf die wichtigsten Theorien und Thesen eingegangen werden, aber auch auf gesellschaftliche Aspekte und Expertenbefragung, den Gewaltbegriff an sich und die Berichterstattung über Gewaltverbrechen.

2. Definition von Gewalt

Der Begriff "Gewalt" ist aufgrund seiner vielfältigen Erscheinungsformen schwer zu definieren, es ist daher nicht eindeutig klar, wann man von Gewalt spricht. Hieraus folgt, daß bei Forschungsarbeiten der zweifelsfreie Nachweis von z.B. Gewaltwellen oder der Tendenz zur Verrohung der Gesellschaft grundsätzlich nicht möglich ist. Durch die große Breite von Operationalisierungen, die aus der mangelnden Begrifflichkeit hervorging, wurde Gewalt mit Hilfe von vielen verschiedenen Verfahren gemessen (z.B. Bobo-Doll, Elektroschocks austeilen lassen, Luftballons zerplatzen lassen, Fragebögen, usw.). Aus diesen Tests gingen viele verschiedene und oft sogar gegensätzliche Ergebnisse hervor. Daraus ergab sich die Notwendigkeit der Eingrenzung des Gewaltbegriffes mit der Zielsetzung, ihn auf eine klare und eindeutige Definition festzulegen.
Unter personaler Gewalt wird die "beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person"2 verstanden.
Doch auch bei dieser auf den ersten Blick griffigen Definition stößt man auf Probleme: Wie definiert man die Absicht? Wie klassifiziert man unbeabsichtigte Verhaltensweisen, die vom Rezipienten als aggressiv wahrgenommen werden?
Zudem muß gesagt werden, daß bei Experimenten das Alter der Versuchspersonen von entscheidender Wichtigkeit ist. Nach Kohlberg3 können z.B. Kinder erst mit sieben oder acht Jahren zwischen Gut und Böse unterscheiden; d.h., daß Versuche mit Kindern nicht übertragbar sind auf die erwachsene Bevölkerung.

3. Modelle zur Wirkung der Massenmedien

Die ersten Theorien gehen davon aus, daß ein omnipotentes Medium die wehrlosen Rezipienten nach Belieben beeinflussen kann (vgl. Stimulus-Response Modell); das soziale Umfeld und die Persönlichkeit wurden hierbei vernachlässigt, die breite Masse wurde als leicht manipulierbar eingeschätzt, bei jedem wurde die gleiche Wirkung erwartet.
Doch sobald man individuelle Unterschiede berücksichtigte (Intelligenz, Wahrnehmung, Persönlichkeit...), wurde dieses Modell widerlegt, es folgte das S-O-R Modell: Der Organismus wurde jetzt als Filter verstanden, der die Wirkung individuell modifiziert; es wurde jetzt auch die selektive Aufmerksamkeit und Wahrnehmung beachtet, die bei jeder Person variiert.
Abgesehen von der sogenannten Publikumsforschung (Wirkung von Massenmedien auf Individuen) werden von der Forschung andere ebenso wichtige Bereiche noch weitgehend vernachlässigt, wie z.B. die Wirkung von Massenmedien auf Gesamtsysteme (z.B. Gesamtgesellschaften).

3.1 Die Katharsisthese

Die Katharsisthese besagt, daß die Bereitschaft des Rezipienten, selbst aggressives Verhalten zu zeigen, zurückgeht, wenn er Gewaltakte an fiktiven Modellen beobachtet und sie dynamisch ,,miterlebt"/verarbeitet. Die Phantasiemodelle wirken nach dieser These so, als ob der Rezipient selbst gehandelt hätte. Katharsis bedeutet: die Vollziehung jeder aggressiven Tat führt zur Verminderung des Stimulus zu weiterer Aggression. Die Massenmedien werden hier als ,,Triebventil" angesehen, das zur Reduktion des Aggressionstriebes führt. Die Katharsisthese kann jedoch als empirisch widerlegt angesehen werden.

3.2 Die Inhibitionsthese
Bei der Inhibitionsthese werden anstelle von kathartischen Wirkungen hemmende Effekte gesetzt, d.h., das Betrachten von fiktiven oder realen aggressiven Verhaltensweisen führt zu Aggressionsängsten oder Schuldgefühlen. Diese Wirkung tritt dann besonders stark auf, wenn die nachteiligen Folgen aggressiver Handlungen deutlich dargestellt werden. Die Inhibitionsthese kann als Spezifizierung der kognitiven Lerntheorie angesehen werden (s.u.).

3.3 Die Stimulationsthese
Die Stimulationsthese besagt, daß bei durch Frustration bedingt emotional erregten Individuen der Konsum von aggressiven Medieninhalten (die dem derzeitig vorherrschenden Ärgernis ähneln) Aggression auslöst und stimuliert.
Bei einem Experiment von L.Berkowitz wurde eine Versuchsperson von einem Versuchsleiter verärgert (z.B. durch ein unlösbares Puzzle), dann wurde der Vpn ein als violent eingestufter Film vorgeführt, wonach die Vpn den sie vorher frustrierenden Versuchsleiter bei einem vorgeblichen Lernexperiment mit Elektroschocks für Fehler bestrafen konnte.
Die Interpretation der vorliegenden Ergebnisse des Experiments in der Weise, daß Aggression durch das Ansehen von fiktiver Gewalt gefördert würde, kann jedoch kritisiert werden: Erstens kann man das Stimulusmaterial als untypisch ansehen (ein kurzer Boxkampf), zweitens können die Elektroschocks von der Versuchsperson als hilfreich für den Lernerfolg angesehen werden (und nicht als Akt der Aggression) und drittens kann bei diesem Versuch nicht auf die Langzeitwirkung rückgeschlossen werden.

3.4 Die Lerntheorie
Die Lerntheorie vertritt die Hypothese, daß häufiges Ansehen von gewalttätigen Medieninhalten insbesondere Jugendliche und Kinder mit latenten aggressiven Handlungsmustern versorgt, die in bestimmten Situationen in die Tat umgesetzt werden können; die Entwicklung der Persönlichkeit von Jugendlichen wird durch den Einfluß von Mediengewalt modifiziert: Man spricht hier vom sogenannten Beobachtungslernen, jedoch ist die Ausführung von Gelerntem stark von den erwarteten Konsequenzen abhängig; wenn beispielsweise Belohnungen oder positive Auswirkungen erwartet werden, ist die Wahrscheinlichkeit des Ausführens größer (vgl. Dagmar Krebs, in: Merten/Schmidt/Weischenberg, 1994, 364f).
Hier sind aber auch kompensierende Einflüsse nicht zu vernachlässigen, die kognitiven Aggressionsaufbau eindämmen (z.B. das Gespräch mit den Eltern im Anschluß an den Konsum von violenten Fernsehsendungen).
Um so mehr die gesehenen Modelle der Realität entsprechen, desto eher werden sie nachgeahmt. Ein wichtiger Faktor ist auch der Bezug des Individuums zum gezeigten Modell. Zwar ist die in Fernsehsendungen gezeigte Gewalt meistens erfolgreich und wird als alltägliches und normales Verhalten gezeigt, wobei die Spannung des jeweiligen Films die Aufmerksamkeit sichert, jedoch sind für das Erlernen und Nachahmen violenten Verhaltens das soziale Umfeld, die Persönlichkeit und die kognitive Reife/Intelligenz des Rezipienten die entscheidenden Faktoren. Sieht beispielsweise ein gesellschaftlich integriertes Kind, dessen moralische Werte auf Rücksicht und Toleranz basieren, gewalttätige Filme an, ist es durchaus möglich, daß es sich von den gesehenen Inhalten emotional distanziert und sie als negativ einstuft (vgl. Kleiter 1994, in: Kunczik 1996). Die Pilotstudie von Kleiter, in der 82 Schüler aus der dritten bis sechsten Klasse der Hauptschule untersucht wurden, kam zu dem Ergebnis, daß Mediengewalt nur ein Nebenfaktor bei der Aggressionsbildung ist, und daß beispielsweise soziale Integrität und Persönlichkeit neben weiteren Faktoren hier eine größere Rolle spielen und auch die Auswirkungen des Konsums violenter Medieninhalte beeinflussen.
Die vielen Studien, die zum Thema Massenmedien und Gewalt durchgeführt wurden, stellen insgesamt gesehen eine schwache Beziehung zwischen Mediengewalt und Aggression fest; genau dieses Ergebnis wäre lerntheoretisch gesehen auch zu erwarten, wenn man die vielen Drittvariablen betrachtet, die beim Aggressionsaufbau auch eine Rolle spielen. Nach diversen Experimenten gilt es als nachgewiesen, daß aggressive Menschen aggressive Medieninhalte bevorzugen, wobei es bei diesen Menschen durch den Konsum zu einer Aggressionssteigerung und zu einem gesteigerten Verlangen nach violenten Inhalten kommen kann.

3.5 Die Suggestionsthese
Die Suggestionsthese vertritt die Auffassung, daß bestimmte Handlungsweisen, Erinnerungen und Gedanken durch in den Massenmedien dargebotene Ideen ausgelöst bzw. geweckt werden können, d.h., daß beispielsweise suizidgefährdete Personen durch die Berichterstattung über einen Selbstmord den entscheidenden ,,Kick" bekommen, sich umzubringen. Tatsächlich ist bei der Berichterstattung über Selbstmorde, z.B. bei Prominenten, ein Anstieg der Selbstmordrate zu verzeichnen, welche eindeutig als Nachahmungstaten bezeichnet werden können. In den drei Monaten nach der Berichterstattung über den (angeblichen) Selbstmord des Politikers Barschel wurden 13 ähnliche Suizidfälle verzeichnet (Medikamenteneinnahme - Tod in der gefüllten Badewanne), eine drei- bis viermal so hohe Rate wie gewöhnlich - wobei hier nur die tatsächlich ,,erfolgreichen" Selbstmordversuche verzeichnet sind (Trübner 1988, in: Kunczik 1996).

3.6 Die These der allgemeinen Erregung
Die Erregungsthese behauptet, daß der Konsum von z.B. Fernseh- und Kinofilmen im allgemeinen bei den Rezipienten zu einem erhöhten Erregungsniveau führt (was durch medizinische Tests nachgewiesen ist) und daß diese Erregung in Aggression oder aber auch beispielsweise in prosoziales Verhalten umgewandelt werden kann. Die durch Spannung erzeugte Ich-Beteiligung und die dadurch erzeugte emotionale Erregung, zeigt die Nähe dieser Theorie zur kognitiven Lerntheorie. Nach der These der allgemeinen Erregung kann ein relativ gewaltfreier Film, wenn dieser vom Rezipienten als realitätsnah angesehen wird, zu mehr anschließender Aggression führen, als ein als wirklichkeitsfremd eingestufter violenter Film. Die Erregung, die beim Ansehen entstanden ist, kann in einer bestimmten Situation, die in keinerlei Beziehung zu der die Erregung bewirkenden Situation stehen muß, transferiert werden und bestimmte Verhaltensweisen beeinflussen und verstärken.

3.7 Die Habitualisierungsthese
Die Habitualisierungsthese besagt, daß der häufige alltägliche Fernsehkonsum, bei dem nachweislich eine Abnahme der emotionalen Reaktion auf gewalttätige Inhalte zu verzeichnen ist, zu einer Abstumpfung hinsichtlich der gezeigten Medieninhalte führt und eine Gewöhnung und nachlassende Reagibilität hinsichtlich Aggression im alltäglichen Leben nach sich zieht.
Hinzu kommt, daß der Rezipient die Gewalt in einer angenehmen Situation (z.B. während des Essens, gemütlich entspannt im Wohnzimmer) konsumiert und die Gewalt in einem unterbewußten Konditionierungsprozeß mit der Entspannung / dem Wohlbefinden in Verbindung setzt.
Kombiniert mit der kognitiven sozialen Lerntheorie sagt die Habitualisierungsthese aus, daß Individuen durch häufigen medialen Gewaltkonsum Denkweisen, Ideologien und Rolllenerwartungen erwerben/lernen, die aggressive Verhaltensmuster für positiv erachten. Durch das Ansehen von Medieninhalten, die außerhalb des Erfahrungsbereiches des Konsumenten liegen, kann eine verzerrte Vorstellung von Akzeptanz und Verbreitung von violenten Handlungen in der Gesellschaft entstehen.
Auf diesem Gebiet sind weitere umfangreiche Forschungen notwendig, da die zahlreichen Studien mit ihren unterschiedlichen Forschungszielen und deren verschiedenen Interpretationen noch keine eindeutigen Ergebnisse erbracht haben.

3.8 Die Hypothese der Rechtfertigung von Verbrechen
Diese Hypothese besagt, daß beispielsweise potentielle Kriminelle oder aggressive Individuen gewalttätige Sendungen (unterbewußt) mit dem Ziel konsumieren, ihre Taten/ihr deviantes Verhalten zu rechtfertigen. Der Medienkonsum kann aber kriminelles oder aggressives Verhalten auch auslösen, wenn der Täter seine Handlungen als gerechtfertigt empfindet, je nachdem wie er den Inhalt der vorausgehenden Sendung interpretiert. Einige klinische Fallbeispiele zeigen auf, daß Vergewaltigungen in bestimmten Fällen durch Medienkonsum erst ermöglicht wurden, da die Konsumenten die im Film gezeigte physische Widerstandslosigkeit der Frauen als kooperatives Verhalten interpretierten (vgl. Morokoff 1983, in: Kunczik 1996).

3.9 Die These der Wirkungslosigkeit
Da bisher noch durch keine Langzeitstudie4 bewiesen werden konnte, daß die Darstellung von Gewalt in den Medien einen signifikanten Anstieg der reellen Gewalt bewirkt, wird von einigen Wissenschaftlern die These der Wirkungslosigkeit der Massenmedien vertreten. Diese These folgt u.a. auch aus der Tatsache, daß die aus Feldstudien hervorgehenden, sehr kleinen, oft zufallsbedingten Korrelationen zwischen fiktiver Gewalt und reeller Aggression meistens nicht so interpretiert werden, wie man eigentlich sollte - nämlich so, daß kein Zusammenhang besteht. Heutzutage bezieht sich die These der Wirkungslosigkeit auf gesellschaftlich und sozial angepaßte Menschen. Ausnahmefälle der Nachahmung, kurzfristige Wirkungen wie Alpträume oder im Labor erzielte Effekte werden nicht bestritten: Daß die Massenmedien keinerlei Wirkung haben, denken eigentlich nur wenige der Vertreter der Wirkungslosigkeit.

4.Massenmediale Auswirkungen auf die Gesellschaft

Es gibt jedoch auch einige Theorien, die sich mehr mit den kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der Mediengewalt auseinandersetzen, als mit der Wirkung auf den Einzelnen.

4.1 Die Kontroll- und Reflexionsthese
Die Kontrollthese besagt, daß die Massenmedien kulturelle Strömungen formen und manipulieren, daß sie Wertvorstellungen modifizieren oder neu formen. Durch die Überflutung der Öffentlichkeit mit massenmedialen Gewaltdarstellungen wird dieser These zufolge nach und nach eine gewalttätige Gesellschaft geformt.
Die Reflexionsthese behauptet im Gegensatz zur Kontrollthese, daß die Wertvorstellungen und Leitgedanken einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt durch ihre kulturellen Erzeugnisse widergespiegelt werden.
Die Reflexionstheoretiker gehen davon aus, daß die Menschen kulturelle Produkte herstellen, in denen sie ihre eigene Persönlichkeit wiedererkennen können, und daß die gegenwärtigen massenmedialen Gegenstände als Ersatz für Märchen und Sagen betrachtet werden können, welche schon früher die Wertvorstellungen der jeweiligen Gesellschaft repräsentierten.
Gegen die Reflexionsthese ist jedoch z.B. einzuwenden, daß im Dritten Reich, eine Ära von hochgradiger Gewalttätigkeit, vor allem seichte und friedvolle Spielfilme produziert wurden.
Zu beachten ist außerdem, daß Kontroll- und Reflexionsthese sich nicht gegenseitig ausschließen. Beide Erscheinungen können theoretisch in unterschiedlichem Maße simultan auftreten.

4.2 Die Eskapismustheorie
Eine weitere Theorie, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen massenmedialer Inhalte beschäftigt, ist die sogenannte Eskapismustheorie. Die Vertreter dieser Theorie gehen davon aus, daß die Massenmedien zur Beständigkeit der Gesellschaft beisteuern, weil sie für die breite Masse eine Fluchtmöglichkeit aus dem eintönigen und bedrückenden Alltagsleben darstellen. Die Erholung und Unterhaltung, die durch die Massenmedien bereitgestellt werden, dienen zur Ablenkung von Alltagsproblemen und bieten ein wenig Aufregung im tristen Arbeitsleben. Um einen hohen Grad der Ablenkung zu erreichen, sind natürlich mitreissende, spannende und somit meist auch violente Filme die passende Kost. Der Konsum solcher Filme wird hier sozusagen als Ventil angesehen, um seinen Alltagsstreß abzubauen.

4.3 Strukturelle Gewalt (indirekte Gewalt)
Strukturelle Gewalt ist die in einem sozialen System latent vorhandene Gewalt (Ungerechtigkeit), die sich durch unterschiedliche Machtverhältnisse und ungleiche Lebenschancen manifestiert (vgl. Dagmar Krebs, in: Merten/Schmidt/Weischenberg 1994, 358). Das bedeutet, daß kein konkreter Akteur erkennbar sein muß, und daß sich der Empfänger des Gewalteinflusses nicht bewußt sein muß. Strukturelle Gewalt liegt vor, wenn Individuen (beispielsweise von der sozialen Struktur der Gesellschaft) so beeinflußt werden, daß ihre potentielle geistige und somatische Verwirklichung größer ist, als ihre aktuell vorherrschende; d.h. eine Person wird von z.B. der gesellschaftlichen und sozialen Struktur eines Landes so eingeschränkt, daß sie ihre potentiellen geistigen und körperlichen Fähigkeiten nicht voll ausleben, bzw. verwirklichen kann (z.B. eine außergewöhnlich gute Leistungssportlerin, die vom Staat nicht gefördert wird).
Strukturelle Gewalt ist jedoch schwer zu operationalisieren, da sie sehr stark von den Wertvorstellungen und den persönlichen Wahrnehmungen des jeweiligen Probanden abhängt und oft nur unterschwellig oder überhaupt nicht wahrgenommen wird.

5. Sexuelle Gewalt

Auch die Frage, ob Filme mit gewalttätig-sexuellem Inhalt eine aggressionssteigernde Wirkung haben, ist oft untersucht worden und wird in der Öffentlichkeit immer noch häufig diskutiert. Ein wichtiger Diskussionspunkt sind beispielsweise Vergewaltigungen: Werden durch das Ansehen von gewalttätiger Pornographie / gewalttätigen Erotikfilmen die Konsumenten eher stimuliert, selbst Vergewaltigungen zu begehen bzw. sehen sie Vergewaltigungen als eher gerechtfertigt an, wenn die Frau in der Filmszene zu sexuellem Kontakt erst gezwungen wird und "es" dann später doch noch "genießt" ("Positive Vergewaltigung")? Manche Autoren sehen die Pornographie zwar als Mittel an, aufgestaute sexuelle Energien auf andere Art und Weise abzulassen, jedoch konnte kein Rückgang von Vergewaltigungen nach der Freigabe von Pornographie festgestellt werden, die Rate ist beispielsweise in Dänemark ungefähr gleich geblieben (Quelle: Boger 1982, in: Kunczik 1996). Jedoch muß festgestellt werden, daß Männer, die denken, daß Frauen nach dem Zwang zum Sexualakt beginnen würden, ihn zu genießen, im Fernsehen nur allzu oft in ihrem Frauenbild bestätigt werden.
In Laborexperimenten wurde nachgewiesen, daß Filme, die eine ,,positive Vergewaltigung" zum Inhalt haben, dazu führen können, daß die Rezipienten durch Habitualisierung eine Vergewaltigung für eine Frau als weniger entwürdigend einstufen; aus der Sicht der Lerntheorie können solche Filme enthemmend wirken und zu einem aggressiveren Sexualverhalten führen.
Nach Kunczik (1996, 152) sind bei Darstellungen, die eine Verbindung von Gewalt und Sex beinhalten, zweifellos die stärksten negativen Wirkungen zu erwarten.
Ebenfalls in die Diskussion geraten ist Sex im Internet, weil jeder, sogar Kinder, zu Pornographie jeglicher Form Zugang hat und die Kontrolle und Zensur fast unmöglich ist.

6. Kommerzialisierung des Fernsehens

Eingegangen werden muß jedoch noch auf die Frage, warum es denn soviel Gewalt im Fernsehen gibt und warum Filme aus den U.S.A. auf der ganzen Welt so weit verbreitet sind.
In den U.S.A. werden die Produktionskosten für einen Film bereits im Inland wieder eingespielt (große Einwohnerzahl, Massenproduktion - dadurch Professionalität und niedrige Produktionskosten), sodaß die Filme sehr kostengünstig ins Ausland exportiert werden können; die Preise der U.S.-amerikanischen Filme liegen deutlich unter den Kosten von Eigenproduktionen der jeweiligen Länder.
Die U.S.-Fernsehsendungen sind jedoch nur auf einen Zweck ausgelegt: Da die Fernsehsender zu ihrer Finanzierung auf eine möglichst hohe Anzahl von Werbespots in ihren Sendungen angewiesen sind, müssen die Programme möglichst hohe Einschaltquoten einbringen. Die Werbung, die die finanzielle Grundlage insbesondere der privaten Fernsehsender darstellt, wird natürlich vor allem in die Pausen von Fernsehsendungen plaziert, die eine breite Masse erreichen, da hier der Wirkungsgrad viel höher ist.
Violente Filme sind in diesem Falle ideal, da (abgesehen davon, daß offensichtlich eine hohe Nachfrage bei den Rezipienten besteht) Gewaltakte als Spannungsgipfel einen günstigen Zeitpunkt darstellen, um die Sendungen für die Werbung zu unterbrechen und da für die sehr ähnlichen, schematisierten und einfachen Handlungsabläufe keine erstklassigen Drehbuchautoren und überdurchschnittliche, teure Schauspieler nötig sind. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch der Punkt, daß hierunter auch die Inhalte und die Qualität solcher Programme leiden.

7. Methoden der Wirkungsforschung

9.4 Felduntersuchungen versus Laborstudien

Ergebnisse von Wirkungsstudien weisen erhebliche Unterschiede vor, je nachdem, ob es sich um eine Studie im psychologischen Laboratorium oder um eine Feldstudie handelt.
Im Labor werden im allgemeinen ausgeprägte Kurzzeit-Wirkungen festgestellt, wobei man bei Feldstudien auch subtile, langfristige Effekte feststellen und untersuchen kann. Da in Feldstudien eine Selbstselektion der Rezipienten stattfindet und sie hingegen im Labor der von den Forschern ausgesuchten Kommunikation voll ausgesetzt sind, liegen bei den Ergebnissen beträchtliche Unterschiede vor.
Bei Laborstudien wird die interpersonale Kommunikation, die beeinflussende Auswirkungen haben kann, weitgehend ausgeschlossen. Untypische Probanden (meist männl. Studenten) konsumieren bei Laborexperimenten in untypischen Situationen für das Fernsehen untypische Inhalte (z.B. einen Boxkampf), während die zu messende Aggressivität als abhängige Variable zumeist nicht zufriedenstellend operationalisiert ist (vgl. Kunczik 1996, 60f).
Durch langfristig angelegte Feldexperimente konnten bisher die besten Ergebnisse erzielt werden, deshalb ist dieser Methode Vorzug zu gewähren.
Zwischen Labor- und Feldexperimenten können die folgenden Unterschiede aufgeführt werden:

- Bei Feldstudien stammt das angebotene Filmmaterial aus dem herkömmlichen Medienangebot, während es bei Laborstudien meist gezielt angefertigt wird.
- Bei Feldstudien herrscht im Gegensatz zu Laborstudien eine natürliche Untersuchungssituation.
- In Feldexperimenten werden die Versuchspersonen durch eine systematische Zufallsauswahl ausgesucht, während in Laborstudien meist männliche Studenten oder Kindergartenkinder untersucht werden.
- In Laboruntersuchungen werden meist die kurz nach dem Ansehen des Films auftretenden Verhaltensweisen untersucht, während in Feldstudien auch Einstellungen und langfristige Wirkungen untersucht werden.

Ergebnisse von Laboruntersuchungen lassen sich zwar nicht auf alltägliche Situationen übertragen oder verallgemeinern, jedoch können alle Bedingungen, die zur Prüfung eines theoretischen Modells nötig sind, hergestellt und kontrolliert werden.

9.5 Die Vielseherforschung

In der Vielseherforschung wird geprüft, ob sehr häufiger Fernsehkonsum (mehr als 4 Stunden täglich) zu einem verzerrten bzw. vom Fernsehen geprägten Realitäts-/Weltbild bei den Rezipienten führt, d.h. ob man z.B. durch häufiges Ansehen von Krimis mehr Angst vor dem Ausgehen bei Nacht bekommt und die reelle Kriminalitätsrate viel zu hoch einschätzt. Die jeweilige Interpretation, ob die Furcht vom Fernsehen ausgelöst wird, oder vom sozialen Umfeld und der Persönlichkeit der Rezipienten herrührt (Sehen ängstliche Leute mehr fern oder macht mehr Fernsehen die Leute ängstlich) läßt vollkommen gegensätzliche Ergebnisse zu.

9. Wirkungsforschung

9.1 Die Struktur von Gewaltdarstellungen in den Medien

Ein objektives und häufig angewandtes Verfahren zur Erfassung der Struktur von Mediengewalt ist die systematische quantitative und qualitative Inhaltsanalyse, aber auch die Expertenbefragung ist ein häufig genutztes Mittel.
Bei der Erfassung von Mediengewalt durch Inhaltsanalysen schwankt das Ausmaß der ermittelten Violenz je nach der zugrunde gelegten Definition von Gewalt erheblich. Es gibt eine sehr große Anzahl von verschiedenen Begriffsbestimmungen von Gewalt, z.B: "the overt expression of physical force (with or without weapon, against self or other) compelling action against one's will on pain of being hurt or killed, or actually hurting or killing" (Gerbner 1978, in: Kunczik 1996, 40), oder eine von der CBS festgelegte Definition (in: Kunczik 1996, 40): "the use of physical force against persons or animals, or the articulated, explicit threat of physical force to compel particular behaviour on the part of that person", wobei die Ergebnisse der jeweiligen Studien stark variieren.
Bereits der Einsatz von nicht systematisierten Untersuchungsmethoden und verschiedenen Ansätzen bei den Untersuchungsmodellen führt zwangsläufig zu stark differierenden Ergebnissen.
Da ein direkter Schluss vom Inhalt von Fernsehsendungen auf deren Wirkung unzulässig ist, wird zur Erfassung von Medieninhalten oft die funktionale Inhaltsanalyse angewendet, die davon ausgeht, daß die Wirkung und Auffassung von Fernsehsendungen von spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen und von der Lebenserfahrung des Rezipienten abhängt. Es wird auch beachtet, wie stark die dargestellten Szenen vom Rezipienten selbst als Gewalt angesehen werden, was auch vom sozialen Umfeld, dem Geschlecht und der Persönlichkeit des Empfängers abhängt (z.B. wird real dargestellte Gewalt meist als violenter empfunden als fiktionale Gewalt)(vgl. Dagmar Krebs, in: Merten/Schmidt/Weischenberg, 1994, 359f). Striktes "Leichenzählen" wird hier zur Ermittlung des Gewaltgrades ausgeschlossen, da auch künstlerische Kriterien berücksichtigt werden müssen (siehe z.B. auch die Bibel; Kreuzigung Jesu usw.).

9.4Expertenbefragung/Problemgruppenanalyse5
9.4.1Psychiater und Psychologen

Da die Wirkungen violenter Medieninhalte auf den Großteil der Bevölkerung nur eine sehr schwache Wirkung zu haben scheint, mußten Problemgruppen gefunden und untersucht werden, bei denen eine erhöhte Wirkung erwartet wurde. Da angenommen wurde, daß Kinder und Jugendliche, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden, solch eine Problemgruppe darstellen, wurden 250 Jugendpsychiater und -psychologen nach ihren Erfahrungen hinsichtlich violenter Medieninhalte und der Aggressivität ihrer Patienten befragt.
Heraus kam, daß die meisten Psychiater und Psychologen bei ihren Patienten durchaus einen starken und schädlichen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Aggressivität feststellten. Beispielsweise rechtfertigten einige Patienten ihre aggressiven Verhaltensweisen durch Vorbilder aus Gewaltfilmen. Aggressionsfördernde Effekte wurden häufiger bei Jungen als bei Mädchen festgestellt und die Auswirkungen wurden für das Alter von unter zwölf Jahren als am stärksten eingeschätzt. Es wurde zudem eine eindeutige Verbindung zwischen den heimischen Verhältnissen / der Erziehung und dem Konsum von violenten Filmen festgestellt. Zwar wurde von den Psychiatern und Psychologen ein eindeutiger, negativer Zusammenhang zwischen Gewaltfilmkonsum und aggressivem Verhalten festgestellt, jedoch wurde er immer nur als Nebeneffekt anderer Probleme, den Persönlichkeitsmerkmalen und der sozialen Integrität angesehen.

9.4.2 Richter und Staatsanwälte

Als weitere Experten zu dem Thema Massenmedien und Aggression können Richter und Staatsanwälte angesehen werden, da sie es tagtäglich mit aggressiven, kriminellen Individuen zu tun haben und auch hinterfragen müssen, wo diese Aggressivität herrührt. Bei der Befragung von Jugendrichtern und -staatsanwälten in Nordrhein-Westfalen war zu verzeichnen, daß die meisten der Interviewten einem deutlichen aggressionsverstärkenden Einfluß von Gewaltfilmen beipflichteten und eine stärkere gesetzliche Kontrolle von Gewaltfilmen forderten. Jedoch war auch der Großteil der Richter und Staatsanwälte der Meinung, daß das soziale Umfeld und die Erziehung einen stärkeren Einfluß auf die Aggression und die kriminelle Karriere der Jugendlichen habe. Die Schule und die Eltern sollten ihrer Meinung nach mehr positiven Einfluß auf die Entwicklung der Jugendlichen nehmen und mehr Verantwortung zeigen, um die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen. Über 90% der Befragten vertraten die Meinung, daß Jugendliche durch den Konsum von violenten Medieninhalten abstumpfen, eine immer größer werdende Gewaltbereitschaft aufzeigen und ein falsches Maß für die Angebrachtheit von Gewalt erwerben können. Die direkte Nachahmung nach und eine Persönlichkeitsveränderung durch Gewaltfilmkonsum wurde nur von etwa der Hälfte der Befragten befürwortet.
Insgesamt hielten über 90% der Richter und Staatsanwälte den Konsum von violenten Filmen für ein mitbeeinflussendes Element, welches Aggression und Kriminalität fördert, allerdings darf dieses Element nur im Zusammenhang mit den wichtigeren Faktoren wie soziale Umgebung, Erziehung und Persönlichkeit betrachtet werden.

6. Nachrichten und Gewalt

Nach Kunczik (1996, 205) werden bei der Themenauswahl der tagesaktuellen Medien vor allem kurzfristige Nachrichten berücksichtigt, die für die entsprechenden Rezipienten von Belang sind und zeitlich möglichst kurz zurückliegen. Langfristige soziale Veränderungen und Probleme werden vernachlässigt. Da negative Ereignisse eher überraschend und unvermittelt eintreten, da sie mehr Schlagkraft besitzen und da nach ihnen mehr unverzüglicher Handlungsbedarf besteht (im Gegensatz zu positiven Nachrichten), werden sie eher selektiert und zu Nachrichten gemacht als positive Ereignisse. In Chicago liegt beispielsweise der Mordanteil bei 0,2 % der kriminellen Vergehen, während der Anteil der Morde in der Berichterstattung der Medien bei 26% liegt (Quelle: Doris Graber, 1979 in: Kunczik 1996). Auch in Deutschland wird von den Medien ein verzerrtes Bild der reellen Kriminalitätsraten geliefert.
Man kann den Medien in diesem Bezug aber auch positive Funktionen zusprechen: Manche Themen (z.B. eheliche Vergewaltigung, Waldsterben) werden in der Öffentlichkeit erst zum Thema, wenn die Medien beginnen, darüber zu berichten - die zuständigen Institutionen und die Politik muß hinsichtlich der jeweiligen Themen aktiv werden. Auch muß gesagt werden, daß Untersuchungen zufolge Nachrichten über Kriminalität die höchste Leserate aufweisen, offensichtlich besteht bei den Rezipienten hier eine hohe Nachfrage.
Ein anderes Problem liegt noch in der Tatsache, daß beispielsweise Terroristen und andere Kriminelle die Medienpräsenz und -wirksamkeit für ihre eigenen Ziele ausnutzen können. Geiselnahmen mit politischen Zielen sind z.B. weitaus wirksamer, wenn die Medien weltweit darüber berichten und die Weltöffentlichkeit auf die Forderungen der Kriminellen aufmerksam machen.
Auch die Diskussion um Realtiy- TV ist in Deutschland immer wieder aufgeworfen worden. Sendungen wie ,,Notruf" oder ,,Retter", (in denen Unfälle, die in der Realität geschehen sind, nachgestellt werden) sind in Verruf geraten, auf primitive Sensationsgier und Voyeurismus abzuzielen. Ihnen wurde vorgeworfen, menschliches Leid und tödliche Unfälle zu benutzen, um hohe Einschaltquoten zu erreichen. Die verantwortlichen Fernsehanstalten argumentieren, daß durch solche Sendungen die Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit, in gefährlichen Situationen nüchtern zu handeln, gefördert würde.

10. Schlußanmerkungen

Was kann jetzt aber hinsichtlich der vielen Thesen und Theorien, Feld- und Laborstudien, die, je nachdem, wie man sie interpretiert, andere Ergebnisse erbringen, zuverlässig über die Auswirkungen von Mediengewalt ausgesagt werden? Ein Problem ist sicherlich, daß die Wirkung von Gewaltdarstellungen von der breiten Öffentlichkeit maßlos überschätzt wird, was sicherlich auch daher rührt, daß viele Kulturpessimisten, Politiker und Autoren ohne wissenschaftlichen Hintergrund und ohne Forschungsergebnisse zu berücksichtigen, einfach von einer starken Auswirkung ausgehen und diese in der Öffentlichkeit anprangern. So beispielsweise Bundesinnenminister Kanther im Oktober 1993 auf der Fachtagung ,,Gemeinsame Verantwortung für den inneren Frieden" in Berlin: Er meinte, daß man, wenn man die vielen Morde im Fernsehen betrachte, erst gar nicht lange nach möglichen Auswirkungen suchen brauche (vgl. Kunczik 1996, 245).
Außerdem wird allzu oft unzulässigerweise vom Inhalt mancher Fernsehsendungen auf deren Wirkung rückgeschlossen und der komplexe Wirkungszusammenhang zwischen Kommunikator und Rezipient vernachlässigt, diese Vorgehensweise trifft man sogar immer wieder bei neuen Wirkungsstudien an.
Man kann es jedoch als erwiesen ansehen, daß die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien bei der breiten Masse nahe Null ist, abgesehen von Einzelfällen der Imitation, kurzfristigen Wirkungen, der Wirkung bei psychiatrischen Fällen oder bei gesellschaftlichen Subgruppen, bei denen die Wirkung nahezu noch nicht erforscht wurde. Andere Autoren wie z.B. Bernhard Rathmayr sprechen den Massenmedien in bestimmten Hinsichten jedoch sehr wohl eine große Wirkung zu: Rathnmayr meint, daß "Fernsehen Gewalt nicht durch seine Inhalte, sondern durch seine Existenz bewirkt" (1996, 114). Er meint, daß "durch Schaffung oder Begünstigung übertragbarer Anlässe, seien es Massensportveranstaltungen, Kriege oder private Tragödien" (1996, 114) das Medium zu einer Häufung, Verstärkung und Normalisierung solcher Gewaltszenarien beitrage. Das Medium ist seiner Meinung nach am Zustandekommen solcher Ereignisse interessiert um eine hohe Einschaltquote zu erreichen.
Die stärksten Auswirkungen von Mediengewalt sind wahrscheinlich die Festigung aggressiver Persönlichkeits-/Charakterstrukturen und die Wirkung auf psychiatrische Einzelfälle oder Einzelindividuen bestimmter Subpopulationen.
Als bestes Beispiel kann man hier die oben schon genannte Einführung des Fernsehens in bisher fernsehfreie Gebiete ansehen, deren Ergebnisse eindeutig für eine äußerst geringe Wirkung sprechen. Kunczik sieht ein Zitat von Schramm als ideales, heute immer noch gültiges Resultat der Wirkungsforschung an: ,,For some children, under some conditions, some television is harmful. For other children under the same conditions, or for the same children under other conditions, it may be beneficial. For most children, under most conditions, most television is probably neither harmful nor particularly beneficial" (Schramm 1961, in: Kunczik 1996, 255).
Die Forschung sollte jetzt eher auf Problemgruppen gerichtet werden, um die genaue Wirkungsweise von medialen Gewaltdarstellungen auf besonders gefährdete Personen zu analysieren, da die andauernde Änderung von Kleinigkeiten in der Untersuchungsmethode in Studien zum gleichen Thema (Wirkung auf die breite Masse) keine umstürzenden Neuigkeiten mehr erbringen wird.

1 Die Täter versahen den über dem Nachtsafe einer Bank hängenden Briefkasten mit dem Hinweis, daß der Safe kaputt sei. Die Kunden sollten den Briefkasten benutzen, um ihr Geld zu deponieren - Die Täter konnten den Briefkasten leicht aufbrechen und erbeuteten 200.000 Norwegische Kronen

2 Kunczik, 1996, 12

3 1969, in: Kunczik 1996

4 In den USA hatten aus technischen Gründen einige Gemeinden 1949 schon Fernsehen, während es einige andere erst drei Jahre später erhielten. Wirkungsforscher verglichen die Kriminalität der verschiedenen Gemeinden vor und nach der Einführung des Fernsehens miteinander, wobei bei der ersten Messung die fernsehlosen Gemeinden als Kontrollgruppe dienten und bei der zweiten Messung (als auch in den anderen Gemeinden das Fernsehen eingeführt war) die Gemeinden, die bereits Fernsehen besessen hatten. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, daß keine Gewaltsteigerung durch Einführung des Fernsehens festzustellen war (obwohl die damaligen Programme schon relativ viel Violenz enthielten). Die Tatsache, daß die Einführung des Fernsehens mit einem Anstieg der Diebstähle verbunden war, deuteten die Wissenschaftler so, daß bei Konsumenten durch die Hervorhebung materieller Werte in den Fernsehprogrammen Bedürfnisse geweckt wurden, denen sie nicht ohne weiteres genüge leisten konnten (Hennigan u.a. 1982, in: Kunczik 1996).

5 Quelle: Kunczik 1996, 160ff