Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen
Inhalt und Interpretation
Herr von Rappelkopf, ein sehr wohlhabender Buchhändler, der es zu einigem
Vermögen und Ansehen gebracht hat, wurde durch seine Leichtgläubigkeit
und Großzügigkeit von seinem Freund an den Rand des finanziellen Ruins
gebracht. Aufgrund seiner daraus resultierenden Fehleinschätzung der
Menschen beginnt Rappelkopf die Welt aus einer anderen Perspektive zu
sehen. Er erkennt, daß die Bilder, die sich ihm bieten, oft falsch sind
und daß man zu niemanden, auch zu sich selbst kein Vertrauen mehr haben
kann. Mit dem Verlust des falsch investierten Vertrauens entlarvt sich
die scheinbar biedere, wohlgefällige Realität für ihn als bösartiges,
gefährliches Trugbild. Alles schmeckt nur mehr bitter und sauer und
ist vergiftet. Er zieht sich nun mit seiner Dienerschaft und seiner
Familie in die Einsamkeit zurück. Man lebt in einer totalen Isolation
- in einem Vakuum ohne reale Zukunftsperspektive. Keiner geht mehr einer
sinnvollen Tätigkeit nach - das Leben wird Selbstzweck.
Da sich Rappelkopf immer konsequenter in eine eigene Phantasiewelt
zurückzieht, verliert er immer mehr den Bezug zur Realität. Obwohl er
eine übersteigerte Sehnsucht nach Harmonie und Geborgenheit hat, mißtraut
er der herkömmlichen Idylle und tyrannisiert seine Umgebung mit Mißtrauen,
Eifersucht und Wutanfällen. Doch aus all seinem Verhalten ist tiefe
Verletzlichkeit und Empfindsamkeit zu spüren - eine tiefe Sehnsucht
nach Harmonie, die er aber mit einem Panzer der Menschenverachtung vor
Enttäuschung zu schützen sucht. Seine Familie versucht nun, in der auch
für sie unbefriedigenden Situation in eine Scheinidylle zu fliehen.
Sie versucht, an der gewohnten Biedermeierglückseligkeit festzuhalten,
am Glauben an die Reinheit der Liebe - der Zufriedenheit - der Rücksicht
auf andere - Familienidylle usw. Daß das nicht mehr funktioniert, ist
einzig und allein die Schuld von Rappelkopf, der da nicht mehr mitmacht.
Das eigene Unbehagen wird daher auf Rappelkopf projeziert. Er wird zum
Blitzableiter - es wäre ja alles gut, wenn nur er nicht wäre. Jeder
klammert sich an seine Vorstellung von Glückseligkeit, die sich aber
auch gegenseitig immer wieder zunichte macht. In dieser Situation beginnt
das Stück.
Malchen reagiert auf diese, das Haus beherrschende, aggressionsgeladene
Atmosphäre mit einem Angsttraum. Sie hat unbewußt erfaßt, daß die mühsam
aufrechterhaltene Scheinidylle bereits zerbrochen ist. Im Traum erscheint
ihr der Alpenkönig und gibt ihr Trost. Er versucht, ihr Hoffnung zu
geben, indem er ihr die Welt aus einer anderen Perspektive zeigt. Alles
hat seine Kausalität und ist Teil eines großen Ganzen. Leid ist nur
vorübergehend und wird sich zum Guten wenden. Der Alptraum wird dadurch
aufgelöst und Malchen kleidet sich voll Hoffnung für das Treffen mit
ihrem Geliebten an. Als Malchen und August aber den Vater als unüberwindliches
Hindernis ihrer Liebe erkennen und in Resignation verfallen, verspricht
der Alpenkönig Hilfe und zeigt ihnen, daß Rappelkopfs derzeitiges Verhalten
kein endgültiges ist und er Rappelkopf wieder auf den rechten Weg zurückbringen
wird.
Indessen hat sich im Hause Rappelkopf die Situation zugespitzt. Man
hält es nicht mehr aus. Sophie gelingt es nur mit Mühe, die Dienerschaft
noch einmal zu beschwichtigen und zum Beisammensein zu überreden. Schuld
an allem ist Rappelkopf. Dieser hat sich völlig isoliert, hält diese
Einsamkeit aber nicht aus. Er sucht den Kontakt immer wieder - doch
die Kommunikation läuft bereits ritualisiert ab. Er bohrt so lange nach,
bis er tatsächlich auf Geheimnisse und Intrigen gegen ihn stößt. Sein
übergroßes Mißtrauen immer wieder bestätigt zu finden, wird bei ihm
zur Sucht. Dadurch wird die Realität für ihn immer bedrohlicher. Nun
hält er es selbst nicht mehr aus. Seine Aggression richtet sich auch
gegen ihn selbst - er zerschlägt sein Spiegelbild und verläßt das Haus.
Mit dem Zerschlagen seines eigenen Spiegelbildes ist nicht mehr nur
die Umwelt ohne Harmonie, sondern auch er selbst in seiner Persönlichkeit
total gespalten.
Der Besuch der Köhlerhütte ist bereits eine Reise in die Phantasie.
Die Köhlerfamilie ist ein verzerrtes Spiegelbild der eigenen Familie.
Hier wird das Familienidyll bereits entidealisiert. Der Köhler, der
nicht mehr fähig ist, die Rolle des Familienhauptes zu erfüllen, ist
ein Zerrbild seiner selbst. Die Köhlerhütte ist aber trotz allem auch
Geborgenheit, Kindheitsphantasie - So leb denn wohl, du stilles Haus
- mit der er nun auch endgültig zu brechen versucht. Er verscheucht
die Bilder seiner Kindheit und ist in einer totalen Einsamkeit. In der
Köhlerhütten-Szene erkennen die meisten Interpreten einen für biedermeierliche
Verhältnisse erstaunlichen Realismus des sozialen Elendsmilieus, eine
Vorwegnahme des Naturalismus. Für heutige Begriffe handelt es sich um
eine sehr verwaschene und sorgfältig wattierte Sozialkritik. Die Abbildung
des Sozialgefüges ist aber nur eine Funktion der Szene, die überdies
auch Station im Heilungsprozeß Rappelkopfs ist. Der Realismus dieser
Szene wird durch die Dialektnähe noch verdeutlicht.
In dieser Einsamkeit kommt es zum Kernstück des Dramas - zum Dialog
zwischen Alpenkönig und Menschenfeind. Rappelkopfs Aufbegehren gegen
die Harmonisierungsversuche mit der dem Biedermeier verhafteten Gedankenwelt
des Alpenkönigs erreicht hier shakespearhafte Größe. Es ist eine großartige
Rebellion gegen das Einengende einer Gedankenwelt, die von einem Ganzheitsweltbild
geprägt ist; Universalität von Natur, Güte und Harmonie. Die Frage das
Alpenkönigs, warum er die ganze Welt hasse, denn dann müßte er ja auch
den Wald hassen, weil er mißgestaltete Bäume hegt: "wenn du den Teil
willst für das Ganze nehmen" beantwortet er: "was nützt das Ganze mir,
wenn mich ein jeder Teil sekkiert." Damit zerstört Rappelkopf die Idealität
des Biedermeier, denn das Biedermeier ist ja nicht nur reale Enge, sondern
zugleich die bis jetzt letzte Formulierung von Schönheit und Harmonie
des Ganzen
. Als Rappelkopf sich nicht zur Umkehr überreden läßt, wir er durch
Visionen der drei toten Ehefrauen, die Idylle eines ganzen vergangenen
Ehelebens als Walpurgisnacht, heimgesucht. Die Bilder werden immer bedrohlicher
und es kommt fast zu seiner Vernichtung. In höchster Todesangst - man
rebelliert nicht ungestraft gegen die Weltordnung - ist Rappelkopf bereit,
sich dem Alpenkönig auszuliefern. Rappelkopf erwacht in einem Krankenzimmer
- die Ärzte erscheinen ihm als Götter und beschließen seine Heilung.
Rappelkopfs Persönlichkeit ist nun tatsächlich gespalten. Die eine Ichhälfte
wird bei der Rückkehr in das traute Familienidyll sofort von allen Familienmitgliedern
vereinnahmt. Er wird als Retter von außen allgemein bejubelt; doch dann
kehrt sein anderes Ich zurück. Die Konfrontation dieser beiden Personen,
die aber nur ein Leben besitzen, entwickelt eine Eigendynamik, die bis
zum Wahnsinn der Schizophrenie gesteigert wird. Es ist eine visionäre
Vorwegnahme von Raimunds eigener Todesstunde.
Die Auflösung des Konflikts ist von Raimund nur gewaltsam zu lösen.
Zum Schluß hat der Alpenkönig gesiegt, Malchen kann ihren August heiraten.
Die Familie versammelt sich noch einmal um den ehemaligen Menschenfeind.
Fast tonlos kommen seine letzten Sätze: "Kinder, ich bin ein pensionierten
Menschenfeind, bleibt bei mir. Erkenntnis, du lieblich erstrahlter Stern,
dich suchet nicht jeder, dich wünscht mancher fern. Ich hab mich heute
erkannt, ich weiß, wer ich bin." Am Schluß der Handschrift von Alpenkönig
und Menschenfeind steht Raimunds Randbemerkung: "Nur einer Zauberei
hat es gelingen können, mich von meinem Menschenhaß zu befreien."
Thematik und Entstehung
Mit diesem Drama, im Sommer 1828 entstanden, wird Raimund die geglückte
Rückkehr auf den "Rechten" Weg des Volkstheaters bescheinigt. Er verbindet
das Motiv des Menschenfeindes mit dem traditionellen Handlungsmodell
des Besserungsstücks, einer Spielart des Zauberstücks. Aber nicht traditionelle
Motive des Wiener Volkstheaters regten Raimund zu diesem Stück an, sondern
der eigene Menschenhaß, der auch unter dem Einfluß von Zeit und Gesellschaft
entstanden ist. Denn Raimund lebte in der Zeit des Vormärz, in der das
Mißtrauen dem Mitmenschen gegenüber aus Angst vor der Bespitzelung regierte.
Viele hatten sich auf den allerprivatesten Bereich zurückgezogen und
ein fast misanthropisches Leben geführt. Zu dem sozialen, aber eng mit
ihm verbundenen, kommt das seelische Phänomen. Nicht nur Zeitgenossen
meinten, Raimund habe sich in Rappelkopf selber als einen hypochondrischen
Seelenkranken dargestellt und seine eigene gespaltene Persönlichkeit
bis ins psychologische Detail getroffen. Jedenfalls fühlt sich Raimund
vom Doppelgänger-Motiv angezogen, das für ihn das adäquate dramaturgische
Mittel zur Demonstration der Besserung und Heilung war. Die Musik zu
diesem Stück stammt von Wenzel Müller , einem in seiner Zeit ungemein
beliebter und schaffensfreudiger Komponist, der mit dieser Aufgabe die
letzte künstlerische Arbeit seines Lebens schuf. Die rührend schlichte
Weise von So leb den wohl, du stilles Haus ist zum Volkslied geworden.
Aufbau des Textes
Der Alpenkönig und der Menschenfeind ist der Konvention nach ein Besserungsstück.
Dafür spricht auch die dramaturgische Anlage; die Akte sind eindeutig
Gliederungseinheiten und spiegeln Diagnose des Menschenhasses (I) und
seine Behandlung und Heilung (II) wieder. An der Art, wie das Motiv
des Menschenhasses nur oberflächlich mit der Possenhandlung und ihren
Figuren des rührenden Lustspiels und des Stehgreifstücks verbunden ist,
wird deutlich, daß Raimund die Konzeption des Besserungsstücks durchbricht.
Im Komödienschluß findet zwar die Possenhandlung ihr happy end, die
Wandlung Rappelkopfs wirkt aber so theaterhaft, daß Besserung und Heilung
problematisch werden. Die moralische Lehre Selbsterkenntnis ist der
erste Weg zur Besserung bietet keine endgültige Lösung des Menschenhaß-Problems,
das in seiner Isoliertheit über den Schluß des Lustspiels hinausweist.
Der heitere Spielschluß stellt das Publikum vor die Aufgabe, die offen
gebliebenen Fragen, das ernste Problem selbst zu lösen. Der Titel des
Dramas spielt mit der Nennung des Alpenkönigs noch auf die Zauberspieltradition
an und ist zweifellos eine Konzession an das Publikum. Tatsächlich steht
- mehr als in den Stücken zuvor - der Mensch im Mittelpunkt. Raimund
nutzt gerade die traditionellen Darstellungsformen , um das Neue sichtbar
zu machen.
Personen
Der Alpenkönig ist eine an Rübezahl erinnernde volkstümlich-märchenhafte
Figur. Seine Geistermacht hat sich auf die heilende Korrektur zurückgezogen;
sie beschränkt sich auf Demonstration biedermeierlicher Wertbegriffe.
Astragalus ist keine überirdische Verkörperung eines Weltprinzips, sondern
ein weiser Vertreter der Vernunft, der für Rappelkopf Seelenspiegel
ist, damit dieser sein Inneres erkennt und wieder vernünftig wird. Astragalus
Monolog von der Vorherbestimmung des Menschenschicksals im Geisterraum
ist nur schwer mit dem psychologisch-realistischen Handlungskonzept
vereinbar und gilt als Konzession an das Lachtheaterpublikum. Weiters
kann man die Figur des Astragalus mit dem österreichischen Wunschbild
vom "guten Kaiser" in Einklang bringen.
In Rappelkopf kommt der Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit offen
zum Vorschein. Man erkennt die Zerrissenheit, deren Kennzeichen vor
allem das Spiegelmotiv und der Doppelgänger sind. Die Selbsterkenntnis
Rappelkopfs ist nur als Selbstentfremdung möglich. Indem er sich als
Fremder betrachtet, wird die Seelenkrankheit als Zerrissenheit noch
vertieft und erhält ein tragisches Moment, das vor allem in der Duell-Szene
sichtbar wird. Rappelkopf wird schließlich auf geradezu psychoanalytische
Weise geheilt.
August Dorn, der gerne ein renommierter Maler sein will, es aber noch
zu nichts gebracht hat und nun sein Selbstwertgefühl mit einer Italienreise
aufzumöbeln versucht hat. Er war in Italien und glaubt nun, deshalb
ein guter Maler zu sein.
Habakuk war nie in Paris, kann aber nur existieren, wenn er jedem immer
wieder - und für jeden bereits enervierend wirkend - sagen kann, daß
er zwei Jahre in Paris gewesen ist. Ohne diese Lebenslüge ist er einfach
nicht mehr lebensfähig.
Malchen klammert sich an die Liebe - sie wartet wie Dornröschen, daß
endlich der Prinz kommt und sie von der ungeliebten Realität befreit.
Sie liebt aber auch ihren Vater, da dieser aber ihre Sehnsucht verbietet,
ist sie zur Untätigkeit verurteilt und kann ihre Phantasie nicht im
Handeln umsetzen.
Lischen kann nur leben, wenn sie sich immer wieder einredet, daß sie
das eigentlich gar nicht notwendig hätte - schöner als sie kann man
nicht sein, gescheiter als sie kann man nicht sein. Nur leider hat das
bis jetzt noch niemand bemerkt. "Ach wenn ich nur kein Mädchen wär,
das ist doch recht fatal; so ging ich gleich zum Militär und würde General."
Sophie schließlich versucht krampfhaft das Klischeebild der fürsorglichen
Ehefrau und liebenden Mutter aufrechtzuhalten. Sie will immer nur das
Beste, sie wäre doch so eine gütige Gattin - wenn nur der Mann anders
wäre. Verzweifelt hofft sie auf ihren Bruder aus Venedig, daß er endlich
kommt und ihr beisteht und ihren Gemahl kuriert.