Der Diamant des Geisterkönigs
Zauberspiel in zwei Aufzügen
Inhalt
Als der Magier Zephises verstirbt, hinterläßt er seinem Sohn Eduard
eine wertvolle Statue, die sich im Palast seines Freundes, dem Zauberkönig
Longimanus, befindet. Um dorthin zu gelangen, muß Eduard erst mit Hilfe
seines Dieners Florian einige Prüfungen bestehen (Berg besteigen, ohne
sich zum Umsehen verleiten zu lassen, am Gipfel einen Ast vom singenden
Baum abbrechen). Nachdem er diese Aufgaben bewältigt hat, verspricht
ihm Longimanus die Statue unter einer Bedingung: Eduard muß ihm eine
18jährige Jungfrau bringen, die noch nie gelogen hat. Als Beweis für
deren Aufrichtigkeit soll sich Florian in ihrer Gegenwart wohl fühlen,
falls sie aber verlogen ist, wird der Diener sich unter Schmerzen krümmen.
Eduard findet im Reich der Wahrheit, wo die größten Lügnerinnen zu finden
sind, die ehrliche Amine und verliebt sich in sie. Als Longimanus ihn
auf die Probe stellt, verzichtet er für sie auf alle Schätze der Welt.
Sodann stellt sich auch der Geisterkönig einem gemeinsamen Glück der
beiden nicht mehr in den Weg und händigt ihnen auch noch die Statue
aus.
Interpretation
Es ist Raimunds zweites dramatisches Werk. Wieder übernimmt er den
Stoff für sein Stück aus einer Märchensammlung, und zwar die Geschichte
des Prinzen Seyn Alasnam und des Königs der Geister aus Tausendundeine
Nacht und dramatisiert es mit den bewährten Mitteln des parodistischen
Zauberspiels. Aber er verwendet nur das Hauptmotiv, die Geschichte von
der rosenroten Statue, und fügt schon manches eigene hinzu, wie die
Lügenprobe, die Besteigung des Berges und den singenden Baum. Die Proben,
denen Eduard unterworfen wird, haben in der Feuer- und Wasserprobe der
Zauberflöte ein klassisches Vorbild, womit Raimund seine Verehrung Mozarts
zum Ausdruck bringt. Die Einkleidung der Handlung ist Volksstücktradition.
Am Hof des Geisterkönigs Longimanus glaubt man sich in die Hofburg
bei einer Audienz bei Kaiser Franz versetzt. Hier kann man schon Ansätze
einer Kritik an den herrschenden Zuständen erkennen. Obwohl die "Verwienerung"
der orientalischen Umgebung überwiegt, wollte Raimund kein bloßes Lachstück
schreiben. Die Geisterwelt und Longimanus sind gänzlich verwienert,
die lehrhafte Absicht, daß Wahrheit, Liebe und Treue die schönsten und
wertvollsten Reichtümer sind, konnte er aber nur in das heiter-komische
Spiel kleiden, was eine Konzession an das Publikum ist, das nur lachen
wollte. Raimund ersetzt in seiner Bearbeitung die Keuschheitsforderung
durch das Motiv der Wahrheitsprobe und ändert den Indikator der Lüge
, indem der Diener Eduards in theatralisch wirksamer Weise Lüge oder
Wahrheit durch Schmerzens- oder Wohlbefindensäußerungen anzeigt.
Der Held ist nicht mehr ein Märchenprinz, sondern der Sohn eines verstorbenen
Magiers, der als Freund des Geisterkönigs Longimanus mit der Geisterwelt
in Verbindung steht. Eduard ist der "ernste" Held, der in seinem Diener
Florian eine komische Parallele findet. Florian und sein weibliches
Pendant Mariandl zeigen schon erste Anzeichen von Charakterisierung
und repräsentieren die komische Handlung, während Eduard und Amine eine
ernst-sentimentale Liebeshandlung tragen. Das "Land der Wahrheit und
Sittlichkeit" ist ein geradezu satirisches Modell, der abgeschlossene
Raum kann die Ideale auch nicht rein halten; es prägen ihn Züge der
Verkehrung, Dekadenz und Entartung . Märchenwelt und Wirklichkeit werden
parodistisch ineinander verschränkt.
Das Glück wird erst als Lohn für Selbstüberwindung gewährt, die Reichtum
für die Liebe opfert. Die Komik dient hier ganz der Lehrhaftigkeit,
wird aber in Kontrast gestellt zu einer pädagogischen Demonstration
der ernst-allegorischen Handlung und der dreifachen Erprobung des Helden.
Dieser Demonstration entspricht als dramatische Form eine Kettenstruktur:
Der Geisterkönig leitet stufenweise zum Ziel, die Stufen sind Einzelabenteuer.
Raimunds Dramaturgie ist auf die Einheit des Sehens und Erkennens beim
Zuschauer aus, es kommt ihm auf die kindliche moralische Bedeutung der
Darstellung an. Die Lehrhaftigkeit, das Exemplarische der Handlung um
Eduard gestattet sogar das mechanische Agieren des Helden .