Raimunds Entwicklung beginnt mit dem Kopieren von Rollen und Texten.
Doch es bleibt nicht beim bloßen kopieren, denn Raimund ändert
hier eine Kleinigkeit, dort einen größeren Abschnitt. Er
lernt durch Beobachten und setzt das Gelernte in seiner Darstellung
und in seinen Stücken sofort wieder um. So ist eine kontinuierliche
Entwicklung zu beobachten.
Das zweite Werk Raimunds ist noch voll von Kopien. Wieder übernimmt
er den Stoff für sein Stück aus einer Märchensammlung
und dramatisiert es mit den bewährten Mitteln des parodistischen
Zauberspiels. Aber er verwendet nur das Hauptmotiv, die Geschichte von
der rosenroten Statue, und fügt schon manches eigene hinzu. Raimund
ändert zwar die Aufgaben, die Eduard gestellt werden, doch diese
haben in der Feuer- und Wasserprobe der Zauberflöte ein klassisches
Vorbild. Raimund kommt es vor allem auf die moralische Bedeutung der
Darstellung an. Er verwendet noch alle Möglichkeiten des Zauberspiels.
Im Alpenkönig dagegen gibt es keine Kopien, der starke autobiographische
Einfluß ist nicht zu übersehen. Hier treten die individuell-psychologischen
Probleme hervor, während die Zauber- und Geisterwelt in den Hintergrund
rückt. Der Titel des Dramas spielt mit der Nennung des Alpenkönigs
noch auf die Zauberspieltradition an und ist zweifellos eine Konzession
an das Publikum. Tatsächlich steht - mehr als in den Stücken
zuvor - der Mensch im Mittelpunkt.
In kein anderes seiner Stücke läßt Raimund dermaßen
viel aus seinem eigenen Erleben und Empfinden hineinfließen. Geschickt
verbindet er das Motiv des Menschenfeindes mit dem traditionellen Handlungsmodell
des Besserungsstückes. Doch auch in der Dramaturgie ist ein deutlicher
Unterschied zu seinem früheren Werk gegeben.