Der Bauer als Millionär oder Das Mädchen aus der Feenwelt
Romantisches Original-Zaubermärchen mit Gesang in drei Akten
Der Inhalt
Die Fee Lakrimosa will ihre Tochter nur mit dem Sohn der Feenkönigin
vermählen. Zur Strafe für ihren Hochmut wird sie von der Feenkönigin
solange auf ihr Wolkenschloß verbannt, bis Lottchen sich in einen armen
Mann verliebt und noch vor ihrem 18.Geburtstag heiratet. Außerdem muß
Lakrimosa die Tochter auf der Erde aussetzen, wo Lottchen von dem armen
Bauer Fortunatus Wurzel großgezogen wird. Als Lakrimosa den Neid abweist,
rächt der sich, indem er Wurzel einen Schatz finden läßt. Dieser zieht
in die Stadt, wirft sein Geld zum Fenster hinaus und will Lottchen die
Ehe mit dem reichen Juwelier aufzwingen. Lottchen erklärt aber ihre
Liebe zu dem armen Fischer Karl, worauf sie von Wurzel verstoßen wird.
Sie findet Zuflucht bei der Zufriedenheit. Die Jugend sagt Wurzel ade
(Brüderlein fein), das Alter läßt ihn ergrauen, er wird zu einem armen
Aschenmann. Inzwischen versucht der Haß, Karl durch eine List von der
Heirat abzuhalten: Er führt ihn in einen Zaubergarten, wo Karl 9 Kegel
treffen muß, um mit einem Zauberring zu Reichtum und Macht zu gelangen.
Der Fischer gewinnt, weiß aber nicht, daß er den Ring innerhalb neun
Tagen wegwerfen muß, da er sonst, von Haß zerfressen, alles zugrunde
richtet. Doch Lottchen ist ihm wichtiger, er entledigt sich des Ringes.
Wurzel bereut seine Taten (Aschenlied) und wird daraufhin wieder ein
zufriedener Bauer.
Die Interpretation
Hauptfigur ist Wurzel, durch den Raimund Aufstieg und Fall der Neureichen
und Emporkömmlinge aufzeigt (Wurzel, der Entwurzelte): Er läßt ihn seinen
Reichtum schwer erwerben (vgl Golddukaten in Galläpfeln), aber auch
seine Herkunft verleugnen und das Geld zu seinem Götzen erheben. Dafür
wird er als Edelmann dem Gelächter preisgegeben (vgl Gescheitheit mit
Medizin einnehmen). In dieser Szene erkennt man Raimunds Streben nach
Anerkennung der oberen Schichten, zu denen man ihn wegen seines nie
abgelegten Dialekts zählen wollte. Die Komödie wird nicht zum kritischen
Abbild der Realität, sondern demonstriert den zeitlos gültigen Satz
"Geld allein macht nicht glücklich". Wurzels Einsicht wird durch das
Aschenlied zum Ausdruck gebracht. Die Zufriedenheit erhält im Laufe
der Handlung immer mehr Bedeutung und wird zum eigentlichen Gegenspieler
der Figuren. Das Liebespaar Karl und Lottchen sind bloß Rollenträger,
an ihnen wird der Sieg der Zufriedenheit demonstriert, der zu Liebe
und Glück führt. Die Allegorien werden zu einer symbolischen Darstellung
von Vorgängen eingesetzt, die sich realistischer Darstellung entziehen.
Jugend und Alter sind die Widerspiegelungen dessen, was unbewußt in
Wurzels Inneren vor sich geht. Die gleiche Symbolkraft ist auch im Monolog
des Aschenmanns zu finden.
Entstehung und Aufbau
Dieses Stück ist das erste, bei dem sich Raimund nicht auf Vorlagen
stützt. Er erfindet die Fabel selbst, was er im Titel durch das Wort
"original" zum Ausdruck bringt. Er bezeichnet es als Zaubermärchen,
um eine Abkehr vom parodistischen Zauberspiel deutlich zu machen. Der
Doppeltitel weist auf die beiden aufeinander bezogenen und voneinander
abhängigen Bereiche hin: Geister- und Menschenwelt. Anders als in seinen
ersten beiden Stücken wählt Raimund einen dreiaktigen Aufbau. Akt- und
Handlungsschluß fallen nicht zusammen. Handlungsraum ist die menschliche
Welt. Drei Handlungsstränge sind aneinandergekettet: die Erlösungshandlung
durch die Vereinigung der Liebenden und die Besserungshandlungen von
Wurzel und Karl. Somit verbindet Raimund mit der Besserung und der Geistererlösung
zwei traditionelle Motive des Wiener Volkstheaters. Die Musik des Zaubermärchens
schreibt Josph Drechsler, die Melodien von dem Aschenlied und Brüderlein
fein stammen aber von Raimund. In der Uraufführung am 10.11.1826 spielt
Raimund selbst den Fortunatus Wurzel.