Moisasurs Zauberfluch
Zauberspiel in zwei Aufzügen
Inhalt
Alzinde, die Königin des Diamantenreiches, läßt aus Freude über den
Sieg ihres Gemahls und dessen Truppen den Tempel des Dämons Moisasur
zerstören und an seiner Stelle einen Tempel für die Tugend errichten.
Erzürnt darüber verflucht Moisasur das Reich, verwandelt die Königin
in eine alte Frau und verbannt sie in ein fernes Land. Der Fluch soll
erst aufgehoben werden, wenn sie im Arm des Todes Freudentränen weint.
Alzinde findet Unterschlupf bei einer armen Steinbrecherfamilie. Als
deren böser Nachbar, der reiche Bauer Gluthahn, bemerkt, daß die Königin
Diamanten weint, entführt er sie kurzerhand. Inzwischen läßt Genius,
der Geist der Tugend, Alzindes Gemahl Huangho schwören, für die Erlösung
seiner Gattin jedes Opfer zu bringen, weil nur so eine Rettung möglich
sei. Gluthahn versucht, Alzinde ihrer diamantenen Tränen wegen an den
Juwelierhändler Rossi zu verkaufen. Diesem ist die Sache nicht geheuer.
Er läßt beide vor Gericht bringen. Da Mirzel und Hans, die Steinbrecher,
gegen Gluthahn aussagen, wird dieser ins Gefängnis geworfen. Alzinde
wird der Hexerei beschuldigt und soll bis zu ihrer Verbannung im Kerker
bleiben. Der Geist der Vergänglichkeit erscheint Alzinde und will sie
zum Sterben verführen. Im letzten Moment können der Genius der Tugend
und Huangho sie davon abhalten. Huangho bietet dem Tod für Alzindes
Leben seine Jugend und Kraft an. Er will lieber alt und gebrechlich
sein, als seine Frau für immer zu verlieren. Als Alzinde das vernimmt,
vergießt sie Freudentränen. Diese heben den Fluch Moisasurs auf, Alzinde
hat wieder ihre frühere Gestalt wieder, und auch das Reich hat seine
einstige Pracht wiedererlangt.
Thematik und Entstehung
Bevor Raimund Die gefesselte Phantasie auf die Bühne zu bringen wagt,
hat er schon sein nächstes, Moisasurs Zauberfluch, fertiggestellt, das
am 25.September 1827 im Theater an der Wien zur Vorführung kommt. Erst
drei Jahre nach der ersten Aufführung übernimmt Raimund die Rolle des
Gluthahn in seinem Stück; mit diesem Zögern will er seinem ernsten Spiel
den Vorstoß in die Welt eines tragischen Weltanschauungsdramas erleichtern.
Denn von seiner Rolle hätte das Publikum jene Komik erwartet, die Ernst
und Sinn seines Dramas gefährdet hätte. Der Titel ist etwas mißverständlich,
erwartet man doch eines der vielen parodistischen Zauberspiele des Wiener
Volkstheaters, die fast alle das Wort Zauber im Titel tragen. Hier soll
aber das Zauberwesen nicht mehr bloß ein unbeschwertes, komisches Spiel
sein. Im Konzept gibt Raimund den genaueren Untertitel Ernst-komisches
Original-Zauberspiel an. Wieder erfindet er die Fabel selbst, in Gedanken
an eine Verbindung der Liebenden über den Tod hinaus, in der antike
und märchenhafte Motive verbunden sind. Raimund hat beide Motive, Liebesopfer
und Erlösung aus dem Totenreich, in sein Stück aufgenommen.
Interpretation
Die Handlung des Stücks spielt in Indien, das gleichsam die mythische
Ebene des Widerstreite zweischen Gut und Böse darstellt. Der Name Moisasur
läßt sich aus der indischen Mythologie ableiten und bedeutet böser Dämon.
In seiner Figur wird die Natur als dämonische Macht dem Gut-Böse-System
eingegliedert und mit Elementen des christlichen Glaubens (vgl Teufel)
verbunden. Sonne und Licht erscheinen demgegenüber als Mächte des Guten.
Dem bösen Geist Moisasur auf der mythischen Ebene entspricht auf der
irdischen als menschliche Komplementärgestalt der Bauer Gluthahn. Dieser
setzt das Werk des Bösen fort. Als Spiegelfigur wird er aber nicht einem
Besserungsprozeß unterzogen, sondern behält seine Rolle bis zum Schluß.
Alzindes Tugend muß sich erst im Kampf mit dem Bösen bewähren, so wie
in der Gefesselten Phantasie die wahre Kunst erst in der Prüfung durch
das Leben sichtbar werden soll. Der Mensch steht mitten im Kampf zwischen
Gut und Böse, wie Raimund im "Wolkentheater" durch den Genius der Jugend
verkünden läßt:
Nur ein Kampfplatz ist die Welt, und das Böse hingestellt,
daß es mit dem Guten streite, und der Hölle wird zur Beute.
Beide treten in die Schranken dieser unruhvollen Welt.
Tugend darf im Kampfe wanken, eigne Schuld ists, wenn sie fällt.
Jedem ward die Kraft hiernieden, der Verführung Trotz zu bieten,
nur der Schwache sinkt im Krieg, doch den Starken krönt der Sieg.
So ist es bestimmt auf Erden, Tugend muß geprüft dort werden.
Diese Stelle enthält Raimunds Weltanschauung; Moisasurs Zauberfluch
und alle anderen Stücke demonstrieren den Sieg des Guten in allen Lebensbereichen.
Dieser Sieg steht nie in Zweifel, aber er muß stets neu erkämpft werden.
Die Allegorien und Geister sind im bildhaften Stil des Barocktheaters
gestaltet; die menschlichen Figuren tragen zum Teil rührende Züge. Im
Kontrast dazu steht die Gluthahn-Handlung, in der man realistische Wirklichkeitsschilderung
und den Keim zur Darstellung der Sozialproblematik sehen kann. Raimund
hat hier den Weg zum weltanschaulichen und sozialproblematischen Bauerndrama
eingeschlagen.