Die gefesselte Phantasie
Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen
Der Inhalt
Königin Hermione lebt mit ihren Untertanen friedlich auf der Halbinsel
Flora - bis die bösen Zauberschwestern Vipria und Arrogantia auftauchen.
Hermione kann diese nur vertreiben, wenn sie einen würdigen Partner
ehelicht; sie liebt aber den Hirten Amphio. Als Hermione versucht, den
Konflikt in einem Gespräch zu lösen, erzürnt sie die Schwestern. Vipria
verwandelt Hermiones blühenden Garten solange in eine Sumpflandschaft,
bis die Königin sich verzweifelt bittend zu ihren Füßen wirft. An die
wundervollen Gedichte Amphios denkend, verkündet Herminone, sich mit
demjenigen vermählen zu wollen, der ihr das schönste Gedicht schreiben
würde.
Um eine Liebesheirat zu verhindern, fangen die Zauberschwestern die
Phantasie, kidnappen den häßlichen Harfinisten Nachtigall und überreden
ihn zur Teilnahme am Wettbewerb. Doch die Phantasie wird durch Jupiter
befreit und kann Amphio zum Siege verhelfen. Dieser gibt sich als Sohn
des Königs von Athunt zu erkennen. Als die Zauberschwestern die glücklich
Verliebten verfluchen möchten, erscheint Apollo und verbannt Vipria
und Arrogantia in die Unterwelt. Nachtigall wird ob seines Witzes zum
zweiten Hofnarren ernannt, und die Insel Flora wieder in einen blühenden
Blumengarten verwandelt.
Die Interpretation
Die gefesselte Phantasie ist die dichterische Rechtfertigung Raimunds.
Raimund erscheint unter der Doppelperspektive von Amphio und Nachtigall,
von ehrgeizigem Dichtertum und gelungener Volkskomik. Die Idee dazu
kam ihm, als seine Neider ihn nicht als Verfasser seines Erfolges Der
Bauer als Millionär anerkennen wollten. Auch spielt Raimunds Versuch,
sich vom Lokalen zu lösen und den Weg zum seriösen Drama einzuschlagen
eine Rolle (vgl Die Phantasie muß frei in blauer Luft sich schwingen,
nie wird sie dir in Fesseln dienen). Er versucht, die Kommunikation
zwischen Theater und Publikum zu ändern.
Raimunds Zerrissenheit, einerseits das Publikum mit seinem Wunsch,
befreiend zu lachen, zufriedenzustellen, andererseits aber sein Streben
nach Höherem darzustellen, zeigt sich in diesem Stück besonders deutlich.
Durch die Wandlung des komischen Helden und die Betonung der "ernsten"
Handlung wird vielmehr das Gefühl des Zuschauers angesprochen. Somit
erwartete ein großer Teil des Publikums und der Kritik etwas anderes
und ist enttäuscht, weil von ihm nicht verstehendes, befreiendes Lachen,
sondern mitfühlende Einsicht verlangt wird. Die Insel Flora steht zweifellos
für Wien. Mit der Figur des Distichons und der Beschreibung der anderen
Dichter auf Flora macht sich Raimund über die Arroganz seiner Dichterkollegen
und den literarischen Zirkel lustig. Insofern kann man Auftritt von
Vipria und Arrogantia wörtlich nehmen. Die Zauberschwestern erleichtern
die Übergänge zwischen den ernsten Partien, besonders durch die erkennbare
Verwienerung Viprias.
Das Stück zeichnet sich durch eine einfache Handlung aus, die sich
an die Einheit der Zeit hält und in der Allegorisches und Menschliches,
Liebeshandlung und Sieg der Poesie sich wechselseitig durchringen. Es
zeigt auch die Schwierigkeiten und Abhängigkeiten des Schreibens, ist
insofern also auch ein Künstlerdrama (vgl Nachtigall: Gelehrsamkeit
allein verfasset kein Gedicht). Sogar die Phantasie verneigt sich vor
dem Beifall des Publikums. Der Zwiespalt zwischen hoher und niederer
Kunst wird deutlich, wenn man Amphios Preisgedicht mit den Liedern Nachtigalls
vergleicht. Raimund hat eine Lösung der Doppelexistenz von Amphio und
Nachtigall versucht: Den Sieg der Komik trägt Nachtigall davon, Amphio
den Sieg der Poesie. Dem Publikum bleibt die Wahl der Gewichtung. Das
Schlußwort der Phantasie, fast entschuldigend ans Publikum gerichtet,
verdeutlicht die Fesseln des Volkstheaters, die Raimund spürt: Wenn
sie auch Kleines nur gebar, so denkt, daß sie gefesselt war.