Raimunds Weg zum Theater ist steinig: Anfangs hat er wegen seines R-Fehlers
und seiner Stimme große Schwierigkeiten, ein Engagement zu bekommen.
Doch mit ungeheurem Fleiß und Ehrgeiz kann er seine Verwandlungsfähigkeit
nahezu vervollkommnen. Er schöpft die Lebensechtheit seiner Figuren
rein aus Beobachtung.
Raimund, dessen eigentliche Welt das Theater ist, bemüht sich um innere
Wahrheit der Darstellung; er vermeidet jede Übertreibung und will keine
Typen, sondern Charaktere darstellen. Zunächst kopiert er freilich "fertige"
Rollen in allen Fächern des Repertoires, auch sein großes Vorbild Ferdinand
Ochsenheimer, aber hauptsächlich Intriganten des Schauspiels, ab 1817
mehr und mehr komische Wiener Typen. Die Theaterkritik lobt sein Talent,
vor allem, wenn er nicht kopiere, sondern aus sich selber spiele und
begrüßt seinen Wechsel in das "lokalkomische Fach", was Raimund zuerst
bedauert.
Interessant ist, daß häufig seine Adressen an das Publikum, sein publikumsgerichtetes
Spiel getadelt werden. Zur selbständigen Darstellungen, eigenen Rollen
findet Raimund erst dort, wo Vorbilder fehlen; etwa ab 1816 lösen Ruhe
und Besonnenheit das Forcierte seines Spiels ab. Von 1817 bis 1823 werden
Rollen fast ausschließlich für ihn geschrieben. Meisl und Gleich produzieren
leichtgefügte Stücke, in denen Raimund drei bis fünf Rollen ausfüllte.
Vor allem mischt sich nun ein traurig-tragischer Ton in sein Spiel,
der die bloßen Typen- und Lokalkomik relativiert und die Darstellung
des Menschlichen, Charakterlichen ermöglicht. Raimund geht auf dem von
seinem Vorbild Ignaz Schuster eingeschlagenen Weg der "neuen Komik"
weiter, die wesentlich durch Charaktergebundenheit, verinnerlichte Aussage
und realen Wirklichkeitsbezug bestimmt ist.