Der Verschwender
Original-Zaubermärchen in drei Aufzügen
Inhalt
Die Fee Cheristane hat den Auftrag mit den Perlen ihrer Krone auf der
Erde Gutes zu tun. Doch sie verliebt sich in den jungen Julius Flottwell
und verschwendet fast alle Perlen nur für seine Familie, die daraufhin
unermeßlich reich wird. In der Gestalt eines Bauernmädchens zeigt sie
sich Flottwell, der sich ebenfalls in sie verliebt. Als Cheristane in
ihr Reich zurückkehren muß, beauftragt sie den Geist Azur, Flottwell
zu beschützen. Sie zeigt sich Julius noch in ihrer wahren Gestalt, bittet
ihn um ein Jahr seines Lebens, was er ihr zugesteht, und verschwindet
für immer. Drei Jahre später will Flottwell Amalie, die Tochter des
Präsidenten von Klugheim heiraten. Deren Vater möchte sie aber lieber
mit Baron Flitterstein vermählen, weil dieser nicht so verschwenderisch
ist. Julius verwundet den Baron beim Duell und flieht mit Amalie nach
England. Der Kammerdiener Wolf weigert sich, mitzukommen, weil er so
die Situation ausnutzen und Flottwell um sein Geld betrügen kann.
Nach zwanzig Jahren kehrt der einstige Verschwender nach Hause zurück.
Er ist völlig mittellos, hat Frau und Kind verloren. Sein treuer Diener
Valentin nimmt ihn freudig bei sich zu Hause auf. Als Flottwell seinen
früheren Besitz besucht, erfährt er, daß der jetztige Herr Valentin
kein Glück durch den plötzlichen Reichtum gefunden hat - er ist alt
und krank. Als Flottwell, der in seinem Leben nun keinen Sinn mehr sieht,
Hand an sich legen will, erscheint Azur. Dieser war als Bettler verkleidet
von Julius immer reich beschenkt worden und ist nun in der Lage, Flottwell
einen Teil seines damaligen Vermögens zurückzugeben. Flottwell beschließt,
den guten Valentin aufgrund seiner Treue samt seiner Familie aufzunehmen.
Zu guter Letzt erscheint noch Cheristane und verspricht Flottwell ein
Wiedersehen in dem grenzenlosen Reich der Liebe.
Interpretation
Raimunds letztes dramatisches Werk entsteht vier Jahre nach der Unheilbringenden
Zauberkrone. Es führt dessen Stil nicht weiter, obwohl es noch in der
alten Zauberspieltradition verfaßt wurde. Aber es finden sich bereits
neue dramatische Formen darin, wozu Raimund wohl durch Nestroys Lumpacivagabundus
inspiriert worden ist. Raimund wird durch die Komödientradition des
Verschwender-Motivs einerseits und die soziale Realität des Vormärzes
andererseits angeregt. Das zweischichtige Thema, daß Verschwendung als
Laster bestraft, als Freigibigkeit jedoch belohnt wird, bildet die Grundüberlegung.
Wie in seinen früheren Stücken kann man durch die Demonstration des
Sieges des Guten über das Böse Raimunds weltanschauliche Grundposition
erkennen, die zur Entfaltung des Zufriedenheits-Ideals und zur Harmonisierung
der Gegensätze in einer an sich guten Welt gelangt. Dem entspricht das
Prinzip der Stilmischung von Ernst und Komik, Wort und Bild, Vers und
Prosa, Hochsprache und Dialekt, Zauber und Realität. Hinter der biedermaierlich-harmonisierenden
Märchenwelt wird die soziale Realität sichtbar.
Die komischen Volksfiguren kommentieren insbesondere in den Liedern
diese Realität und stellen eine Verbindung mit dem Publikum her, wie
man besonders im "Herzstück" des Geschehens - dem Hobellied - erkennen
kann. Die Überzeugung, daß ein Grundübel der menschlichen Natur die
Undankbarkeit ist, hat sich in den Gedanken Raimunds festgesetzt. Hier
nimmt auch sein Wunschbild eines wirklich dankbaren Menschen in der
Figur des Valentins allmählich Gestalt an. Stärker als in seinen früheren
Stücken drängt Raimund die Geisterwelt zurück. In Cheristane, die nur
mehr in wenigen Szenen erscheint, verbinden sich irdische und idealistische
Liebe. Sie stellt - vor dem autobiographischen Hintergrund der Liebe
Raimunds zu Antonia Wagner - das Problem von Freiheit und Liebe dar.
Valentins Treue korrespondiert auf der irdischen und lokalen Ebene
der Liebe, Cheristanes auf der idealen und universalen Ebene. Das Glück
in der Zufriedenheit der kleinbürgerlichen Welt repräsentieren das Dienerpaar
Valentin und Rosa. Ihre Liebe, die sich in einer mit fünf Kindern gesegneten
Ehe fortsetzt, ist das Gegenteil zu Flottwells Schicksal. Als bürgerliche
Idylle ist sie kritisches Korrektiv zur Welt der vermessenen Gesellschaft.
Auch dieses Stück endet im großen szenischen Sinnbild vom Glück in einer
geordneten Welt mit utopischen Ausblicken in ein höheres Reich der Liebe
und Freiheit.