Einflüsse
Die Lebensdaten Raimunds markieren einen bedeutenden Zeitraum politischer
und geistiger Entwicklung Österreichs. Man versucht einen Ausgleich
zwischen der höfisch-feudalen Barockkultur und dem Geist der Aufklärung,
der durch den Josephinismus bald bis zum einfachen Volk vordringt. Statt
dessen bildet sich aber ein konfliktreiches Nebeneinander, das an der
Tradition des Katholizismus festhält. Der Josephinismus schlägt eine
soziale Richtung ein, indem er die Glückseligkeit des Menschen als oberstes
Ziel des Staates hinstellt. Das Volksstück jener Zeit und seine bevorzugte
Darstellung des Gegensatzes arm-reich kann als Spiegel der Entwicklung
gelten. Die josephinischen Reformen bringen neue Gesetze, so auch eine
Lockerung der 1770 eingeführten Zensur. Mit Beginn der Metternich-Ära
wurden die fortschrittlichen Reformen wieder rückgängig gemacht und
die Zensur verschärft. Die Kontinentalsperre 1806-1814 beschwor eine
Finanzkrise herauf, Teuerungen und Arbeitslosigkeit waren die Folge.
Es bildete sich eine Finanzaristokratie, die im krassen Gegensatz zu
Kleinbürgertum und Proletariat stand.
All diese Einflüsse sind im Wiener Volkstheater spürbar. Ökonomische,
soziale und ästhetische Gründe bestimmen gleichermaßen Spielplan und
Dramaturgie. Raimunds Versuch, ein neues, alle Schichten ansprechendes
Volkstheater zu schaffen, steht in engen Zusammenhang mit dieser Entwicklung.
Das Volkstheater entsteht aus dem Volk für das Volk, das Seßhaftwerden
der Wandertruppen entspricht dem Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnis
des Volkes. Mit den neu gegründeten Vorstadttheatern in der Leopoldstadt,
an der Wien und in der Josefstadt beginnt eine neue Phase in der Entfaltung
der Wiener Volkskomödie. Emanuel Schikaneder leitet 1791 mit der Zauberflöte
eine neue Zauberspiel-Renaissance ein, Johann Laroche erfindet den Kasperl,
Karl Friedrich Hensler bringt das romantisch-komische Volksmärchen .
Im Zauberspiel wird der Mensch durch Zauber und Geister gefügig gemacht,
damit er die Ordnung der Dinge erkennt, in die er sich einzuordnen hat.
Im "omantisch-komischen Volksmärchen laufen ernst-sentimentale Haupthandlung
und komische Nebenhandlung parallel.