Eine Art Boxenstopp in der
Familie
Zudem ist in vielen Familien
"der Ofen aus". Statt eines liebevoll gerichteten Essens
und ruhig-gelassener Eltern wartet auf das Kind beim Heimkommen
das Gefriermenü vor der Mikrowelle. Fehlende Nestwärme
hat viele Gesichter: Die kalte Küche ist die physikalische
Ausdrucksform für den psychischen Wärmeverlust des
modernen Kinderalltags. Beides, Ess- und Beziehungskultur, sind
auf das Mikrowellen-Muster reduziert - kurz, aber heftig! Der
Aufenthalt in der Familie reduziert sich - wie Heiko Ernst treffend
formuliert - zu einer Art Boxenstopp: "Kurze Verweildauer,
schnelle Befriedigung der Bedürfnisse, Essen, Kleiderwechsel,
Austausch von Informationen - und weiter geht das Rennen ..."
Die amerikanische Ideologie der "quality-time" vermittelt
die trügerische Hoffnung, Kontakte wären umso besser,
je kürzer und intensiver sie angelegt sind. Im Kontakt mit
dem Kind führt sie zu eilig-ungeduldigen Umgangsformen und
einem Gesprächsklima des punktuellen Abfragens. Langsames
Garen der Gesprächsthemen bräuchte Zeit und Muße,
wird aber im praktischen Familienalltag nur allzu oft verdrängt
von den im Hintergrund lodernden elektronischen Herdfeuern wie
TV und PC. Sie haben sich zu gigantischen Gesprächskillern
und zu gefräßigen Absorbern von Zeit, Beziehung und
Wärme in Familien entwickelt.
In ausgezehrten Lifestyle-Familien führt
der permanente Zeitdruck mehrfach belasteter Mütter und
anhaltend erziehungsabstinenter Väter zu einer neuen Subito-Mentalität.
Elterliche Eile begleitet jede kindliche Entwicklungsphase, beklagt
David Elkind: "Wenn sie noch die Kinderrassel in der Hand
haben, wird der Fuß schon auf die Karriereleiter gesetzt".
Speed ist angesagt, es gibt kein Spielen ohne Lernen. Unter Kindern
sieht Christiane Grefe seltener denn je muntere, neugierige,
unbeschwerte Paradiesvögel. Auf ihrer Suche nach dem Land
der Kindheit hat ihnen die Gesellschaft ureigene Erlebnisräume
in wachsendem Ausmaße verbaut, verplant, vermarktet. Immer
früher wird ihnen das "Ende der Spielzeit" (Buchtitel)
eingeläutet. Der Elternehrgeiz produziert hochgezüchtete
Turbokids, die durch vorschuliche Überstimulation am Burnout-Syndrom
leiden wie gestresste Manager.
Dazu kommt, dass der öffentliche
Raum zunehmend an Erwachsenenregeln gebunden ist. Die Herabsetzung
von Alters- und Verantwortlichkeitsgrenzen (Wahlalter, Strafmündigkeit,
Führerschein, sexuelles Schutzalter, Alkohol und Nikotin)
beschleunigen den Verlust von Schonräumen. Der Jugendschutz
etwa, einst gedacht als gesetzlicher Hilfsrahmen für Heranwachsende,
ist zur beliebig dehnbaren Gummiwand, zum lässigen Spiel
Pubertierender mit gesetzlichen Normen verkommen. Ob nächtlich
Ausgehzeiten, Rauchen, Alkohol - die Heranwachsenden kümmern
sich immer weniger darum und tun, was ihnen passt.
Es ertönt der Ruf nach
aktiver Erziehung
Vier von fünf Befragten
glauben, dass Kinder in den letzten zehn Jahren zu liberal erzogen
worden sind. Die Zeiten einer überzogen liberal-antiautoritären
Erziehung scheinen vorbei. - Zeit, sich von den Erziehungsideologien
und überhöhten Leitbildern der 68er-Pädagogik
zu verabschieden, auf deren Konto vieles an erzieherischer Überforderung
und Hilflosigkeit geht!
Höchste Zeit auch, sich
von einem pädagogischen Zeitgeist zu verabschieden, der
Eltern wie Lehrern jegliche Erziehungsmittel aus der Hand genommen
hat, ohne adäquate Handlungsalternativen anzubieten. In
zahlreichen Publikationen ertönt wieder der Ruf nach Erziehung,
nach aktiver Erziehung. Der Ruf geht an die Eltern: Mehr Präsenz,
mehr Zeit und Nähe füreinander! Aber auch dieses: Streitfähigkeit,
Mut zum Nein und zum bewussten Aufzeigen von Grenzen!
Erziehung ist wieder "in",
Eltern und Lehrer mit Ecken und Kanten sind wieder gefragt!
Der Autor Heinz Zangerle ist
Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.