Diskussionszirkel - Schule zur Selbsterziehung?

Wie notwendig wir einen Ort haben, der dazu bestimmt ist, uns selbst und damit unserer Entwicklung als Mensch zu widmen, zeigt u. a. ein Artikel von Heinz Zangerle. Dieser erschien in der Wochenendbeilage der Salzburger Nachrichten vom 9. Februar 2002:

Wer nicht erzieht, macht nichts falsch?

Eltern, Lehrer und Erzieher sind zunehmend überfordert. Mit Sicherheit wissen sie nur, was sie nicht wollen: Sie wollen nicht autoritär sein, sie wollen nicht so erziehen, wie sie von ihren Eltern erzogen worden sind. Denn im Sog des allgemeinen Zeitgeist-Liberalismus gilt Erziehen als "gestrig". Moderne Eltern machen auf kumpelhaft-cool. Die Konsequenz: Es wird nicht mehr erzogen!

Während Kinder früher durch eine einengend-autoritäre Erziehung in ihrer Entwicklung behindert wurden, so geht der Trend heute in die Gegenrichtung: Aufgrund von Erziehungsunsicherheit und -resignation lernen Kinder kaum noch Grenzen kennen. "Den jeweils anderen machen lassen, was er will, ist letztlich billiger und effektiver. Damit erspart man sich die Peinlichkeit - und scheinbare Vergeblichkeit des Besserwissens und autoritären Aufplusterns." - Treffend beschreibt der Soziologe U. Beck die "wohlmeinende Leere" in vielen Elternhäusern.

In einer Art Ausweichbewegung folgen Eltern permissiven Erziehungskonzepten. Werte - so die neuerdings vorherrschende Meinung - müssten nicht mehr explizit formuliert und anerzogen werden. Die Soziologen Goebel und Clermont sprechen von der "Tugend der Orientierungslosigkeit" (Buchtitel) und raten Eltern, in der Erziehungsarbeit die "Kontinuität von Unordnung" einfach auszuhalten, bis der Heranwachsende zum "Gesamtkunstwerk Ich" heranreift. Zunehmend wird der Nachwuchs ohne "moralische Landkarte" ins Wertevakuum der Freiheit entlassen, beklagt Roland Reichenbach von der Universität Fribourg.

Angesichts der tiefgreifenden Orientierungslosigkeit im Umgang mit dem Nachwuchs gilt eine neue pädagogische Zauberformel: "Erziehung = Beziehung!". Das Kind gilt als gleichberechtigter Partner, überkommene Rollen von Kind und Erwachsenem sind aufgelöst.

Unabhängig von Alter oder Entwicklungsstand werden die Grundmuster der sozialen Beziehungen zwischen Erwachsenen symmetrisch auf Kinder übertragen. In der Folge hat sich - unter Verzicht auf klare Regeln und Strukturen und unter Leugnung von Macht und elterlicher Verantwortlichkeit - bei zahlreichen Konflikten des Alltags ein nervend-unproduktives Herumverhandeln mit Kinder entwickelt: Medienkonsum, Ernährung, das tägliche Zähneputzen, Kleidungsfragen, Hausaufgaben, Ausgeh- und Schlafenszeiten, Rauchen ... alles ist Teil permanenter Verhandlungen geworden. Eltern haben jeglichen Mut zum berechtigten "Nein" verloren. Aus Angst vor Autorität lässt man dem Kind kaum jemals eine Chance zum Opponieren. In konsequenter Leugnung eines Überlegenheitsgefälles zwischen Erwachsenen und Kindern machen alle auf kumpelhaft-cool. Bloß weil viele Eltern glauben, mit ihrem jovial-egalisierenden Getue den allzeit toleranten Freund, aber niemals den konsequenten Begrenzer spielen zu müssen, werden Kinder quasi zu Waisen.

Die globalisierte Einheitsfamilie delegiert ihre Erziehungsaufgaben. Wie in einem modernen Wirtschaftsbetrieb werden jahrhundertelang selbst erbrachte Kernleistungen ausgelagert. Krabbelstube mit Tagesverpflegung, Kinderhort mit Lernhilfe, Grundschule mit Frühstück, Ganztagsschule mit Freizeitpädagogik, Ferienclub mit Animation sind die neuen Zulieferfirmen der Familie. Primäre Versorgungsleistungen wie die Ernährung übernimmt die Fast-Food-Industrie.

 

Ohne den Willen zur bewußten Veränderung werde ich mich in eine Richtung entwickeln, die weitgehend nicht von mir beeinflußt wird.

Erst durch die Bereitschaft, bewußt an sich zu arbeiten, sich in gewünschte Richtungen zu verändern, werden wir zu Suchenden nach jenen Mitteln und Wegen, die uns zu unseren jeweiligen Zielen bringen (sollen).

Eine immer wieder neu gestellte Frage dabei lautet: Was will ich in meinem Leben erreichen?

Die einen wollen reich an materiellen Gütern sein, beneidet werden und auf diese Weise Ansehen erhalten von Mitmenschen, die ihnen nachfolgen wollen.
Andere wiederum haben die Vielfalt des Lebens erkannt und möchten anderen davon berichten, oder helfen, wo Hilfe benötigt wird ...

 

Der Wolf in Menschenhaut

 

Hinhören,
also Zuhören mit Interesse,
hilft!

Es hilft selten sofort
in der gewünschten Art,
doch auf lange Sicht
durch weiteres Bemühen
und beschleunigt durch
ehrliches Feedback.

Wer gelernt hat mit all seinen Sinnen wahrzunehmen
erfühlt die Welt um sich
und fühlt sich eins mit ihr.

Wege dorthin gibt es zahlreiche:

Krankheiten
Tod von geliebten Menschen
Arbeitslosigkeit
Armut
Askese
...

Der Trend geht konsequent dahin, Kinder immer noch früher aus ihrem "Nest" herauszunehmen. Herrmann Giesecke sieht das Kind als Opfer vielfältiger, letztlich aber unverbindlicher Kompetenzen: "Es wird gleichsam ständig weitergereicht und niemand ist mehr verantwortlich". Dazu kommt, dass die Kinderseele - vor allem dann, wenn sie von Problemen bedrückt ist - zu einem lukrativen Markt geworden ist. Bei kleinsten Abweichungen von der Norm wird analysiert, interpretiert und therapeutisiert. Bei einem Anteil von bis zu 30 Prozent lern- und verhaltensschwieriger Kinder ist es verständlich, dass Eltern wie Lehrer den - vermeintlichen - Experten mit der einfachen Lösung herbeisehnen.


Doch nur wenige erkennen die Hinweisschilder an den Kreuzungen.

Andere wiederum haben erkannt
und verzichten bewußt.
Wie dies z. B. auch in vielen Religionen als ein möglicher Weg zur Erleuchtung angepriesen wird.

Kinder mit Lern- und Verhaltensproblemen werden vermehrt von einer Instanz zur nächsten weitergereicht: von der Pädagogik über die Psychologie zur Medizin und an die Psychiatrie. Aus dem quirligen Zappelphilipp ist das Kind mit Diagnoseetiketten wie "HKS", "ADS", "ADHD" geworden. Kindliche Verhaltensweisen, deren Bewältigung sich Eltern und Pädagogen früher zutrauten, werden zu behandlungsbedürftigen Erkrankungen gemacht. Im Zuge dieser Pathologisierung ist die kindliche Psyche auch zum Tummelplatz sogenannter alternativer Methoden geworden. Ein Drittel der Kinder mit Lernproblemen hat schon "Esoterikkarrieren" durch Mehrfachbehandlungen hinter sich.

Die Kinder sind dem Boom ungeschützt ausgeliefert. Blind werden ihnen Therapien übergestülpt. Was sie dabei "lernen", ist der Kopfweh-Aspirin-Reflex, der rasche Griff zur Pille als Vorstufe zur Psychopharmaka-Abhängigkeit. Und an die Stelle des zeitaufwendigen Gesprächs in der Familie, ruhiger Zuwendung und geduldiger Suche nach den Ursachen einer kindlichen Störung tritt der Glaube an irrationalen Hokuspokus.

Unsere Erziehung -

ein Klumpen am Bein selbstverwirklichender Eltern?

 

Sind wir uns selbst wenig wert,
so trifft dies gleichermaßen auch
auf den gesellschaftlichen Stellenwert
der Erziehungsarbeit in der Kernfamilie zu.

Ist die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten nicht auch ein Indiz für die Überforderung von Kindern u. a. durch den Mangel an fremdbestimmten Grenzen, Normen etc.?

Eine Art Boxenstopp in der Familie

Zudem ist in vielen Familien "der Ofen aus". Statt eines liebevoll gerichteten Essens und ruhig-gelassener Eltern wartet auf das Kind beim Heimkommen das Gefriermenü vor der Mikrowelle. Fehlende Nestwärme hat viele Gesichter: Die kalte Küche ist die physikalische Ausdrucksform für den psychischen Wärmeverlust des modernen Kinderalltags. Beides, Ess- und Beziehungskultur, sind auf das Mikrowellen-Muster reduziert - kurz, aber heftig! Der Aufenthalt in der Familie reduziert sich - wie Heiko Ernst treffend formuliert - zu einer Art Boxenstopp: "Kurze Verweildauer, schnelle Befriedigung der Bedürfnisse, Essen, Kleiderwechsel, Austausch von Informationen - und weiter geht das Rennen ..." Die amerikanische Ideologie der "quality-time" vermittelt die trügerische Hoffnung, Kontakte wären umso besser, je kürzer und intensiver sie angelegt sind. Im Kontakt mit dem Kind führt sie zu eilig-ungeduldigen Umgangsformen und einem Gesprächsklima des punktuellen Abfragens. Langsames Garen der Gesprächsthemen bräuchte Zeit und Muße, wird aber im praktischen Familienalltag nur allzu oft verdrängt von den im Hintergrund lodernden elektronischen Herdfeuern wie TV und PC. Sie haben sich zu gigantischen Gesprächskillern und zu gefräßigen Absorbern von Zeit, Beziehung und Wärme in Familien entwickelt.

In ausgezehrten Lifestyle-Familien führt der permanente Zeitdruck mehrfach belasteter Mütter und anhaltend erziehungsabstinenter Väter zu einer neuen Subito-Mentalität. Elterliche Eile begleitet jede kindliche Entwicklungsphase, beklagt David Elkind: "Wenn sie noch die Kinderrassel in der Hand haben, wird der Fuß schon auf die Karriereleiter gesetzt". Speed ist angesagt, es gibt kein Spielen ohne Lernen. Unter Kindern sieht Christiane Grefe seltener denn je muntere, neugierige, unbeschwerte Paradiesvögel. Auf ihrer Suche nach dem Land der Kindheit hat ihnen die Gesellschaft ureigene Erlebnisräume in wachsendem Ausmaße verbaut, verplant, vermarktet. Immer früher wird ihnen das "Ende der Spielzeit" (Buchtitel) eingeläutet. Der Elternehrgeiz produziert hochgezüchtete Turbokids, die durch vorschuliche Überstimulation am Burnout-Syndrom leiden wie gestresste Manager.

Dazu kommt, dass der öffentliche Raum zunehmend an Erwachsenenregeln gebunden ist. Die Herabsetzung von Alters- und Verantwortlichkeitsgrenzen (Wahlalter, Strafmündigkeit, Führerschein, sexuelles Schutzalter, Alkohol und Nikotin) beschleunigen den Verlust von Schonräumen. Der Jugendschutz etwa, einst gedacht als gesetzlicher Hilfsrahmen für Heranwachsende, ist zur beliebig dehnbaren Gummiwand, zum lässigen Spiel Pubertierender mit gesetzlichen Normen verkommen. Ob nächtlich Ausgehzeiten, Rauchen, Alkohol - die Heranwachsenden kümmern sich immer weniger darum und tun, was ihnen passt.

Es ertönt der Ruf nach aktiver Erziehung

Vier von fünf Befragten glauben, dass Kinder in den letzten zehn Jahren zu liberal erzogen worden sind. Die Zeiten einer überzogen liberal-antiautoritären Erziehung scheinen vorbei. - Zeit, sich von den Erziehungsideologien und überhöhten Leitbildern der 68er-Pädagogik zu verabschieden, auf deren Konto vieles an erzieherischer Überforderung und Hilflosigkeit geht!

Höchste Zeit auch, sich von einem pädagogischen Zeitgeist zu verabschieden, der Eltern wie Lehrern jegliche Erziehungsmittel aus der Hand genommen hat, ohne adäquate Handlungsalternativen anzubieten. In zahlreichen Publikationen ertönt wieder der Ruf nach Erziehung, nach aktiver Erziehung. Der Ruf geht an die Eltern: Mehr Präsenz, mehr Zeit und Nähe füreinander! Aber auch dieses: Streitfähigkeit, Mut zum Nein und zum bewussten Aufzeigen von Grenzen!

Erziehung ist wieder "in", Eltern und Lehrer mit Ecken und Kanten sind wieder gefragt!

Der Autor Heinz Zangerle ist Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.

 

 

Zeichen der Zeit:
die globalisierte Familie.

 

 

Geldmengenwachstum kontra natürliches Wachstum - vergleichen Sie selbst:

 

Es liegt an uns, ob wir uns weiterhin von der Welt des Materiellen anziehen lassen oder ob wir tagtäglich die Energie aufbringen, uns gegen diese Anziehungskraft erfolgreich zu wehren ohne jedoch das "Tier in uns" zu leugnen!

Wir tragen die Verantwortung dafür ganz allein.
Und um diese Aufgabe bewältigen zu können, bedarf es des korrigierenden und bestärkenden Einflusses von Gleichgesinnten.

Wahres Mitgefühl bedeutet nicht, den Täter in seiner Selbstgerechtigkeit zu bestärken; wahres Mitgefühl bedeutet vielmehr, zu erkennen, daß der Weg zu wahrer Menschlichkeit zurückgehen muß zu einer Konfrontation mit dem eigenen, vergangenen Leid. (S 15)

..., daß Menschenrechtsbewegungen allein nicht genügen. Es muß zunächst bei uns selbst ein Bewußtsein über unser eigenes Opfersein entstehen, das wir anschließend im gesellschaftlichen Kontext betrachten müssen. Ohne ein solches Bewußtsein erkennen wir nicht die Notwendigkeit, uns der alten Autoritätsstrukturen zu entledigen, und unterwerfen uns erneut einer Autorität, die nur einen anderen Namen trägt. (S 16)

zitiert aus: Arno Gruen, Der Verlust des Mitgefühls, Über die Politik der Gleichgültigkeit, München: dtv, 2001, 4. Aufl.