"Kultur
hat immer eine barbarische Seite"
interview. Klaus Theweleit wird im Rahmen des Symposions
"Barbaren - Kampfvokabel der Gegenwart" an der Grazer
Universität referieren. Mit dem Freiburger Soziologen sprach
Sven Gächter.
Günther Anders schrieb: "Kultur
ist Umweg. Das Prompte ist das Barbarische." Pflichten Sie
ihm bei?
Grundsätzlich ja, nur stellt sich
sofort die Frage: Was ist das Prompte? Kann es in der Kultur
nichts Promptes geben?
Die Spaßkultur vielleicht.
Ich weiß gar nicht, was das eigentlich
sein soll, diese so genannte Spaßkultur - außer einer
griffigen Zeitungsformel. Ich teile den Grundgedanken von Günther
Anders, aber ich würde ihn nicht so formulieren, weil es
den Unterschied zwischen Kultur und Barbarei - wenn es ihn je
gegeben haben sollte - gewiss nicht mehr gibt.
Wodurch ist er zum Verschwinden gebracht
worden?
Wenn man Kultur auf das rein Zivilisatorische
beschränkt, macht Anders´ Gedanke Sinn und wirkt relativ
einfach. Aber wenn man die historischen Grundlagen unserer Kultur
betrachtet - von Alphabet und Mathematik über Eisenguss
und Buchdruck bis zu Schiffs- und Flugzeugbau -, dann erkennt
man darin auch schon alle Gewaltformen angelegt, mit denen Menschen
seit jeher Macht ausgeübt haben. Diese Techniken sind Teil
unserer Kultur, mit ihrer ganzen Ambivalenz: Jede Kulturtechnik
ist zugleich eine Unterwerfungstechnik. Die Überlegenheit
der europäischen Renaissance, mit der sie sich die Welt
unterworfen hat, basierte bekanntlich mehr auf besonderen Kulturtechniken
als auf Waffen. Und deswegen kann man Kultur und Barbarei nicht
trennen: Kultur hat immer eine barbarische Seite.
Rein etymologisch ist "Barbar"
eine lautmalerische Wortschöpfung, mit der die Griechen
und Römer einen Menschenschlag bezeichneten, der sozusagen
über das tumbe Brabbeln nicht hinausgekommen war.
Das Konzept des Ausschlusses derer, die
nicht über gewisse Kulturtechniken verfügen, ist uralt.
Die Barbaren waren nicht einfach nur diejenigen, die in irgendeinem
verlassenen Hinterland hausten, sondern vor allem auch diejenigen,
die gewisse Dinge nicht beherrschten: das Alphabet, die Astronomie,
den Schiffsbau. Die Erfinder dieser Kulturtechniken waren sich
sehr bewusst, dass sie damit Instrumente der Überlegenheit
schufen.
Kultur dient also nicht zuletzt dazu,
technologisch avancierte Ausgrenzungsstrategien zu entwickeln?
Beziehungsweise Unterwerfungsstrategien.
Überlegene Kulturtechniken stehen am Anfang von jedem Kolonialismus.
Die kulturelle Rede der eigenen Überlegenheit diente seit
jeher dazu, militärische, ökonomische oder religiöse
Gewaltaktionen zu decken - ein perfektes Begründungsarsenal
für alle Sorten von Kolonialismen.
Das heißt, die Barbarei in der
eigenen Kultur tritt dann zu Tage, wenn es um die Unterwerfung
einer anderen Kultur geht?
Ja, und meistens geht es dabei um die Sprengung
von Mischkulturen, die immer auf den Abbau von Gewalt, die Koexistenz
verschiedener Ethnien und die Stärkung der Rolle der Frau
in der Gesellschaft ausgerichtet sind und deshalb zu Säkularisierung
und Demokratisierung tendieren. Und solche demokratisierten,
halbwegs offenen Gesellschaften kann man irgendwann von außen
nicht mehr so einfach umstürzen. Man muss in einen langwierigen
und schwierigen Dialogprozess eintreten. Deswegen ist die Politik
der USA im Besonderen, aber auch die des Westens insgesamt, darauf
angelegt, sich in strategisch wichtigen Gegenden möglichst
einen pflegeleichten Diktator zu halten, mit dem man Klartext
reden kann: Wir halten dich an der Macht und liefern dir Waffen,
dafür gibst du uns freien Zugang zu den Ölquellen.
Das ist viel einfacher, als mit emanzipierten, demokratischen
Gesellschaften in einen fairen Dialog zu treten. Diese Politik
betreibt der emanzipierte, demokratische Westen seit Ewigkeiten,
und wo es den nützlichen Diktator nicht gibt, erzeugt man
ihn sich zur Not selbst.
Sie spielen auf Saddam Hussein an.
Oder auf die Taliban. Die wurden in den
siebziger und achtziger Jahren von den USA gegen die Sowjets
in Afghanistan aufmunitioniert, bis sich die Situation in den
letzten Jahren wieder wendete. Der natürliche Lauf der Dinge
wäre gewesen, dass die Taliban, nachdem sie von den Amerikanern
unterstützt worden waren, diese im Gegenzug ins Land gelassen
hätten, um sie Öl-Pipelines bauen zu lassen. Das ist
nicht erfolgt, sei es aus weltanschaulich-fundamentalistischen,
sei es aus ökonomischen Motiven - weil andere Länder
- etwa Argentinien, wie ich höre - dafür mehr zu zahlen
bereit waren. Also mussten die Taliban als Barbaren stigmatisiert
werden.
Der amerikanische Linguist und Regierungskritiker
Noam Chomsky sagte nach den Anschlägen vom 11. September
2001, man müsse sich im Westen nun vor allem eine Frage
stellen: Warum hassen sie uns so?
Genau. Nämlich nicht, weil wir so
freiheitlich und demokratisch sind, sondern weil das Gegenteil
der Fall ist: Der Westen verhindert im Rest der Welt Freiheit
und Demokratie, indem er aus kurzfristigen ökonomischen
Motiven immer jene brutalen, unterdrückerischen, barbarischen
Regimes unterstützt, die ihm selbst nützen. Die Barbarei
des Westens besteht darin, dass es keine gedankliche Außenpolitik
zur Emanzipierung aller Weltteile gibt.
Im Zusammenhang mit dem Terror vom 11.
September wurde gern das Wort "barbarisch" verwendet.
Ein doch wohl etwas irreführender Sprachgebrauch, gemessen
am technologischen Know-how der al-Qa´ida.
Der Islam ist neben der christlichen die
zweite Weltreligion, die technologisch ähnlich versiert
und deshalb auch kriegerisch ähnlich erfolgreich war, das
heißt, der Islam verfügte wie das Christentum über
die "kulturellen" Mittel, um seine Missionen notfalls
mit militärischer Gewalt durchzusetzen. In beiden Hochkulturen
war der barbarische Aspekt von Anfang an präsent und bleibt
es im Grunde bis heute.
Im Begleittext zum Grazer Symposion
"Barbaren - Kampfvokabel der Gegenwart" schreibt Theo
Steiner: "Sind reale oder fiktive Barbaren einfach unverzichtbar
für die Konstituierung eines jeden ,zivilisierten' Gemeinwesens?"
Sie würden diese Frage wohl mit ja beantworten.
Für eine bestimmte Art von Gemeinwesen
gilt das sicher. Jedenfalls für jene Gemeinwesen, die ihre
so genannte Identität darauf begründen, dass sie andere
ausschließen - sie brauchen die Barbaren als Anti-Modell,
um sich ihrer selbst und ihres eigenen Gutseins zu versichern.
Das gilt übrigens auch für alle möglichen Gruppenzusammenhänge
in unserem westlichen Kulturkreis, von Wohngemeinschaften über
Arbeitsgruppen bis zu Rockbands: Das Prinzip des Ausschlusses
lauert immer am Rand.
Sobald ein Gruppenkonflikt zu groß
wird, neigt ein Teil der Gruppe dazu, zu spalten und auszuschließen.
Wenn ich so einen Prozess bemerke, ist für mich immer der
Moment gekommen, eine Gruppe zu verlassen.