War Jesus ein Kriegstreiber?
Vom Sachverstand jener, die den Islam
als Hassreligion kritisieren
Arne A. Ambros*
Die Muslime vereint der Glaube, dass der
Koran göttliche Offenbarung an den Propheten Mohammed ist.
Wer nicht Muslim ist, sieht im Koran die Aufzeichnung von Predigten
dieses Mohammed (ca. 570-632) an seine Zeitgenossen und lässt
die Frage nach dem letzten Ursprung ihrer Inspiration, als objektiver
Erörterung unzugänglich, auf sich beruhen. Faktum,
für Muslim und Nichtmuslim gleichermaßen, bleibt,
dass die Korantexte (die so genannten Suren) zunächst und
primär an die Umgebung Mohammeds adressiert waren und unter
sehr stark wechselnden Begleitumständen vorgetragen und
aufgenommen wurden. Gerade die späteren Suren (aus den Jahren
622-632) sind konkrete und spezielle Botschaften an die Muslime
zur Zeit der Formung ihres politisch, sozial, wirtschaftlich
und militärisch solidarischen Gemeinwesens und ihres erbitterten
und verlustreichen Kampfes gegen Mekka, die Vaterstadt Mohammeds,
aus welcher er, nach jahrelangen Anfeindungen und Nachstellungen,
im Jahre 622 nach Medina hatte auswandern müssen.
Das wechselnde Kriegsglück im langen
Kampf gegen Mekka, das erst 630 die Waffen strecken musste, aber
auch manch innere Zwistigkeiten im Lager der Muslime und mancher
Wechsel in der Haltung gegenüber Andersgläubigen haben
im Koran nun sehr deutliche Spuren hinter- lassen. So kommt es,
dass der Text nicht streng konsistent ist, sondern einige Aussagen
enthält, die ihrem Wortlaut nach zueinander im Widerspruch
stehen. Das hat nichts mit "Irrationalität" zu
tun, sondern ist schlicht Auswirkung veränderter Gegebenheiten
bei den Empfängern der Botschaft.
Die muslimische Gelehrsamkeit war sich
dieses Problems der Inkonsistenzen im Koran von früher Zeit
an durchaus bewusst. Sie hat daher Methoden entwickelt, die endgültigen
von den zeitbedingten und nicht mehr gültigen Stellen zu
unterscheiden.
Komplexes Gebäude
Während langer Jahrhunderte haben
muslimische Gelehrte die Interpretation des Korans vorangetrieben.
Nicht überall wurde Konsens erzielt, und die Deutungsarbeit
kann auch im Grunde nie abgeschlossen sein. Aber eine Behauptung,
es stehe "einem Kalifen, einem Mufti oder einem einfachen
Richter zu, eine Fatwa, einen Spruch zu erlassen, der die authentische
Bedeutung einer Sentenz aus dem Koran feststellt", ist vom
Boden der Tatsachen weit entfernt. Denn einen Kalifen als höchste
und aktiv eingreifende Lehrautorität gab es nur in der islamischen
Frühzeit (bis ins 9. Jahrhundert); ein Mufti ist ein obrigkeitlich
ernannter Gutachter, bestellt, um im Rahmen der Gesetze die Legalität
bestimmter allgemeiner Sachverhalte in einer so genannten Fatwa
zu beurteilen (und keinesfalls ein Koranausleger!); einem "einfachen
Richter" steht überhaupt nicht mehr zu, als in Einzelfällen
zu Klagen und Anklagen nach den Bestimmungen des gültigen
Rechts zu urteilen.
Der Islam hat gewiss den Koran als seinen
Grundtext. Er hat auf diesem jedoch in nahezu 14 Jahrhunderten
ein hochkomplexes Gebäude von Glaubensinhalten, Normen und
Institutionen geschaffen - und nur dieses, nicht aus dem Zusammenhang
gerissene einzelne Koranverse, darf zu einer Einschätzung
des Islam in der Gegenwart betrachtet werden.
Eine Stelle wie Sure 9, Vers 5 erweist
sich, in ihrem Zusammenhang, nicht als blutrünstiger Aufruf
zu "Hass und Mord" (als etwa dem Islam schlechthin
eigentümlich), sondern als eine Ermutigung der Muslime und
Abschreckung der Feinde in einem bestimmten historischen Kampf
auf Leben und Tod.
Man ist auch gut beraten, die Eingangsworte
dieses Verses nicht unter den Tisch zu kehren: "Wenn die
heiligen Monate vorüber sind". Dieses sind nicht etwa
heilige Monate des Islam, sondern Tabumonate des vorislamischen
Arabien; auch hier setzt sich der Islam also über allgemeine
Normen der Menschlichkeit keineswegs einfach hinweg.
Mohammed als Hassprediger und den Islam
als Terrorreligion hinzustellen und sich dabei auf ein paar Koranstellen
(ohne deren Bedeutung im Zusammenhang und deren Bewertung durch
den historischen Islam zu überprüfen) zu berufen zeigt
so viel Sachverständnis, als wolle man Jesus wegen Worten
wie "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern
das ,Schwert'" (Matthäus 10,34) oder "Wer sein
Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert,
wird es ,retten'" (Markus 8,35) als Möchtegernkriegsstifter
und Aufrufer zu Selbstmordattacken hinstellen und das Christentum
danach richten.
*Der Autor ist Professor für Islamwissenschaft
an der Universität Wien.
entnommen aus: Der Standard, 25. Sept. 2001, S 43