Welt ohne Krieg
Ewiger Friede ist Teil des Heilsversprechens
der meisten Religionen.
Doch passt diese Vision auch ins Diesseits? Die Chancen auf ihre
Verwirklichung stehen zur Zeit jedenfalls schlechter denn je.
Alexander Purger
Der Krieg, so sagte Herodot, sei der Vater
aller Dinge. In gewisser Weise könnte er sogar als der Vater
der Demokratie angesehen werden. Oder als deren Sohn. Denn Staatsform
und militärische Erfordernisse haben einander in der Geschichte
immer wieder wechselweise beeinflusst.
In der Antike ging die kostspielige Kriegsführung
mittels Reiterei oder Streitwagen stets Hand in hand mit einer
Adelsherrschaft. Als die Griechen ihre Taktik auf die Phalanx
umstellten - ein Schlachtordnung aus völlig gleichberechtigten
Soldaten ohne Offiziere -, war die Zeit der Demokratie angebrochen.
Ähnlich die Entwicklung in Europa: Ritter kommt von Reiter,
und bis ins 19. Jahrhundert schreckte man aus Angst vor den politischen
Folgen davor zurück, das Volk zu bewaffnen.
Kann Demokratie Krieg verhindern?
Erst ab der französischen Revolution
traten die Volksheere ihren zweifelhaften Siegeszug an. Kurz:
Wer im Staat mitbestimmen wollte, musste für ihn im Notfall
den Kopf hinhalten. In etlichen europäischen Ländern
erhielten die Frauen das Wahlrecht erst nach 1918 und ausdrücklich
als Belohnung für ihre Anstrengungen im Kriege.
Heute gilt eine demokratische Verfassung
als Garant für den Frieden. Nach Popper ist die Demokratie
sogar die einzige Staatsform, die imstande ist, Veränderungen
auf unblutigem Wege herbeizuführen. Canetti meinte hingegen,
dass die Demokratie die Spielregeln des Krieges übernommen
habe, indem beispielsweise das Abstimmen im Parlament dem Sammeln
der Gefolgsleute zur Schlacht entspreche. Die Wortwahl demokratischer
Politiker und Medien spricht für Canettis These, doch immerhin
töten Worte nur in den seltensten Fällen, womit wieder
Popper recht hätte. Wäre eine Welt ohne undemokratische
Staaten somit auch eine Welt ohne Krieg?
Tatsache ist, dass in westlichen Demokratien
die Wahlchancen eines Politikers drastisch sinken, wenn er für
den Tod eigener Staatsbürger - und seien es Berufssoldaten
- verantwortlich ist. Die USA haben sich bei ihren zahlreichen
Militär-Interventionen daher im Laufe der Zeit zunehmend
auf zwar immens teure, doch relativ risikolose Luft-Schläge
verlegt. Gleichzeitig wurden Sonder-Einheiten aufgestellt, um
Piloten, deren Maschinen über Feindesland abgeschossen werden,
retten zu können. Der Krieg gegen Serbien wurde auf diese
Weise von der westlichen Allianz nahezu verlustfrei, also demokratieverträglich
abgewickelt.
Womit freilich auf Dauer die kriegverhindernde
Wirkung der Demokratie verpufft. Solange der Krieg als ein zwar
animiertes, doch unblutiges Vidoespiel vermarktet wird und solange
im Morgengrauen auf heimatlichen Militärbasen keine Zinnsärge
ausgeladen werden, kann sich der Fernsehzuseher daheim wie im
Frieden wähnen. Deshalb wird er Krieg in dieser speziellen,
für ihn nicht spürbaren Form wieder vermehrt als Instrument
zur Krisenlösung akzeptieren - und mitunter sogar fordern.
Die UCK soll für amerikanische Fernsehsender
spezielle Videos über serbische Greueltaten produziert haben,
um über den amerikanischen Fernsehzuseher Druck auf die
US-Regierung auszuüben, damit diese in den Kosovo-Konflikt
eingreift. Was auch gelang.
Womit nicht gesagt sein soll, dass es diese
Greueltaten nicht gegeben hätte oder dass das Eingreifen
im Kosovo nicht berechtigt gewesen wäre. Aber hätten
die USA und Europa nicht schon viel früher in diesem Konflikt
intervenieren müssen, noch ehe zu seiner Lösung Waffengewalt
notwendig war? Oder anders gefragt: Sind TED-Umfragen die geeignete
Basis für weltpolitische Entscheidungen?
Der frühere US-Außenminister
Henry Kissinger hat in diesem Zusammenhang - bei weitem nicht
als erster - festgestellt, dass Demokratie zwangsläufig
an die Gegenwart gebunden sei, während der Gegenstand von
Politik eigentlich die Zukunft sein müsste. Oder einfacher
gesagt: Die Politiker sind meist zu spät dran, weil Unterstützung
für vorausschauendes Handeln schwer zu bekommen ist.
Maß halten als politisches Gebot
In Österreich zeigt sich dies etwa
bei den ständig wiederkehrenden Debatten über die Notwendigkeit
von Pensionsreformen, Hinweise auf die Problematik gibt es aber
schon aus grauer Vorzeit. Dem Gilgamesch-Epos ist zu entnehmen,
dass etwa um 2500 vor Christus die Bewohner von Uruk nur unter
Androhung drakonischer Strafen dazu bereit waren, in Friedenszeiten
eine Stadtmauer zum eigenen Schutz zu errichten.
Kissinger singt deshalb in seinem Buch
über Großmachtpolitik ein Loblied auf den österreichischen
Außenminister Metternich und seinen englischen Kollegen
Castlereagh, denen es, indem sie den "Zeitgeist" missachteten,
beim Wiener Kongress gelang, der Welt eine der längsten
Friedensperioden der Geschichte zu bescheren: Nach 1815 herrschte
in Europa rund 40 Jahre lang Friede, der nächste Weltkrieg
wurde gar um fast 100 Jahre hinausgezögert.
Kissinger führt dies darauf zurück,
dass sich die Siegermächte damals nicht von Rachegefühlen
leiten ließen, sondern von der Sorge ums politische Gleichgewicht.
Obwohl das revolutionäre Frankreich und Napoleon den Kontinent
ein Vierteljahrhundert lang mit Krieg überzogen hatten (Napoleon
war nach heutigen Maßstäben eindeutig ein Kriegsverbrecher),
wurde Frankreich durch die Friedensverträge nicht vernichtet,
sondern als Partner anerkannt.
Die öffentliche Meinung forderte damals
die Demütigung und Schwächung Frankreichs, um Rache
zu nehmen und - so würde man heute sagen - Sicherheit vor
diesem "Schurkenstaat" zu erlangen. Die politische
Führung erkannte hingegen, dass ein vernichtender Friede
bereits den Keim für den nächsten Krieg legt - ein
Einschätzung, die 100 Jahre später durch die Friedensverträge
von 1919 leider bestätigt wurde.
Kissinger meint, dass ein Staat, der nach
absoluter Sicherheit strebt, das genaue Gegenteil davon erreicht,
da er damit automatisch andere Staaten in Unsicherheit stürzt
und die Lage destabilisiert. Nur die relative Unzufriedenheit
aller Beteiligten garantiere die Haltbarkeit einer Friedensordnung.
Friede hat also viel mit Maß halten
zu tun, was aber nicht mit Schwäche verwechselt werden darf.
Zu glauben, man brauche bloß das Militär abzuschaffen
und schlagartig würde der ewige Friede ausbrechen, ist gefährliche
Illusion. Staaten, die sich nicht selbst schützen können,
wurden in der Geschichte immer wieder überrannt und achtlos
zertreten. Dass Österreich dieses Schicksal in den vergangenen
50 Jahren erspart blieb, ist purer Zufall beziehungsweise dem
Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg zu verdanken.
Dieser Kalte Krieg hatte gewaltsam den
Deckel auf vielen, vielen Kochtöpfen gehalten, in denen
der Druck derweil stieg und stieg. Seit dieser Deckel weg ist,
sind zahllose Krisen eskaliert. Die Hoffnung, dass nach 1989
eine Periode des Friedens anbricht, wurde aufs Bitterste enttäuscht.
Von der Vision einer Welt ohne Krieg sind wir heute weiter entfernt
denn je. Die Frage, wer Schuld daran trägt, ist unbeantwortbar.
Man fragt ja auch nicht, wer Schuld an der Volkerwanderung war.
"Der Friede ist nicht von dieser
Welt"
Tatsache ist, dass weltumspannende politische
Systeme wie das römische Weltreich mit Getöse und jahrhundertelangen
Nachbeben einbrechen, wenn sie eines Tages einbrechen müssen.
Ein solches weltumspannendes System war auch die bipolare Welt
nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Ende der UdSSR bedeutete auch
das Ende des Systems, nun leben wir in der Zeit der Nachbeben.
Diese Entwicklung scheint unvermeidlich, man kann nur versuchen,
ihre Begleiterscheinungen zu mildern. Dazu bedarf es - wie mit
den genannten Beispielen zu zeigen versucht wurde - einer Politik,
die in die Zukunft schaut, die sich auf Stärke stützen
kann, die aber auch imstande ist, Maß zu halten und auf
"absolute" Lösungen zu verzichten.
Ob und wann sich damit der Wunschtraum
einer Welt ohne Krieg verwirklichen lässt, bleibt offen.
Wobei man sich die Frage stellen muss, ob der Mensch ewigen Frieden
überhaupt ertragen könnte. Für Kant stand fest:
"Der Friede ist nicht von dieser Welt, der Krieg ist der
Naturzustand der Völker."
entnommen aus: Salzburger Nachrichten, 22. Sept. 2001, Wochenende
Spezial, Seite I